Pilgern im Norden-Special

Herausgeber von »Weiter Himmel – stille Wege« ist das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, das von der Deutschen Bischofskonferenz mit der Förderung der Diaspora-Seelsorge beauftragt ist.
Es unterhält in Uppsala ein Projekt zur Förderung der Ortskirchen und um den Austausch zwischen den Kirchen in Nord- und Mitteleuropa zu intensivieren. Jedes Jahr sind junge Menschen eingeladen, für einige Wochen oder Monate die katholische Kirche im Norden Europas kennenzulernen.

Interview mit dem Generalsekretär des Bonifatiuswerks Georg Austen

Monsignore Austen, was ist das Bonifatiuswerk und welche Arbeit leistet es?

Das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken unterstützt als Spendenhilfswerk katholische Christen, die in einer extremen Minderheitensituation, in der Diaspora, ihren Glauben leben. Das Bonifatiuswerk hilft in Nordeuropa, in Nord- und Ostdeutschland und im Baltikum. Es fördert mit Spendenmitteln den Bau und die Instandhaltung von Kirchen, katholischen Gemeindehäusern, Schulen und Jugendbegegnungszentren. Es unterstützt mit seiner Kinderhilfe die Weitergabe an Kinder und Jugendliche und mit seiner Verkehrshilfe, dass die Menschen zusammenkommen können. Mit einem eigenen Praktikantenprogramm hilft es jungen Menschen zu erleben, was Diaspora in Nordeuropa bedeutet. Mit missionarischen Personalstellen fördert das Bonifatiuswerk innovative Projekte der Glaubensweitergabe. Insgesamt hilft das Bonifatiuswerk der Kirche in der Diaspora mit rund 10 Millionen Euro im Jahr.

Warum ist die Arbeit des Bonifatiuswerkes sinnvoll und wichtig?

In den Ländern Nordeuropas beträgt der Anteil katholischer Christen an der Bevölkerung zwischen 0,2 und drei Prozent. Wer hier seinen Glauben aktiv in Gemeinschaft leben möchte, sieht sich vor große Herausforderungen gestellt. Gerade in Nordeuropa sind die Wege zur nächsten Kirche weit. Fahrzeiten von zwei Stunden zum Sonntagsgottesdienst sind auf dem Land keine Seltenheit. Die Katholiken leben weit zerstreut. In solch einer Situation den Glauben an Kinder und Jugendliche weiterzugeben, ist eine besondere Aufgabe und erfordert oftmals unorthodoxe Wege. Auf Island beispielsweise erteilt ein Priester den Erstkommunionunterricht über das Internet via Skype, weil in seiner 600 Kilometer langen Gemeinde nur selten die Kinder eines Jahrganges zusammenkommen können. Und in den Metropolen sind die Kirchen oft zu klein, denn die Kirche in Nordeuropa wächst. In Oslo sind die 13 Sonntagsgottesdienste stets überfüllt. Die Menschen stehen egal bei welchem Wetter bis auf die Straße. Katholische Christen aus mehr als 70 Nationen bilden eine Gemeinde. Hier fehlt es an Kirchen und Gemeindezentren.
Wir können aber auch von der Diaspora lernen zum Beispiel von der Gastfreundschaft der katholischen Christen, von der Integrationskraft für die Gläubigen aus den vielen unterschiedlichen Ländern und Nationen, vom Glaubensmut der Diasporakatholiken in säkularer Umgebung.

In welcher Beziehung stehen das Bonifatiuswerk und das Pilgern? War der Namensgeber, der heilige Bonifatius, nicht nur Missionar sondern auch Pilger?

Die Missionsreisen des heiligen Bonifatius waren auch immer Pilgerreisen, ein Weg hin zu Christus und zu den Menschen, ein Weg der Christuserfahrung, oftmals ein beschwerlicher Weg. Er bereiste weite Teile Europas und ging dorthin, wo Christen nur selten anzutreffen waren, mitten hinein in die Diaspora, um Zeugnis von seinem Glauben zu geben. Auch heute braucht es besonders in der Diaspora Nordeuropas Pilgerorte. Hier erfahren katholische Christen Gemeinschaft. Wie wichtig allein die jährlichen Diözesanwallfahrten der Bistümer sind, zeigt Köyliö in Finnland. 10.000 Katholiken leben im ganzen Land. Wenn hunderte Gläubige am 18. Juni zusammenkommen, um des heiligen Henriks zu gedenken, stärkt dies ihren Glauben. Das Bonifatiuswerk unterstützt diese besonderen Orte und Räume der Glaubenserfahrung. Es fördert Jugendwallfahrten, damit gerade junge Menschen Glauben in Gemeinschaft erleben. Oder schauen wir nach Trondheim. An den Olavsfesttagen Ende Juli ist die Stadt voller Pilger, katholische wie evangelische Christen. Selbst aus Mittelschweden fahren katholische Gemeinden mit dem Bussen nach Trondheim. Ein Netz von Olavspilgerwegen zieht sich durch ganz Nordeuropa mit mehr als 5.000 Kilometern. Jahr für Jahr gehen hier mehr Individualpilger in Richtung Trondheim. Damit auch hier, neben dem Nidarosdom, eine ausstrahlende katholische Gebetsstätte ihren Platz hat, fördert das Bonifatiuswerk den Bau der neuen katholischen Bischofskirche an dieser heiligen Stätte Nordeuropas.

