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Walter Lendl »Achtung, freilaufende Berliner!«

Walter Lendl im Gespräch

Schildern Sie doch mal den typischen Berliner. Welche Eigenschaften nerven am meisten?
Walter Lendl: Der Berliner ist frech, rücksichtslos und auf sich selbst fixiert. Er ist der Mittelpunkt der Welt und die Stadt das Zentrum des Universums. Er tritt jedem, den er nicht kennt, mit Respektlosigkeit gegenüber und stellt erst mal klar, wer hier das Sagen hat. Er weiß zwar nichts, wenn man eine Auskunft möchte, doch er weiß alles besser, wenn man versucht, sich mit ihm zu unterhalten. Er sucht nicht den Dialog, sondern den Angriff. Wenn man über seine fehlenden Umgangsformen hingwegsieht und sich auf ihn einlässt, wird er weinerlich und erklärt, dass er es gar nicht böse meint, sondern nur genervt ist. Wovon? Von allem. Also gar nicht erst fragen, sonst hört er nie mehr auf zu reden ...

Wie erklären Sie sich den grundlegenden Mangel an Manieren, Eleganz und Höflichkeit? Und wie hat sich der Mauerfall auf diese Grundkonstante des Berliner Charakters ausgewirkt – sind die Ost-Berliner von ihrem Wesen her genauso rustikal und raunzig?
Walter Lendl: Man spricht von den drei Ps – preußisch, protestantisch, proletarisch –, die für die historische Prägung des Berliner Charakters verantwortlich sind. Preußisch steht für das Militär. Die Stadt ist jung, sie war lange Zeit ein großes Zeltlager, bevor die Mietskasernen gebaut wurden, um die Soldaten schnell bei der Hand zu haben, wenn es zum Einsatz ging und sie bei Laune zu halten, weil sie so bei ihren Familien wohnen konnten. Der Protestantismus ist nicht weit verbreitet, aber doch untergründig vorhanden – als Mangel an Oberfläche, Stil und Umgangsformen. Was uns unmittelbar zum Proletarischen führt: Manieren und Eleganz wurden von je her eher verachtet – als Ausdruckformen der reichen Adeligen und Bürger. Dem Arbeiter fehlten Zeit und Mittel, sich ordentlich zu kleiden und zu benehmen. Später haben 68er, Alternative, Schwule, Punks und Künstler diese mangelnden Prägungen als günstige Voraussetzungen für das eigene Anderssein gesehen. In Ost-Berlin wurde das Proletarische kultiviert, das Berlinerische gepflegt und das Meckern der enttäuschten Ossis, die von der kapitalistischen Realität überrascht wurden, übertrifft das Raunzen der West-Berliner um Längen.

Wodurch zeichnet sich die berühmt-berüchtigte Berliner Schnauze aus – und was ist an ihr so unangenehm?
Walter Lendl: Der Name sagt alles. Schnauze, Fremder, du bist in Berlin! Man könnte sagen, es handelt sich um die Zuspitzung des forschen Auftretens des Deutschen, das für den Österreicher an und für sich schon ungewohnt ist, zum vorbehaltlosen Angriff auf seine Lebensberechtigung. Für den Bayern mag es sich unfreundlich anhören, wenn er morgens angeblafft wird, weil er schüchtern nach einer „Semmel“ verlangt. Der Ösi verlässt angesichts des Verdikts „Hamwa nich, hier jibt's nur Schrippen!“ fluchtartig die Bäckerei.

In Berlin, sagen Sie, wird gemeckert, in Wien gegrantelt. Was ist der Unterschied – und was ist erträglicher?
Walter Lendl: Je nach Gemütszustand ist das eine schlimmer als das andere. Ich würde sagen: Kurzfristig nervt das Gemeckere mehr, auf lange Sicht das Gegrantel. Wenn einen jemand anmeckert und man ist eigentlich gut gelaunt, hat man's schnell wieder vergessen, das dauernde Granteln aber raubt einem die Lebensfreude. Die kann man allerdings auch verlieren, wenn man ständig angemeckert wird. Man muss also zurückschnauzen.

A propos Wien: Sie sind gebürtiger Österreicher, zwar nicht aus Wien, sondern aus der Steiermark, leben aber seit fast zehn Jahren in Berlin. Haben Sie bewusst Feldforschung betrieben – oder ist ihr Buch die Zusammenstellung persönlicher Erfahrungen eines genervten Zugereisten?
Walter Lendl: Beides. Ausgangspunkt des Buches waren meine persönlichen Erfahrungen in den letzten neun Jahren, in denen ich die meiste Zeit in Mitte gewohnt habe, wo es meiner Meinung nach am schlimmsten ist – auch wenn es sich bei den dort Lebenden um eine relativ junge Subspezies des Berliners handelt.

