Sie glaubt nicht an das Schicksal. Doch dieser Mann ist für sie bestimmt ...

Als Justine (Journalistin beim »Alexandria Park Star«, Skeptikerin, Schütze) ihrer Jugendliebe Nick (Romeo-Darsteller im Theater, Idealist, Wassermann) wiederbegegnet, ist das vielleicht Schicksal. Auch dass er sich stets nach dem Horoskop der Zeitschrift richtet, für die Justine arbeitet, könnte Schicksal sein. Justine aber hat Nick immer geliebt und will sich auf keine höhere Macht verlassen. Heimlich nimmt sie Änderungen am Wassermann-Horoskop vor, um ihm ein Zeichen zu senden. Doch Nick missversteht ihre Hinweise völlig – und er ist nicht der Einzige, der sich von den Sternen leiten lässt …

Leseprobe

Nicholas Jordan wurde nicht etwa unter dem sternenklaren
Himmel von Edenvale geboren, sondern im Krankenhaus – in
einem unscheinbaren Backsteingebäude am Rand eines
Städtchens, in dem es vier Pubs gab, keine Bank, ein öffentliches Schwimmbad, sechs Wohltätigkeitsvereine und jeden Sommer
zutiefst verhasste Wasserrestriktionen. Das Krankenhaus war
umgeben von farbenprächtigen Blumenbeeten mit rosaroten
Bougainvilleen und durstigen Rasenrechtecken, und in dem
Moment, als Nick geboren wurde, strahlte der Himmel über dem heißen Blechdach im gleißenden Blau eines
Südhalbkugel-Februarnachmittags.
Und doch waren die Sterne da. Jenseits der wolkenlosen Hitze der Troposphäre, jenseits der Ozondecke der Stratosphäre, jenseits der Mesosphäre und der Thermosphäre, der Ionosphäre, der Exosphäre und der Magnetosphäre funkelten die Sterne. Millionen und Abermillionen, die wie Sprenkel die Dunkelheit durchsetzten und sich zu eben jener Konstellation zusammenfügten, die sich für alle Zeiten wie eine Landkarte in die Seele von Nicholas Jordan
einprägen sollte.
Joanna Jordan – Widder, Inhaberin des von ihr betriebenen
Friseursalons Der Goldene Schnitt in Edenvale, beängstigend
treffsichere Angreiferin der Edenvale­Stars-Korbballmannschaft und zweimalige Titelträgerin der Miss Eden Valley –
verschwendete in den Stunden nach der Geburt ihres Sohnes
keinen Gedanken an die Sterne. Glückselig entrückt und erschöpft lag sie im einzigen Kreißsaal des Krankenhauses, versunken in den Anblick von Nicks kleinem Gesichtchen, und versuchte Einflüsse weitaus irdischerer Natur auszumachen.
»Die Nase hat er von dir«, raunte sie ihrem Ehemann zu.
Und recht hatte sie. Das Baby trug die perfekte, winzig kleine
Kopie jener Nase im Gesicht, die ihr so lieb und vertraut war. Die von Mark Jordan – Stier, breitschultriger ehemaliger
Australian-Football-Verteidiger, jetzt Poloshirt-tragender
Finanzberater, Käsekuchenliebhaber und hoffnungsloser
Bewunderer langbeiniger Frauen.
»Und die Ohren von dir«, entgegnete Mark, dem es vorkam, als seien seine Hände unvermittelt zu grotesker Größe angewachsen, als er Nick ein paar federzarte Härchen auf dem
Neugeborenenköpfchen zurückstrich.
Und so betrachteten Joanna und Mark hingerissen ihren kleinen Sohn und versuchten die Form von Wangen, Stirn, Fingern und
Zehen zurückzuverfolgen. Aus den weit auseinanderstehenden
Augen ihres Babys, so fanden die frischgebackenen Eltern, blitzte Marks Bruder, und Joannas Mutter erkannten sie in den vollen, ausdrucksvollen Lippen wieder.
Nirgendwo jedoch fanden sie einen Hinweis auf Beta Aquarii, den gelben Überriesen, der gut 537 Lichtjahre von der Erde entfernt strahlte. Oder den etwas weniger offensichtlichen Einfluss des
Helixnebels oder diverser anderer Himmelskörper, die die
ausgedehnte Konstellation des Wassermanns ausmachen, in der die Sonne in der Geburtsstunde des Babys gestanden hatte.
Ein Astrologe, der sich die winzigen Nadelstiche des Schicksals
