SPECIAL zu Ulrich Ritzel

Der Deutsche Krimi Preis 2010 geht an "Beifang" von Ulrich Ritzel. Der Preis wird bereits zum 26. Mal verliehen. Mit der undotierten Ehrung werden Autoren gewürdigt, die literarisch gekonnt und inhaltlich originell dem Genre neue Impulse geben.
Der btb-Verlag gratuliert seinem Autor zu diesem großen Erfolg!


Nichts ist wie es scheint

Buchvorstellung von Dr. Hendrik Müller-Reineke

Am Anfang steht ein Verbrechen. Nein, kein Mordfall, sondern ein menschenverachtender Vorfall in einer dunklen Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt. Und ein einzelner Mensch, der Hilfe leistet, dessen Menschlichkeit lässt, dass es auch in der Verzweiflung immer noch Hoffnung gibt. Doch jede Hilfsbereitschaft hat ihre Grenzen…

Und die Schatten der Vergangenheit sind lang. Auch wenn frühere Geschehnisse lange Zeit im Verborgenen schlummern, so können sie doch plötzlich und unerwartet wieder an die Oberfläche kommen und unsere Gegenwart mit brutaler und tödlicher Konsequenz beeinflussen. Diesen Mechanismus bekommt auch der ehemalige Kriminalkommissar Hans Berndorf in Ulrich Ritzels neuestem Roman „Beifang“ zu spüren.

Denn Kommissar Berndorf ist wieder da, wieder zurück in Ulm an seiner alten Wirkungsstätte. Dabei hatte er dem Schwabenland scheinbar endgültig den Rücken gekehrt, war zu seiner Geliebten Barbara nach Berlin gezogen und hatte seinen Kollegen Tamar Wegenast und Markus Kuttler das Feld überlassen. Die beiden spielen dann jeweils auch in Ritzels letzten beiden Werken „Uferwald“ aus dem Jahr 2005 und dem zwei Jahre später erschienenen „Forellenquintett“ die Hauptrolle; und nach vier Büchern, in denen die Figur des Hans Berndorf im Mittelpunkt gestanden hatte, ließ Ritzel seinen Protagonisten in beiden Büchern nur noch am Rande bzw. gar nicht mehr auftauchen. Doch ganz ohne Berndorf scheint es letztlich doch nicht zu gehen, und so taucht der knorrige und belesene Ermittler in „Beifang“ wieder selbst auf und stellt private Ermittlungen an.

Ein scheinbar eindeutiger Fall
Sein Auftraggeber ist Rechtsanwalt Eisholm, der den Bundeswehroffizier Ekkehard Morny in einem Prozess vor dem Ulmer Landgerichts wegen des Mordes an seiner Frau Fiona verteidigt. Die Indizien scheinen eindeutig: Der Täter hat das Opfer mit einem gezielten Handkantenschlag gegen den Kehlkopf getötet. Der Ehemann, der bei der Bundeswehr als Ausbilder Nahkampf-Spezialisten in derart tödlichen Techniken unterrichtet, scheint damit der wahrscheinlichste Täter zu sein. Auch ein Motiv hätte er gehabt: Die Obduktion hat gezeigt, dass Fiona Morny vor ihrem Tod Geschlechtsverkehr mit einem anderen Mann hatte. Alles deutet also auf einen Mord aus Eifersucht hin. Doch Rechtsanwalt Eisholm hegt Zweifel an diesem logischen Schluss, und so bittet er Ex-Kommissar Berndorf um Hilfe bei den Recherchen. Zudem beklagt der Anwalt das Verschwinden eines Beweisstückes: Fiona Morny trug zum Zeitpunkt ihrer Ermordung eine Goldkette mit einem Ring, der das Motiv des biblischen Sündenfalls zeigte. Auch bei der Suche nach diesem Schmuck soll Berndorf dem Anwalt behilflich sein. Und so macht sich der ehemalige Kommissar auf den Weg gen Süden. Doch kaum trifft er mit dem Zug in Ulm ein, muss er erfahren, dass sein Auftraggeber soeben ums Leben gekommen ist. Es bleibt schleierhaft, ob Eisholm umgebracht worden ist, oder aus freien Stücken vor den Güterzug gesprungen ist, der ihn auf dem Hauptbahnhof überrollte.


