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Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten - Nora Imlau

Nora Imlau über gefühlsstarke Kinder

Imlau, Nora
© Malina Ebert

Liebe Frau Imlau, mit „gefühlsstarke Kinder“ prägen Sie ja einen ganz neuen Begriff. Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit diesem ganz eigenen Temperament zu befassen?

Eines meiner drei Kinder war von klein auf anders als andere: feinfühliger, empfindlicher, sehr schnell überreizt. Gleichzeitig aber auch wilder, energiegeladener, rebellischer. Von jedem Gefühl schien es nur in der Extremvariante zu kennen: größte Freude, tiefste Traurigkeit, wildeste Wut. Ein abenteuerlicher Mix, der uns im Familienalltag oft vor große Herausforderungen stellte! Immer wieder fragte ich mich: Warum tickt dieses Kind nur so anders als die anderen? Warum machst es sich das Leben oft selbst so schwer? Und was kann ich tun, um ihm besser gerecht zu werden? Einen ersten Anhaltspunkt fand ich, als ich bei meiner Arbeit als Journalistin auf den Begriff „spirited children“ stieß, den die US-amerikanische Autorin Mary Sheedy Kurcinka für genau diese hochsensiblen, willensstarken, energiegeladenen Kinder geprägt hat. Daraufhin befasste mich viele Jahre lang intensiv mit den ganz besonderen Persönlichkeitsmerkmalen dieser Kinder und kam zu dem Schluss: Wir brauchen auch im deutschsprachigen Raum einen Begriff, der zeigt, dass Kinder mit diesem besonderen Temperament nicht schwierig, bockig oder ungezogen sind, sondern einfach besonders starke Gefühle haben, die ihnen manchmal Probleme machen, die jedoch auch eine ganz große Stärke sind. Deshalb habe ich mich entschieden, sie „gefühlsstarke Kinder“ zu nennen.

Jeder kennt ja Kinder, die ein bisschen wilder sind als andere. Was unterscheidet gefühlsstarke Kinder von besonders lebhaften Gleichaltrigen?


Der Unterschied zwischen gefühlsstarken und einfach lebendigen Kindern liegt in dem kleinen Wörtchen „manchmal“. Klar drehen alle Kinder manchmal auf und werden wild und ungestüm, oder werden von heftigen Gefühlsstürmen übermannt. Doch dann ist es auch wieder gut. Bei gefühlsstarken Kindern ist das anders: Wie kleine Flummibälle springen sie von einem heftigen Gefühl ins nächste, ohne kaum je zur Ruhe zu kommen. Einfach mal so mittelzufrieden sind diese Kinder eigentlich nie. Stattdessen gleicht das Familienleben mit ihnen einer atmenberaubenden Achterbahnfahrt der Emotionen - ohne Aussteigemöglichkeit.

Was ist aus Ihrer Erfahrung das, womit diese Kinder am meisten zu kämpfen haben?


Die erste große Herausforderung ist, dass gefühlsstarke Kinder die Welt um sie herum viel intensiver wahrnehmen als andere. Ihre Sinne sind sozusagen extra-fein eingestellt. Das ist die Erklärung dafür, dass sie in Alltagssituationen oft gefühlt so ein Drama machen: Die Zahnpasta ist für sie eben nicht nur ein bisschen scharf – sie brennt in ihrem Mund wie Feuer. Der Pulli kratzt nicht nur ein bisschen– er fühlt sich auf der Haut geradezu unerträglich an. Das Haarekämmen ziept nicht nur, es schmerzt. Die Kartoffeln sind nicht nur ein bisschen mehlig, sondern ungenießbar. Das Kinderkonzert ist nicht nur ein bisschen laut, sondern lässt gefühlt den Kopf explodieren. Und was bekommen sie oft zu hören? „Nun stell dich nicht so an.“ Dabei ist ihr Leidensdruck real!
Die zweite Riesenherausforderung für gefühlsstarke Kinder ist es, einen gesunden Umgang mit ihren heftigen Emotionen zu lernen. Denn ja, ihre Gefühle sind ungewöhnlich intensiv. Das heißt aber nicht, dass sie sich deshalb benehmen könnten wie die Axt im Walde. Doch die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, wurde diesen Kindern nicht in die Wiege gelegt. Sie werden von ihren Emotionen mitgerissen wie von einem Wirbelsturm. Selbstregulation zu lernen ist für gefühlsstarke Kinder deshalb die wohl größte Aufgabe im Leben, bei der sie viel empathische Begleitung und Unterstützung brauchen.
Und wie kann man Ihnen dabei am besten helfen?
Wir wissen heute, dass das besondere Temperament gefühlsstarker Kinder körperliche Ursachen hat: Die Amygdala, also der „Gefahrendetektor im Gehirn“, ist bei diesen Kindern besonders aktiv, was zu ihren heftigen emotionalen Reaktionen führt. Ihr Vagusnerv, der für die Selbstberuhigungsfähigkeit zuständig ist, ist hingegen nur relativ schwach ausgeprägt. Doch diese biologischen Besonderheiten sind nicht ein für alle mal fix: Wie unser Gehirn und unser Nervensystem arbeitet, hat ganz viel mit den Erfahrungen zu tun, die wir in unserer Kindheit machen. Nähe, Geborgenheit und sichere Bindungserfahrungen lassen die hohe Erregbarkeit der Amygdala abnehmen, während Trost und Begleitung gerade auch in emotional schwierigen Situationen den Vagusnerv stärkt. So können Eltern durch einen zugewandten, liebevollen Umgang mit ihrem Kind seine innere Zufriedenheit sowie seine Selbstregulationsfähigkeit stärken.

