Zweitagsfliegen: Eine Kurzgeschichte von Lucy Astner

Die exklusive Kurzgeschichte zum Buch "Gott hat auch mal 'nen schlechten Tag"

Die Morgensonne war gerade erst über dem Bach aufgegangen, als im Schatten eines hübschen Blütenblattes zwei Eintagsfliegen aus ihren Eiern schlüpften – die eine groß, die andere etwas kleiner.
Die Luft war herrlich warm, und am Himmel surrten bereits die ersten Bienen auf der Suche nach süßem Nektar.
„Was für ein wundervoller Tag, um geboren zu werden“, freute sich die kleinere der beiden Eintagsfliegen und kletterte rasch auf das Blütenblatt, um die Wiese in all ihrer Pracht besser sehen zu können.
Als sie ihre große Schwester hinter sich entdeckte, rieb sie sich erstaunt die Äuglein. „Huch. Wer bist denn du?“
„Ich bin genau wie du, nur etwas größer“, antwortete die Große und reckte ihre knitterigen Flügel. „Und weil ich größer bin, heißt das wohl, dass ich hier die Anführerin bin.“
„Du bist die Anführerin?“, fragte die Kleine und sah sie erstaunt an.
„Die Großen führen die Kleinen“, antwortete die Große entschlossen. „So ist es immer, so muss es sein.“
Die Kleine dachte einen Augenblick nach und nickte dann vergnügt. „In Ordnung. Und wohin führst du mich?“
Da musste die Große erst einmal überlegen – es gibt schließlich viele Wege, die man im Leben gehen kann.
„Na ja“, sagte sie schließlich und räusperte sich kräftig, um etwas sicherer zu klingen. „Wir sind Eintagsfliegen, das heißt, uns bleibt nicht allzu viel Zeit.“
„Eintagsfliegen?“, fragte die Kleine überrascht.
Die Große nickte. „Eintagsfliegen, jawohl. Und das bedeutet, dass wir für alles, was wir im Leben tun wollen, nur diesen einen Tag haben.“
Die Kleine riss erschrocken die Augen auf. „Nur einen Tag? Das ist nicht viel, oder?“
„Nein, das ist nicht viel“, bestätigte die Große. „Und deshalb sollten wir jetzt auch schnell das Allerallerwichtigste tun.“
„Natürlich“, sagte die Kleine und nickte kräftig, denn sie wollte auf keinen Fall, dass die Große sie für dumm hielt.
Aber dann kratzte sie sich verlegen mit dem Flügel am Kopf. „Was ist denn das Allerallerwichtigste?“
„Das ist doch offensichtlich“, sagte die Große und rollte mit den Augen. „Wir suchen den Sinn des Lebens.“
„Aber klar doch.“ Die Kleine klatschte begeistert. „Wir suchen den Sinn des Lebens. Was hab ich nur für ein Glück, so eine kluge Schwester wie dich zu haben!“ Doch dann fiel ihr plötzlich etwas ein und sie stieß die Große zaghaft an. „Und wo finden wir ihn, diesen Sinn des Lebens?“
„Wenn ich das wüsste, müssten wir ihn ja nicht suchen“, erwiderte die Große und rollte ein weiteres Mal mit den Augen.
In diesem Moment sah die Kleine einen Schmetterling vorbeiflattern.
Seine Flügel schimmerten in den allerschönsten Frühlingsfarben, und mit jedem Flügelschlag wirbelte er noch etwas ausgelassener über den rauschenden Bach.
Da huschte ein Lächeln über das Gesicht der kleinen Eintagsfliege. „Aber bevor wir den Sinn des Lebens suchen, haben wir sicher noch etwas Zeit, oder? Ich will erst noch über den Himmel tanzen wie dieser Schmetterling.“
Die Große wollte gerade „Nein!“ rufen – denn wenn es eines gibt, was Eintagsfliegen nicht haben, dann ist es Zeit –, aber da hatte die Kleine bereits ihre Flügel ausgestreckt und sich in die Luft erhoben.
„Hui, hui, huuuuuiii“, jubelte sie, während sie ihre Kreise über den spritzenden Bach zog.
„Warte auf mich!“, rief die Große und eilte ihrer Schwester hinterher – denn so ist es immer, so muss es sein: Dass sich die Großen um die Kleinen kümmern.
Als die Kleine endlich auf einem Stein landete und vergnügt nach Luft schnappte, war auch die Große völlig außer Atem.
„Ich weiß nicht, ob du es vielleicht vergessen hast“, japste sie, „aber eigentlich bin ich hier die Anführerin. Und deshalb schlage ich vor, dass wir jetzt wirklich den Sinn des Lebens suchen sollten.“
„Natürlich“, sagte die Kleine schnell, denn sie wollte der Großen auf keinen Fall widersprechen. Was war es nur für ein Glück, so eine verantwortungsbewusste Schwester zu haben!
