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Die Welt, die Rätsel bleibt Essays über Elias Canetti, Paul Celan, Emily Dickinson, Franz Kafka, Imre Kertesz, Herman Melville, Amos Oz, Sylvia Plath, Rainer Maria Rilke u.v.a.

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eBook (epub) ISBN: 978-3-641-11231-8

Erschienen:  28.10.2013
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Wo der Sprache die Worte fehlen, da beginnt die Literatur

Der Literatur ist die Sehnsucht nach dem Unsagbaren und der Grenzgang zwischen Sprache und Schweigen nicht auszutreiben. Ihre besten und bleibendsten Werke wissen um die Grenze des Sagbaren und nähern sich doch mit Vehemenz immer wieder den Mysterien des Lebens. Wie Literatur das tut, dem versucht Anna Mitgutsch in diesem Band nachzugehen. Ihre Essays reichen von der Bedeutung des Horizonts und des Schweigens in der Kunst über den Zivilisationsbruch der Shoah bis zu den Themen Heimat und Fremde, Exil und Emigration, Freiheit und Macht. Sie berühren Literatur ebenso wie Philosophie und Religion.

2015 erhielt Anna Mitgutsch das Ehrendoktorat der Universität Salzburg zur Laudatio

Anna Mitgutsch (Autorin)

Anna Mitgutsch, 1948 in Linz geboren, unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an österreichischen und amerikanischen Universitäten. Für ihr literarisches Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Solothurner Literaturpreis, den Würdigungspreis (Staatspreis) für Literatur der Republik Österreich und das Ehrendoktorat der Universität Salzburg. Seit den siebziger Jahren übersetzt sie Lyrik und verfasste bisher zehn Romane, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Bei Luchterhand erschienen die Romane „Ausgrenzung“ (1989), „In fremden Städten“ (1992), „Haus der Kindheit“ (2000), „Familienfest“ (2003), „Zwei Leben und ein Tag“ (2007) und „Wenn du wiederkommst“ (2010) sowie zuletzt der Essayband „Die Welt, die Rätsel bleibt“ (2014).

www.anna-mitgutsch.at

eBook (epub)

ISBN: 978-3-641-11231-8

€ 15,99 [D] | CHF 19,00* (* empfohlener Verkaufspreis)

Verlag: Luchterhand Literaturverlag

Erschienen:  28.10.2013

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Über die Freiheit der Literatur

Von: Buchfundbüro Datum: 30.01.2018

www.buchfundbuero.wordpress.com

Heimat und Fremde, die Macht der Sprache, das Verhältnis von Politik und Kunst: Von geradezu überzeitlicher Aktualität erscheinen die Themen, denen sich Anna Mitgutsch in ihren Essayband Die Welt, die Rätsel bleibt zuwendet. Nach Erinnern und Erfinden ist dies die zweite Aufsatzsammlung der Autorin und Literaturwissenschaftlerin, die einem breiteren Lesepublikum vor allem durch ihre zahlreichen Romane bekannt wurde.

Die Sammlung, in der sich literaturwissenschaftliche mit philosophischen und religiösen Perspektiven verbinden, umfasst dabei insgesamt siebzehn, im Zeitraum zwischen 1990 und 2013 entstandene Texte. In einem ersten Kapitel mit dem Titel „Porträts“ finden sich hier neben literarischen Werkanalysen – etwa zum Tod bei Elias Canetti, den Kibbuz-Romanen bei Amos Oz oder den Frauenfiguren bei Marlen Haushofer – auch Aufsätze, die selbst eher poetische Züge tragen. Den Auftakt des Bandes bildet so etwa ein nachgetragener Brief an Sylvia Plath – eine einfühlsame, behutsame Annäherung an die Ikone einer früheren Zeit:
„Einmal warst du uns Töchtern gut genug als Waffe gegen Mütter und Ehemänner. […] Du warst unsere Garantin, daß nichts vergeblich war, daß wir uns rächen würden, wenn auch nur mit Metaphern.“ Es ist zugleich auch eine Verteidigung der Dichterin gegenüber einer Generation, die sich vor allem „starke Frauen als Vorbilder“ wünscht – und der Plath so „unzeitgemäß wie die Lorelei“ erscheinen muss. Den Diagnosen, die Plath von ihren „neuen Biographinnen“ ausgestellt werden, kann Mitgutsch dabei nur wenig abgewinnen: „hypersensibel, besitzergreifend, hysterisch“ – all diese Attribute scheinen Mitgutsch nur wenig hilfreich für ein Verständnis des Plathschen Schreibens. Doch auch die eigene Rolle als Rezipientin gibt Mitgutsch Anlass zu leiser Selbstkritik:

