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Wenn Sie wissen wollen, wie alt Sie aussehen, müssen Sie nur ein französisches Café betreten. Es ist eine Art Volksentscheid über Ihr Gesicht.
Als ich mit Anfang dreißig nach Paris zog, nannten mich die Kellner mademoiselle. »Bonjour, mademoiselle«, hieß es, sobald ich hereinkam und »Voilà, mademoiselle«, wenn man mir den Kaffee hinstellte. In den ersten Jahren habe ich viel Zeit in Cafés verbracht – ich hatte kein Büro, also habe ich dort geschrieben – und überall war ich mademoiselle (was streng genommen »unverheiratete Frau« bedeutet, aber inzwischen vor allem »junge Frau«).
Als ich vierzig werde, ändert sich das. Die Kellner fangen an, mich madame zu nennen, wenn auch übertrieben formell oder mit einem ironischen Augenzwinkern. Ganz so, als wäre das mit dem madame bloß ein Spiel. Ab und zu streuen sie immer noch ein mademoiselle ein.
Doch bald bleiben die scherzhaften mademoiselles aus, und die madames sind nicht mehr ironisch gemeint. Man könnte meinen, sämtliche Kellner von Paris ( fast immer Männer) hätten einmütig beschlossen, dass ich die Schwelle von »junger Frau« zu »Frau mittleren Alters« überschritten habe.
Interessant! Verabreden sich die Kellner nach der Arbeit auf ein Glas Sancerre, um bei einer Diashow zu beschließen, welcher weibliche Gast abgewertet wird? (Gemeinerweise bleiben Männer für immer monsieurs.)
(…)
Das Schlimmste daran ist, dass sie mich gar nicht beleidigen wollen. Hier in Frankreich, wo ich inzwischen seit über zehn Jahren lebe, ist madame nichts weiter als eine höfliche Anredeform. Ich selbst nenne andere Frauen ständig madame und bringe meinen Kindern bei, die ältere portugiesische Dame so anzusprechen, die sich um unser Haus kümmert.
Mit anderen Worten, ich falle jetzt eindeutig in die Madame-Kategorie, man geht davon aus, dass mich diese Anrede nicht mehr groß verletzen kann. Als ich an einer Frau vorbeikomme, die in meinem Viertel auf dem Bürgersteig bettelt, merke ich, dass sich etwas unwiderruflich verändert hat.
»Bonjour, mademoiselle«, ruft sie der jungen Frau im Minirock zu, die ein paar Schritte vor mir herläuft. Und »Bonjour, madame« als ich wenige Sekunden später an ihr vorbeimarschiere.
All das ist viel zu schnell passiert, als dass ich Zeit gehabt hätte, es zu verarbeiten. Ich besitze im Großen und Ganzen noch dieselbe Garderobe, die ich als Mademoiselle getragen habe. Es stehen auch noch Konserven aus der Mademoiselle Ära in meiner Vorratskammer. Die Gesetze der Mathematik scheinen aufgehoben zu sein, denn wie sonst ist es möglich, dass innerhalb weniger Jahre plötzlich alle zehn Jahre jünger sind als ich?
(…)
Während ich mein Gesicht in einem gut beleuchteten Lift mustere, beschreibt meine Tochter diesen Schritt deutlich weniger schmeichelhaft: »Mommy, du bist nicht alt, aber jung bist du eindeutig auch nicht mehr.«
So langsam dämmert mir, dass ich als Madame – wenn auch erst seit kurzem – ganz neuen Regeln unterworfen bin. Verhalte ich mich jetzt gespielt naiv, finden die Leute das nicht mehr charmant, sondern reagieren nur noch befremdet. Ahnungslosigkeit steht mir nicht mehr gut zu Gesicht. Man erwartet auch, dass ich mich korrekt in die Warteschlange am Flughafen einreihe und pünktlich zu meinen Verabredungen komme.
Offen gestanden fühle ich mich auch innerlich mehr wie eine Madame: Namen und Fakten fallen mir nicht mehr so problemlos ein wie früher, manchmal muss ich sie mühsam aus der Tiefe hervorholen wie Wasser aus einem Brunnen. Ich schaffe es auch nicht mehr, den Tag mit nur sieben Stunden Schlaf und viel Kaffee zu wuppen.
Gleichaltrige beklagen Ähnliches. Wenn ich mit Freunden meines Alters essen gehe, fällt auf, dass jeder von uns einer Sportart nachgeht, die uns die Ärzte verboten haben. Hysterisches Gelächter erschallt, als jemand darauf hinweist, dass wir nach amerikanischem Recht alt genug sind, andere wegen Altersdiskriminierung zu verklagen.

Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung belegen die negativen Entwicklungen in den Vierzigern: Im Durchschnitt lassen wir uns leichter ablenken als Jüngere, brauchen deutlich länger, um Informationen zu verarbeiten, und können uns auch nicht mehr so gut an konkrete Fakten erinnern. (Das Namensgedächtnis lässt in der Regel bereits mit Anfang zwanzig nach.)
Gleichzeitig führt die Wissenschaft auch viele positive Entwicklungen an: Was wir bei der Informationsverarbeitung einbüßen, machen wir an Reife, Wissen und Erfahrung wieder wett. Wir erfassen leichter den Kern eines Problems als junge Leute, sind gut darin, unsere Gefühle zu kontrollieren, Konflikte zu lösen und uns in andere hineinzuversetzen. Wir können besser mit Geld umgehen und die Ursachen bestimmter Ereignisse besser erklären. Wir sind rücksichtsvoller als die Jungen und nicht so neurotisch, was für unser Lebensglück nicht unwichtig ist.
Tatsächlich bestätigen die moderne Hirnforschung sowie die Psychologie, was Aristoteles schon vor etwa zweitausend Jahren gesagt hat, als er Männer »in den besten Jahren« als Wesen beschrieb, »die das Übermaß auf beiden Seiten abtun, indem sie also weder in der Zuversicht gar weit gehen, was Keckheit wäre, noch allzu weit in der Furcht, sondern auf beiden Seiten das Rechte treffen. So auch trauen und misstrauen sie nicht jedem, sondern urteilen mehr nach der Wahrheit.«
Das kann ich nur bestätigen. Wir haben es tatsächlich geschafft, dazuzulernen und etwas reifer zu werden. Nachdem wir uns ein Leben lang wie Außenseiter gefühlt haben, merken wir, dass das meiste an uns eher gang und gäbe ist.
(Meine unwissenschaftliche Einschätzung ist die, dass wir zu 95 Prozent genau wie alle anderen sind und nur zu fünf Prozent einzigartig.) Und genau wie wir sind die meisten Menschen ziemlich egozentrisch. Die eigene Einschätzung der Vierziger reicht von »jeder hasst mich« bis hin zu »ich bin allen egal«.
Noch zehn Jahre, und wir werden die Erkenntnisse aus unseren Vierzigern reichlich naiv finden. Im Moment wirkt dieses Jahrzehnt auf jeden Fall ziemlich paradox: Wir sind zwar endlich in der Lage, Beziehungsdynamiken zu durchschauen, schaffen es aber nicht, uns eine zweistellige Zahl zu merken. Wir befinden uns auf dem Höhepunkt unserer finanziellen Möglichkeiten (oder sind auf dem besten Wege dazu), halten aber Botox für eine vernünftige Investition. Wir erreichen gerade den Gipfel unserer Karriere, sehen aber auch schon voraus, wie sie vermutlich enden wird.

Wenn die Vierziger heute so verwirrend sind, dann auch, weil wir ein Alter erreicht haben, in dem es seltsam wenig Meilensteine gibt. Kindheit und Jugend sind eine einzige Abfolge von Meilensteinen: Wir werden größer, lernen unaufhörlich dazu, gehen in immer höhere Klassen, bekommen unsere Tage, machen den Führerschein und den Schulabschluss. In den Zwanzigern und Dreißigern flirten wir mit potenziellen Partnern, finden Jobs und lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. In der Regel warten Beförderungen, Kinder und Hochzeiten auf uns. Die damit verbundenen Adrenalinschübe treiben einen auch weiterhin an und geben einem das Gefühl, so langsam erwachsen zu werden.
Auch in den Vierzigern kann man sich noch weiterbilden, neue Jobs, Wohnungen und Partner finden, nur dass es längst nicht mehr so viel Bewunderung einbringt. Die Mentoren, älteren Bekannten und Eltern, die bisher jeden Erfolg jubelnd begleitet haben, sind inzwischen mit ihren eigenen Zipperlein beschäftigt. Und wenn man Kinder hat, wird erwartet, dass man deren Meilensteine bejubelt.

Ein mir bekannter Journalist hat sich einmal darüber beklagt, dass er auf keinem Gebiet mehr Überflieger-Status haben kann. (Jemand, der jünger war als wir, war gerade an den US Supreme Court berufen worden.) »Es ist noch keine fünf Jahre her, dass Leute zu mir gesagt haben, ›Wow, und Sie sind der Boss?‹, erzählt mir der vierundvierzigjährige Leiter einer Fernsehproduktionsfirma. Jetzt ist seine Position ganz normal. »Ich habe das Wunderkind- Alter hinter mir gelassen«, bedauert er.

