Neujahr

Roman

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Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen - etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.

»Mit leichter Feder kombiniert Juli Zeh eine kluge Meditation über moderne Männerrollen mit einem düsteren Buch über ein Kindheitstrauma zum Psychothriller.«

Denis Scheck / Der Tagesspiegel (28. Oktober 2018)

eBook epub (epub)
ISBN: 978-3-641-22123-2
Erschienen am  10. September 2018
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Leserstimmen

Trauma

Von: Constanze Matthes

08.12.2018

Lanzarote: Die trockene und karge Vulkaninsel im Atlantik mit ihren schwarzen Stränden und Bergmassiven ist Ziel vieler Touristen. Henning, seine Frau Theresa und die beiden gemeinsamen Kinder Jonas und Bibbi zieht es ebenfalls auf das spanische Eiland. Die Familie verbringt die Tage des Jahreswechsels auf der kanarischen Insel. Doch für den jungen Mann wird es alles andere als ein erholsamer Urlaub, weil diese Reise in die Ferne nicht nur die Disharmonie des Paares offenlegt. Er wird während einer Radtour hinauf in die Berge konfrontiert mit einer düsteren Episode aus seiner Kindheit, an die er sich bis zu jenem Tag nicht erinnert. All das geschieht zu Neujahr, dem besonderen Tag, der dem neuen Roman von Juli Zeh auch seinen Namen gibt. Nach einer feuchtfröhlichen Silvesterfeier schwingt sich Henning auf das Rad. Allerdings bemerkt er früh, dass er sich für die Tour nur ungenügend vorbereitet hat. Weder hat er an Wasser gedacht, noch dass das Rad eigentlich viel zu schwer für eine Bergetappe ist. Von der billigen Radlerhose ganz zu schweigen. Allerdings bleibt es in diesem ersten Teil des Romans nicht dabei, dass der Erzähler nur den beschwerlichen Aufstieg schildert. Sehr komplex wird der Charakter des Helden und seine Rollen als Mann, Vater, großer Bruder, Sohn und Angestellter geschildert. Es ist ein psychologisches Porträt, das es in sich hat. Denn Henning ist nicht nur ein an sich Zweifelnder, ein mit sich Ringender, der überfordert zu sein scheint, in seinem Anspruch, in allen Bereichen zu funktionieren. Er verdient weniger als seine Frau, seine Aufgaben im Verlag, in dem er halbtags arbeitet, erfüllt er nicht mehr zufriedenstellend, er kümmert sich um Haushalt und die Kinder. Doch darüber hinaus quälen ihn fürchterliche Angst-Attacken, im Roman nach freudscher Manier „ES“ genannt, die sich körperlich wie seelisch zeigen. Was der mögliche, vor allem unbewusste Grund dieses Leidens ist, wird in einem zweiten Teil geschildert, der sich aus jenen verlorenen gegangenen Erinnerungen speist. Auslöser ist Hennings Besuch eines Künstlerhauses hoch oben auf dem Berg. Es sind Dinge, die ihm das Gefühl geben, hier schon einmal gewesen zu sein. Allen voran bemalte Steine, die er von seiner Mutter kennt. Er findet sich wieder an einem Zeitpunkt in der Kindheit, als ein Urlaub auf Lanzarote in eben jenem Haus ein nahezu fürchterliches Ende nahm, er mit seiner kleinen Schwester Luna für eine gewisse Zeit allein auf sich gestellt war. Zwei Kinder, die nach Nahrung und Wasser suchen, die Angst haben vor den unzähligen Spinnen an der Hauswand, der tiefen Zisterne, wobei der ältere Bruder die Verantwortung für seine kleine Schwester übernehmen muss. Es ist dieser Rückblick, der sehr an den Nerven zehrt, der spannend ist, eine ungeheure Sogwirkung entfaltet, aber fast wieder zu ausführlich wirkt und aus einer Kinder-Perspektive heraus erzählt wird, die keine richtige ist. Dieser Part und die Komplexität des ersten Teils, der Beobachtungen, Gedanken und Erinnerungen vereint, sind allerdings die beiden einzigen Besonderheiten, die ich als überaus gelungen empfand. Es gibt Seiten des auch symbolisch sehr aufgeladenen Romans, die mich indes in der Annahme bestärkten, dass Juli Zeh mit ihrem neuen Werk unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Denn bereits noch einigen Seiten wollte ich dieses schmale Buch wieder zuklappen und enttäuscht zur Seite legen. Vor allem die Sprache erschien mir wie flüchtig aufs Papier geworfen. Dabei bin ich durchaus ein Freund von kurzen, klaren Sätzen. Doch auch in diesen kann der Leser Poesie und Sprachgewandheit finden, in diesem Buch wird er danach indes lange vergeblich suchen. Zudem entstehen Fragen, die ungeklärt bleiben, an denen es beim Leser liegt, Antworten zu finden. Das kann eine schöne Lektüre-Aufgabe sein und zu regen Diskussionen führen, muss es aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn sich Zweifel an der Logik auftun. Kann man sich mit einem Schlag in solch einer Genauig- und Ausführlichkeit an ein Trauma aus der Kindheit erinnern? Was hat es mit dieser ominösen SMS auf sich, die er von seiner Frau erhält und die es bei der Rückkehr nicht mehr gibt? Auch der Schluss am Ende des dritten Teils, der nach der Rückkehr vom Ankommen der Familie erzählt, ließ mich unbefriedigt und recht ratlos zurück wegen seiner resoluten und abrupten Weise. „Neujahr“ ist nicht der erste Roman der vielfach preisgekrönten Autorin, dessen Handlung auf Lanzarote spielt. Schon in ihrem 2012 erschienenem Werk „Nullzeit“ (Schöffling) siedelt Zeh das Geschehen auf der Kanaren-Insel an. Ist dieses neuere Werk vielleicht schon zu dieser Zeit nebenbei entstanden, eine Art Zwilling, der nun auf den Markt drängte, um nach dem großen Erfolg mit „Unterleuten“ Anschluss zu haben, um die noch bestehende Begeisterung zu nutzen? Dieser Roman über einen an sich zweifelnden Mann in der modernen Gesellschaft und ein unbewusstes Kindheitstrauma, das tief verborgen war und nun wie die Magma eines Vulkans hinaufsteigt, vereint zwar zwei sehr interessante Themen, vermag es allerdings nicht, vollkommen zu überzeugen. Was mich auch schmerzt, weil ich Zeh und ihr mannigfaltiges Schaffen sehr schätze.