„Du hast uns das Sterben öffentlich vorgeführt, zornig und böse und ohne ein einziges Mal zu verzeihen, und wir haben es atemlos und gierig verfolgt und nicht verstanden, daß deine Wut auch uns galt, die wir Dir aus der sicheren Entfernung des Kunstgenusses dabei zusahen und unsere überlegenen Schlüsse zogen.“

Mit den „Melville-Monologen“ wiederum imaginiert Mitgutsch das Selbstgespräch eines Autors, der sie bereits in ihrem Roman Zwei Leben und ein Tag intensiv beschäftigte. „Ist das, was uns zustößt Zufall, oder geschieht es nach einem Plan, der uns verborgen bleibt?“ Dies ist die zentrale Frage, die sich der Mitgutsche Melville in jedem seiner Bücher aufs Neue stellt. Die Perspektive des heimatlosen Seefahrers, des ewig Reisenden, kennzeichnet dabei Melvilles Blick auf die Welt: „wenn ich wieder an Land ging, legte ich andere Maßstäbe an die Dinge als die Seßhaften, die Heimat haben. Die Heimat des Ruhelosen ist das Exil.“ Es ist eben diese Ungebundenheit, das Unbehaustsein, auf der sich bei Melville alles literarische Schreiben begründet: „Wie kann man ein Werk beginnen ohne Aufbruch, wie ins Unbekannte vordringen, ohne unterwegs gewesen zu sein?“

In einem zweiten Großkapitel mit dem Titel „Literatur“ greift Mitgutsch das Thema des exilischen Schreibens erneut auf. Ihr Essay zur „Situation der Künstler und Schriftsteller in totalitären Diktaturen“ liest sich dabei auch als überaus kritische Auseinandersetzung mit Literatur und Selbstverständnis der sogenannten Inneren Emigration. Für Mitgutsch steht der Begriff – von einigen Ausnahmen abgesehen – dabei nur all zu oft auch für den Versuch einer „literarische[n] Entnazifizierung“, mit der „manche im Dritten Reich recht erfolgreiche Autoren […] ihr Gesicht zu wahren suchten.“ Auch inhaltlich erkennt Mitgutsch dabei gravierende Unterschiede zwischen den Texten der gleichgeschalteten Autoren und jenen, die in den Jahren zwischen 1933-1945 im Exil entstanden. So wehe

„den Leser sogar noch in den flüchtigsten Skizzen der Emigranten der Atem von Weltbürgertum, von Europäertum, von Offenheit , Tollkühnheit und Lebendigkeit an, die im vorsichtigen Sich-Bescheiden, in den geduckten, provinziellen Geschichten der Daheimgebliebenen nicht zu finden sind.“

Ausdrücklich beklagt Mitgutsch vor diesem Hintergrund auch die mangelnde Sprachskepsis der Autoren der Inneren Emigration. Wie konnte es sein, dass ausgerechnet die Literatur „deren einziges Werkzeug und Qualitätskriterium die Sprache ist“ nicht in offenen Konflikt mit einer Ideologie geriet, „die von Anfang an darauf abzielte, die Sprache zu manipulieren und zu ihren Zwecken zu mißbrauchen“? Diese Überlegungen führen Mitgutsch schließlich auch zu der wiederholt gestellten Frage nach dem grundlegenden Verhältnis von Kunst und Politik. Dabei betont Mitgutsch, dass sich die „Frage nach der Integrität des Künstlers“ nicht nur im Kontext von Krieg und Diktatur, sondern ebenso in Friedenszeiten stellen müsse. Mitgutsch geht dabei davon aus, dass die Literatur, unabhängig von gesellschaftlichem Zeitgeist und Political Correctness stets „auf ihrer Freiheit beharren“ müsse. „Die Kunst kann Extreme ausloten, sie kann versuchen das Unsagbare, noch nicht Gedachte zur Sprache zu bringen und Grenzen zu überschreiten, sie kann die Wirklichkeit hinter sich lassen.“

