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Wulf Dorn - Ein Interview auf dem Friedhof

Wulf Dorn
© Random House/Sebastian Weidenbach/Shadow-Cowboy Photography

Die Chefredakteurin des krimi-forum.de Michaela Pelz, führte das Interview mit Wulf Dorn im August 2015.

Der Autor hat an einem ungewöhnlichen Ort zum Gespräch geladen („Ich mag Friedhöfe – es herrscht so eine wohltuende Stille, gleichzeitig birgt jeder Grabstein die Geschichte mindestens einer Person und steht für ein gelebtes Leben.“), denn die zentralen Themen seines aktuellen Romans sind Tod und Verlust.

Dennoch ist Wulf Dorn alles andere als eine dem Leben abgewandte Person, sondern im Gegenteil jemand, der das Prinzip Hoffnung lange Jahre als Coach in der Psychiatrie beruflich praktiziert und an seine Klienten vermittelt hat, indem er Hilfe zur Selbsthilfe gab.
Außerdem ist der in Süddeutschland lebende Autor – dessen sonore Stimme keinerlei Dialektfärbung trägt – ein akkurater Beobachter und witziger Gesprächspartner.

MP: „Die Nacht gehört den Wölfen“ - so heißt der Roman. „WULF“ - (althochdeutsch für „Wolf“) so heißt der Autor. Welche Uhrzeit bevorzugen Sie ganz persönlich und warum?

WD: Ich bin ein Morgenmensch. Normalerweise starte ich so ab fünf, sechs Uhr. Das ist für mich eine der schönsten Zeiten des Tages, es herrscht Ruhe, nichts beschäftigt mich, ich kann mit frischem Geist an die Arbeit gehen …

MP: Im Buch heißt es, in der „Stunde nach der Geisterstunde“… müsse man sich in Acht nehmen.
Wie steht es mit Ihren ganz persönlichen Ängsten in der Nacht?

WD: Ich fürchte mich nachts eigentlich nicht. Die Dunkelheit bietet ja auch Geborgenheit.
Was mich mehr ängstigt, ist, wenn ich tagsüber unter sehr vielen Menschen unterwegs bin.

MP: Warum?

WD: Der Mensch als solcher ist doch oft unberechenbar. Ich selbst bin eher introvertiert, mir ist die Abgeschiedenheit lieber. Große Menschenmassen mag ich nicht.

MP:Das gilt aber nicht für Lesungen?

(lacht) Nein, den Kontakt mit meinen Leserinnen und Lesern schätze ich sehr, da fühle ich mich auch wohl.

MP: Zurück zum Titel gebenden Wolf. Seit Märchengedenken macht dieses Tier den Menschen eine höllische Angst. Dabei könnte man denken, ein Wolf sei nur ein großer Hund … -- wie ist das bei Ihnen? Fürchten Sie sich vor „Meister Isegrim“?

WD: Gar nicht. Ich finde, Wölfe sind unglaublich schöne, interessante Tiere. Sie sind Einzelgänger, was ja auch wieder ganz gut zu meinem Wesen passt. Auf der anderen Seite findet die Jagd im Rudel statt, das heißt, es gibt den Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe.
Für mich als Freudianer ist es auch interessant zu sehen, welche Bedeutung das „Wölfische“ in der Psychologie hat – es steht für die animalische Seite im Menschen, die zu bestimmten Zeiten hervorbricht. Muss nicht immer in Verbindung mit Vollmond sein.

MP: Nun handelt der Roman ja tatsächlich eher von den verborgenen Seiten der Menschen als von Tieren. Im Zentrum steht Simon, der bei einem schlimmen Autounfall beide Eltern verloren hat, auch selbst schwer verletzt wurde. Im Anschluss versucht er, Selbstmord zu begehen, weil er es kaum aushält, dass alle tot sind und nur er selbst noch lebt. Deswegen landet er in der Psychiatrie, wo er mit anderen traumatisierten Jugendlichen zusammenkommt, die ebenfalls schreckliche Dinge erlebt haben. Nach seiner Entlassung hat er Alpträume und hört Stimmen …
Wie viel kann man einer jugendlichen Lesergruppe zumuten? Wie viel darf, soll oder muss man ihnen zumuten?

WD: Wir sollten Jugendliche nicht unterschätzen. Sie befinden sich in einem Alter, in dem sie keine Kinder mehr, aber auch noch keine Erwachsenen sind. Wie in einer Art Niemandsland.
Sie beginnen, Erfahrungen zu sammeln und sich mit Themen auseinanderzusetzen.
Und werden dabei gerade in unserer multimedialen Gesellschaft mit sämtlichen Nachrichten aus aller Welt konfrontiert. Auch den ganz schlimmen.
Deswegen ist es meiner Meinung nach wichtig, dass sie die Fähigkeit erlangen, so etwas auch aufarbeiten zu können.

In meinem Buch wollte ich mich gezielt einem gesellschaftlichen Tabuthema zuwenden und die Bewältigung des Verlusts einer Person ins Zentrum stellen. Gleichzeitig aber auch die dunkle Seite thematisieren, die ja ebenfalls ein Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit ist. Ich wollte die innere Gegenwehr der Betroffenen gegen den Verlust zeigen und wie sie ihn kompensieren. Es war also ein relativ komplexer Gedanke, der zu dieser Geschichte geführt hat.

MP: Wie hat der Verlag reagiert, als Sie damit ankamen?