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Neujahr

Von: LiteraturReich

18.11.2018

Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es in Juli Zehs aktuellem Roman vielleicht etwas hochtrabend benannt wird. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt. Und das ist auch bei Henning so. Er lebt in einer offenbar stabilen Beziehung mit Theresa, die beiden haben zwei kleine, gesunde Kinder, Jonas, 4, und Bibbi, 2, wirtschaftlich geht es der Familie gut. Henning, der als Sachbuchlektor etwas weniger verdient als seine Frau und häufiger zuhause ist, übernimmt etwas mehr Hausarbeit, alles perfekt geregelt. Nun sind die vier über Weihnachten und den Jahresanfang auf Lanzarote im verdienten Familienurlaub. Zwar hat Theresa, wie so oft, auch am Ferienhaus und der Umgebung einiges auszusetzen, zwar sind die Kinder, anstrengend, aber alles im vermeintlich grünen Bereich. Und doch sitzt ihm in der Sylvesternacht die Angst im Nacken. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal reagiert Theresa nicht verständnisvoll wie so oft, sondern unwirsch, ärgerlich. Liegt es am gutaussehenden Franzosen, der sich während des Sylvesterbüffets so offensichtlich an Theresa rangeschmissen hat? Am sichtbaren Gefallen, mit dem sie auf diese Annäherungsversuche eingegangen ist? Henning kann nicht schlafen, auch als die schlimmsten Angstgefühle abgeebbt sind. Deshalb macht er sich in aller Frühe auf zu seiner Radtour. Die Ausrüstung ist mies, das Fahrrad für die geplante Bergtour zu schwer und Proviant und Wasser gehen in der Eile auch vergessen. Trotzdem plagt sich Henning den steilen Aufstieg zum Atalaya-Vulkankrater hinauf, zum Örtchen Femés. Über 90 Seiten verfolgt die Leserin nahezu in Echtzeit diese irrsinnige Anstrengung. Rauer Gegenwind erschwert die Strecke zusätzlich und Henning ist am Rande seiner Möglichkeiten. Aufgeben ist für ihn aber keine Option. Seine Verausgabung ist auch eine Flucht. Die Gedanken können zeitweise immer noch schweifen. Und da werden Brüche sichtbar, Überforderungen, ein gnadenloser Leistungsgedanke, Kränkungen, Enttäuschungen. In neuerer Zeit ist immer wieder die Rede von der Überforderung des „neuen Mannes“, der zerrieben wird zwischen altem Rollenbild und neuen Ansprüchen an seine Empathiefähigkeit, sein Engagement in der Familie. Der darüber die Orientierung verliert und zu kämpfen hat. Mag alles sein, dennoch leiden mehr als doppelt so viele Frauen an Panikstörungen als Männer. Vielleicht ist die Erklärung für die Zunahme psychischer Belastungsstörungen, die Juli Zeh bei einem Interview gab, zielführender, dass nämlich der moderne Mensch dazu neigt, für alles die Verantwortung zu übernehmen, sei es für das Gedeihen der Kinder, die Karriere, das Gelingen von Beziehungen, sogar die eigene Gesundheit. Es gibt keine „höhere Macht“ mehr, der man diese Verantwortlichkeiten übertragen kann. Überforderung, die zu den häufigen „Burnout-Syndromen“ führt, oder eben zu Panikattacken. Juli Zeh belässt es im Roman aber nicht bei diesem Erklärungsversuch. Nachdem wir mit Henning völlig erschöpft, aber auch interessiert, am Gipfel angekommen sind, folgt nicht sogleich die Abfahrt, sondern ein regelrechter Absturz. Die Gegend kommt Henning mehr und mehr vertraut vor. Ein Haus, von einer Deutschen bewohnt, zieht ihn magisch an. War er hier schon einmal? Es folgt eine lange Rückblende in Hennings Kindheit. Ein Erlebnis, ein Urlaub mit seiner Familie, die Ehe der Eltern sich bereits unaufhaltsam in Auflösung befindend, eine kindliches Trauma, das er mit seiner damals zweijährigen Schwester Luna als Fünfjähriger erlebte. Und das durch Auslösung von Urängsten, Verlassensängsten, wohl auch seine Angststörung bis heute befeuert. Diese aus der kindlichen Perspektive geschilderten Erlebnisse sind sehr bedrückend, aber auch spannend, es kommt fast ein wenig Thrilleratmosphäre auf. Die Auflösung ist dann allerdings recht banal. Insgesamt lässt mich das Buch mit einem recht ambivalenten Eindruck zurück. Die Thematik ist interessant, aber Juli Zeh neigt dazu, allzu viel erklären zu wollen. Alles wird auserzählt, alles ist präzise, alltagsglaubwürdig und professionell erzählt. Das lässt wenig eigene Interpretationsmöglichkeit, beispielsweise die, dass Hennings Erlebnisse auf dem Vulkan nur phantasiert sind, seiner starken Dehydrierung geschuldet. Da wäre ein wenig mehr Offenheit begrüßenswert gewesen. Manche Episode, besonders das Zusammentreffen mit dem Ort des verdrängten Kinderschreckens ist allzu brachial konstruiert, manches wirkt ein wenig wie eine Versuchsanordnung, in die man die Figuren hineinsetzt und dann ihr Verhalten analysiert. Juli Zehs Sprache ist zudem wenig kunstvoll, sondern betont schlicht. Dennoch habe ich das Buch gern gelesen. Juli Zeh weiß, wovon sie erzählt, viele Facetten des Buchs sind wohl ihrem Alltag entlehnt, auch sie verreist oft und gerne nach Lanzarote, auch sie lebt mit zwei kleinen Kindern. Ihre Beschreibungen sind präzise und es gelingt ihr immer wieder, neue spannende Themen der Zeit zu finden. Vielleicht hätte ein wenig mehr Zeit dem Roman, der eher eine Novelle ist, gut getan, ein bisschen mehr Überarbeitung die eine oder andere Ecke und Kante abgeschliffen. „Unterleuten“ haben die Jahre, die Zeh an ihm gearbeitet hat, zumindest sehr gut getan. Für mich ist es immer noch das stärkste Buch der Autorin.

