Regenbeins Farben

Novelle

(4)
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Auf einem Friedhof in der Nähe der Einflugschneise eines Flughafens treffen sich regelmäßig drei Frauen, um die Grabstätten ihrer verstorbenen Männer zu pflegen: Lore Müller-Kilian, eine kapriziöse Industriellengattin mit Hang zur Champagner-Einsamkeit; die 80-jährige Kunstprofessorin Ziva Schlott sowie Karline Regenbein, eine bescheidene, im Abseits des Kunstbetriebs wirkende Malerin. Eines Tages taucht dort Eduard Wettengel auf. Auch er ist seit kurzem verwitwet. Mit einem Mal kommt Leben in die Trauergemeinschaft. Das weibliche Trio buhlt um die Gunst des Galeristen. Herrlich komische, bissig-schöne Verwicklungen nehmen ihren Lauf.

»So detailverliebt und farbig ihre Sprache ist, so zurückhaltend ist die Handlung dieser versponnenen Novelle.«

Meike Schnitzler / Brigitte (25. März 2020)

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ISBN: 978-3-641-23742-4
Erschienen am  16. März 2020
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Leserstimmen

Schlecht begonnene Beziehung

Von: Myriade

29.09.2020

Schief begonnen hat meine Beziehung zu diesem Buch. Ich hatte darüber gelesen, dass skurrile Gestalten auftreten und es mir deswegen bestellt. Auf dem Cover las ich dann „herrlich komische Verwicklungen nehmen ihren Lauf“. Ich rechnete also mit einem witzigen Buch und ließ es eine Weile herumliegen, weil ich gerade nicht in der Stimmung für Witziges war Die angekündigten „köstlich witzigen Situationen“ konnte ich beim Lesen allerdings nicht finden. Ganz im Gegenteil sind für mich die Figuren der Handlung großteils eher tragische Gestalten. Vielleicht habe ich auch eine völlig andere Vorstellung von Humor als die Person, die den Klappentext geschrieben hat. Wie auch immer, das Buch hat mir gut gefallen. Die Handlung beginnt und endet auf einem Friedhof, der in der Einflugschneise eines Flughafens liegt. Die dort grabpflegenden Witwen kennen einander aus einem anderen Lebensbereich, aus der Kunstszene. Eine Malerin, die Witwe eines Kunstmäzens und eine Kunstprofessorin und bekannte Kritikerin treffen sich auf dem Friedhof und anderswo. Die Malerin, die viele Jahre nicht an die Öffentlichkeit trat, weil sie von ihrer eigenen Kunst nicht überzeugt war, wird nun von einem bekannten Galeristen, der auf demselben Friedhof Grabpflege betreibt zu einer Ausstellung überredet. Die Autorin hat einen sehr poetischen Schreibstil, der immer wieder einmal ins Surreale kippt und den ich sehr angenehm und fließend zu lesen fand. Die Figuren hatten für mich sehr harte Konturen, sie erinnerten mich an Skulpturen der 1920er und 30er-Jahre, kantig, etwas mechanisch in der Bewegung, psychologisch wenig charakterisiert daher nicht wirklich lebendig werdend. Die Autorin ist sehr weit weg von ihren Figuren, erzählt deren Geschichten aber auf eine Art, die mich angesprochen hat. Die Ausstellung der Malerin Regenbein endet als Fiasko. Nicht wegen der Qualität der Bilder sondern eigentlich weil die Versammelten von der deutschen Geschichte insbesondere der Nazi-Zeit eingeholt und vernichtet werden. Es wird im Klappentext auch darauf hingewiesen, dass es sich um „Verflechtungen deutsch-deutscher Biographien“ handelt. Nachdem die Geschichten teilweise bis vor die Gründung der DDR zurückreichen, fand ich das nicht besonders verblüffend. Das Thema ist für mir als Österreicherin aber auch nicht emotional besetzt, daher kann ich diesen Aspekt des Werks wahrscheinlich auch nicht nachvollziehen. Alles in allem fand ich mich in diesem Buch etwas fremd, schätze aber die lyrisch angelegte Sprache, die surrealen Momente und die Handlung selbst.

