Freier Flug

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Eine bewegende Vater-Sohn-Geschichte

Auf den Spuren von Habicht, Falke und Adler bereiste Ben Crane die halbe Welt, bis er zwei verletzte Jungvögel zu sich nimmt und sie voller Hingabe aufpäppelt. Im Zusammenleben mit den Königen der Lüfte, von deren Instinkt und Schönheit er mit feiner Beobachtungsgabe erzählt, lernte der Asperger-Autist die gesamte Bandbreite menschlichen Empfindens kennen. Diese emotionale Erfahrung ermutigt ihn, die Verbindung zu seinem verloren geglaubten Sohn wieder aufzunehmen. Eindrücklich zeigt Crane, wie das intensive Naturerlebnis die Sinne auch für das zwischenmenschliche Miteinander schärfen kann.


Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
Originaltitel: Blood Ties
Originalverlag: Head of Zeus
eBook epub (epub)
s/w-Abbildungen
ISBN: 978-3-641-23610-6
Erschienen am  13. Mai 2019
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Geflügeltes New Nature Writing

Von: KRAUTJUNKER

12.01.2020

Buchvorstellung Noch kurz bevor ich den KRAUTJUNKER-Blog startete, war mir New Nature Writing kein Begriff. Mittlerweile gehören einige meiner Lieblingsbücher zu diesem Genre. Anders als in das Das geheime Leben der Bäume oder Das Seelenleben der Tiere handelt es sich dabei nicht um die vermenschlichende Beschreibung wissenschaftlicher Fakten. New Nature Writing ist eine Mischung zwischen Literatur und Sachbuch, die Faktenwissen durch die Perspektive des biographisch Erlebten schildert. Mithilfe dieser Verknüpfung von Informationen mit Emotionen ist die Lektüre unterhaltsamer, zudem werden kalte Daten warm im Kopf gespeichert. Was mich besonders fesselt, sind biographische Entdeckungsreisen in die innere Wildnis, die sich mit der Beizjagd beschäftigen. KRAUTJUNKER startete im Juni 2016 mit Helen Macdonalds H wie Habicht (siehe: https://krautjunker.com/2016/06/13/h-wie-habicht-helen-mcdonald/ ). Im letzten Sommer folgte Terence Hanbury Whites Der Habicht (siehe: https://krautjunker.com/2019/07/18/der-habicht/). Warum lassen einen die Herrscher der Lüfte nicht kalt? In dem Vorwort von Falke – Biographie eines Räubers (siehe: https://krautjunker.com/2017/04/17/falke-biographie-eines-raeubers/ ) behauptet Helen Macdonald, das jede Begegnung mit einem Tier immer auch eine Begegnung mit uns selbst ist und mit der Art, wie wir uns wahrnehmen. Greifvögel sind Symbole des Geistes, der über die Materie herrscht. Interessanterweise ist bis auf Falke – Biographie eines Räubers, bei allen drei Büchern das beobachtete Lebewesen ein Habicht und der Beobachter eine depressive Künstlerpersönlichkeit. Das Ungewöhnliche daran ist, dass eigentlich Falken als die Vögel der Feingeister und gebildeten Stände gelten, von denen man landläufig eher annimmt, dass sie an der groben Realität leiden. Bei Habichten handelt es sich um schwer abzurichtende und gewalttätige Einzelgänger. Aufgrund ihrer todbringenden, ungezügelten Gewaltätigkeit kann man sie mit Leoparden vergleichen. Raubkatzen, die so schwer zu kontrollieren sind, dass sie kaum je in Zirkusmanegen auftreten. Einen abgerichteten Habicht nannte man in Frankreich „le cuisinier“, den „Küchenmeister“, denn so ein Vogel war in der Lage, eine ganze Familie den Winter über mit frischem Fleisch zu versorgen. Habichtler gelten als rustikale, praktische Haudegen, aber nicht als überspannte Künstler. Ben Crane behauptet von sich, dass er rückblickend Falkner werden musste. Er stammt aus einem nonkonformistischen Elternhaus mit viel Respekt vor