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Vita

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, studierte Jura in Passau und Leipzig. Schon ihr Debütroman "Adler und Engel" (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Ihr Gesellschaftsroman "Unterleuten" (2016) stand über ein Jahr auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013), dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015) und dem Bruno-Kreisky-Preis (2017) sowie dem Bundesverdienstkreuz (2018).

www.juli-zeh.de

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Zitate

»Weil beides, der Thriller und die Gesellschaftsanalyse, hier so dicht ineinandergreifen, ist ›Neujahr‹ vielleicht Juli Zehs bislang bestes Buch.«

Karin Janker / Süddeutsche Zeitung (08. September 2018)

»Mit ›Neujahr‹ erbringt Juli Zeh den Beweis, dass sich gute Unterhaltung problemlos mit inhaltlichem Tiefgang und literarischer Qualität verbinden lässt.«

Luzia Stettler / Radio SRF 2 Kultur (10. September 2018)

»Ein beeindruckendes Spiel mit verschiedenen Zeit-, Wahrnehmungs- und Realitätsebenen.«

Jörn Meyer / BuchMarkt (01. Juni 2018)

»Klug analysiert Juli Zehs ›Neujahr‹, wie die Kindheit unser Lebensgefühl prägt.«

Nido (15. August 2018)

»Eine emotionale Tour de Force in die Vergangenheit, ein Ritt, der einen mitreißt und erschöpft, aber bereichert zurücklässt. Kurz - und trotzdem gut.«

Christine Ritzenhoff / emotion (05. September 2018)

»Auf der Hälfte kippt Juli Zehs kunstvoll konstruierter Familienroman in einen Psychothriller.«

Ute Büsing / rbb Inforadio (16. September 2018)

»Eine hochkonzentrierte und kompakte Geschichte mit fesselnder Dynamik und einem Aha-Effekt, der es in sich hat.«

Ulrich Noller / SWR2 (08. September 2018)

»Wenn man die Familie als Keimzelle der Gesellschaft betrachtet, ist auch dieses fesselnde Buch eine Art Gesellschaftsroman.«

Birgit Nüchterlein / Nürnberger Nachrichten (10. September 2018)