Neun Leben zu haben statt einem einzigen ist eine riesige Chance. Vor allem, wenn man durch jede Wiedergeburt ein bisschen schöner, klüger und besser wird. Julians Freunde können es gar nicht erwarten, die Schwelle zu ihrem jeweils nächsten Leben zu überschreiten. Doch Julian hat Angst. Seine eigene Mutter wurde in ihrem neunten Leben sehr merkwürdig und verschwand schließlich. Was, wenn einem in Wahrheit mit jedem Tod ein Stückchen vom alten Leben weggenommen wird? Als Julian doch den Sprung ins zweite Leben wagt, sieht er, dass er mit seinen Zweifeln nur allzu recht hat: Er kommt einer riesigen Verschwörung auf die Spur. Einer Verschwörung, die selbst für Menschen mit neun Leben tödlich ist …

Jetzt in »Neun« reinlesen:

Julian öffnete die Augen. Sie brannten. Er öffnete den Mund, und er füllte sich mit Wasser. Er strampelte verzweifelt mit den Beinen und richtete den Blick nach oben – dort war es hell, unten war es dunkel, mehr konnte er mit seinen schmerzenden Augen nicht erkennen. Mit kräftigen Stößen schwamm er auf das Licht zu und erreichte schließlich die Wasseroberfläche.

Dort angekommen spuckte er Wasser und bemühte sich, nicht gleich wieder unterzugehen. Gleichzeitig griff er nach seiner Brust. Sie war noch da, und in ihr flatterte sein Herz so wild wie ein gefangener Vogel. Seine Arme waren ebenfalls noch da, genau wie seine Beine. Und alle anderen wichtigen Körperteile ebenfalls. Alles, wirklich alles befand sich am richtigen Platz.

Er war hier. In einem neuen Körper.

Ihm wurde fast schwindlig vor Übermut.

Fuck, ich hab’s geschafft!

Er war gestorben und wieder auferstanden – in den Augen aller anderen eine völlig alltägliche Sache, die er jetzt ebenfalls hinter sich gebracht hatte.

Ein lauter Signalton erklang, und am Ufer pulsierte ein gelbes Licht. Der Ton und das Licht zeigten einem die Richtung, das lernte jedes Kind in der Grundschule. Er chwamm auf das Ufer zu, und das Vertrauen in seine Arme – seine neuen Arme – wuchs mit jeder Bewegung.

Am Ufer angekommen bedeckte er seine Blöße. Allerdings schämte er sich nicht so sehr, wie er gedacht hatte, denn alle anderen waren ebenfalls nackt. Er sah sich um – es war ein ganz normales Seeufer, abgesehen von den Wächtern, die Wiedergeborene jeden Alters und Aussehens in blassblaue Krankenhaushemden steckten. Von den Wänden des Empfangszentrums blätterte die Farbe ab, darunter wurde der bloße Backstein sichtbar. Die amerikanische Flagge flatterte leicht im schwachen Wind. Das war also der Ort, vor dem er so viel Angst gehabt hatte? Alles sah so … harmlos aus. Langweilig.

Eine Wächterin griff nach seiner Schulter und drehte ihn zu sich herum. Sie trug Latexhandschuhe und reichte ihm mit einem strengen Gesichtsausdruck ein Krankenhaushemd. »Ich würde mich an deiner Stelle beeilen, dann kannst du dich noch vor denen anstellen«, sagte sie und zeigte auf eine Gruppe von etwa zwanzig verwirrt aussehenden älteren Leuten. Gift im Seniorenteller? Ein Gasunfall in einem Altenheim? Er zog das Hemd an und ging den Hügel hinauf.

Sein Mund fühlte sich kribbelig und taub an. Er fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Seit er als Dreijähriger an Halloween hingefallen war, hatte ein Vorderzahn einen kleinen Sprung gehabt. Nun war der Sprung verschwunden. Immer wieder betastete er den Zahn mit der Zunge – er fühlte sich fremd an.

Er berührte seine Arme und seine Brust und strich mit den Händen über seinen neuen Bauch. Er war hart und muskulös, wo sein alter bereits eine kleine, wenn auch kaum wahrnehmbare Fettschicht angesetzt hatte. Dann spannte er seinen Hintern an und griff danach, als niemand hinsah – er war stramm und fest.

Im Inneren des Empfangszentrums lotsten die allesamt mürrischen und ernsten Wächter Julian zur kürzesten Warteschlange. Vor ihm stand ein junger, rothaariger Mann mit einem zuckenden Augenlid. Eine riesige amerikanische Flagge hing von der Decke herab. Die klinische Bürokratie dieses Ortes wirkte beruhigend. Das hier war normal. Die Wiedergeburt war normal.

Zach Hines
© Zach Hines

Zach Hines kommt ursprünglich aus West Virginia. Er verbrachte über zehn Jahre in Hong Kong, wo er als Journalist arbeitete. Dem Schreiben ist er treu geblieben und lebt heute als erfolgreicher Drehbuchautor in Los Angeles. »Neun« ist sein Debütroman.

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