genauer angeschaut hätte, die im Geburtshoroskop des kleinen Nick angelegt waren, hätte womöglich schon am Tag seiner Geburt voraussagen können, dass dieses Kind einmal ein sehr
eigenwilliger Mensch werden würde, originell und schon fast ans Exzentrische grenzend, kreativ und fürsorglich und dabei so
ehrgeizig und wetteifernd, dass seine Geschwister lieber freiwillig Rosenkohl äßen, als mit ihm Monopoly zu spielen. Er würde
Kostümpartys lieben und jeden halb verhungerten Straßenköter und jede dahergelaufene verflohte herrenlose Streunerkatze mit nach Hause nehmen, die ihm über den Weg liefen.
Besagter Astrologe hätte dann womöglich mit einem
wohlwollenden Lächeln prophezeit, Nick werde von Mitte zwanzig an aus tiefstem Herzen an die Macht der Sterne glauben. Und er werde Gefallen daran finden, ein Wassermann zu sein – ein
Sternzeichen, das er ebenso mit innovativen, originellen Ideen
verband wie mit Sommer, Musikfestivals und ausgeflippten jungen Hippiemädchen, die nach Patschuli und Sex rochen.
Am Tag von Nicks Geburt war allerdings gerade kein Sterndeuter zur Hand, und die Einzige, die darnals eine astrologische
Vorhersage bezüglich des kleinen Nick wagte, war Joannas beste Freundin Mandy Carmichael.
Mandy – Zwilling, grübchenlächelnder Lieblingswetterfrosch des lokalen Fernsehsenders, strahlende Frischvermählte, fanatischer Abba-Fan – erschien gleich nach der Arbeit wie eine gute Fee im Krankenhaus. Das Gesicht mit fingerdickem Make-up noch völlig übergeschminkt balancierte sie auf ihren schwindelerregend
hohen Absätzen herein, einen gigantisch großen Teddybären und einen Strauß Tankstellen-Chrysanthemen jonglierend. Der Teddy saß bald gemütlich auf einem Stuhl, die Chrysanthemen steckten in einem Marmeladenglas, und Mandy stand barfuß am Bett und hielt den Erstgeborenen ihrer Freundin mit unermesslichem
Zartgefühl in den Armen.
»Ein kleiner Wassermann, was?«, zwitscherte sie, und ihr Blick wurde glasig. »Erwarte nur nicht, dass er so wird wie du und Mark, ja, JoJo? Wassermänner sind besonders. Nicht wahr, mein
Kleiner?«
»Tja, hoffentlich mag er Sport«, scherzte Jo. »Mark hat ihm nämlich schon einen Tennisschläger gekauft.«
»Und darum wird er sicher Künstler. Oder Tänzer. Stimmt's, mein Schatz?«
Mandy steckte den Finger in Nicks kleine Hand, deren winzige
Fingerchen sich darum schlossen wie ein Stern, und für einen
Moment war sie ungewohnt sprachlos. Dann hauchte sie
hingerissen: »Jo, er ist entzückend. Einfach entzückend.«
Als Mandy das Krankenhaus schließlich wieder verließ, dämmerte es bereits, und eine sanfte Brise wehte und brachte herrliche
Abkühlung mit sich. Gedankenversunken schlenderte Mandy – die hochhackigen Schuhe in der Hand – über das piksende Gras zum Parkplatz. Der westliche Abendhimmel war in ein rauchiges Blau getaucht, durchsetzt mit tief hängenden, rosaroten Wölkchen, während im Osten bereits die ersten übereifrigen Sterne die
hereinbrechende nachtschwarze Dunkelheit erhellten. Mandy schlüpfte hinter das Lenkrad ihres Wagens und saß eine ganze Weile reglos da. Nachdenklich betrachtete sie die Sterne, den
lieblichen Babyduft noch in der Nase.
Am Freitag danach drehte sich Drew Carmichael in Curlew Court – einer Sackgasse in einem Neubaugebiet von Edenvale, in dem sich endlose Betoneinfahrten und einstöckige Häuser mit bunten Blechdächern, Rasenmäher und Eukalyptus-Setzlingen in
Plastik-Pflanzschützern aneinanderreihten – erschöpft auf den
Rücken und ächzte: »Wow.«