Was ist aus uns geworden? Wir sind immer noch ziemlich handlungs- und verwandlungsfähig, können auch noch Zehnkilometerläufe bewältigen. Trotzdem haben die Vierziger etwas, das es so vorher noch nicht gegeben hat, und das schließt auch das Bewusstwerden der eigenen Sterblichkeit mit ein. Unsere Möglichkeiten sind deutlich begrenzter. Wenn wir uns jetzt für etwas entscheiden, scheinen wir uns gleichzeitig gegen etwas anderes entscheiden zu müssen. Auf einmal heißt es: Jetzt oder nie! Wenn wir uns etwas »für später« vorgenommen haben – einen Berufswechsel, Dostojewski lesen oder lernen, wie man Chicorée zubereitet, sollten wir uns ranhalten.
Diese neue Phase zwingt uns zu einem manchmal durchaus schmerzhaften Abgleich zwischen unseren Plänen und der Realität. Lügen, die wir uns schon ein Leben lang erzählen, klingen auf einmal hohl. Es bringt nichts mehr, sich als jemand auszugeben, der man nicht ist. Mit vierzig bereiten wir uns nicht mehr auf eine imaginäre Zukunft vor und sammeln auch nicht mehr irgendwelche Stationen für den Lebens lauf. Unser wahres Leben spielt sich eindeutig im Hier und Jetzt ab. Wir haben das erreicht, was der Philosoph Immanuel Kant als »das Ding an sich« bezeichnete.
Das Seltsamste an den Vierzigern ist tatsächlich, dass wir jetzt diejenigen sind, die die Bücher schreiben und auf Elternabende gehen. Leute in unserem Alter tragen Titel wie »Technikvorstand« und »Geschäftsführer«. Wir sind diejenigen, die die Weihnachtsgans zubereiten. Wenn ich mich heute bei dem Gedanken ertappe, »Da müsste mal jemand aktiv werden«, merke ich alarmiert, dass dieser »jemand« ich bin.
Das ist kein leichter Schritt. Ich fand die Vorstellung, dass es Erwachsene gibt, immer sehr beruhigend. Ich stellte mir vor, dass sie da draußen damit beschäftigt sind, Krebs zu heilen und Zeugen vorzuladen. Erwachsene fliegen Flugzeuge, lassen Aerosol in Flaschen abfüllen und sorgen dafür, dass wie durch ein Wunder Fernsehsignale übertragen werden. Sie wissen, ob ein Roman lesenswert ist und welche Nachricht auf die Titelseite gehört. Ich habe mich stets darauf verlassen, dass im Notfall schon irgendwelche klugen Erwachsenen mit erstaunlichen Fähigkeiten auftauchen und mich retten werden.
Obwohl ich nicht an Verschwörungstheorien glaube, kann ich verstehen, warum die Leute so was attraktiv finden. Es ist verführerisch zu glauben, dass eine kleine Gruppe Erwachsener alles kontrolliert. Ich verstehe auch den Reiz von Religion: Erwachsener als Gott kann man gar nicht sein.
Ich finde es nicht toll, älter auszusehen. Doch was mich am Madame-Sein am meisten verstört, ist die Unterstellung, dass ich jetzt selbst zu den Erwachsenen gehöre. Ich fühle mich, als wäre ich auf einen Posten befördert worden, der meine Kompetenzen übersteigt.
Was sind Erwachsene überhaupt? Gibt es sie tatsächlich? Und wenn ja, was genau wissen sie? Wie genau schaffe ich den Anschluss? Wird mein Verstand je mit meinem Gesicht Schritt halten können?

Inhaltsverzeichnis
1. So finden Sie Ihre Berufung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
2. So finden Sie einen Partner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3. So werden Sie vierzig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
4. So ziehen Sie Ihre Kinder groß. . . . . . . . . . . . . . . . .
5. So hören Sie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
6. So haben Sie Sex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
7. So planen Sie eine Ménage à trois . . . . . . . . . . . . . .
8. So lernen Sie, sterblich zu sein . . . . . . . . . . . . . . . . .
9. So werden Sie zur Expertin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
10. So bewältigen Sie die Midlife-Crisis . . . . . . . . . . . .
11. So lernen Sie, Jung zu sein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
12. So kleiden Sie sich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
13. So altern Sie anmutig. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
14. So lernen Sie die Regeln . . . . . . . . . . . . . . . . . .
15. So werden Sie weise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
16. So geben Sie Ratschläge . . . . . . . . . . . . . . . . .
17. So retten Sie, was noch zu retten ist . . . . . . .
18. So finden Sie heraus, was eigentlich los ist . . . . .
19. So denken Sie wie die Franzosen. . . . . . . . . .
20. So schließen Sie Freundschaften. . . . . . . . . .
21. So lernen Sie, Nein zu sagen . . . . . . . . . . . . . .
22. So behalten Sie Ihre Familie im Griff . . . . . .
23. So gehen Sie mit Angst um . . . . . . . . . . . . . . . .
24. So finden Sie heraus, woher Sie kommen . . .
25. So bleiben Sie verheiratet. . . . . . . . . . . . . . . . . .

Fazit: So leben Sie wie eine femme libre . . . . . . . . . . . . .

Pamela Druckerman
© Dmitry Kostyukov

Pamela Druckerman

Pamela Druckerman studierte Internationale Beziehungen an der Columbia University und arbeitet als freiberufliche Journalistin und Autorin. Sie schreibt für The New York Times, The Washington Post und Marie Claire. Pamela Druckerman lebt mit ihrem englischen Ehemann und ihren drei Kindern in Paris.

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