Die Geheimnisse von Oaksend

Oaksend ist ein magischer Ort. Unweit der kleinen Stadt, beim alten Druidenstein, gibt es laut einer Sage eine Verbindung zwischen der Menschenwelt und der Mentora, der Welt der Monster. Der zehnjährige Robin ahnt davon nichts, bis er eines Tages aus Versehen einen Notruf absetzt und damit das Tor öffnet zu einem Kosmos erstaunlicher Kreaturen und dunkler Geheimnisse, wie er sie bislang nur aus seinen Träumen kannte ...

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Hier ist die Leseprobe:

Es war schon weit nach Mitternacht. Ganz Oaksend schlief. Still, friedlich und dunkel lagen die Häuser da. Nur im letzten Haus im Mistelweg brannte noch Licht.

Auf der Rückseite drang ein schwacher Schein aus einem Erker im ersten Stock, daneben befand sich ein überdachter Balkon. Vom Garten aus hatte sich ein Brombeerstrauch bis nach oben ausgebreitet und wucherte über das altmodisch verzierte Geländer hinweg. Durch die geöffneten Fenster konnte man in ein kleines Zimmer sehen. Der Erker war mit Kissen ausgepolstert, in denen eine zerschlissene Handpuppe lehnte. Ihren Körper hatte jemand aus einem Frotteehandtuch genäht, zwei bemalte Pingpongbälle dienten als Augen. Sie schielte.

Im Zimmer herrschte Unordnung: Kleider, Bücher, Comics und Spielsachen waren über den ganzen Raum verstreut, die Regale vollgestopft mit Büchern und kunterbuntem Krimskrams: Zwischen Sagen des Altertums, Huckleberry Finn und einem halben Meter Snurps galaktische Abenteuer klemmte ein Globus, der eine Piratenklappe trug. Im Fach darüber dämmerte ein selbst gebasteltes Planetensystem vor sich hin. Zwischen Jupiter und Mars ruhte eine mumifizierte Bananenschale. Neben dem Regal stand eine Klapptür auf und gab den Blick frei auf das chaotische Innenleben eines begehbaren Kleiderschranks. Daneben quetschten sich noch ein Nachttisch und ein Bett.

Das Bett war leer.

Robin saß am Schreibtisch im Schein einer Leselampe. Sein Kopf lag auf einem Durcheinander aus hastig beschmierten Blättern. Er schnarchte. Die Ecke des obersten Blattes hob und senkte sich im Rhythmus seines Atems. Die Geschichte von Oaksend. Referat von Robin Miller, konnte man lesen. Den Rest verdeckte sein angewinkelter Arm. Die Hand umklammerte noch den Stift.

Plötzlich erklang hinter ihm ein leises Geräusch und an der Wand zwischen Regal und Kleiderschrank öffnete sich wie aus dem Nichts ein Loch.

Eine blaugraue, pelzige Hand fingerte am Rand entlang. Dann schoben sich ein Arm, noch ein Arm, zwei Beine mit ziemlich großen Füßen und ein gehörnter Kopf hindurch. Schließlich stand ein sehr haariges Wesen im Zimmer und sah sich neugierig um. Als sein Blick auf Robin fiel, glomm etwas in seinen Augen auf. Das Wesen leckte sich die Lippen und rieb sich voller Vorfreude die Hände. Dann ließ es die Finger spielen, schnappte probeweise die messerscharfen Krallen raus und rein und atmete tief durch. Jetzt kam der knifflige Teil …

Lautlos trat es neben Robin, holte aus – und tippte ihm auf die Schulter. Robin grunzte im Schlaf und drehte den Kopf auf die andere Seite. Das Tippen wurde stärker. Robin murrte nur. Aus dem Tippen wurde ein Rütteln.

»Hmwasnlos?« Robin fuhr hoch und stierte schlaftrunken um sich. Sein Blick verfing sich an etwas Ungewöhnlichem: Neben seinem Schreibtisch stand ein pelziges blaugraues Ungeheuer und winkte ihm zu. Robin kniff die Augen zu. Ein Traum, schoss es ihm durch den Kopf, das ist nur ein Albtraum! Kein Grund, in Panik zu geraten, es war nicht sein erster Albtraum, er kannte das schon. Gleich würde er aufwachen und alles wäre wieder normal. Wach auf, befahl er sich energisch und linste vorsichtig durch ein Auge.

Das Ungeheuer strahlte ihn an.

Es war nicht besonders groß, höchstens einen halben Kopf größer als Robin, aber doppelt so breit. Sein Fell war dicht, lang und hatte Tupfen. Jetzt lächelte es und entblößte dabei ein makelloses Gebiss – mit Fangzähnen.