Neben ihm, auf dem Trampolin der Nachbarn, lagen eine leere Flasche Baileys Irish Cream, zwei verschmierte Schnapsgläser und seine verschwitzte, grinsende, nur halb bekleidete Frau. Drew – Waage, Agrarberater, begeisterter Amateur-Flieger, Pink-Floyd-Kenner und gefürchteter Schlafzimmerspiegel-Luftgitarrist – war nach zweiwöchiger Geschäftsreise vor nicht einmal einer Stunde nach Hause gekommen. Und er fühlte sich, im besten Sinne des Wortes, benutzt. Leer gesaugt wie nach einem Vampirangriff. Ein Glück, dass die Nachbarn gerade Urlaub an der Gold Coast
machten.
»Mmmmmm«, rnachte Mandy und schaute lächelnd hinauf in den sternenbedeckten Himmel.
Drew stützte sich auf den Ellbogen und betrachtete seine Frau. Er sah den kleinen Schatten an der linken Wange von ihrem
Grübchen und roch den Übermut auf ihrer schweißfeuchten Haut.
»Was war das denn bitte?«, fragte er und legte eine Hand auf ihren weichen, blassen, entblößten Bauch.
»Hm?«
»Hey, Cowboy«, entgegnete sie und schlug seine Hand mit einem breiten Grinsen spielerisch fort. »Ich bin eine verheiratete Frau. Berühren verboten.«
Er kitzelte sie, und sie kicherte.
»Also, was hast du vor?«
»Was ich vorhabe?«, fragte sie. » Ich . . . ich will mir noch ein
bisschen die Sterne ansehen.«
Ein wenig angetrunken und restlos glücklich legte Drew den Kopf auf die verschränkten Arme und folgte ihrem Blick hinauf ins All.
In dieser Februarnacht zeugten die Carmichaels ein kleines
Mädchen, das in den frühen Morgenstunden eines
Novembertages im Sternzeichen Schütze geboren werden sollte. Klein und zierlich und perfekt würde sie das Licht der Welt
erblicken, auf dem Kopf eine flaumige Haube jener hellbraunen Haare, die sich später in Locken um ihr fein geschnittenes Gesicht ringeln sollten. Haselnussbraune Augen würde sie haben und ein spitzes Kinn, und ihre Lippen würden – wie bei ihrer Mutter –
geschwungen sein wie Amors Bogen. Die dunklen Augenbrauen würden – wie die ihres Vaters – schnurgerade und fast schon streng sein.
Ein Astrologe hätte womöglich vorherzusagen vermocht, dass
dieses Kind ein sehr geradliniger Mensch werden würde: verspielt, aber perfektionistisch. Sie würde Worte lieben, im zarten Alter von neun Jahren im Fernsehen bei einem Buchstabierwettbewerb
auftreten (und ihn gewinnen) und meist mit einem Stift hinterm Ohr herumlaufen. Ihr Nachttisch würde ächzen unter der
erdrückenden Last mehrerer Bücherstapel (gelesen, angelesen, ungelesen), und es war durchaus wahrscheinlich, gut versteckt
unter diesen Bücherstapeln auch einen Katalog von Howards
Storage World oder IKEA zu finden, denn Kleiderschrank-Pornos sollten für diese junge Dame zeitlebens zu ihren heimlichen
Lastern gehören. Sie würde über ein makelloses Gedächtnis
verfügen, wie ein auf Hochglanz polierter Edelstahl-Aktenschrank, und selbst ihre Textnachrichten würden tadellos formatiert und
interpunktiert sein.
Außerdem würde jener Astrologe womöglich auch mit einem
bedauernden Kopfschütteln konstatieren, dass dieses Kind sich später rein gar nicht um die Sterne scheren würde. Ganz im
Gegenteil, es sollte Horoskope als Bockmist allererster Güte
betrachten, nichts als verschwurbelte, verklausulierte Lügen.
»Justine«, murmelte Mandy, fast unhörbar.
»Was?«, fragte Drew.
»Justine«, sagte Mandy, diesmal etwas deutlicher.
»Gefällt dir das?«
»Wer ist Justine?«, fragte Drew verdattert.
Das wirst du schon noch sehen, dachte Mandy. Das wirst du schon noch sehen.

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Minnie Darke
© Karen Brown

Minnie Darke

Minnie Darke – Sternzeichen Zwillinge, Aszendent Jungfrau, skrupellose Scrabble-Meisterin, Strickprofi, Liebhaberin von Büchern, frisch angespitzten Stiften und Russischem Karawanentee – arbeitet am liebsten an ihrem Küchentisch oder im kleinen Schreibstudio in ihrem Garten in Tasmanien. Ihr Debüt »Unter einem guten Stern« erscheint in 22 Ländern.

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