Eine plötzlich gänzlich andere Ausgangslage
Umso mehr sieht sich Hans Berndorf angesichts dieser Tragödie herausgefordert, seine Ermittlungen auf eigene Faust fortzusetzen, und stößt dabei schon bald auf ein Wespennest voll ungelöster Fragen und Unklarheiten. Tatkräftige Unterstützung erhält er bei seinen Recherchen von Dr. Elaine Drautz, der jungen Anwältin, die den toten Eisholm im laufenden Verfahren gegen Ekkehard Morny ersetzt. Beide gehen in ihren Ermittlungen bisweilen recht unkonventionell vor, doch letztlich ist ihr Vorgehen erfolgreich: Vor allem der Vorsitzende Richter Michael Veesendonk rückt mehr und mehr in das Visier der beiden. Warum haben er und Anwalt Eisholm in der Gerichtsverhandlung den Anschein erweckt, als kennten sie sich nicht, obwohl sie in Wahrheit seit Jahren gute Bekannte waren? Und welche Rolle spielt ein angesehener und aufstrebender Kommunalpolitiker, mit dem Fiona Morny ein Verhältnis gehabt haben soll? War er der Mann, mit dem sie kurz vor ihrem Tod geschlafen hat, und hat er aus Rücksicht auf seine politische Karriere die polizeilichen Ermittlungen sabotiert? Überhaupt erscheint das Berufs- und Privatleben der studierten Kunsthistorikerin Fiona Morny, deren Ehe mit dem Berufssoldaten wohl nicht allzu glücklich war, im Laufe der Zeit immer weniger solide als angenommen.

Mehr und mehr konzentrieren sich Berndorfs Ermittlungen aber auch auf das verschwundene Schmuckstück, das zu einem Schlüsselindiz wird und die Erzählstränge aus Gegenwart und Vergangenheit miteinander verknüpft. Und wie dem Fischer Meerestiere ins Netz geraten, die er eigentlich gar nicht fangen wollte, löst Hans Berndorf in „Beifang“ gleich mehrere offene Fragen. Nach und nach lichtet er das komplexe Dunkel und macht den Blick frei auf die Wahrheit, die zum Teil banaler ist als man es vermuten mag.


Berndorf is back
Mit „Beifang“ ist Ulrich Ritzel wieder einmal eine gelungene Mischung aus Provinzerzählung und spannender Kriminalgeschichte gelungen, die mühelos an die früheren Fälle des Hans Berndorf anknüpft. Wie im seinem ersten Fall„Der Schatten des Schwans“ (1999) verknüpft der Autor das Zeitalter des Nationalsozialismus geschickt mit der Gegenwart. Durch diesen Rückgriff auf die dunkelste Epoche der deutschen Geschichte bekommt das Buch eine tiefergehende Dimension. Und selbst in der Gegenwart geht es nur vermeintlich um einen einfachen Mord aus Eifersucht. Die wahren Ursachen liegen tiefer - und belegen die Scheinheiligkeit einer heilen, bürgerlichen Welt, unter deren moralisch sauberer Oberfläche sich die hässlichen Niederungen des menschlichen Daseins verbergen. Ritzels Sprache ist dabei stets klar und nüchtern, manchmal auch sehr drastisch, aber der Autor ist immer darauf bedacht, mit feinem Sarkasmus die Schattenseiten von Macht, Einfluss und Karriere aufzuzeigen.

Hans Berndorf löst bei seinem erfolgreichen Comeback nicht nur den aktuellen Fall, sondern verhilft gleich in mehrfacher Hinsicht der Gerechtigkeit zum Sieg. So kann man als Leser nur hoffen, dass Ulrich Ritzel ihn auch in Zukunft aus seinem Un-Ruhestand in Berlin an die Donau holt.
Dr. Hendrik Müller-Reineke
Cuxhaven, im August 2009