Gibt es ein Berliner Lebensgefühl – und wenn ja, wie würden Sie es beschreiben?
Walter Lendl: Locker, luftig, vorne dabei, immer auf dem Sprung und mit einem Spruch auf den Lippen, mit dem man sich über sein Gegenüber erheben kann – im Sommer. Im Winter drückt der Monate lang graue Himmel aufs Gemüt und treibt den Berliner ins Haus oder in den Urlaub.

Was halten Sie von der Berliner Küche? Wovon ernährt sich der Berliner – und was sagt das über ihn aus?
Walter Lendl: Es gibt keine Berliner Küche – außer man hält Currywurst und Buletten für kulinarische Errungenschaften. Aber nicht einmal die wurden hier erfunden – ebenso wenig wie der Döner, auch wenn Unmengen davon hier verzehrt werden. Diese Hervorbringungen der Hauptstädter sind ein weiteres Beispiel für ihren Mangel an Geschmack und Bildung. Sie zeugen von der Unachtsamkeit, mit der man der Welt und ihren Genüssen gegenübertritt und von der Beschränktheit des Horizonts in jeglicher Richtung.

Wie provinziell ist der Berliner Großstädter?
Walter Lendl: Er kommt aus seinem „Kiez“ kaum hinaus, wo er alles findet, was für ihn lebensnotwendig ist, nämlich Supermarkt, Kneipe und Frisör. Seine alten Freunde im „Westen“ sieht er öfters als Bekannte, die in einem anderen Bezirk wohnen.

Welche der von Ihnen geschilderten Szenen haben in den letzten zehn Jahren das Stadtbild und das Lebensgefühl besonders geprägt?
Walter Lendl: Auf jeden Fall die „Teilzeit-Berliner“ und die „kreative Klasse“, deren Ansiedlung vom Senat aufs Heftigste begrüßt wird, auch wenn er wenig dafür tut, eine Geschäftsgrundlage für diese Menschen zu schaffen. Die Beamten, Politiker und Journalisten haben eine eigene, neue Szene geschaffen – einen in sich geschlossenen Zirkel, in den nur wenige alteingesessene Berliner Zugang gefunden haben. Die Künstler, Architekten, Designer und Studenten aus aller Welt siedeln ebenfalls in einer abgeschlossenen Welt, die keinerlei Verbindung zum „alten“ Berlin hat. Es handelt sich um eine Enklave der mittelständischen Erbengeneration aus ganz Europa mit eigenen Codes, vorwiegend englischer Umgangssprache und eigenwilliger Existenzsicherung, die sich aus elterlicher und staatlicher Subvention, Minijobs, neuartigen Geschäftsmodellen und zufälligen Einkünften speist.

Sie beschreiben die stilbildenden Gruppierungen im historischen Abriss – von den Frontstadtbewohnern bis zu den neuen digitalen oder kreativen Eliten. Wo ordnen Sie selbst sich ein? Und wohnen Sie im richtigen Kiez?
Walter Lendl: Angesichts der nackten Zahlen – Zuwanderung 2001 als Grafik-Designer nach Mitte – gehöre ich wohl zur „kreativen Klasse“. Als Beobachter der verschiedenen Szenen habe ich mich aber immer schon als am Rande stehend gesehen und bin mittlerweile nach Charlottenburg umgezogen.

Kurz nachdem Sie Ihrem Heimatland den Rücken gekehrt hatten, veröffentlichten Sie mit Darum nerven Österreicher eine bissig-böse, hoch amüsante Abrechnung mit ihren Landsleuten – sozusagen aus der sicheren Distanz des Exils. Wohin werden Sie ziehen, wenn Sie es sich nun mit den Berlinern verderben?
Walter Lendl: Zurück nach Wien natürlich. Berlin und Wien sind ja geistesverwandte Städte, in Berlin gibt es unheimlich viele Österreicher. Allerdings ist es einfacher, sich in Berlin jahrelang unbemerkt aufzuhalten als in Wien. Hamburg wäre auch noch eine Alternative. Leider kann sich ein Autor, der sich mit den Marotten der Menschen beschäftigt, die ihn umgeben, nicht ins Schreiber-Exil zurückziehen – es sei denn, ein Verlag wäre interessiert an einem Buch über die Exil-Deutschen auf La Palma.

Letzte Frage: Wo bleibt das Positive? Hat die Hauptstadt nicht auch ein paar angenehme, schöne und sympathische Seiten? Oder: Wo trinken Sie Ihren Latte macchiato?
Walter Lendl: Das, was nervt, ist zuweilen auch sympathisch. Also: Man kann hier unauffällig bleiben und sich seine eigene Peer Group aufbauen, ohne sich allzu weit bewegen zu müssen. Das Kiezleben kann man eben auch als positive Rückzugsmöglichkeit sehen. Und: Ich trinke niemals Latte macchiato, sondern freue mich jedes Mal, wenn ich eine Melange bestellen kann. Was in Berlin auch möglich ist – seit kurzem gibt es in unserem Nachbarhaus ein österreichisches Café.

Achtung, freilaufende Berliner! Blick ins Buch

Walter Lendl

Achtung, freilaufende Berliner!

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