Doch in diesem Augenblick huschte ein Eichhörnchen an ihrem Stein vorbei. Mit seinen Pfoten stieß es eine kleine Haselnuss aus dem letzten Herbst vor sich her. Es hüpfte und juchzte, und zu guter Letzt stieß es die Nuss mit einem lauten Jubelschrei in ein Loch im Boden. „Tooor!“, rief es, bevor es strahlend zwischen den Baumstämmen des Waldes verschwand.
Ein Leuchten schlich sich in den Blick der kleinen Eintagsfliege. „Aber bevor wir den Sinn des Lebens suchen, haben wir sicher noch etwas Zeit, oder? Ich muss nämlich dringend noch mit dieser Nuss spielen.“
Und während die Große noch ihre Flügel sortierte, erhob sie sich bereits in die Luft und flog schnurstracks auf eine zweite Haselnuss am Boden zu.
Die Große wollte gerade „Nein!“, rufen – denn wenn es eines gibt, was Eintagsfliegen nicht haben, dann ist es Zeit –, aber da hatte die Kleine die Nuss bereits erreicht und stieß sie heiter vor sich her, einmal quer über die bunte Wiese.
Die große Eintagsfliege eilte ihr hektisch hinterher – denn so ist es immer, so muss es sein: Dass sich die Großen um die Kleinen kümmern.
„Toooor!“, schrie die Kleine schließlich und versenkte die Nuss in einem tiefen Erdloch. Erschöpft und glücklich landete sie auf einer Baumwurzel.
Die Große ließ sich schwer atmend neben ihr nieder. „Ich weiß nicht, ob du es vielleicht vergessen hast“, japste sie, „aber eigentlich bin ich hier die Anführerin. Und deshalb sage ich, dass wir jetzt dringend den Sinn des Lebens suchen müssen.“
„Natürlich“, antwortete die Kleine schnell, denn sie wollte der Großen auf keinen Fall das Gefühl geben, dass sie sie nicht ernst nahm. Was war es nur für ein Glück, so eine vernünftige Schwester zu haben!
Doch im nächsten Augenblick hörte sie über sich ein wildes Pochen.
Pock, pock, peng. Als sie den Kopf in den Nacken legte, entdeckte sie hoch oben am Baumstamm einen kleinen Specht, der ein heiteres Konzert am Stamm des Baumes veranstaltete, bevor er die Flügel spreizte und singend in den Frühlingshimmel verschwand.
Die Augen der kleinen Eintagsfliege begannen zu strahlen. „Aber bevor wir den Sinn des Lebens suchen, haben wir sicher noch etwas Zeit, oder? Ich muss nämlich dringend noch ein bisschen Musik machen.“
Die Große wollte gerade „Nein!“ rufen – denn wenn es eines gibt, was Eintagsfliegen nicht haben, dann ist es Zeit –, aber da war die Kleine bereits am Stamm des Baumes emporgeflogen und klopfte wild gegen dessen Rinde.
Dong, ding, kleck, ertönte ihr Konzert, und auch wenn es nicht so laut war wie das des Spechts, empfand die kleine Eintagsfliege die allergrößte Freude dabei.
Die Große flatterte hektisch um ihre kleine Schwester herum – denn so ist es immer, so muss es sein: Dass sich die Großen um die Kleinen kümmern. Aber die Kleine hörte die Einwände der Großen gar nicht bei der ganzen wunderbaren Trommelei.
Erst als sich die Kleine zufrieden auf einem Blatt in der Baumkrone ausruhte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre große Schwester.
„Ich weiß nicht, ob du es vielleicht vergessen hast“, japste die Große, „aber eigentlich bin ich hier die Anführerin.
Und deshalb bestimme ich, dass wir jetzt unbedingt den Sinn des Lebens suchen müssen.“
„Natürlich“, sagte die Kleine schnell, denn sie wollte der Großen auf keinen Fall das Gefühl geben, dass sie nicht auf sie hörte. Was war es nur für ein Glück, so eine hartnäckige Schwester zu haben!
Doch im nächsten Augenblick entdeckte sie unten auf der Wiese einen kleinen Maulwurf, der haufenweise Erde aus dem Boden warf und sich über seine hübschen Hügel freute.
Da schlich sich ein Staunen auf das Gesicht der kleinen Eintagsfliege. „Aber bevor wir den Sinn des Lebens suchen, haben wir sicher noch etwas Zeit, oder?
Ich muss nämlich dringend noch ein Bild auf den Wiesenboden zeichnen.“
Die Große wollte gerade „Nein!“ rufen – denn wenn es eines gibt, was Eintagsfliegen nicht haben, dann ist es Zeit –, aber da war die Kleine bereits in die Tiefe gesaust und warf mit ihren winzigen Beinchen die schönsten Erdmuster auf den Wiesenboden. Die Große hetzte hinterher – denn so ist es immer, so muss es sein: Dass sich die Großen um die Kleinen kümmern.
Doch als ihr die feuchte Erde um den Kopf flog, gab sie auf und setzte sich zurück an den Bach, um auf ihre kleine Schwester zu warten.
