Im Gespräch mit dem SPIEGEL-Wirtschaftsjournalisten Henning Jauernig

Henning Jauernig ist Online-Redakteur im Wirtschaftsressort von SPIEGEL. Mit seinem Blog YOUNG MONEY erreicht er ein Millionenpublikum. Im Penguin Verlag ist gerade sein Buch YOUNG MONEY GUIDE erschienen, in dem er erklärt, was man alles über Geldanlage wissen muss.

Als Finanz- und Börsenexperte beobachtet er auch die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Aktienmarkt sehr genau und ordnet sie für seine Leserinnen und Leser ein.

Henning Jauernig
© Christian Kerber

Beobachtet man momentan den Finanzmarkt, bekommt man schnell den Eindruck, sich in einer Achterbahn zu befinden. An dem einen Tag noch im Sinkflug, steigt die Kurve am nächsten wieder rasant an – Was genau passiert gerade an der Börse?

Zunächst hat die Coronakrise einen handfesten Börsencrash ausgelöst, der in seiner Schwere durchaus vergleichbar ist mit der Finanzkrise von 2008. Investoren haben sich weltweit im großen Stil von ihren Aktien getrennt, weil das Coronavirus ganze Volkswirtschaften lahmlegt und in der Folge die Gewinne der Unternehmen einbrechen. Zwischendurch ging es an den Börsen zwar auch mal wieder kräftig nach oben, wenn es positive Nachrichten gab, das war dann aber meist eher von kurzfristiger Dauer. Starke Kursschwankungen sind in einer Wirtschaftskrise aber völlig normal. Jeden Tag kann etwas Neues passieren, wo von Investoren ihre Entscheidung abhängig machen.

In Ihrem Buch YOUNG MONEY GUIDE empfehlen Sie Anlegern, die keine Börsen-Experten sind, in so genannte Indexfonds (ETFs) zu investieren. Nun befinden wir uns in einer schweren Krise. Sollte man als Anleger trotzdem in ETFs investieren?

Wenn man in Aktien investiert, gehören zwischenzeitliche Börsencrashs einfach dazu. Da man dieses Risiko eingeht, kann man dafür aber auch weitaus höhere Renditen erzielen als mit sicheren Anlagen. Die deutlich günstigste Form, in Aktien zu investieren, ohne Expertenkenntnisse zu haben, sind nach wie vor ETFs. Daran hat auch die aktuelle Krise nichts geändert. Denn ein ETF braucht anders als herkömmliche Fonds keinen teuren Manager, der sich um die Aktienauswahl kümmert. Indexfonds ermöglichen es beispielsweise, sich mit einem Betrag von nur 25 Euro an den mehr als 1600 größten börsennotierten Unternehmen der Welt zu beteiligen, die in dem Index MSCI World berücksichtigt werden. Trotz mehrerer Wirtschaftscrashs hat dieser Weltaktienindex in den vergangenen 43 Jahren eine Rendite von durchschnittlich rund acht Prozent pro Jahr erzielt. Anleger müssen aber bereit sein, das Auf und Ab an den Börsen über viele Jahre auszuhalten.

Angenommen ich würde mich jetzt dazu entschließen, mein Geld zu investieren. Ist gerade die richtige Zeit, Aktien zu kaufen? Oder sollte man doch wieder auf Sparbücher und Tagesgeldkonten zurückgreifen?

Das kommt ganz auf die jeweilige Lebenssituation an. Wer in zwei Jahren ein Haus bauen und dafür Geld sparen will, sollte wegen der starken Kursschwankungen generell die Finger von Aktien lassen. Gleiches gilt für einen älteren Menschen, der kurz vor dem Ruhestand steht und das Geld für seinen alltäglichen Lebensbedarf braucht. Wer hingegen jung ist und einen Job hat, sollte Geld, das er im Alltag nicht braucht, in Aktien investieren. Am besten so früh wie möglich, denn dann hat der Sparer genug Zeit, um schwere Krisen auszusitzen. Diese Empfehlung gilt auch in Zeiten von Corona. Denn die Erfahrung zeigt, dass sich Aktien für langfristig orientierte Anleger auf Dauer lohnen, selbst wenn es zwischendurch zu üblen Crashs kommt.

Ist „Abwarten und Tee trinken“ also gerade die Devise?

Ja, wichtig ist es nun Ruhe zu bewahren. Nur wer de facto aussteigt, hat das derzeitige Minus zu einem tatsächlichen Verlust gemacht. Für Investoren, die dabeibleiben, steht das Minus lediglich auf dem Papier.

Kann man der momentanen Situation auf dem Aktienmarkt irgendwas positives abgewinnen?

Für Einsteiger kann eine Krise wie jetzt tatsächlich eine Chance sein. Denn in schlechten Börsenphasen wie jetzt bekommen Anleger ihre Aktien gewissermaßen im Sonderangebot. Wenn sie jetzt Aktien kaufen, erhalten sie deutlich mehr Anteile für ihr Geld als in den vergangenen Monaten. Steigen die Kurse wieder, profitieren sie davon. Aber niemand weiß derzeit, wann die Coronakrise beendet sein wird. Anleger sollten deshalb nur Geld investieren, das sie in den nächsten 10 bis 15 Jahren nicht benötigen.

Das Interview führte Laura Austen

Über YOUNG MONEY GUIDE von Henning Jauernig

Mit seinem Blog »Young Money« erreicht Henning Jauernig auf SPIEGEL ONLINE seit 2017 ein Millionenpublikum: So unterhaltsam und leicht verständlich wie kein anderer erklärt der 28-Jährige auch in seinem aktuellen Bestseller YOUNG MONEY GUIDE alles, was junge Menschen zum Thema Geld wissen müssen. Denn mit Bausparvertrag, Steuererklärung und Altersvorsorge fühlen sich viele überfordert – oder haben einfach keine Lust, sich darum zu kümmern. Jauernig macht endlich Schluss mit dem schlechten Gewissen und zeigt unter anderem, welches Vermögen auf den wartet, der auf seinen täglichen Coffee to go verzichtet. In diesem Buch beantwortet er die drängendsten Fragen seiner Leser – damit mehr Zeit bleibt für das, was wirklich wichtig ist.

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