Robin öffnete den Mund, um loszuschreien, brachte aber nur einen erstickten Kehllaut zustande.
»Hallo!«, rief das Ungeheuer fröhlich und hielt ihm die Pratze hin. Als Robin nicht reagierte, ergriff es seine Hand und schüttelte den ganzen Arm. Robin kippte fast vom Stuhl.
»Du bist Robin, stimmt’s?!«
Plötzlich klatschte es sich an die Stirn: »Heiliger Riesenkürbis! Das Wichtigste habe ich vergessen!« Es eilte zu dem Loch an der Wand, langte mit einem Arm hinein und kramte herum. Robin starrte auf die Zimmerwand. Wo kam dieses Loch plötzlich her?
»Muss sich verfangen haben«, murmelte das Ungeheuer und tauchte bis zum Hals hinein. Beim Anblick des kopflosen Rumpfes, der an seiner Zimmerwand zappelte, wurde Robin fast ohnmächtig. Er hatte schon viele Albträume gehabt, aber noch nie einen, der sich so echt anfühlte.
Gedämpft klang es aus dem Loch hervor: »Komm schon her … du …wider…spenstiges … Biest!« Im nächsten Augenblick schepperte es fürchterlich und das Ungeheuer schnellte aus dem Loch zurück. In einer Hand hielt es – Robins Schultasche! Mit der anderen Hand zog das Ungeheuer das Loch von der Wand ab wie einen Aufkleber und stopfte es irgendwo in die Tiefen seines Fells.
Robin beugte sich vor. Die Zimmerwand war wieder unversehrt. Wie aus weiter Ferne hörte er sich krächzen: »Was …Wie … Wer bist du?«
Das Ungeheuer strahlte ihn an: »Ich bin Melvin, dein Schutzmonster.« Melvin stellte die Tasche neben Robin und schwang sich mit dem Hinterteil auf den Schreibtisch. »Du hast doch einen Notruf abgesetzt …?« Er tastete sein Fell ab und griff an mehreren Stellen hinein, so wie andere Leute in eine Jackentasche – nur dass Melvins Fell sehr viele Taschen zu haben schien.
»Wo hab ich sie denn – AH!« Er drückte Robin etwas in die Hand. Es war eine ungewöhnlich große, schwere Eichel. Robin erkannte sie wieder. Es war die Monstereichel, die er nachmittags im Druidenstein versenkt hatte.
Melvin ließ die Beine hin und her baumeln. »Du hast Glück gehabt, dass sie so schnell gefunden wurde. Der Druidenstein wird seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt. Es war reiner Zufall, dass die alljährliche Putzkolonne heute dort war. Du hast einem Quastler eine ganz schöne Beule verpasst. Mach ruhig auf und lies selbst.«
Robin sah Melvin verständnislos an.
»Du musst sie aufschrauben.«
Robin drehte an der Eichel, und tatsächlich: Die Kappe ließ sich abschrauben. Jetzt erkannte er auch, warum die Eichel so schwer war. Es war gar keine richtige Eichel, sondern ein Medaillon. Im Inneren steckte eine winzige Pergamentrolle. Robin zog sie heraus und rollte sie auseinander:

Dem angehenden Schutzmonster Melvin Montgomery (Warmblut, Europäisch-Langhaar, Blue Tabby) wird unter Eid auf die acht Gesetze der Mentora folgender Schützling anvertraut:

ROBIN PAUL MILLER
geboren am 31. Oktober,
wohnhaft im Mistelweg 17, Oaksend.

MELVIN MONTGOMERY
ist hiermit unwiderruflich gebunden an den heiligen Eid der Mentora, seinen Schützling von diesem Tag an zu beschützen und vor Unheil jeglicher Art zu bewahren.

Cecil B. Pickering
Vorsitzender des obersten Rates


Die Worte erreichten Robins Auge, aber nicht sein Hirn. »Was … Was bedeutet das?«, stammelte er.

»Dass du dir ab heute keine Sorgen mehr machen musst!«, sagte Melvin und zählte an einer Hand ab: »Heute Nachmittag hast du dir einen Freund gewünscht, jemanden, mit dem du reden kannst, der dich nicht auslacht, jemanden, der stark ist und ein paar besondere Fähigkeiten hat. Dann hast du die Eichel in den Druidenstein geworfen und – hier bin ich!«

Plötzlich erklang ein Knurren. Robin machte einen Satz. Melvin legte eine Hand auf den Bauch und sah Robin verlegen an. »Tschuldigung! Die Reisen im Hatchpatch machen mich immer so unglaublich hungrig. Du hast nicht zufällig etwas zu essen?«

Wie betäubt fingerte Robin nach seiner Schultasche, irgendwo musste noch ein Sandwich sein. Zwischen Mathe- und Erdkundebuch wurde er fündig. Er reichte Melvin das zermatschte Ding. Nur die Frischhaltefolie hielt es noch zusammen. Melvins Augen leuchteten: »Wusste ich doch, dass ich Thunfisch gewittert hatte! Mein Leibgericht!« Beherzt griff er zu und biss in das Sandwich. Er machte sich gar nicht erst die Mühe, die Folie zu entfernen. »Mmh!«