Wie engagiert sich das Bonifatiuswerk speziell in den nordeuropäischen Ländern?

Als ein Hilfswerk für den Glauben unterstützt das Bonifatiuswerk die katholischen Christen in der Diaspora in ihrem Glaubensleben. Seit 1974 hilft es mit Spendengeldern, die Katholiken in Deutschland solidarisch an ihre Glaubensgeschwister weitergeben. Mit Hilfe des Bonifatiuswerk konnten zahlreiche Kirchen und Gottesdienstorte instand gehalten, gebaut oder von der evangelischen Kirche gekauft werden. Die Glaubensweitergabe an Kinder und Jugendliche wird durch das Bonifatiuswerk unterstützt und mit einem eigenen Praktikantenprogramm hilft es jungen Menschen aus Deutschland, das Glaubensleben in der extremen Diaspora Nordeuropas kennenzulernen. Die Hilfe für Nordeuropa des Bonifatiuswerkes beläuft sich im Jahr auf rund 1,4 Millionen Euro.

Wie kam es zu dem Buch »Weiter Himmel - stille Wege«, für das Sie als Herausgeber stehen?

Mir persönlich ist es wichtig, die alten Pilgerwege als Schätze unseres Glaubens (neu) zu entdecken. Über diese Idee habe ich mit Sibylle Hardegger gesprochen. Sie betreut vom Newman-Institut im schwedischen Uppsala aus das Praktikantenprogramm des Bonifatiuswerkes. Als geförderte missionarische Personalstelle erschließt sie in Nordeuropa spirituelle Quellen des christlichen Glaubens für die Menschen in Deutschland. Und ein besonderer Ort der nordeuropäischen Spiritualität ist die Natur. Allein der Wechsel von Licht und Dunkelheit, die wiederkehrende Sonne nach den langen dunklen Wintern, inspiriert die Menschen dort seit Jahrhunderten und weist hin auf den wiederkommenden Christus, den Erlöser. Oder: Nirgendwo wird Schöpfung besser spürbar als auf Island. Wer dort die Quelle von Maríulind besucht, an der einst die Gottesmutter erschienen sein soll, begegnet unserem allmächtigen und liebenden Gott auf neue Weise. Ebenso wichtig ist es heute, die „lebendigen Steine“, die gläubigen Katholiken, in Nordeuropa in den Kirchengemeinden zu besuchen. So wird Weltkirche erfahrbar. Das ist weit mehr, als „nur“ touristisch zu reisen.

Warum sollten die Leserinnen und Leser die heiligen Olav, Birgitta, Henrik und Erik und die Pilgerstätten des Nordens kennenlernen?

Die heiligen Nordeuropas sind beeindruckende Glaubenszeugen und haben die Kirche in Europa mitgeprägt. Mit der heiligen Birgitta wurde durch Papst Johannes Paul II. sogar eine schwedische Ordensgründerin zu Schutzpatronin Europas erhoben. Wer also Nordeuropa und seine christliche Geschichte aus den Augen verliert, der übersieht einen wichtigen Teil seiner eigenen Kirche. Und auch heute lebt der christliche Glaube in Nordeuropa in ökumenischer Verbundenheit. Vadstena, Trondheim, Köyliö – das sind sprechende Orte, die nicht weniger bedeutsam sind als Santiago de Compostela. Hier sind neue Orte der Einkehr und Ruhe direkt neben fast 800 Jahre alten Klosterruinen entstanden, wie die Trappistinnen- und Trappistenklöster auf Tautra im Trondheimfjord und im nahe gelegenen Munkeby. Hier finden sich historische Zeugen, wie die »Blaue Kirche« in Vadstena am Vätternsee oder der Nidarosdom in Trondheim. Hier gibt es Gottesbegegnung in der Natur, wie im Zisterzienserkloster Storfjord auf den Lofoten oder in Maríulind auf Island. Deshalb möchte ich gerne alle einladen, sich auf zu machen auf die Pilgerwege Nordeuropas.

Georg Austen

Georg Austen
© privat
Monsignore Georg Austen, geb. 1958, ist Monsignore Georg Austen, geb. 1958, ist Generalsekretär des Bonifatiuswerks der Deutschen Katholiken und Sekretär des Diaspora-Kommissariates der deutschen Bischöfe. Das Bonifatiuswerk unterstützt katholische Christen, die in einer Minderheitensituation ihren Glauben leben. Mit innovativen Projekten, u.a. dem Pilger-Projekt in Uppsala, begleitet es die Aufbrüche im Norden in ökumenischer Verantwortung. der Deutschen Katholiken und Sekretär des Diaspora-Kommissariates der deutschen Bischöfe. Das Bonifatiuswerk unterstützt katholische Christen, die in einer Minderheitensituation ihren Glauben leben. Mit innovativen Projekten, u.a. dem Pilger-Projekt in Uppsala, begleitet es die Aufbrüche im Norden in ökumenischer Verantwortung.
Weitere Informationen über das Bonifatiuswerk und die Möglichkeit, ein Praktikum in Skandinavien zu machen, finden Sie unter www.bonifatiuswerk.de