Wem erzähle ich das?

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Wenn Ali Smith die Regeln des Erzählens erklärt, entfalten sich Geschichten. Ihre Vorlesungen über Literatur sind eine Liebesgeschichte, wie sie noch keiner je gehört hat – eine Geschichte zweier Liebender ebenso wie die Geschichte der Liebe des Menschen zur Kunst und was sie für unser aller Leben bedeutet.


Aus dem Englischen von Silvia Morawetz
Originaltitel: Artful
Originalverlag: Penguin
eBook epub (epub)
ISBN: 978-3-641-20739-7
Erschienen am  06. März 2017
Lieferstatus: Dieser Titel ist lieferbar.

Leserstimmen

Ali Smith und die Liebe zur Literatur

Von: Rabenfuss sucht Tintenfass

15.06.2019

Es ist ein Buch über die Liebe. Über den Verlust, das Abschiednehmen, Trauern. Loslassen. Diesen endlos langen Prozess der Neuorientierung. Und es ist ein Buch über die Poesie, die Literatur, die Kunst. Es ist ein Buch von Ali Smith und nennt sich: „Wem erzähle ich das?“ Ich gebe zu, ich habe sie ein bisschen vor mir hergeschoben, diese Buchbesprechung… Warum? Weil ich fast sprachlos war. Irritiert. Hin & hergerissen. Wie schon zuvor bei der schottischen Schriftstellerin Ali Smith. Es ist ein sprachliches Wunderwerk, dieses Buch, keine Frage. Und es rüttelt, nein, nicht auf, sondern durcheinander. Da werden verschiedene Ebenen mit- und ineinander verschachtelt, verwoben, dass es einem fast schwindlig wird. Einderseits eben die Liebes-, Trauer-, Loslassgeschichte, die da in Ich-Form erzählt wird. Keine banale Geschichte. Nein, denn die Geliebte – Ehefrau und langjährige Lebensgefährtin – ist tot. Seit einem Jahr schon. 1 Jahr und 1 Tag. Dann steht sie plötzlich wieder vor der Tür. Ein seltsames Zwischenwesen, voller Staub und Sand. „Das Husten war so typisch, das konntest nur du sein.“ Die tote Geliebte kommt immer wieder und benimmt sich, nun ja, etwas sonderbar. Sie spricht in manchmal fremder Sprache, klaut wie ein Rabe, lässt Dinge fallen und kümmert sich wenig um Konventionen.Sie ist bereits etwas vermodert und klapprig und vor allem: sehr eigenwillig… Verwoben sind diese sonderbaren Begegnungen mit Erinnerungen der Ich-Erzählerin, Erlebnissen, Gesprächen, Gedanken von früher. Und dem Alltag von heute – Arbeit, Kurzurlaub, Therapiesitzung, einsame Abende daheim. Um dann, schleichend in Poetik-Vorlesungen hineinzugleiten. Literatur in all ihren Formen wird eingeflochten in die Erzählungen, verschwimmen mit dem Allgegenwärtigen. Von Shakespeare zu Katherine Mansfield, Oliver Twist und Jane Austen, über W.C. Williams, Sylvia Plath, Dylan Thomas und Colette bis zu Ovid und Ezra Pound reicht die Palette. Gedichte und Textauszüge werden besprochen, zueinander in Beziehung gestellt. Die tote Geliebte war immerhin Kunst- und Literaturwissenschaftlerin, ihre Unterlagen liegen noch im Haus verstreut – und werden so zur Reise in verblichene Vergangenheiten und öffnen zugleich das Tor in eine neue Gegenwart, eine neue Zukunft. Filme, Fotographie, darstellende Kunst in all ihren Spielarten finden ebenso Eingang in das Buch – eine ungewöhnliche Mischung von Roman, Erzählung, Autobiographie (?) und detaillierten Abhandlungen über Kunst und Literatur. Als Laie wird mir letzteres manchmal fast zu viel. Zu genau, zu spezifisch. Große Namen und Werke rattern in unüberschaubarer Zahl durch meinen Kopf – ohne fundiertes Literaturgrundlagenwissen wird es manchmal etwas mühsam. Und doch immer wieder faszinierend. Wie Metaphern, Vergleiche, Bilder einander umgarnen, ins Fantastische, Surreale abgleiten, sich im realen Alltag wiederfinden. Der Besuch bei einer Psychologin, das Durchackern des Oliver Twist, das Neu-Sich-Formieren, sich finden. Es ist ein außergewöhnliches Buch, verspielt und doch geistreich, herausfordernd – man braucht Geduld und viel Liebe zu Kunst und Literatur – dann jedoch wird man reichlich belohnt! Ali Smith: „Wem erzähle ich das?“ Luchterhand Literaturverlag, München 2017, gebunden. ISBN: 978-3-630-87436-4

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Ein melancholischer Rundgang durch die Weltliteratur

Von: C. Widmann

25.01.2018

In diesem kurzen Roman - nenne ich es besser eine Novelle? - zeigt uns Ali Smith eine junge Frau, die trauert. Ein Jahr und einen Tag nach dem Tod ihrer Lebensgefährtin fängt sie an, deren letzte Notizen zu lesen: die Manuskripte für Vorlesungen, welche die verstorbene Dozentin nicht mehr gehalten hat. Gleichzeitig fängt sie an, Oliver Twist zu lesen. Und sie bekommt Besuch von der verstorbenen Geliebten. Obwohl wir die Hauptfigur durch ihre Trauer begleiten, ist Wem erzähle ich das kein trauriges Buch. Eher ist es versonnen. Die nie gehaltenen Vorlesungen sind in voller Länge abgedruckt. Es geht um Literatur; ein Zitat nach dem anderen hat mich irgendwann dazu gebracht, diese ausgedehnten Kapitel zu überblättern und nur noch zu lesen, was im Leben der Hauptfigur passiert. Vielleicht lese ich dieses Buch irgendwann noch einmal in anderer Stimmung, und lasse mich mitnehmen auf einen melancholischen Rundgang durch die Weltliteratur.

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Vita

Ali Smith wurde 1962 in Inverness in Schottland geboren und lebt in Cambridge. Sie hat mehrere Romane und Erzählbände veröffentlicht und zahlreiche Preise erhalten. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman »Beides sein« wurde 2014 ausgezeichnet mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award, dem Goldsmiths Prize und 2015 mit dem Baileys Women’s Prize for Fiction. Mit »Herbst« kam die Autorin 2017 zum vierten Mal auf die Shortlist des Man Booker Prize.

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Silvia Morawetz

Silvia Morawetz, geb. 1954 in Gera, studierte Anglistik, Amerikanistik und Germanistik und ist die Übersetzerin von u.a. Janice Galloway, James Kelman, Hilary Mantel, Joyce Carol Oates und Anne Sexton. Sie erhielt Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds, des Landes Baden-Württemberg und des Landes Niedersachsen.

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