Mit offenem Mund sah ihm Robin zu. Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf und jede einzelne versuchte sich vorzudrängeln. Es war ein heilloses Durcheinander. Schließlich sprudelte es aus ihm heraus: »Woher kommst du?! Bist du von einem anderen Stern?«

Melvin hielt im Kauen inne und sah ihn verblüfft an. »Wie kommst du denn auf die Idee? Nein, nein, ich bin von hier, genau wie du.« Ein paar Thunfischbröckchen flogen durch die Luft.

»Gibt es noch mehr … Monster?«

Melvin schluckte den Rest hinunter und rülpste. »Klar!«

»Und sehen die alle so aus wie du?«

»Oh, nein! Es gibt jede Menge Monsterarten: schuppenartige, federhafte, panzerartige, stachelartige, schleimige … Ich bin übrigens ein Pellitus, ein Fellartiger.«

»Wenn es so viele Monster gibt, wie kommt es, dass ich noch nie eins gesehen habe?«

Melvin klaubte sich ein Stück Thunfisch aus dem Brustfell: »Du hast noch nie ein anderes Monster gesehen, weil wir uns nur zeigen, wenn wir uns zeigen wollen.«

»Du kannst dich unsichtbar machen?!«

Melvin grinste und schwang sich vom Schreibtisch. »Viel besser – ich kann bluffen!« Und dann geschah etwas Irrwitziges. Ein kaum wahrnehmbares Wispern, nicht lauter als der Flügelschlag einer Fledermaus, und Melvin war – weg! Fassungslos starrte Robin auf die Stelle, wo er eben noch gewesen war.

Erneutes Wispern und Melvin erschien wieder – wenn auch nur zur Hälfte: In Robins Zimmer schwebte ein Monster ohne Unterleib.

Melvin grinste noch breiter, als er Robins verdutztes Gesicht sah, und wackelte hin und her. Da wo seine Beine sein sollten, schien die Luft kaum merklich zu flirren – oder spielten ihm seine Augen einen Streich? Er blinzelte und beugte sich vor. Und da sah er es: Vom Nabel abwärts hatte Melvins Fell haargenau die Farbe und die Maserung des Schreibtisches angenommen.

Wie ein Oktopus, dachte Robin.

Wieder das Wispern und Melvins Fell war plötzlich von Kopf bis Fuß dunkelbraun gestreift. Ein Wispern weiter und es war scharlachrot. Wispern: Tarnflecken in Grün und Braun. Wispern: Schachbrettmuster in Violett und Orange. Wispern: Zebrastreifen. Wispern: Lilafarbene Tupfen auf Himmelblau. Wispern: Goldgelbes Waffelmuster. Wispern: Veilchen auf giftgrünem Grund …

Beim Waffelmuster konnte Robin sich noch beherrschen, doch beim Anblick der Veilchen prustete er los.
Mit einem letzten Wispern wechselte Melvin zu seinem ursprünglichen getupften Blaugrau zurück: »Nicht übel, was? Noch besser ist das Morphen – dabei kann man sich in eine komplett andere Gestalt verwandeln. Aber das ist richtig schwierig, und bei der MOE nehmen sie keinen unter sechzehn, und das auch nur, wenn …«
»Wie alt bist du denn?«

Melvin streckte die Brust vor: »Ich bin schon elf!«

»Ich werde an Halloween elf!«, rief Robin.

Melvin machte ein bestürztes Gesicht, als sei ihm etwas siedend heiß eingefallen: »Stimmt! Ich quatsche und quatsche und du musst morgen zur Schule! Höchste Zeit, schlafen zu gehen.«

»Nein, nein! Erzähl mir noch mehr. Was kannst du noch? Kannst du zaubern?«

Doch Melvin schüttelte nur den Kopf und scheuchte ihn Richtung Bett. Robin wollte protestieren, er war viel zu aufgeregt, um jetzt zu schlafen. Da erklang von irgendwoher ein Schnurren und im nächsten Augenblick konnte er sich kaum aufrecht halten. Wie eine besoffene Ente wankte er zum Bett und fiel vornüber in die Kissen.
»Kommst du morgen wieder?«, nuschelte er noch, bevor er in tiefen Schlaf fiel.

Melvin deckte ihn zu und löschte das Licht. Ein Strahl Mondlicht fiel in den Erker. Er stutzte und trat näher. Verblüfft beäugte er die alte Handpuppe, dann grinste er: »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du aussiehst wie Onkel Melrose?« Er stupste ihr in den Bauch und der Kopf der Puppe neigte sich. Es sah aus, als ob sie nickte.

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