Der ewige Gast

Wie mein türkischer Vater versuchte, Deutscher zu werden

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Tosun ist der Sohn eines Istanbuler Papierfabrikanten, im Herbst 1958 kommt der junge Türke nach Deutschland – noch vor den Gastarbeitern. Nach dem Studium heiratet er Maria, die von einem bayerischen Bauernhof stammt, und gründet eine Familie, in der nur Deutsch gesprochen wird. Tosun wird Manager in einer deutschen Firma und deutscher Staatsbürger. Er beginnt, auf Deutsch zu träumen, und sogar sein Gaumen passt sich deutschen Gepflogenheiten an: Er entwickelt eine Vorliebe für Schweinebraten und Weißbier.

Doch heute, sechzig Jahre später, zieht Tosun eine ernüchternde Bilanz. Zwar hat er alles unternommen, um sich zu integrieren. Dennoch wurde ihm immer wieder bedeutet, dass er weniger wert sei als ein „echter“ Deutscher. Ganz anders erging es seiner Schwester, die damals in die USA auswanderte – und dort nie Diskriminierung erfuhr.

Anschaulich und differenziert erzählt der Journalist Can Merey die Geschichte seines Vaters. Nach der Lektüre erscheint das Leben der drei Millionen Deutschtürken in neuem Licht - und die komplexe Beziehung Deutschlands zur Türkei.

»Ein ruhiges abwägendes Buch. Hier schreibt keiner, der den Deutschen endlich mal den sogenannten Spiegel vorhalten will.«

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (29. Juli 2018)

eBook epub (epub), 13 s/w Abbildungen
ISBN: 978-3-641-21848-5
Erschienen am  10. April 2018
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Beeindruckend, bewegend, eröffnet neue Sichtweisen

Von: B. Hoffmann aus Freiburg

24.03.2019

Der Journalist Can Merey ist Halbtürke mit türkischem Vater und bayrischer Mutter. Er geht in diesem Buch zunächst der Geschichte seines Vaters nach und später seiner eigenen Identität. Tosun, sein Vater, kam als Stipendiat noch vor den Gastarbeitern Ende der 1950er Jahre nach Deutschland. Er gehörte zu den gebildeten "Weißtürken", die ebenso wie viele Deutsche die dann Anfang der 1960er Jahre ankommenden eher wenig gebildeten Gastarbeiter (=Schwarztürken) etwas verachteten, sie für primitiv hielten, auch wenn sie hier, besonders im Bergbau und in Fabriken, gern gesehene und dringend benötigte Arbeitskräfte waren. All das war für mich noch nicht so neu. Unbekannt war mir aber, wie eng und freundschaftlich die Verbindungen zwischen Deutschland und der Türkei früher waren, da zum Beispiel in der Nazizeit Verfolgte in die Türkei flohen und dort dann ihr Wissen ins türkische Leben mit einbrachten. Und langsam arbeitet Can Merey dann heraus, wie schwer seinem Vater das Leben in Deutschland gemacht wurde, sei es -trotz sehr guter Ausbildung und guter Sprachkenntnisse- bei der Arbeitssuche oder bei der Einbürgerung, die geradezu absurde Züge trägt. Die Vorgänge werden beschrieben, es wird immer versucht, beide Seiten zu beleuchten (also z.B. den Wunsch nach Zugehörigkeit, aber auch die Sorge der Behörden), und als Deutsche öffnen sich mir da oft die Augen, und ich schäme mich, denn manchmal merke ich, dass mein Bild von Türken auch durch die eher wenig gebildete Gruppe der Gastarbeiter geprägt ist. Und so schildert Merey, wie sein so deutschenoffener Vater, der natürlich auch gute Freunde in Deutschland gefunden hat, irgendwann sogar zum Erdogan-Anhänger wird, der ja am Anfang seiner politischen Karriere als "Europäer des Jahres" durchaus Hoffnung machende Entwicklungen in Gang setzte. Doch viele Türken änderten schließlich frustriert ihre Europa zugewandte Haltung, mit beeinflusst durch die ablehnende Haltung Deutschlands, die lang versprochene Aufnahme der Türken in die EU umzusetzen, sondern allenfalls eine "privilegierte Partnerschaft" zuzulassen. Das alles am Beispiel dieses offenen und klugen Vaters zu lesen, ist sehr spannend und bewegend. Merey berichtet, dass die Türken sich als "Mitbürger mit Verfallsdatum" fühlen, sie empfinden die Haltung der Deutschen oft als besserwisserisch und wenden sich deshalb Erdogan zu, der sich ihrer annimmt. Merey relativiert das Wahlergenis der Deutschtürken, die Erdogan gewählt haben (nur 15% der hier lebenden Türken hätten E. gewählt, allerdings waren das dann 63% der abgegebenen Stimmen) und berichtet, dass die Leute meist nicht für die autokratische Verfassung der Türkei gestimmt hätten, sondern gegen die Verhältnisse in Deutschland, wo ihnen immer signalisiert worden sei, Bürger zweiter Klasse zu sein, egal, wie sehr sie sich um Integration bemühen. Und dieses Thema zieht sich durch bis in Can Mereys eigene Generation, obwohl er in Deutschland geboren wurde und in seiner Kindheit gar nicht türkisch sprach, nur aufgrund seines Namens, der seine teil-türkische Herkunft deutlich macht. Und er vergleicht das mit der Familie seiner Tante, die in den USA lebt und ihre türkischen Wurzeln nie als Ressentiments weckend empfunden hat. Das Buch ist spannend, lehrreich, entlarvend, bewegend und bringt mich zum Nachdenken. Unbedingt lesenswert, auch wenn man denkt, dass man doch offen ist und keine Vorurteile hat.

