YALOMS ANLEITUNG ZUM GLÜCKLICHSEIN

Irvin D. Yalom...

...wächst in den 30er Jahren als Sohn einer jüdisch-russischen Emigrantenfamilie auf. Die Eltern führen in Washington DC ein Lebensmittelgeschäft, später einen Spirituosenladen. Der Laden von Irvins Vater Benjamin und seiner Mutter Ruth hat immer offen, die beiden arbeiten hart. Das Viertel ist rau und unsicher. Irvin wagt sich nicht zum Spielen auf die Straße. Stattdessen fährt er mit dem Fahrrad zur Washingtoner Zentralbibliothek und liest alles, was ihm in die Finger kommt – Sachbücher und Literatur. Damals kommt er zur Überzeugung, dass einen Roman zu schreiben das Beste ist, was ein Mensch in seinem Leben tun kann.

Die Eltern sind aus dem Schtetl Seltz im heutigen Weißrussland eingewandert. Sie verkehren ausschließlich in der „Seltzer-Society“, im engen Kreis der jüdischen Familien aus ihrem Herkunftsdorf. „Ich war ein Outsider“, sagt Yalom, „ich wollte Teil der Kultur der neuen Welt werden.“

Marilyn Koenick ist 14, Irvin Yalom 15, als sich die beiden an der Junior Highschool kennenlernen. Im Gegensatz zu ihm ist sie ein integriertes, fröhliches Mädchen. Die Gemeinsamkeit ist die Liebe zu Büchern. „Ich wettete schon mit 16 mit einem Kollegen, dass ich sie einmal heiraten werde“.

Irvin geht an die George Washington Universität, lebt weiterhin zuhause und studiert Tag und Nacht, damit er zur medizinischen Fakultät zugelassen wird. In den 50er gibt es für Juden an amerikanischen Universitäten eine Sperrklausel von 5 Prozent pro Klasse. Er nimmt die Hürde und studiert mit einem Stipendium an der Boston University Medical School. In der Zwischenzeit studiert Marilyn am Wellesley College in Massachusetts und an der Sorbonne in Paris. Nach ihrem Studienabschluss 1954 heiraten die beiden, drei Jahre später ziehen sie mit ihrem ersten Kind nach New York. Irvin Yalom arbeitet am Mount Sinai Hospital als psychiatrischer Assistenzarzt. Marilyn Yalom bekommt ihr zweites Kind und studiert Literatur. 1960 wechselt Irvin Yalom nach Baltimore und arbeitet am John Hopkins Hospital zu den Bezugssystemen der psychoanalytischen Theorie. Marilyn schreibt ihre Dissertation in Vergleichender Literaturwissenschaft und bekommt ein drittes Kind.

Während seiner Ausbildung zum Psychiater ist Irvin Yalom mit zwei Ansätzen der Psychologie konfrontiert: dem biologisch-psychologischen und dem psychoanalytischen. Beide Ansätze überzeugen ihn nicht. Yalom macht zwar selber eine dreijährige Analyse, er kommt jedoch zu der Überzeugung, dass die Psychoanalyse in der reinen Form ihrer therapeutischen Praxis für seinen Ansatz nicht taugt. Der Patient benötigt nicht nur kluge Deutungen, sondern vor allem tiefe, menschliche Zuwendung. Dann beginnt er die Philosophen zu studieren, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie wir leben sollten, und beginnt auf dem Feld der existentiellen Psychotherapie zu forschen. Gleichzeitig wendet er sich der Theorie der „Interpersonellen Beziehungen“ zu und setzt sie in seiner Pionierarbeit auf dem Feld der Gruppentherapie um.

Zu Beginn der 60er Jahre leistet Irvin Yalom nach dem Studium den obligatorischen Militärdienst als Captain und Psychiater in einem Militärhospital auf Hawaii. Marilyn unterrichtet dort an der Universität. Schließlich erhält Irvin Yalom den Ruf der Stanford-Universität und beginnt seine lange Karriere als Professor der Psychiatrie. 1969 kommt das vierte Kind zur Welt.

Mit 40 publiziert Irvin Yalom sein einflussreiches Lehrbuch Theorie und Praxis der Gruppenpsychotherapie, das bis heute als Standardwerk gilt. Es wurde 2010 in 12 Sprachen in der fünften Auflage neu aufgelegt. Das Lehrbuch enthält Geschichten aus Yaloms Praxis. Sie machen anschaulich, wie sich in empathisch geleiteten Gruppen die zwischenmenschlichen Probleme, an denen die Teilnehmer leiden, wie unter dem Vergrößerungsglas zeigen und so erkannt und verändert werden können.