anderen Völkern und Kulturen. In seiner Jugend war sein Vater auf dem Hippie-Trail von Europa nach Indien getrampt und gelangte bis in das Outback von Australien. Da er in seiner ländlichen Heimat früh mit der Natur in Kontakt kam und künstlerisch veranlagt ist, lebte er entweder in seiner Fantasie oder verbrachte seine Zeit im Freien. Er baute sich Buden aus Stöcken und Ästen, machte sich Feuerchen, fing Niederwild in Fallen und mit der bloßen Hand Bachsaiblinge. Dann nahm er die Fische aus und briet sie sich zum Mittagessen. Er sammelte Frösche, sowie Jungtiere von Kaninchen, Eichhörnchen, Singvögeln oder Rebhühner ein, um sie aufzuziehen, was mal glückte oder misslang. Sein Leben als Erwachsener gestaltet sich weit komplizierter. Zwar absolvierte er an der renommierten Universität von Cambridge seinen Abschluss als Kunstlehrer, jedoch gelingt es ihm selbst in mittleren Jahren nicht, langfristige und enge Freundschaften zu schließen oder dauerhafte Liebesbeziehungen einzugehen. Schon in größeren Gruppen fühlt er sich unwohl und ist lieber alleine oder unter Tieren. In der Gegenwart von Fremden kann er nicht locker sein und er fühlt sich fast die ganze Zeit im Kampf-oder-Flucht-Modus, was alle Beteiligten stresst. Der geborene Außenseiter. Der einzige Ort, an dem er inneren Frieden findet, ist die Natur, denn sie ist sein Vermittler und Fürsprecher, kanalisiert und stabilisiert seine Emotionen. Im Gegensatz zu Städten und Menschenmassen macht hier alles für ihn Sinn. Seine nervöse Hyperempfindlichkeit steht ihm zwischen Tieren und Pflanzen nicht im Weg, sondern hilft ihm, sich in komplexen Ökosystemen intuitiv zurechtzufinden. »Die Begegnung mit Greifvögeln war wie eine Offenbarung für mich. Als ich das erste Mal einen Habicht auf der Faust hatte, war ich geradezu schockiert von der erschreckenden Intensität und Klarheit. Das also war es, wonach ich gesucht hatte… Mit der Zeit zeigten sich ganz allmählich die einzelnen Eigenschaften der Vögel, und die mächtige Verbindung, die ich zu ihnen spürte, ergab vollständig einen Sinn. Greifvögel sind ausgesprochen reine, pure Wesen, höchst nervös, intelligent, ängstlich und über weite Strecken hinweg Einzelgänger. Sie leben im Augenblick, haben nur wenige subtile Grauzonen und agieren oder reagieren ausschließlich gemäß ihrer angeborenen Natur. Behandelt man sie inkonsequent oder lieblos, kehren sie sehr rasch zu ihrem wilden Zustand zurück. Zu einer guten Beziehung zwischen Greifvogel und Mensch gehören definierte, vertraute Parameter – vom Greifvogel definierte wohlgemerkt, nicht vom Menschen. Greifvögel zaudern nicht, sie lassen sich nicht einschüchtern oder zu etwas zwingen. Sie verhandeln nicht. Sie verfügen über ihre eigene innere Logik und stellen sehr spezifische Ansprüche. Um eine starke Beziehung aufzubauen, muss sich das menschliche Ego den Bedürfnissen des Vogels beugen. Beim Abtragen eines Greifvogels muss man sich in ihn hineinversetzen, wenn ein gelingendes Band entstehen soll. Man muss sich selbst auf- und in die Welt des Vogels hineinbegeben, sie durch seine Augen sehen und begreifen. Man muss dem Vogel mit Geduld dienen und ihm in tiefer empathischer Ebenbürtigkeit gegenübertreten. Unterlässt man das, ist der Mißerfolg programmiert.