Die Spuren der Stadt

Roman

(7)
eBook epub
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Was hören wir, wenn wir der Stadt lauschen? Welche Spuren hinterlässt sie in uns? Wer ist am anderen Ende, wenn wir telefonieren? Kennen wir die, die an der Straßenecke stehen, verzaubert von den Lichtern und Geräuschen der Stadt? Lars Saabye Christensens Roman spielt im Oslo der Nachkriegszeit - er erzählt darin auf berührende, süchtig machende Weise von den Sehnsüchten und Nöten seiner Bewohner, deren Schicksal unauslöschlich mit der Stadt und den Straßen, in denen sie leben, verwoben ist.


Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Originaltitel: BYENS SPOR
Originalverlag: Cappelen Damm
eBook epub (epub)
ISBN: 978-3-641-23116-3
Erschienen am  02. September 2019
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Entschleunigte Milieustudie aus der Nachkriegszeit

Von: Kati liest

10.02.2020

Mit „Die Spuren der Stadt“ gelingt Christensen eine interessante Milieustudie, die im Oslo der Nachkriegszeit verortet ist. Ich habe gut hundert Seiten gebraucht, um mich an das eher langsame Tempo und die ruhige, unaufgeregte, teils melancholische Erzählweise zu gewöhnen. Zu Beginn störten mich dabei vor allem die Protokolle der Sitzungen des Roten Kreuz, die jedem Kapitel nachgelagert sind. Im Laufe der Lektüre lernte ich sie als weiteres Stilmittel zur Entschleunigung immer mehr zu schätzen, denn sie geben dem Roman einen zeitlichen Rahmen, helfen bei der Einordnung der Geschehnisse und vermitteln einen Eindruck vom Wandel und den Bedürfnissen in den Jahren nach dem Krieg. Im Verlauf der Erzählung lernt der Leser nicht nur die Stadt – ich war bisher leider noch nie in Oslo –, sondern auch die Charaktere immer wieder neu und aus anderer Perspektive kennen. Dabei beeindruckte mich vor allem der stets fließende Übergang zwischen den Figuren innerhalb einzelner Abschnitte. Jede Begegnung und jeder Weg, der sich kreuzt, wird so zu einem erzählerischen Element, denn sie sind immer auch mit einem Perspektivwechsel verbunden. Alle Figuren eint der Einfluss der Kriegsjahre, ein Schwanken zwischen altem und neuem Leben. So wie der 7-jährige, hochsensible Jesper Kristoffersen sich erst im Leben zurecht finden muss, suchen auch seine Mutter Maj, Vater Ewald oder Witwe Frau Vik zwischen den Sorgen des Alltags und in den Wirrungen eines neuen Zeitalters nach Fixpunkten. Auch wenn einen die Lebensgeschichten der Figuren nicht immer direkt packen, schafft Christensen es gleichzeitig mit seiner scharfen Beobachtungsgabe das Bild einer Stadt zu zeichnen, über die der Leser mehr erfahren möchte. Dabei zeigen nicht nur Platz, jede Straße oder jedes Lokal zeigen Norwegens Hauptstadt immer wie neu und anders, sondern auch die Jahres- und Tageszeiten bestimmen die Wahrnehmung einer Stadt, die gelebt und erlebt werden will. Für Oslo-Fans und diejenigen, die es noch werden wollen, ein Muss. Für alle anderen eine entschleunigende Lesereise mit Höhen und Tiefen. Lieblingszitat: „Sie sind noch Kinder, doch der Krieg, an den sich kaum einer von ihnen noch erinnert und den sie dennoch nicht vergessen können, hat einen Schatten auf sie geworfen, der ihr Alter vollkommen durcheinander bringt.“