Anschließend wendet er sich seinem existentiellen Interesse zu und beginnt als Erster, mit Krebspatienten zu arbeiten, die durch metastasierenden Brustkrebs dem Tod geweiht sind. Einige der Patienten lernen durch die Begegnung mit dem Tod, ihr Leben intensiver zu leben. Nie wird er die Patientin vergessen, die sagte: „Wie schade, dass ich erst jetzt, wo ich von Krebs zerfressen bin, gelernt habe, zu leben.“ Die Arbeit mit den Krebspatienten gewährt Yalom tiefe Einsichten in das, was Menschen existentiell bewegt. Und sie wühlt ihn auf. In den 80er Jahren widmet er sich ganz diesem Thema.

Auch das zweite Lehrbuch mit dem Titel Existentielle Psychotherapie wird zum Klassiker. Es ist soeben in zahlreichen Sprachen neu aufgelegt worden. Existentielle Psychotherapie ist für Yalom keine eigene ideologische, psychotherapeutische Schule. Vielmehr will er die Sensibilität aller Therapeuten für die existentiellen Dinge erhöhen. Für Yalom sind die inneren Konflikte, die uns peinigen, nicht nur auf triebhafte Leidenschaften zurückzuführen oder auf Bruchstücke traumatischer Erinnerungen, sondern immer auch auf unsere Konfrontation mit den schwierigen Grundbedingungen menschlicher Existenz: Tod, die Suche nach Sinn, Isolation und Freiheit. Obwohl uns diese existentiellen Herausforderungen immer begleiten, sagt Yalom, gäbe es sehr viele Patienten, die akute Probleme mit ihren Beziehungen haben. Er hat im Verlaufe seines Therapeutenlebens viele Menschen getroffen, die nicht fähig sind, nährende und erfüllende dauerhafte Beziehungen zu anderen aufzubauen, obwohl gerade das die Grundlage für ein erfülltes Leben sei. „Was heilt“, sagt Yalom, „ist letztlich die Beziehung“. In seiner Arbeit legt er deshalb großen Wert darauf, mit seinen Patienten eine empathische, tiefe Bindung aufzubauen.

Nach seinen Lehrbüchern beginnt er in den 90er Jahren auf eine neue Art zu lehren: Durch Geschichten und Romane. Die Liebe und ihr Henker, seine erste Geschichtensammlung, wird zum „New York Times –Bestseller“ und in 30 Sprachen übersetzt. Das gibt ihm den Mut, seinen alten Traum zu verwirklichen und einen Roman zu schreiben. Und Nietzsche weinte wird auf Anhieb zum weltweiten Bestseller mit 5 Millionen verkauften Exemplaren. Der Roman wurde von der Stadt Wien zum „Buch des Jahres“ gekrönt und tausendfach an die Bevölkerung verschenkt. Es folgten Die rote Couch, Die Schopenhauer-Kur und Das Spinoza-Problem. 2015 wird sein neuer Band mit Geschichten aus der Psychotherapie erscheinen: Creatures of a Day, auf Deutsch Denn alles ist vergänglich.

In seinen Romanen und Geschichten, die er als „Teaching Narratives“ bezeichnet, verbindet er psychotherapeutische Erfahrung, Philosophie und historische Forschung zu packenden, tiefgründigen Geschichten. Die Botschaft ist immer dieselbe: Es lohnt sich, den Versuch zu wagen, sich selbst auf die Spur zu kommen und alte Muster zu durchbrechen.

Irvin und Marilyn Yalom haben im Juni 2014 den 60. Hochzeitstag gefeiert. Sie hatten in ihrem Leben und in ihren Karrieren schwierige Zeiten, aber, sagt Irvin, „wir haben nie aufgehört, uns zu lieben und zu respektieren“. Marilyn ist ihren eigenen akademischen Weg gegangen, zuerst als Professorin für französische Literatur am California State College, und später als Leiterin des „Clayman Institute for Gender Research” an der Stanford Universität, einem Forschungsinstitut mit feministischer Ausrichtung. Zu ihren in viele Sprachen übersetzten Werken gehören: Blood sisters: The French Revolution in Women´s Memory, A History of the Wife, Birth of the Chess Queen, Eine Geschichte der Brust und zuletzt Wie die Franzosen die Liebe erfanden. Im Moment schreibt sie an einem Buch über Frauenfreundschaften.

Eine wichtige Rolle spielen in Irvin und Marilyn Yaloms Leben die gemeinsamen Kinder und die Kindeskinder, die alle noch immer in ihrer kalifornischen Nachbarschaft wohnen. Die älteste Tochter Eve Yalom arbeitet als Gynäkologin in Berkley, Reid Yalom ist Fotograph und Weinbauer in Mill Valley, Victor Yalom arbeitet als Psychologe in San Francisco und betreibt einen Internetvertrieb für Videos, die sich mit Psychotherapie befassen, während der jüngste Bruder, Ben Yalom, als Schauspieler und Regisseur die freie Theatertruppe „Foolsfury“ in San Francisco leitet.

Und Nietzsche weinte

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