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Trauerschwestern und Flügelwesen

Von: Atalante

05.07.2020

„Im Halbdurchsichtigen drei Nereiden, aus ihren Höhlen am Grunde des Meeres gestiegen, hoch zu ihrem Gott, der auf einem Fabelwesen über Wellen reitet, vorne Pferd, hinten Fisch. Nymphen umkreisen ihn, und er erfleht ihre Gesellschaft, spielt den Schiffbrüchigen, den sie beschützen, besingen, begleiten sollten. Doch die Nymphen treiben andere Spiele. Im Wasser schwesterlich schwebend, sind die Seefrauen, die nur sich selbst unterhalten, in kecken Spielen plaudernd, mit Delfinen singend. Während der Gott um Rettung seiner Mächtigkeit fleht, zwingt er sein Reittier zu einer schaumschlagenden Levade. Poseidon, der Poser! Der Hippokamp trägt in durch die brodelnde Brühe der Geschichte (…)“ Diese laut- und wortschönen Sätze verraten Kerstin Hensel als Lyrikerin, die ihre poetische Sprache auch in der Novelle „Regenbeins Farben“ verwendet. Darin vereint sie vier Personen zu einer besonderen Gemeinschaft. Fast ein volles Jahr währt diese, lediglich drei Minuten fehlen, wie die punktgenauen Datierungen im ersten und letzten Kapitel zeigen. Auch wenn der Tod als Motiv diese Novelle durchzieht und ein Teil der Handlung kammerspielartig auf einem Friedhof stattfindet, handelt es sich keineswegs um ein trauriges Buch. Als Trauerbuch hingegen ließe es sich sehr wohl bezeichnen, denn es erzählt, wie man Trauer bewältigt und sich von der Vergangenheit befreit. Die Kunst ist dabei das Mittel der Wahl. Dies zeigen schon die ersten Kapitel, in denen uns die Friedhofsgemeinschaft vorgestellt wird. Die Malerin Karline Regenbein ist die Jüngste, an Alter wie an der Dauer ihrer Trauer gemessen. Es folgen Eduard Wettengel, der Galerist, Lore Müller-Kilian, die ihr Mäzenatentum dem verstorbenen Gatten verdankt und schließlich die Älteste, Ziva Schlott, die Kunstprofessorin mit „Kippchen“. Alle vier kannten sich bereits bevor ihnen „der Tod eine tröstende Gemeinschaft organisiert hat“ in efeuumrankter Friedhofsstille, die laut vom Lärm der landenden Flugzeuge gestört wird. Vom unvermeidlichen Glockengeläut abgesehen und vom Gläserklirren, was die mit Hut und hohen Hacken ausgestattete Lore verursacht, sobald sie ihren Kristallkelch befüllt, natürlich mit Veuve Cliquot. Auch mit über Siebzig ist sie „lebensgierig als sei die Endstunde ihrer Existenz gegenwärtig“. An ihrer Seite kämpft Ziva Schlott, geborene Scharlach, hustend gegen den Efeu. Dass sie diesen Kampf mit Fünfundachtzig auf Dauer nicht gewinnen wird, ist ihr in sarkastischer Altersweisheit bewusst. Von dieser ist Karline noch weit entfernt. Zwar hat der Tod ihres Mannes sie von ebendiesen befreit, doch die wahre Freiheit wartet noch. Im Wege steht der Galerist Eduard, dem auch das Sehnen ihrer Grabnachbarinnen gilt. Als (Wett)engel auf dem Friedhof ist er der Hahn im Korb. Die Witwenkonkurrenz und das Witwergebahren inszeniert Hensel in perfekt konstruiertem Aufbau. Während der Haupterzählstrang in kurzen Kapiteln von Begegnungen und Befindlichkeiten der Protagonisten berichtet und schließlich in der Vernissage von „Regenbeins Farben“ gipfelt, gewähren lange Kapitel eine Rückschau auf die Entwicklung der Figuren. Diese erzählen auch von den Zuständen, von der Gesellschaft und vor allem vom Kunstverständnis, dem offiziellen und dem inoffiziellen, in der damaligen demokratischen Republik. Dies gelingt Hensel mit subtilem Humor. Humor zeigen schon die sonderbaren Namen in ihrem Ensemble. Noch deutlicher zeigt er sich in den Äußerlichkeiten und in den Lebensgeschichten ihrer Helden. So schmückt Wettengel, dessen Name Lore als „Mischung aus Spielhölle und Himmelsglück“ bezeichnet, „ein Bund fossiler Lockenpracht, das, die Schläfen am unteren Hinterkopf miteinander verbindend, unter der Mütze hervorquillt“. Seine schier unglaubliche Ehe findet ein Ende als seine unbefriedigte Frau ins Koma fällt, man könnte sagen einem Ehe-Annoiisma erliegt. Karlines Kindheit hingegen schildert Hensel in einem Märchenton, während für die Ehe mit Rüdiger Habich Kurzsätze genügen. Bisweilen taucht sie diese Verbindung aber auch ins Mythische. Dann erscheint Habich(t), der seiner Frau auch im Tode noch droht, als böser Zauberer, der die geraubte Karline im Ehegefängnis hält. Nicht nur die unglaublichen Begebenheiten in „Regenbeins Farben“ machen Spaß, sondern auch die Sprache Kerstin Hensels. Kunstvoll verknüpft sie Alliteration mit anderen Klangwiederholungen und verleiht durch Reihungen Rhythmus, „Sie zertritt die Eishaut der Pfützen vor der Friedhofspforte“. Es finden sich Wortschöpfungen, wie „Lockenkranzglatzkopf“. Witziges, wie die chinesische Delikatesse „goldbraun frittierte Kinderhände“, steht neben Tiefsinnigem, wenn das Glück als Jojo am Lebensfaden empfunden wird. Nicht vergessen werden dürfen die zahlreichen Naturbilder, die sich nicht nur in Karlines Nereiden-Gemälde mythisch aufladen. Zu entdecken gibt es Vieles, in dieser Novelle voller Flügelwesen.