« Das Buch besteht aus zwei Erzählsträngen, die sich immer wieder kreuzen und zusammen ein Knotenmuster ergeben. Der eine Strang sind Jagdgeschichten mit seinen Greifvögeln, der andere eine durchaus bewegende Vater-Sohn-Geschichte. Das alles eingebettet in einer finanziell und emotional schwierigen biographische Phase. Gewissermaßen handelt es sich um das archaische Erzählmuster einer antiken Heldenreise, in welcher der Autor mit seinen inneren Dämonen kämpft und dabei von fliegenden Götterboten unterstützt wird. Das Leben des Kunstlehrers mit Asper-Syndrom geriet mit der Geburt seines Sohnes aus den Fugen. Ab dem Augenblick, der für normale Menschen einer der glücklichsten ist, begann sein emotionaler Absturz, weil ihn sein Vatersein überforderte. Kurz darauf erfolgte die Trennung von seiner Frau, dann der Verlust seines Jobs. Der psychische Niedergang ging mit einem finanziellen Absturz einher. Beängstigend. Nach weiteren persönlichen, beruflichen und finanziellen Tiefschlägen fing er sich und zog in ein spartanisches Cottage auf dem Land ohne Zentralheizung und doppelt verglaste Fenster, WLAN und Fernseher. Seitdem lebt er so schlicht wie möglich. Etwas Geld verdient er seitdem als freier Künstler und Landarbeiter. Lebensmittel bezieht er zum Teil aus der Ernte seines Gartens sowie der Ausbeute seiner Streifzüge als Jäger, Angler und Sammler. »Ein solches Leben ist nicht nach jedermanns Geschmack. Ich spüre die Elemente und die Jahreszeiten immer sehr direkt: Herbst und Winter sind kalt, dunkel und lang. Doch wenn dann der Frühling kommt, nisten im Dach meines Cottages Singvögel, deren Nachwuchs so zahlreich und stimmgewaltig ist, dass buchstäblich das ganze Haus zu singen scheint.« »Wann genau ich mich wieder freier zu fühlen begann, kann ich nicht sagen. Die Veränderung ging ganz allmählich, organisch vonstatten, in verschiedenen Schichten und Phasen der zunehmenden Zwanglosigkeit, während die Zeit verstrich. Ich fand sie in der Komik und Eigentümlichkeit des Lebens in all seinen Ausprägungen. In den kleinen Siegen beim Sammeln von Nahrung, in den kurzen Augenblicken der Zufriedenheit beim Spazierengehen in den Wäldern und an den Bächen, in der fremdartigen Schönheit ganz vertraulicher Momente, die man in der Natur sonst normalerweise nicht beobachten kann. In der schlichten Lebhaftigkeit des Lebens um das Cottage herum. Beim Holzsammeln sah ich einmal ein Eichhörnchen, das von Ast zu Ast huschte, versuchte, über eine Lücke in der Baumkrone zu springen, scheiterte und fünfzehn Meter tief in Ufernähe in einen Teich fiel, wo es mit einem dumpfen Bauchklatscher aufschlug. Das tropfnasse Tier rappelte sich die Böschung hinauf, kreuzte meinen Pfad und rannte stracks zurück auf den Baum, um es erneut zu versuchen. Wieder misslang ihm der Sprung. Aus Versehen stöberte ich eine überwinternde Schlange auf, die in Notwehr auf meine Hand schiss, ein ranziger, widerlicher, klebriger Gestank, der sich kaum wieder abschrubben ließ. Bei anderen Gelegenheiten beobachtete ich, wie Fledermäuse, von der Natur mit angeblich präzisestem Echolot ausgestattet, in der Abenddämmerung miteinander kollidierten oder sich in die Äste keine zehn Zentimeter über meinem Kopf aufschwangen, um sich fette, pelzbedeckte Motten zu schnappen. Sie waren so nah an meinem Ohr, dass ich es knirschen hören konnte. Ich fand Befreiung in den wilden, kreiselnden Drehungen meiner Hündin, die versuchte, sich selbst Gras vom Hinterteil zu zupfen. In der Spinne in meinem Fenster, die Vibrationen in ihrem Netz spürte, hervorschoss und von einer Wespe besiegt wurde. In der winzigen rosa Schnecke, die tastend und suchend zwanzig Minuten lang vorsichtig an einem Flaschenhals entlangkroch. Oben am Rand der Flasche angekommen und nur noch wenige Zentimeter von frischen Blättern und anderer Nahrung entfernt, wurde sie von einem herabfliegenden Vogel aufgelesen, an einem Blumentopf zerschmettert und gefressen.