Machandel

Roman

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Regina Scheer spannt in ihrem beeindruckenden Roman den Bogen von den 30er Jahren über den Zweiten Weltkrieg bis zum Fall der Mauer und in die Gegenwart. Sie erzählt von den Anfängen der DDR, als die von Faschismus und Stalinismus geschwächten linken Kräfte hier das bessere Deutschland schaffen wollten, von Erstarrung und Enttäuschung, von dem hoffnungsvollen Aufbruch Ende der 80er Jahre und von zerplatzten Lebensträumen.


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ISBN: 978-3-641-14315-2
Erschienen am  11. August 2014
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Erlösung durch Erinnerung

Von: Barbara62

01.02.2019

Aus einem fünfstimmigen Potpourri besteht der Debütroman "Machandel" der 1950 geborenen Journalistin und Autorin Regina Scheer. In 25 Kapiteln kommen drei weibliche und zwei männliche Ich-Erzähler zu Wort, die wichtigste ist die Claras, der jedes zweite Kapitel gehört. Ein Personenverzeichnis mit Kurzbiografien am Ende des Romans hilft weiter, sollte man den Überblick verlieren, was jedoch kaum zu erwarten ist. 1960 in Ost-Berlin geboren, kommt Clara 1985 erstmals nach Machandel, einem fiktiven Dorf bei Güstrow in Mecklenburg. Sie und ihr Mann verlieben sich spontan in einen verfallenen Katen mit verwildertem Garten neben dem ehemaligen Gutshaus, den sie zunächst mieten, später kaufen und als Wochenendhaus renovieren. Clara schreibt dort an ihrer Doktorarbeit über das Grimmsche Märchen "Von dem Machandelboom", niederdeutsch für Wacholderbaum, in dem ein Mädchen die Knochen ihres toten Brüderchens unter den Machandelbaum legt und ein Vogel daraus wird, der ein Lied über seine mörderische Stiefmutter vorträgt. Was Clara in der vermeintlichen Idylle weit weg von Berlin zunächst nicht ahnt: Lüge, Verrat und Hoffnungslosigkeit gibt es auch in Machandel und hat es immer gegeben. Und so erfährt sie allmählich bei ihren Nachforschungen im Dorf, in dem nicht viel geredet wird, was sich hier seit den 1930er-Jahren zugetragen hat. Es sind Geschichten von Fremden, wie der Zwangsarbeiterin Natalja aus Smolensk, die nach dem Krieg mit ihrer Tochter Lena im Gutshaus geblieben ist, von Marlene, die mit ihren kleinen Geschwistern im Katen lebte und Opfer der Denunziation und der NS-Euthanasie wurde, von Emma, der ausgebombten Hamburgerin, die sich um die Kinder im Katen kümmerte, und von den Kriegsgefangenen. Doch sie stößt hier auch auf die Spuren ihrer eigenen Familie, denn Mutter und Großmutter kamen 1945 als Ostpreußen-Flüchtlinge ins Gutshaus, genau wie ihr Vater, der als Kommunist zehn Jahre im Zuchthaus und in KZs saß und nach dem Todesmarsch aus Sachsenhausen hier gesund gepflegt wurde. Ich habe diesen Roman über siebzig Jahre deutsche Geschichte, beginnend mit der NS-Zeit über die Gründung der DDR, den Prager Frühling, die Vor-Wendezeit, die Wiedervereinigung und die Jahre bis 2000, mit großer Begeisterung gelesen. Regina Scheer verknüpft die bewegenden Einzelschicksale sehr gekonnt und ohne Pathos, kommt immer wieder auf die Mythologie des Märchens zurück, lässt einzelne Ereignisse aus verschiedener Perspektive berichten und bettet alles in großartige Naturschilderungen Mecklenburgs ein, so dass ich nun diesen am dünnsten besiedelten deutschen Landstrich sehr gerne bereisen würde. Von enttäuschten Hoffnungen handelt der Roman, sei es bei Claras Mutter, deren Traum vom besseren Leben schließlich nicht über das Trauma der Flucht triumphieren kann, bei ihrem Vater, der mit seinem Traum von einem sozialistischen Staat scheitert und nach der Wende verstummt, aber auch von Claras in den Turbulenzen der Wende zerbrechender Ehe und das Scheitern des in ihrem Freundeskreis favorisierten „dritten Wegs“. Gleichzeitig entsteht aber auch Neues und vor allem die starken Frauenfiguren des Romans verhindern, dass es eine düstere Geschichte wird. Im März 2019 erscheint Regina Scheers zweiter Roman "Gott wohnt im Wedding", auf den ich mich jetzt schon sehr freue.