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Spuren

Von: LiteraturReich

22.01.2020

Er zählt in Norwegen zu den wichtigsten Autoren und ist vielfach preisgekrönt. Für mich gehört Lars Saabye Christensen mit seinem Roman „Die Spuren der Stadt“ zu den Entdeckungen der letztjährigen Frankfurter Buchmesse. „Wer Lars Saabye Christensen liest, will nie mehr aufhören damit“ steht als Teaser auf dem Cover. Und da ist tatsächlich was dran. Man sollte allerdings das langsame, nostalgische Erzählen schätzen und keine ungeheure Begebenheiten oder fesselnde Spannungsbögen fordern. Lars Saabye Christensen erzählt aus dem Leben ganz „normaler“ Leute mit ihren kleinen und großen Sorgen und Tragödien, und das mit einer ganz eigenen, besonderen Sprache, mit viel Wärme und Sorgfalt. „Wehmut ist das langsamste aller Gefühle.“ heißt es einmal. Und der Ton, der das Buch durchzieht, ist einer der Wehmut. Das Leben, das beschrieben wird, gibt es so nicht mehr. Wehmut, die vielleicht auch der Autor empfunden haben mag, als er nach dem Tod seiner Mutter die Sitzungsprotokolle des Ortsvereins Fagerborg des Norwegischen Roten Kreuzes fand, die diese als Schriftführerin von 1950 bis 1973 verfasste und sorgsam aufbewahrte. Sie fanden (vielleicht etwas verändert) Eingang in diesen Roman und bilden jeweils das Ende eines jeden Kapitels. Ein formales Element, das zunächst vielleicht ein wenig irritieren mag – geben die Protokolle doch nicht besonders viel her, es wird über Spendeneinnahmen berichtet, über die Verpflegung von „Judenkindern aus Deutschland“ auf der Durchreise, auf geplante Basare und Seniorenausflüge hingewiesen, Budgetpläne entworfen. Und doch geben diese Einträge nicht nur einen Blick auf die schwierige wirtschaftliche Situation der Nachkriegszeit, sondern auch auf das spezielle soziale Gefüge in Fagerborg. „Die Spuren der Stadt“ ist der erste Teil einer Trilogie, die einen Jungen, Jesper Kristoffersen, über lange Jahre begleiten wird. Zu Beginn ist Jesper sechs Jahre alt, wir schreiben das Jahr 1948. Familie Kristoffersen lebt in einem noch ein wenig ländlich geprägten Stadtteil Oslos. Die Wohnanlage Jessenløkken am Kirkeveien ist die Heimat der dreiköpfigen Familie, zu der später noch die kleine Stine hinzukommt. Vater Ewald ist in der Werbebranche tätig, gerade mit der Planung der anstehenden 900 Jahr-Feier Oslos beschäftigt, Mutter May arbeitet ehrenamtlich beim Roten Kreuz. Die Nachbarin, die Witwe Margarethe Vik passt dann schon mal auf die Kinder auf. Der Frognerpark und der Straßenbahnkreuzungspunkt Majorstua begrenzen die kleine Welt Jespers. Jesper gilt als unruhig und anstrengend, heute würde man ihn sensibel und begabt nennen. Er freundet sich mit dem Schlachtersohn Jostein an, der seit einem Unfall hörgeschädigt ist und zu Jespers großer Trauer bald nicht mehr mit ihm die Schule besuchen darf, sondern auf eine Sonderschule gehen muss. Ein großes Glück ist für Jesper das Klavier und die Übungsstunden beim italienischen Barpianisten Enzo Zanetti. Die Zeiten sind schwer. Der Krieg und die deutsche Besatzung hängen nach. Man merkt das manchmal nur an nebenbei erwähnten Kleinigkeiten, den durchreisenden jüdischen Kindern auf „Erholung“, den Bittgesuchen, die beim Roten Kreuz eingehen, der Kargheit der Verhältnisse. Die Stimmung ist aber verhalten optimistisch, man klagt nicht. Es passiert gar nicht viel im Kirkeveien 127 – und doch ist es das ganze Leben. Jesper kommt in die Schule, findet einen Freund, bekommt eine kleine Schwester, der Vater erkrankt schwer. Nachbarin Vik lernt einen neuen Mann kennen, heiratet und zieht fort, Familie Kristoffersen bekommt ein Telefon. Die Arbeit des Roten Kreuzes geht weiter. Lars Saabye Christensen schafft mit „Die Spuren der Stadt“ ein ungeheuer atmosphärisches Bild, melancholisch, ein bisschen wehmütig, aber auch voll leisem Humor. Er begleitet seine Figuren sehr warmherzig und sie wuchsen der Leserin sehr schnell ans Herz, ohne dass das Erzählen jemals sentimental wurde. Für ungeduldige Leser*innen ist dieses Erzählen vielleicht nicht das Richtige. Für alle anderen gilt vielleicht wie für mich: „Wer Lars Saabye Christensen liest, will nie mehr aufhören damit.“ In Norwegen sind alle drei Teile der Trilogie bereits erschienen. Ich hoffe, wir müssen hier in Deutschland nicht zu lange auf Teil 2 und 3 warten.

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Vita

Lars Saabye Christensen, 1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher sind in 36 Sprachen übersetzt und wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Nordischen Literaturpreis, mehrmals mit dem Norwegischen Kritikerpreis, dem Preis des Norwegischen Buchhandels sowie dem Preis des Norwegischen Verlegerverbandes.

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