Veronika Peters

Veronika Peters: Interviews und Videos mit der Autorin - Goldmann Verlag

Eine Mutter, eine Tochter und ein neues Leben

Eine Rezension von Ulrike Künnecke

Siebzehn Jahre sind eine lange Zeit. Für Marta bedeuten sie ihr halbes Leben. Doch der jungen Frau scheint diese Zeit des Schweigens zwischen ihr und dem Rest der Familie noch nicht genug. Marta hat ihnen nicht verziehen: nicht Richard, ihrem gewalttätigen Vater, und auch nicht Greta, der seltsam fernen Mutter, die den Übermächtigen während all der qualvollen Jahre ihrer Kindheit gewähren ließ. Auch von Sophia, der älteren Schwester, will Marta nichts mehr wissen. Wer anders als Sophia sollte schließlich damals dem Vater ihren Aufenthaltsort verraten haben, als Marta zum ersten Mal von zu Hause geflohen war?

Stimmen der Vergangenheit
Inzwischen lebt Marta mit dem Fotografen Paul in Berlin, die Vergangenheit ruht. Und Marta möchte nichts anderes, als sie weiterhin ruhen zu lassen. Doch eines Tages wird sie von ihrer kleinen Schwester ausfindig gemacht. Die zehn Jahre jüngere Kati weiß nicht viel von der Geschichte ihrer Familie, und sie bemüht sich, zumindest in sporadischen Kontakt mit der distanzierten Schwester zu kommen. So ist es auch Kati, die Marta berichtet, dass ihr gemeinsamer Vater im Sterben liegt. Diese Nachricht weckt in Marta lang verdrängte traumatische Erinnerungen an die Misshandlungen, die sie in der Zeit erleiden musste, als ihre Familie zunächst in Afrika und später in der westdeutschen Provinz lebte.

Der Geruch der Angst
„ ... Marta hatte Angst vor diesem Keller. Aber sie hatte keine Wahl, musste die große Zange finden, schnell, in den Garten bringen, rasch, das musste sie schaffen! An dem Brett an der Wand hingen Sägen, Schraubenschlüssel, Dinge aus Metall, deren Bezeichnung sie nicht kannte, ein Vorschlaghammer, aber keine Kneifzange. Wo war sie? Sie brauchte sie! ... Marta war zu klein, um auf der Ablage nachzusehen, und durfte auf keinen Fall anfangen zu weinen, denn dann würde sie das Gesuchte nie finden. Und Angst haben oder gar nachfragen, das durfte sie auch nicht, da würde er böse werden, weil sie zu dumm war, etwas so Einfaches zu erledigen, wie eine Zange zu bringen ... Sie roch ihn, bevor er sie erreicht hatte, der Schlag warf sie nach hinten, gegen eine Tischtennisplatte ...“

Tod des Tyrannen
Nach Richards Tod versucht auch Martas Mutter Greta, nach all den Jahren der Funkstille Kontakt zu ihr aufzunehmen. „LIEBE MARTA, ICH WERDE RESPEKTIEREN, WENN DU WEITERHIN NICHTS MIT MIR ZU TUN HABEN WILLST. DENNOCH: ER IST TOT. SOLLTEN WIR IHN NICHT ZUSAMMEN BEERDIGEN?“, so fragt Greta ihre Tochter per SMS. Marta wird nicht nur von ihren Erinnerungen überwältigt, sondern muss sich nun gleichzeitig auch noch der Frage stellen, ob sie sich auf eine neue Begegnung mit ihrer Mutter und der älteren Schwester einlassen soll.

Eine Mutter
Nachdem die Geschehnisse zunächst aus Martas Sicht geschildert werden, wechselt die Erzählperspektive: „Eine Mutter“, so ist der dritte Teil des Buches überschrieben, der nun Greta zu Wort kommen lässt. Sie erzählt von der alltäglichen Hölle, die sie mit ihrem cholerischen Ehemann erlebt hat, von der allgegenwärtigen Angst, der Lähmung und davon, wie sie es schließlich schafft, ihn doch noch zu verlassen und sich ein eigenständiges Leben aufzubauen. Der Gedanke an Marta jedoch, die verlorene Tochter, die sie nicht beschützen konnte, bleibt all die Jahre schmerzhaft für Greta. Die Sehnsucht nach Marta ist schließlich größer als ihre Angst vor einem Wiedersehen.

Ein neuer Anfang
„Eine Familie“, so der Titel des vierten Teils des Romans. Richards Beerdigung wird nicht nur für Marta und ihre Mutter zur Gelegenheit für eine neue Begegnung, sondern auch für die drei Schwestern. Veronika Peters schildert dabei die zarten Nuancen im Zusammentreffen der vier zutiefst verletzten Frauen so dicht und präzise, dass deren aufgewühlte Gefühle beim Lesen unweigerlich unter die Haut gehen. In der unbedingten Nähe zu ihren Figuren liegt ganz sicher eine der Stärken der Autorin.
„An Paris hat niemand gedacht“ ist Peters' erster Roman, doch bereits im Jahr 2007 veröffentlichte sie einen autobiografischen Bericht über ihre Jahre in einem Kloster („Was in zwei Koffer passt“), der es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte. Man kann der Autorin nur wünschen, dass ihrem ebenso berührenden wie spannenden Romanerstling ein ähnlicher Erfolg beschieden ist.

Ulrike Künnecke
(Literaturtest)
Berlin, Juni 2009