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Ein Gesellschaftsroman mit wahren Elementen

Von: Inas Bücherkiste

13.07.2018

Machandel: Das ist der Name eines fiktiven mecklenburgischen Dorfes und des gleichnamigen Debutromans von Regina Scheer, der 2014, passend zum 25. Jahrestags des Falls der deutsch-deutschen Mauer, erschienen ist. Der Dorfame leitet sich vom niederdeutschen Wort für Wacholder ab, der rund um Machandel üppig wächst. Deutschland von den 1930er bis zu den 1990er Jahren So unbedeutend das winzige Dorf Machandel an sich ist, für die Hauptpersonen in Regina Scheers Roman ist es so etwas wie der Nabel ihres Lebens. Der russische Offizier Grigori strandet hier im 2. Weltkrieg für etwas mehr als ein Jahr ebenso wie die Arztwitwe Emma aus Hamburg, die es sich zur Aufgabe macht, sieben verwaiste Kinder großzuziehen, deren Mutter verstorben ist, deren Vater als Soldat im Krieg kämpft und deren älteste Schwester in einer Nervenklinik ist - nachdem sie vom Stallarbeiter und späteren Gefangenenaufseher Wilhelm Stüwe vergewaltigt und dann als schwachsinnig denunziert wurde, damit sie ihm nicht gefährlich werden kann. Doch im Mittelpunkt des Romans steht die 1960 geborene Clara. Wie die anderen Personen, die den Inhalt des Buches wesentlich prägen, spricht sie aus der Ich-Perspektive und zeigt ihre Sicht der Ereignisse. Sie ist die Schwester des 14 Jahre älteren Fotografen Jan Langner, der im Schloss von Machandel geboren wird und erst im Alter von sieben Jahren zu seinen Eltern nach Ost-Berlin zieht. Die beiden sind die Kinder des Kommunisten Hans Langner, der in der DDR verschiedene wichtige Positionen bis hin zum Minister inne hatte und sein Leben lang von einem kommunistischen Staat träumt. Er wird 1935 wie seine Lebensgefährtin Else als Mitglied der Kommunistischen Partei verhaftet und letztlich ab 1943 im KZ Sachsenhausen gefangen gehalten. Als die Rote Armee immer näher rückt, treibt die SS über 30.000 Häftlinge nach Nordwesten. Auf diesem Todesmarsch gelingt Hans Langner gemeinsam mit zwei tschechischen Gefangenen die Flucht und er erreicht schwer krank Machandel. Dort wird er von der jungen Johanna gesund gepflegt, die selbst zusammen mit ihrer Mutter als Flüchtling in das Dorf gelangt ist. Johanna und Hans werden ein Paar. Clara lernt Machandel erst 1985 kennen. Jan hat seine Ausreise aus der DDR beantragt, und sie wurde genehmigt. Kurz vor dem Abschied schlägt er vor, mit Clara und ihrem Mann Michael nach Machandel zu fahren und ihnen den Ort seiner frühen Kindheit zu zeigen. Ab diesem Zeitpunkt wird das Dorf für Clara zu einer Art Sehnsuchtsort: Sie und Michael kaufen die alte Kate, in der Emma etliche Jahre zuvor mit den sieben Kindern gelebt hat, und richten sie als Wochenendhaus her. Sie verbringen viel Zeit in Machandel, das gerade Clara wie eine Art Oase und Ruhepunkt erscheint. Doch im Laufe der Jahre erfährt sie immer mehr über die Bewohner - die früheren und die jetzigen - und die Geschichte des Dorfs. Flucht, Gewalt und Erniedrigung hat dieser Ort gesehen, aber auch Zusammenhalt und Liebe. Clara lernt im Laufe der Jahre auch immer mehr über ihre eigene Familie. In ihrem eigenen Leben geht es auf und ab, doch ein Wunsch begleitet sie immer: Sie würde gern ihren Bruder wiederfinden. Niemand aus der Familie oder von seinen Freunden hat Jan seit seiner Ausreise aus der DDR wiedergesehen. Doch es gibt Spuren, an die sich sein alter Freund Herbert heftet: Immer wieder werden seine Fotos in Zeitschriften veröffentlicht - aus Kuba, Nicaragua oder Bolivien. Aber die Fotos sind nicht mit seinem Namen gekennzeichnet: Unter jedem Bild steht einfach nur "Machandel". Lesen? Machandel ist ein äußerst vielschichtiger Roman, in den man förmlich eintaucht. Da es sich nicht um eine chronologische Handlung handelt, sondern die Personen nacheinander ihre Sicht auf die Vergangenheit erzählen, gelingt es sehr gut, sich in sie hineinzufühlen. Jeder hat ein Geheimnis oder leidet unter der Erinnerung an oft lange zurückliegende Ereignisse. Nur der Leser weiß, warum die Menschen auf die eine oder andere Art gehandelt haben. Wie wäre ihr Leben wohl verlaufen, wenn sie mehr miteinander geredet hätten? Regina Scheer wurde 1950 in Ost-Berlin geboren und hat die DDR auch dann nicht verlassen, als sich die Möglichkeit ergeben hatte. Der Osten Deutschlands und vor allem Berlin ist darum auch der Schwerpunkt ihres Buchs. Wer in der DDR aufgewachsen ist oder die Situation dort verfolgt hat, wird auch viele Namen von einst wichtigen Personen wiedererkennen; auch die, die nicht explizit genannt, sondern nur beschrieben werden.

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Vita

Regina Scheer, 1950 in Berlin geboren, studierte Theater- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität. Von 1972–1976 arbeitete sie bei der Wochenzeitschrift «Forum». Danach war sie freie Autorin von Reportagen, Essays und Liedtexten und Mitarbeiterin der Literaturzeitschrift «Temperamente». Nach 1990 wirkte sie an Ausstellungen, Filmen und Anthologien mit und veröffentlichte mehrere Bücher zur deutsch-jüdischen Geschichte. Für ihren ersten Roman «Machandel» erhielt sie 2014 den Mara-Cassens-Preis.

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17. Jan. 2020

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