Gibt es auch etwas, was gefühlsstarke Kinder besonders gut können?

Oh ja! Gefühlsstarke Kinder sind nicht nur unglaublich ausdauernd und aktiv, sie sind auch bewundernswert hartnäckig: Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt haben, lassen sie davon so schnell nicht wieder ab. Als Babys fangen oft schon mit drei, vier Monaten an, sich zu drehen, um vorwärts zu kommen, und machen bereits vor dem ersten Geburtstag die ersten freien Schritte, weil sie sich einfach nie entmutigen lassen. Diese Zielstrebigkeit bleibt ihnen auch wenn sie älter werden erhalten: Mit Zwang geht bei ihnen nichts, aber wenn sie sich vornehmen, Schach spielen zu lernen oder eine Band zu gründen, lassen sie sich durch nichts und niemanden davon abhalten. Diese Dickköpfigkeit treibt ihr Umfeld manchmal in den Wahnsinn, ist aber im Grunde genommen eine großartige Gabe: Die Primatenforscherin Jane Goodall hätte es sonst wohl nie in den Dschungel geschafft, Steve Jobs hätte seine kleine Computerwerkstatt nicht zum Weltkonzern aufgebaut, Albert Schweizer hätte kein Urwaldkrankenhaus aufgebaut, und die Sängerin P!NK würde heute keine Stadien füllen. Sie alle waren nämlich einmal gefühlsstarke Kinder.

Sie beschreiben ja in Ihrem Buch, dass es in solchen Familien oft hoch her geht. Was können die Eltern tun, um nicht selbst vor Überforderung auszurasten?

Gefühlsstarke Kinder können sich wie kleine Energievampire anfühlen, weil ihre starken Bedürfnisse scheinbar niemals weniger werden. „Egal, was ich meinem Kind gebe, es will immer noch mehr!“ – diesen Stoßseufzer kennen fast alle betroffenen Familien. Für Eltern gefühlsstarker Kinder ist es deshalb unglaublich wichtig zu lernen, ihrem Kind gegenüber die eigenen Grenzen klar zu vertreten, ohne es dabei zu verletzen. Das fällt vielen von uns unglaublich schwer, weil wir das selbst nicht gelernt haben. Wir denken ja immer, ein Ja sei die nette, zugewandte Antwort, und ein Nein bedeute Schmerz und Zurückweisung. Dabei brauchen es gefühlsstarke Kinder unbedingt, von ihren Eltern auch mal ein liebevolles, klares Nein zu hören. Liebevolle Selbstfürsorge ist da das Stichwort: Um nicht irgendwann auszurasten, muss ich mich um mich selbst als Mutter genauso gut kümmern wie um mein Kind. Wie diese Selbstfürsorge, die dennoch zu keinem Zeitpunkt die Bedürfnisse des schwächsten Glieds in der Kette aus dem Blick verliert, ganz konkret aussehen kann, dieser Frage widme ich mehrere Kapitel meines Buches, weil ich das für so ein zentrales Thema halte.

Wie kann ich mich vergewissern, ob mein Kind gefühlsstark ist?

Gefühlsstärke ist keine Störung und keine Krankheit, sondern einfach nur eine besondere Spielart der ganz normalen Persönlichkeitsentwicklung. Deshalb kann es auch keine Diagnose in dem Sinne geben. Dieser Persönlichkeitstest kann jedoch ein erster Anhaltspunkt sein.
Entscheidend ist jedoch letztlich, ob Eltern ihr Kind in den Beschreibungen gefühlsstarker Kinder wieder erkennen. Für viele ist das ein totaler Aha-Moment. „Unfassbar: Das ist eins zu eins unser Kind!“– das ist eine der häufigsten Rückmeldungen von Müttern und Vätern zu meinem Buch erhalte. Auf die erste Ungläubigkeit folgt dann die große Erleichterung: Wir sind nicht alleine! Es gibt einen Namen für dieses besondere Temperament; eine Erklärung dafür, warum diese Kinder anders ticken; und andere Eltern, die im Alltag mit den selben Schwierigkeiten kämpfen wie wir! Und miteinander können wir lernen, wie wir unsere gefühlsstarken Kinder liebevoll ins Leben begleiten können, ohne dabei selbst die Nerven zu verlieren.

Nora Imlau, 1983 geboren, gilt hierzulande als 'eine der wichtigsten Expertinnen für Familienthemen. Als Journalistin und Fachautorin für Familienfragen schreibt sie unter anderem für die Zeitschrift ELTERN und hat bereits mehrere erfolgreiche Elternratgeber veröffentlicht. In Vorträgen und Workshops macht sie sich für ein bindungs- und beziehungsreiches Familienleben stark. Durch ihren konsequent bedürfnisorientierten Blick auf Kinder und Eltern haben auch ihre Facebookseite und ihr Blog eine große Fangemeinde. Nora Imlau hat selbst drei Kinder und lebt in Leipzig.

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