WD: Meine Verlegerin sagte: „Das wird mit Sicherheit eins der gewagtesten Bücher, die wir bisher herausgebracht haben.“ Einerseits aufgrund des Themas, aber auch aufgrund der Intensität.
Dennoch bin ich der Meinung, dass wir den Jugendlichen damit nicht zu viel zumuten.
Zumal ich im Herbst 2015 für meinen Erwachsenenroman, „Phobia“, in dem es ebenfalls um ein sehr dramatisches Thema geht, den „UH!-Preis der Jungen Leser“ erhalten werde. Es war eine jugendliche Jury, die diesen Roman ausgewählt hat.
Von daher denke ich schon, dass das Thema „Gewalt“ und die Auseinandersetzung mit Tod und mit den schlimmen Dingen, die jedem von uns in jedem Moment zustoßen können, sehr wohl auch Bestandteil des Weges zum Erwachsensein sind.

MP: Protagonist Simon muss schon vor dem Schicksalsschlag, der ihn trifft, mit allem möglichen klarkommen. Er ist gut in der Schule, aber schüchtern, mag keine Berührungen und fühlt sich nur dann wohl, wenn seine Welt berechenbar, „ordentlich“ und idealerweise „immer gleich“ ist.
Spontan drängt sich hier der Gedanke auf, es handle sich um jemanden mit einem „Asperger Syndrom“.
Haben Sie während Ihrer Zeit in der Psychiatrie mit Autisten gearbeitet oder wie haben Sie sich dieser Figur genähert?

WD: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich bewusst auf den Begriff „Asperger Autist“ verzichtet habe. Da gibt es viel zu viele Klischees und ich wollte vermeiden, dass Simon von den Lesern in eine dieser Klischee-Schubladen gesteckt werden könnte.
Ich halte Simon für eine recht komplexe Persönlichkeit. Natürlich hat er durchaus Angewohnheiten, die ich aus meiner früheren Arbeit mit Asperger Autisten kenne. Er trägt aber auch Züge von mir selbst. Beim Entwickeln der Figur hatte ich die Möglichkeit, mich mit einem befreundeten Arzt und Psychologen auszutauschen, der sich auf die Behandlung von Menschen mit Asperger-Syndrom spezialisiert hat. Er hat mir viele Fragen beantwortet und bei meiner Recherche geholfen.

MP: Ein weiteres spannendes Thema im Buch ist das Geschwisterthema.
Simon hat eine sehr enge Beziehung zu seinem Bruder, obwohl sie altersmäßig weit auseinander sind und der Ältere auch nicht mehr in der Familie lebt.
Sie selbst sind in einer Großfamilie aufgewachsen – wie sehr sind Sie sich untereinander verbunden?

WD: Wir haben ein sehr enges Verhältnis. Meine Geschwister sind mittlerweile auf der ganzen Welt verteilt, deswegen gibt es wenige persönliche Treffen, aber zum Glück haben wir ja Skype und ähnliche Möglichkeiten der Kommunikation.
Ich muss vielleicht dazu sagen, ich bin der älteste im Bunde, meine Geschwister sind alle jünger …

MP: … das sind fünf, richtig?

WD: Ja, genau. Durch den Altersabstand nehme ich für die Jüngsten zwar nicht direkt eine „Vater-Rolle“ ein, aber es geht schon ein bisschen in die Richtung. Ähnlich wie bei Simon und Mike.
Bei Simon war es mir wichtig, dass er einen älteren Bruder hat, der das ist, was er selbst nicht sein kann. Eine Art Idol sozusagen. Denn die beiden sind komplett unterschiedlich.

MP: Im Nachwort steht, dass das Buch ein ganz anderes geworden ist als ursprünglich geplant, weil Dinge in Ihrem Leben passierten, die „mich so sehr aufwühlten und beschäftigten, dass mir das ursprüngliche Thema banal erschien“ … Was ist passiert? Wollen Sie darüber sprechen?

WD: Ich kann darüber reden, dass ist überhaupt kein Ding.
Als ich anfing, die ursprüngliche Geschichte zu planen, sind zwei mir sehr nahe stehende Personen gestorben und ich stellte fest, dass mich dieses Thema sehr viel mehr beschäftigte. Zumal ich in den letzten vier Jahren einige Menschen verloren habe - Freunde, Verwandte ....
Und wenn man so langsam auf die 50 zugeht, wird man einfach häufiger mit Tod, Verlust und der eigenen Sterblichkeit konfrontiert als in den Jahren davor. Menschen sind einfach nicht mehr da. Du trägst sie weiterhin in dir, aber du kannst sie nicht mehr direkt ansprechen.
Das ist der eigentliche Wolf, der mich heimsucht. Diese Auseinandersetzung mit dem Tod.

MP: Haben Sie Strategien entwickelt, um mit dem Verlust zurechtzukommen?

WD: Ja. Die wichtigste Strategie ist einfach, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind. Sie anzunehmen und nicht dagegen anzukämpfen – verändern kann man ohnehin nichts.

MP: Also nach vorne zu schauen, wie es Simons Bruder Mike propagiert?

WD: Genau, man muss nach vorne schauen. Und dabei das Gute mitnehmen und das Negative zurücklassen.
Mir hilft dabei die Meditation. Dieses In-sich-selbst-Hineinhören ist ein guter Weg, um die Schatzkiste zu öffnen, die man in sich trägt.

MP: Der vorliegende Roman ist ganz sicher der Beweis, dass Wulf Dorn über eine besonders große Schatzkiste verfügt. Danke für dieses Gespräch!

Die Nacht gehört den Wölfen Blick ins Buch

Wulf Dorn

Die Nacht gehört den Wölfen

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