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Ein Buch, das zum Nachdenken anregt

Von: Annette Traks

11.05.2018

Nach dem Abitur auf einem türkischen Elite-Gymnasium kommt Tosun Merey, Sohn eines Istanbuler Papierfabrikanten, 1958 nach Deutschland, wo er am Goethe-Institut in Blaubeuren Deutsch lernt. Er absolviert den Militärdienst in der Türkeit, kehrt danach aber nach Deutschland zurück, studiert an der Ludwig-Maximilians-Universität Betriebswirtschaft und entscheidet sich für ein Leben in Deutschland. 1968 heiratet er Maria, die auf einem bayerischen Bauernhof groß geworden ist, und bekommt mit ihr zwei Söhne. In der Familie wird ausschließlich Deutsch gesprochen - Tosun träumt sogar in dieser Sprache. Er verinnerlicht die deutsche Lebensweise, achtet die freiheitlich-demokratische Grundordnung, wird Manager einer deutschen Firma, erkämpft sich die deutsche Staatsbürgerschaft, obwohl er die türkische dafür abgeben muss. Doch trotz aller Bemühungen um Integration muss Tosun ca. 60 Jahre später erkennen, dass er in Deutschland keine neue Heimat finden konnte, da er meist als Mensch zweiter Klasse behandelt wird. Resümee: Can Merey (*1972), Journalist und Autor dieses Buches, ist Tosuns Sohn und erzählt die Geschichte seines Vaters. Zahlreiche Anekdoten aus dessen Leben verbindet er mit ausführlichen Informationen zu den jeweils herrschenden gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten in der Türkei bzw. Deutschland. Auf diese Weise kann der Leser die Entwicklung von 1958 bis in die nahe Gegenwart nachvollziehen. Can Merey betont ausdrücklich, dass dieses Werk keine Anklageschrift gegen Deutschland sein soll. Es gibt zweifelsohne etliche Türken, die sich nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren wollen. Doch in Bezug auf Tosun Merey ist eine große Desillusion spürbar, dass er auch nach 60 Jahren, in denen er • die deutsche Sprache perfekt gelernt, • studiert, • eine Deutsche geheiratet und mit ihr eine Familie, in der ausschließlich Deutsch gesprochen wird, gegründet, • für eine deutsche Firma in gehobener Position gearbeitet, • die deutsche Staatsbürgerschaft und Lebensweise angenommen, kurz, in denen er alles versucht hat, Deutscher zu werden, nicht dazugehört, sondern der ewige Gast geblieben ist. Tosuns Integration ist also keineswegs an seiner Verweigerung gescheitert, sondern an der mangelnden Akzeptanz durch die Gesellschaft, die zum Teil in Fremdenfeindlichkeit ausartet. Und selbst seinem Sohn Can begegnet man heute vielfach immer noch mit einer gewissen Distanz und Skepsis bzgl. seiner Fähigkeiten. Das Buch regt zum Nachdenken an, umso mehr, wenn man liest, wie die Auswanderung von Tosuns älterer Schwester in die USA sowie ihre 100%-ige Eingliederung geglückt sind. Fazit: ein Werk, das die aktuelle Islam-Debatte und die Einstellung vieler Türken zu Präsident Erdogan von einer anderen Seite beleuchtet.

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Vita

Can Merey wurde 1972 in Frankfurt/Main als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Der Job des Vaters führte die Familie unter anderem nach Teheran, Singapur und Kairo. Nach dem Studium der Sozialarbeit in Aachen wechselte Can Merey in den Journalismus. Von 2003 bis 2013 war er Südasien-Büroleiter der Deutschen Presse-Agentur (dpa) mit Sitz in Neu Delhi, im Zentrum der Berichterstattung stand der eskalierende Konflikt in Afghanistan. Pünktlich zu den Gezi-Protesten und dem Beginn der deutsch-türkischen Spannungen wechselte er 2013 nach Istanbul, seither ist er dpa-Büroleiter für den Nahen Osten mit Schwerpunkt Türkei-Berichterstattung.

Zur AUTORENSEITE

Pressestimmen

»Ein sehr gutes, ein wichtiges Buch in der aktuellen Debatte um die Frage 'Was ist Deutsch?'. Absolute Kaufempfehlung!"

Ingo Zamperoni

»Der Journalist Can Merey hat gerade ein erhellendes wie bitteres Buch über seinen Vater geschrieben, das exakt zu #MeTwo passt.«

Weser Kurier (30. Juli 2018)

»Ein Beitrag zur aktuellen Ausländerdebatte: Es zeigt, dass viele Vorurteile schon früher da waren, dass es dafür Erdogan gar nicht brauchte.«

Süddeutsche Zeitung (16. Juli 2018)

»Ein bemerkenswertes Buch, eine bewegende, bittere Bilanz deutsch-türkischer Missverständnisse.«

Süddeutsche Zeitung (16. Juli 2018)

»Mereys Buch ist nicht nur gefühlvoll und sprachgewaltig geschrieben, es ist das erhellendste Buch zum Thema, das die Wogen in Österreich, Deutschland und der Türkei hochgehen lässt wie kaum ein zweites.«

Kleine Zeitung (01. Juli 2018)

»Der Auslandskorrespondent Can Merey hat mit „Der ewige Gast“ eines der lesenswertesten Bücher des Jahres geschrieben. […] Wer beim Thema Integration mitreden möchte, sollte es sich nicht entgehen lassen.«

Neue Osnabrücker Zeitung (29. Juni 2018)

»Ein unsentimentaler und reflektierter Erfahrungsbericht, wie deutsche Fremdenfeindlichkeit Integration verhindern kann.«

Frankfurter Allgemeine Zeitung (17. Juli 2018)