« Anfangs übernahm Ben Crane verwaiste Sperber-Jungvögel und zog diese diese bis zur Auswilderung auf. Später erhielt er von einem Freund einen jungen Habicht aus menschlicher Aufzucht. Da ein Greifvogel viel zu wichtig ist, um ihn »als Träger oder Therapie menschlicher Torheit« zu missbrauchen, musste er mehr an sich arbeiten. »Das Abtragen eines Greifvogels und das Jagen mit ihm sind anspruchsvoll, sie erfordern Konzentration und Hingabe.« Großartig die Schilderungen, wie er aus unsicheren Jungvögeln Herrscher der Lüfte macht. Über seinen jungen Sperber, schreibt er nach einer seiner ersten erfolgreichen Jagden: »… Ich berühre seine Beute und danke ihr. Boy hört auf zu kröpfen, sieht mich direkt an und fährt dann vorsichtig mit dem Rupfen fort. Durch diese kleine Geste des Vertrauens spüre ich keine Trennung, keine Kluft zwischen mir und dem Greifvogel. Ich bin in dem erhabenen Kreis willkommen, dessen Anfang und Ende Boy ist: Sein Leben blüht auf, während ein anderes endet. Dieser kleine Urknall, dieses winzige Bündel Federn übt die Anziehungskraft eines ganzen Planeten aus. Er vereinigt fünf verschiedene Lebensformen – einen Menschen, zwei Hunde, einen Greifvogel und dessen Beute – mittels Instinkt und Evolution. Wir haben eine ganz neue Welt betreten und nehmen aktiv an einem extrem verdichteten, privaten Moment des Überlebens teil. Es ist ein Privileg, einen solchen Augenblick, der nie an Bedeutung verliert, erleben zu dürfen. […] Er ist bereit für die Welt, bereit, sich an ihr zu laben. Er hebt den linken Ständer und zieht in tief ins Brustgefieder.« Während er durch sein Leben in und mit der Natur wieder mentale Klarheit und Ruhe erlangte, entwickelten sich parallel die Gefühle für und die Beziehung zu seinem Sohn. Ohne die Wörter gezählt zu haben schätze ich, dass siebzig bis achtzig Prozent des Buches sein symbiotisches Leben mit Greifvögeln beschreiben. Seine Grand Tour der Falknerei begann mit der Schilderung eines mehrwöchigen Aufenthaltes in der pakistanischen Provinz unter Stammesfalknern. Die Reise fand mehrere Jahre vor der Geburt seines Sohne statt. Ausführlich schildert der Autor, wie wilde Greifvögel gefangen, abgerichtet, als Jagdgefährten genutzt und später wieder freigelassen wurden. Zwischendurch finden sich immer wieder Erläuterungen zur verschiedenen Aspekten der Biologie und des Verhaltens dieser Raubtiere. Es folgt eine Beizjagd-Reise in der Lower Brule Reservation, einem Reservat der Sioux-Nation: »Die Körperwärme des Falken in meinen Händen zu spüren war ein unsagbar schönes Gefühl. Ich befreite sie endlich aus ihrer Falle und hielt sie mir auf Augenhöhe vor das Gesicht. Wie alle Präriefalken hatte auch sie einen großen, stromlinienförmigen, flachen Kopf und einen ausgeprägten knöchernen Vorsprung über den Augen. Ihr Schnabel war kräftig, aber leicht und von blassgrauer Farbe. Sie öffnete ihn protestierend und entblößte dabei einen weich gefurchten Rachen sowie eine pfeilspitzenförmige Zunge. Ihr heißer, süßer Atem roch nach Tauben-Carpaccio. Ihr Gefieder, eine Mischung aus Leder- und Cremetönen, wies braune Tupfer auf, die sich in winzigen Ovalen über einen reinweißen Grund sprenkelten. Sie war makellos: keine Dellen oder Beulen, keine gebrochenen Federn. Die Brustmuskeln prall von gesundem Fett, die Füße straff und fest. In ihren Augen spiegelte sich keinerlei definierbare menschliche Emotion, keinerlei wiedererkennbarer Ausdruck. Sie schützte sich selbst mit einer verschlossenen, scheinbar unveränderlichen Stille. Sie war das perfekte Echo der schneebedeckten Prärie. ich habe mich augenblicklich in sie verliebt.