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Vita

Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Sie studierte am Institut für Literatur in Leipzig und unterrichtet heute an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: die Liebesnovellen »Federspiel« der Band »Das verspielte Papier - über starke, schwache und vollkommen misslungene Gedichte« sowie der Lyrikband »Schleuderfigur«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.

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Pressestimmen

»Als Lyrikerin ist sie für ihr ausgeprägtes Formbewusstsein bekannt, als Prosaautorin für ihre eigenwillige Figurenzeichnung und ihren manchmal bizarren, zuweilen bösen Humor.«

Kristina Maidt-Zinke / Süddeutsche Zeitung (03. Juli 2020)

»Kerstin Hensel trägt sprachlich dick auf und bleibt dabei ganz feinsinnig.«

Claudia Ingenhoven / rbb Kultur (28. März 2020)

»Kerstin Hensel spart nicht mit Sarkasmus, wenn sie von Leuten erzählt, die das Abstellgleis des Lebens noch einmal verlassen möchten.«

Cornelia Geißler / Berliner Zeitung (02. April 2020)

»Raffiniert spinnt Hensel die Lebensgeschichten ihrer Protagonisten zu einem dichten Netz, in dem sich die Leser bis zum Schluss verfangen.«

Clementine Skorpil / Die Presse am Sonntag (26. April 2020)

»Die wunderbar ausgereifte Story fasziniert durch Wortwitz sowie eine stete Neigung zur Burleske.«

Ulf Heise / Freie Presse Chemnitz (29. April 2020)

»Wann haben wir so viel Sarkasmus, Komik und Traurigkeit zugleich in einem Buch gefunden?«

Roland Mischke / Nürnberger Nachrichten (18. Mai 2020)

»Souverän manövriert Kerstin Hensel ihr literarisches Personal durch die Geschichte, die vielen weiter entfernt liegt als die Abenteuer der Sternenkrieger im Kino.«

Andreas Montag / Mitteldeutsche Zeitung (18. Mai 2020)