Als diese endlich fertig war und sich zur Großen gesellte, dämmerte es bereits.
Die Sonne war hinter dem Wald zur Ruhe gegangen, und auf der Wiese begannen die Grillen zu zirpen.
Da sah die Kleine, dass die Große traurig den Kopf hängen ließ.
„Was ist denn los?“, fragte sie zaghaft und legte behutsam einen Flügel um ihre große Schwester.
Die Große seufzte leise. „Sieh dich doch um“, schniefte sie und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Der Tag ist vorbei, und wir haben den Sinn des Lebens nicht gefunden. Genau genommen haben wir ihn nicht einmal richtig gesucht.“
Plötzlich fühlte sich die kleine Eintagsfliege ganz furchtbar schlecht. Sie hatte nicht auf die Große gehört, sondern den ganzen Tag nur Spaß haben wollen. Und jetzt war einzig und allein sie schuld daran, dass ihre Zeit zu Ende ging und sie den Sinn des Lebens nicht gefunden hatten.
Vorsichtig legte sie den Kopf an die Schulter ihrer Schwester.
„Es tut mir leid“, murmelte sie. „Ich wünschte, ich könnte die Zeit zurückdrehen. Dann wäre ich nicht über den Bach geflogen, hätte nicht mit der Nuss gespielt, keine Musik gemacht und keine Erdbilder gemalt. Und dann hätten wir ihn vielleicht gefunden, den Sinn des Lebens, genau wie du es dir gewünscht hast. Aber jetzt ist es zu spät, um all meine Fehler wiedergutzumachen.“
„Ist schon gut“, seufzte die Große tapfer, denn mit einem Mal spürte sie, dass sie sich insgeheim darüber freute, dass die Kleine bei alledem so viel Spaß gehabt hatte.
Flügel an Flügel saßen die beiden Eintagsfliegen unter dem Blütenblatt, unter dem sie am Morgen geboren worden waren, und lauschten der Nachtigall, bis sie beide gemeinsam einschliefen.
Doch am nächsten Morgen schlugen wie durch ein Wunder erst die Kleine und dann auch die Große die Augen wieder auf.
„Wie … wie kann das sein?“, fragte die Kleine ungläubig. „Du hast doch gesagt, wir sind Eintagsfliegen – wir haben nur einen einzigen Tag.“
Auch die Große konnte es kaum glauben. Aber dann schlich sich plötzlich ein Lächeln auf ihr Gesicht.
„Vielleicht habe ich mich geirrt“, gab sie zu und stupste die Kleine an. „Vielleicht sind wir gar keine Eintagsfliegen, sondern Zweitagsfliegen.“
„Zweitagsfliegen?“ Die Kleine staunte. Dann strahlte sie die Große an. „Das ist ja wunderbar! Wir haben eine zweite Chance bekommen – und diesmal machen wir nicht dieselben Fehler, das verspreche ich dir. Heute finden wir den Sinn des Lebens.“
Sie wollte sofort losfliegen, um ihrer Schwester zu beweisen, dass sie es ernst meinte – aber die Große folgte ihr nicht. Stattdessen schloss sie für einen Moment die Augen und lauschte dem fröhlichen Rauschen des Baches und dem Summen der Bienen, die über die Wiese flogen.
Sie hörte das Klopfen der Spechte im Wald und roch die frischen Erdhügel der Maulwürfe. Und auf einmal breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie öffnete die Augen und strahlte ihre kleine Schwester an.
„Doch, heute machen wir genau dieselben Fehler wie gestern – nur dass wir sie diesmal gemeinsam machen. Ich möchte nämlich auch über den Himmel tanzen und Erdbilder zeichnen, ich möchte Musik machen und Nüsse in Löcher schießen.“
„Wirklich?“, staunte da die Kleine.
„Wirklich!“, erwiderte die Große.
„Und was ist mit dem Sinn des Lebens?“
„Den müssen wir nicht mehr suchen“, sagte die Große und lächelte. „Weil ich ihn nämlich schon gefunden habe.“
Mit großen Augen blinzelte die kleine Eintagsfliege ihre große Schwester an. „Du hast ihn gefunden?“
Die Große nickte. „Im Grunde war er immer hier, die ganze Zeit direkt vor unseren Nasenspitzen.“
„Aber wir haben doch gar keine Nasenspitzen“, belehrte die Kleine sie, und die Große lachte und streckte ihrer Schwester einen Flügel entgegen.
„Du und ich, ich und du – das muss er sein, der Sinn des Lebens.“
Die Kleine kicherte. „Einen schöneren Sinn kann ich mir gar nicht vorstellen.“
Und dann flogen sie gemeinsam in den Frühlingshimmel – und verbrachten den schönsten Tag ihres Lebens!

LUCY ASTNER

Gott hat auch mal 'nen schlechten Tag

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