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Verena Bentele im Interview zu »Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser«

Fragen an Verena Bentele

 

Verena Bentele
© Frank Bauer c/o VRH

Der Titel Ihres Buches „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“ spielt mit einem im Volksmund verbreiteten Sprichwort – und stellt es einfach auf den Kopf. Warum ist Vertrauen eine so wichtige Eigenschaft im Leben?
Nur wenn ich vertraue, kann ich meine Fähigkeiten nutzen und meine Grenzen verschieben. Vertrauen macht uns mutig, Vertrauen hilft uns ohne Vorbehalte einem anderen Menschen zu begegnen und Vertrauen ermöglicht uns das Überwinden von Grenzen.
Vertrauen heißt aber auch, dass ich mir selbst etwas zutraue und Verantwortung übernehme.


Sie sind von Geburt an blind und haben dadurch ein Handicap, korrekt übersetzt: eine Behinderung oder einen Nachteil. Wenn man sich Ihre Biographie und Ihre sportlichen Erfolge ansieht, gewinnt man allerdings keineswegs den Eindruck, dass Sie sich jemals in irgendeiner Weise haben beschränken lassen. Was verbinden Sie mit dem Wort „Handicap“?
Mein Handicap verbessern heißt für mich, dass ich Hindernisse kenne, dass ich sie überwinde und dass ich mir die richtige Unterstützung suche. Es gibt durchaus Dinge, die ich nicht so gut kann aufgrund meiner Blindheit, jedoch weiß ich auch, dass es für jeden Menschen Hindernisse gibt, egal ob blind oder sehend. Ich bin mit meinen Schwächen immer sehr offen, nur so kann ich mir Unterstützung holen und meine Ziele mit anderen gemeinsam erreichen.


Wann haben Sie das Vertrauen in andere und in sich selbst als die grundlegende Kraft entdeckt, die Sie durchs Leben trägt?
Mir haben meine Eltern viel Vertrauen geschenkt, sie haben mir Verantwortung gegeben, mich viele Dinge erleben lassen, so beispielsweise das Radfahren, und sie haben mich immer bestärkt. Diese Grundlage hat mir immer geholfen, auch in schwierigen Situationen wie beispielsweise, als ich ins Internat gekommen bin. Bewusst wurde mir die Wichtigkeit von Vertrauen allerdings erst nach meinem Unfall 2009, nach einem schweren Sturz beim Langlaufen war mein Vertrauen in meine Begleitläufer beim Sport weg. Dieses musste ich mir auf dem Weg nach Vancouver erst wieder aneignen, oder wie man im Sport sagt: Ich musste das Vertrauen im wahrsten Sinn des Wortes trainieren.


Ist Vertrauen Gefühlssache, fällt es einem in den Schoß – oder kann/muss man es sich erarbeiten und antrainieren?
Kinder brauchen unbedingt das Vertrauen ihrer Eltern. Als Erwachsene dann sind wir selbst verantwortlich für das Vertrauen in unserem Leben, für das Vertrauen in andere und für uns selbst.
Ich weiß, dass Vertrauen trainiert werden kann und das finde ich sehr schön. Diese Chance haben wir alle, zu jeder Zeit im Leben. Deshalb war mir dieses Thema auch so wichtig für mein erstes Buch. Ich möchte anderen Menschen Mut machen zu vertrauen, auch in Zeiten vieler Krisen.


Hindernisse überwinden, Herausforderungen annehmen, Bruchlandungen akzeptieren und wieder aufstehen lernen: im Sport und im Leben gibt es allein sprachlich schon viele Parallelen. Was hat Sie der Sport für das Leben gelehrt?
Der Sport hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, Ziele zu haben und für das Erreichen der Ziele mit anderen gemeinsam zu trainieren. Im Sport ist Training wichtig um Fähigkeiten zu entwickeln und zu stärken, das ist auch im normalen Alltag unerlässlich. Die Rückmeldung im Sport ist durch die Ergebnisliste immer sehr ehrlich, so weiß ich immer, ob mein Training, mein Weg richtig ist. Klare Ziele, gute Kommunikation und Vertrauen in die Mannschaft – all das ist im Sport genau so wichtig wie im normalen Leben.