« Es folgen weitere Schilderungen seiner Erlebnisse mit so unterschiedlichen Greifen wie Merlinen, Habichten, Gerfalken, Wüstenbussarden oder Steinadlern. Die Flüge werden bildlich geschildert wie Ballettaufführungen am Himmel. Selbst erfolglose Jagden sind oft »pure bewegte Poesie« . »Rund hundert Meter vor uns bricht eine Fasanenhenne aus der Deckung und fliegt in voller Geschwindigkeit über das Feld rechts von uns. Mit fünfundsiebzig Stundenkilometern schwingt sie herum und steigt rasch auf, immer höher, in unsere Richtung. Selbst derart schnell braucht sie drei oder vier Sekunden, bis sie unsere Position erreicht hat. Wie ein Komet rast sie leicht seitlich über unsere Köpfe hinweg. Ein ganz unglaublicher Fasan! CC startet von der Faust und schwenkt nach rechts und weit in den Himmel hinauf ab. Vor der riesigen silbernen Sonne verschmelzen Greifvogel und Fasan, unter ihnen fällt das Land steil zum Tal hin ab. Sie müssen mindestens fünfundvierzig Meter hoch sein. CC holt auf und heftet sich an den Schwanz der Fasanenhenne. Innerhalb weniger Sekunden legen sie die Distanz eines ganzen Fußballfelds zurück. Und weiter, immer weiter. Ohne Eingrenzungen, ohne Zäune gibt es nur diesen kolossalen, diesen reinen, freien Flug. Er ist umwerfend schön. Allmählich entwickelt er sich zu dem großartigsten, eindruckvollsten Flug eines Habichts, den ich jemals gesehen habe. Als hielte ich Licht in meinen Händen, so fühlt es sich an.« Genauso lebensnah, aber weit weniger appetitlich sind die Beschreibungen wie die Vögel ihre Beute zerreißen und verschlingen. Das eine geht nicht ohne das andere. Es ist das echte Leben und der Ekel davor ein Zeichen der Entfremdung von der Natur. »Das Blut des Kaninchens trocknet mir an den Händen und unter den Nägeln. Ich übernehme die volle Verantwortung für sein Leben und jedes andere, das wir im Laufe der Jagdsaison nehmen wollen. Es ist in Ordnung, wie es gestorben ist. Ich spüre die Echtheit des Augenblicks. Wir haben hart arbeiten müssen, um zu ihm zu gelangen, meine Taten und die des Vogels waren jederzeit von direkter Ehrlichkeit geprägt. Eine moralische Zweifelhaftigkeit gibt es nicht. Das Kaninchen wurde gejagt und ist auf natürliche Weise gestorben, es wurde fair und mit Respekt getötet. Besser noch: Viele seiner Artgenossen konnten entkommen und leben weiter.« Über die Internetpräsenz der International Association of Falconery (IAF) und soziale Netzwerke knüpfte er Kontakte, die zu Reisen nach Kroatien, die Slowakei, Österreich und Deutschland sowie in verschiedene Bundesstaaten der USA führten. Begegnungen mit Persönlichkeiten wie dem Adlermann Josef Hiebeler werden ebenso geschildert, wie das erste internationale Festival der Falknerei in Reading oder die Kulturgeschichte der Beizjagd. Nach und nach wurden Ben Crane »die Verhaltensweisen und Persönlichkeiten der Falkner ebenso wichtig wie die Greifvögel selbst.