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»Die ausgelassene Partylaune war sensationell!«

Kaminer, Wladimir
© Urban Zintel

Für sein 25. Buch hat sich Bestsellerautor Wladimir Kaminer weit hinaus aufs Meer gewagt. In „Die Kreuzfahrer“ erzählt der 51-jährige von seinen Erlebnissen und Begegnungen auf vier Reisen mit riesigen Schiffen. Kaminer, dessen Bücher und Hörbücher eine Gesamtauflage von 3,7 Millionen erreicht haben, freute sich nach jeder Kreuzfahrt, zurück in seine Heimatstadt Berlin zu kommen.


Wie viele Kreuzfahrten haben Sie schon gemacht?


Fünf. Und das ist gar nichts. Ich habe auf den Schiffen Menschen getroffen, die schon fünfzig oder siebzig Kreuzfahrten hinter sich hatten. Manche sind fast pausenlos als Kreuzfahrer unterwegs, monatelang, und sie lieben das.

Teilen Sie diese Begeisterung?


Absolut. Es ist ja in gewisser Weise logisch, dass die Menschen gar nicht mehr von Bord wollen. Auf dem Schiff gibt es alles, was sie brauchen, und die Stimmung ist toll. An Land dagegen sieht es doch überall gleich aus, sogar die Paradiese, die Strände, die Palmen, die Souvenirläden, das alles haben wir schon so oft gesehen. Und ganz grundsätzlich gilt: Je kaputter das Festland, desto attraktiver ist das Leben auf dem Ozean.

Geht es bei einer Kreuzfahrt also auch darum, vor der Realität zu flüchten?

Ein bisschen schon. Das habe ich gleich auf meiner ersten Kreuzfahrt gespürt. Damals war gerade Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden, das Wetter war schlecht, und alle Passagiere meckerten. Tagsüber herrschte Weltuntergangsstimmung, aber ab dem Abend haben alle atemlos durch die Nacht gefeiert. Die ausgelassene Partylaune war sensationell! Unser Schiff kam mir vor wie eine Arche Noah, die gar keine Lust mehr hatte, irgendwo ein anständiges Land zu finden, sondern einfach immer weiterfuhr und weiterfeierte.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass vor allem das Schlagerprogramm an Bord gut ankam.

Und wie! Ich habe viele neue Lieder kennengelernt. Man hatte eine Almhütte aufgebaut, in der ständig Schlager gespielt wurden, meist bayerische Folklore. Die Leute kannten alle Texte auswendig, grölten mit, standen auf den Tischen, schunkelten, tranken und lachten. Meine Frau konnte es nicht fassen. Sie dachte immer, dass bei diesen Schlagersendungen im Fernsehen alles gespielt ist – wie in einem Theaterstück. Nun sah sie, dass sich die Menschen freiwillig so verhielten. Inzwischen kann meine Frau auch bei den Liedern mitsingen.

Welche Kreuzfahrtpassagiere feiern am längsten?


Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Deutschen sehr trinkfest sind. Vor allem Schwaben und Sachsen sind beim Feiern absolute Vorreiter. Das sind sehr empathische Menschen, die die Puppen tanzen lassen können und später ins Bett gehen als alle anderen.

Was fiel Ihnen sonst noch am Verhalten der deutschen Kreuzfahrer auf?


Sie suchen immer den besten Platz an der Sonne, und dafür sind sie sich nicht zu schade, schon um 6.00 Uhr aufzustehen. Dann besetzen sie ihre Sonnenliege mit einem Tuch. Später liegen sie dort und sonnen sich, bis sie fast brennen. Dabei tragen sie immer wieder neue Sonnencreme auf, die aussieht wie schmelzende Eiscremestückchen. Was ich sehr schön finde: Beim Liegen und Sonnen lesen die Deutschen sehr viel. Während die Russen dauernd Tischtennis spielen, die Amerikaner laut sind und die Araber im Whirlpool abhängen, lesen die Deutschen. Vor allem meine Bücher, die sie nach den Auftritten gekauft hatten. Diese Beobachtung hat mich natürlich besonders gefreut.

Woran denken Sie, wenn Sie an Deck stehen und aufs Meer blicken?

Ich habe komischerweise immer das Gefühl, dass der Ozean ein bisschen wie Russland aussieht.

Warum das?

Die Landschaft verändert sich nicht. Alles sieht gleich aus. Man kann sechs Stunden die Augen schließen, und wenn man sie wieder öffnet, ist immer noch nichts anders. Es sieht so aus, als würde die Landschaft mit dem Schiff mitfahren. Das hat mich schon ein bisschen nostalgisch gestimmt.

Haben Sie sich auf Ihren Kreuzfahrten mehr als typischer Russe oder als typischer Deutscher gefühlt?

Keines von beiden. Ich fühlte mich als Weltbürger, also als jemand, der ich schon immer sein wollte. Tatsächlich hatte ich auf dem Meer das Gefühl, ganz heimisch zu sein mit der Erde und den Menschen. Das hätte ich vorher nicht gedacht. Aber mitten im Massentourismus, auf diesen riesigen Schiffen mit 3.000-5.000 Passagieren, bin ich dem Weltgeist begegnet.

Wie meinen Sie das?

Auf Kreuzfahrtschiffen treffen Menschen aus der ganzen Welt aufeinander, Touristen und Mitarbeiter, Arme und Reiche, Normale und Verrückte. An Bord gibt es Luxus und Ausbeutung, Egoismus und Mitgefühl, Leichtsinn und Wahnsinn. Das ist eine unübertreffliche Mischung, die mir das Schreiben leicht gemacht hat. Herausgekommen ist das beste Buch meines Lebens. Ja, ich glaube, es ist nicht zu übertrumpfen.

Sie erzählen darin von vier Reisen nach Osteuropa, in die Karibik, nach Miami und Griechenland. Welche hat Ihnen am besten gefallen?

Eigentlich waren alle toll, trotz gewisser Beeinträchtigungen wie Dauerregen, Baustellen oder Inselsperrungen. Es ist ja sowieso egal, wohin man fährt. Eine Kreuzfahrt macht man nicht, um von A nach B zu kommen. Dazu fällt mir eine Anekdote ein: Ein alter russischer Jude wanderte nach Israel aus, kehrte aber bald wieder in die Sowjetunion zurück. Das wiederholte sich noch mehrere Male, sodass der Grenzpolizist meinte: Sie müssen sich mal entscheiden, wo es Ihnen am besten gefällt! Woraufhin der Alte meinte: Das weiß ich doch: unterwegs!

„Die Kreuzfahrer“ ist Ihr 25. Buch. Wie fühlt es sich an, auf so viele Erfolge und Geschichten zurückzublicken?

Meine Bücher sind wie die Geschichte meines Lebens, die immer weitergeschrieben wird. Das ist wie ein fließender Übergang, denn alle Bücher gehen ineinander über. Aufmerksame Leser werden die Verbindungen erkennen. Da ich auch viel über meine Kinder geschrieben habe, etwa über ihr Erwachsenwerden, fallen mir die Veränderungen nun besonders auf. Es ist wunderbar, auf all das zurückzublicken.

Das Gespräch führte Günter Keil.

Die Kreuzfahrer Blick ins Buch

Wladimir Kaminer

Die Kreuzfahrer

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