Als blinde Skiläuferin sind Sie angewiesen auf einen „Begleitläufer“, der Ihnen auf der Wettkampfstrecke die Augen ersetzt, Ihnen sagt, wo es lang geht und um wie viel Grad die nächste Kurve geht. Wie finden Sie heraus, ob Sie tatsächlich „blind“ vertrauen können?
Ich muss erst einmal klären, ob mein Begleitläufer und ich die gleichen Ziele haben. Dann trainieren wir zusammen und finden heraus, wie zuverlässig der andere ist, ob wir gut kommunizieren können und ob ich die fruchtbare, gute Kontrolle des Begleitläufers annehmen kann, ohne mich eingeschränkt zu fühlen.
Blind vertrauen heißt nicht, dass ich nichts in Frage stellen darf. Blindes Vertrauen heißt, dass ich immer offen bin und dass ich klar sagen kann, wo ich welche Art der Unterstützung brauche. Hohe Geschwindigkeiten auf der Langlaufstrecke sind nur möglich, wenn ich weiß, dass mein Begleitläufer Verantwortung übernimmt. Diese Verantwortung müssen in einer vertrauensvollen Beziehung beide Seiten übernehmen.


Mit Ihrem Buch wenden Sie sich als Blinde an Sehende und bringen ihnen bei, wie man Vertrauen fasst – das ist doch eigentlich sehr komisch! Kann es sein, dass wir „normal“ Sehenden in ganz wesentlichen Dingen ein Brett vor dem Kopf haben?
Ein Brett können blinde und sehende Menschen vor dem Kopf haben, auch ich laufe immer wieder gegen meine eigenen Bretter und muss diese beseitigen. Ich habe viele Erfahrungen gemacht, die ich gern anderen Menschen zur Verfügung stelle, deshalb ist dieses Buch entstanden. Bei mir kann sich jeder vorstellen, dass ich Hilfe und Vertrauen in andere benötige. Ich weiß jedoch, dass das bei mir nicht anders ist als bei allen anderen Menschen, egal ob blind oder sehend.


Und was ist die wichtigste Botschaft, die Sie Ihren Lesern und Leserinnen auf den Weg geben wollen?
Suchen Sie sich Menschen, die sie unterstützen, glauben Sie an sich und Ihre Fähigkeiten und trauen Se sich, Ihre Grenzen und Hindernisse im Leben als Trainingsgerät zu nutzen. Nur so können wir Vertrauen trainieren und unsere Möglichkeiten optimal nutzen.


Im Januar wurden Sie überraschend zur neuen Behindertenbeauftragten der Bundesregierung berufen. Was haben Sie sich als Ziel vorgenommen?
Ich möchte auf jeden Fall das Bild von Menschen mit Behinderung in das Bewusstsein der Gesellschaft rücken. Menschen mit Behinderung haben Fähigkeiten und vielfältige Möglichkeiten, genau wie Menschen ohne Behinderung auch. Ich möchte erreichen, dass jeder Mensch in unserer Gesellschaft seinen Platz hat und selbst bestimmen kann wie er leben möchte.


Im letzten Teil Ihres Buches, dem „Blindipedia“, geben Sie von A bis Z – von Anfassen bis Zielen – einen Einblick in Ihr Alltagsleben, in Ihre Wahrnehmungen und besonderen Anschauungen. Welche Missverständnisse oder Vorurteile gegenüber Blinden ärgern Sie am meisten? Und was freut Sie?
Es ärgert mich sehr, dass oft nicht ich angesprochen werde. Oft wird meine sehende Begleitung gefragt, was ich trinken möchte. Ich freue mich immer dann, wenn ich merke, dass meine Mitmenschen mich nicht anders behandeln aufgrund meiner Einschränkung. Mit Blindipedia möchte ich Vorurteile abbauen, Verständnis schaffen und vor allem möchte ich, dass sich das Bild von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft ändert. Ich möchte mit Blindipedia alle wissen lassen, dass ich genau so gern flirte wie sehende Frauen, dass ich nicht gleich jeden anfasse, den ich kennenlerne und dass ich Farben wichtig finde, auch wenn ich sie nicht sehe.

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser Blick ins Buch

Verena Bentele, Stephanie Ehrenschwendner

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

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