« »Sie alle teilten eine Gemeinsamkeit, die sich über den ganzen Globus erstreckt, ein kollektives Wesen mit unzähligen Überschneidungen, angetrieben durch das Einzige, was für sie von Bedeutung war: eine ausgewogene, gegenseitig nützliche Beziehung zu wilden Greifvögeln aufzubauen. In ihrem – erfolgreichen – Bestrebungen nach einer Rückkopplungsschleife des Vertrauens zwischen ihnen selbst, den Vögeln und der Natur taten sie sich in den besten Eigenschaften hervor, deren wir als Kreaturen fähig sind. In ihrem Element, tief in ihrer jeweiligen Umgebung verwurzelt, war ihnen allen explizit bewusst, was es bedeutet, in Würde und Freiheit zu leben. Ohne Ausnahme waren sie freundlich, großzügig in Haltung und Taten, nicht gierig, aufgeschlossen, humorvoll, entspannt, offen und zuversichtlich. Sie verströmten Selbstgenügsamkeit, Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Diese Eigenschaften traten am deutlichsten bei den Stammesfalknern in Pakistan zutage, zogen sich wie ein roter Faden aber auch durch alle anderen Kulturen von Ost nach West. Für diese Menschen war die Falknerei nicht einfach eine Art, sich die Zeit zu vertreiben, oder ein Mittel zur Ablenkung von den Wechselfällen des Lebens. Für sie waren Greifvögel der Grund zum Leben, sei es nun durch die unmittelbare Beschäftigung mit ihnen, beispielsweise das Atzen, durch Zuchtprojekte, durch Abhandlungen für die Uni oder durch Doktorarbeiten – durch sie erlangten sie ihren Seelenfrieden.« Immer wieder werden in diese Texte Erlebnissen mit seinem Sohn eingeflochten, der sich ebenfalls für die Falknerei zu interessieren beginnt. Trotzdem ist das Buch für mich keine »bewegende Vater-Sohn-Geschichte«. Die unterhaltsame und kluge Beschreibungen der Greife, ihrer Biologie und Verhaltensweisen sowie die uralten oder hochmodernen Techniken, mit denen Menschen sie halten und züchten, sind für mich das Alleinstellungsmerkmal von Freier Flug. Ben Crane und seine seltsamen Neurosen und Beziehungen, wenn man es so nennen darf, blieben mir etwas fremd. Ich liebe jedoch die Idee, dass Menschen, die in unserer modernen Gesellschaft fehl am Platze sind, in der Früh- und Vorzeit vermutlich bestens funktioniert hätten. Ein Gedanke, den Karin Bojs in Meine europäische Familie: Die ersten 54 000 Jahre (siehe: https://krautjunker.com/2019/02/17/meine-europaeische-familie-die-ersten-54-000-jahre/) wunderbar anschaulich beschrieben hat. Machen sich heute selbstbewusste Schlanke über eine nervöse Dicke lustig, sollten sie bedenken, dass sie in der Eiszeit viel schneller verhungert wären, weil ihre Körper schlechter Fett speichern. Und ihr unbekümmertes Selbstbewusstsein hätte sie viel leichter zu Futter für die Säbelzahnkatzen werden lassen, während die nervöse Frau rechtzeitig die Gefahr gewittert hätte. So ähnlich verhält es sich wohl mit Ben Crane. Da er als Asperber-Autist nicht über ein intuitives Verständnis seiner Mitmenschen verfügt, vermenschlicht er Tiere nicht. Insbesondere bei Greifvögeln, die ganz anders ticken, kommt er mit seiner analytischen Intelligenz sowie seinen übermäßigen visuellen Fähigkeiten viel weiter als Normalos, denen diese eigentümliche Weise fehlt. Spannend. »Wenn es je eine Geistesverfassung oder eine Reihe von Verhaltensmustern gab, die Scheitern in engen zwischenmenschlichen Beziehungen, aber Gelingen in der Beziehung zur Natur garantiert, dann die meine.« »All das, die Vögel und das Jagen, sind untrennbar mit meiner Identität verknüpft. Schneide mich, und ich blute Federn. Wenn mir etwas heilig ist, dann das. Mit der Falknerei aufzuhören wäre, wie mit dem Atmen aufzuhören und die Natur an sich zu verleugnen.«

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Vita

Ben Crane ist Fotograf, Filmemacher und leidenschaftlicher Falkner. Er ist Vater eines achtjährigen Sohnes und lebt mit seinen zwei Hunden und Habicht "CC" (Chief Catcher) in der englischen Provinz.

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