Für eine Rückbesinnung auf die spezifischen Fähigkeiten und Möglichkeiten der Literatur plädiert Mitgutsch auch im folgenden Text zu einer „Welt voller Bilder“. Darin kritisiert Mitgutsch vor allem auch die unaufhaltsame Verbreitung jener Quotenmentalität, die zunehmend auch den Bereich von Kunst und Literatur zu dominieren scheint: „mit ihren Charts und Bestsellerlisten machen sich die Medien zu Aktionären von Werten, die sich allen Börsennotierungen entziehen, denn kulturell Leistungen sind selten mehrheitsfähig.“ Es ist vor allem auch ein Plädoyer für einen Abschied von der „am Profitdenken geschulten“ Konzentration auf das Nützliche, das Mitgutsch in diesem Zusammenhang formuliert. „Wir müssen den Menschen und die Kunst dem Nützlichkeitsdenken entreißen. Es ist keine Schande, am Zeitgeist zu scheitern.“

Das dritte Kapitel des Bandes beschäftigt sich aus verschiedenen Perspektiven mit Aspekten der „Transzendenz“. Es enthält auch den titelgebenden – auf eine Gedichtzeile von Emily Dickinson zurückgehenden – Essay „Die Welt, die Rätsel bleibt“. Neben Dickinson befasst sich Mitgutsch hier auch mit Werken von Caspar David Friedrich, Robert Frost oder Herman Melville, wobei der Horizont als Metapher für die Grenze des Erfahrbaren und Begreifbaren im Zentrum der Überlegungen steht.

„Die Literatur ist die Sehnsucht nach dem Unsagbaren und der Grenzgang zwischen Sprache und Schweigen nicht auszutreiben. Ihre besten und bleibendsten Werke halten an der Vorstellung einer Grenze des Sagbaren fest und unternehmen immer von neuem Versuche einer Annäherung an ein Mysterium, das mit Metaphern wie Horizont, Abgrund oder auch Geheimnis umschrieben wird.“

In ihrem Essay „Der Abgrund“ beschreibt Mitgutsch schließlich den gravierenden Wandel, den die „Vorstellung des Horizonts als Chiffre der Transzendenz“ im Laufe des 20. Jahrhunderts erfährt. Dabei schlägt Mitgutsch einen Bogen von Samuel Beckett über die Negative Theologie bis hin zu Paul Celan. Im Angesicht des Zivilisationsbruchs der Shoah, der dem Begriff des Unsagbaren eine gänzlich neue Bedeutung verleiht, stellt Mitgutsch hier die Frage, ob nicht der „Abgrund eine neue Metapher für das [sei], was in unschuldigeren Zeiten der Horizont war“.

In einem vierten und letzten Kapitel widmet sich Mitgutsch schließlich dem „Fremdsein“. Ausgehend von Jean Améry spürt sie hier dem Verhältnis von Heimat und Fremde und der „zwiespältige(n) Freiheit“ des Fremdseins nach, die gleichermaßen bedrohlich wie verlockend erscheinen kann: „Heimat definiert unsere Grenzen, sie fesselt und hemmt unsere Freiheit, dafür gibt sie uns die Gewißheit von Geborgenheit, von Zugehörigkeit“. Mit Skepsis betrachtet Mitgutsch in diesem Zusammenhang auch das Konzept der kulturellen Assimilation, dessen integratives Potenzial ihr als begrenzt erscheint. Mitgutsch plädiert hier vielmehr für eine bewusste Reflexion der Differenz: „Der Gegenentwurf zur Fremdheit ist nicht Anpassung um einer widerwillig gewährten Akzeptanz willen, […] sondern die Selbstbehauptung im Anderssein.“

Als eine spezifische Form der Fremdheitserfahrung beschreibt Mitgutsch auch das Leben in mehreren Sprachen, das ihr selbst aus der eigenen Biografie mehr als vertraut ist. „Am Ende gibt es keinen Ort mehr, den man Zuhause nennt, und dennoch hängt man an beiden und will weder den einen noch den anderen aufgeben.“ Mit ihren Überlegungen zu eigenen Übersetzungen kehrt Mitgutsch dabei am Ende des Essaybandes nicht nur noch einmal zu Sylvia Plath zurück, sondern wendet sich mit der Frage, inwieweit es dem Übersetzer zusteht „die eigene Interpretation in den Text einzuschreiben“ auch grundsätzlichen Fragen des Übersetzens zu.

Mit ihren anspruchsvollen und dennoch stets nachvollziehbaren Reflexionen liefert Mitgutsch spannende Impulse nicht nur in Hinblick auf zeitgenössische Fragestellungen zur Bedeutung der Literatur. Ihre klugen Analysen laden vor allem auch dazu ein, die literarischen Welten der behandelten Autoren und Autorinnen selbst neu zu entdecken.

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