Ophelia Scale lebt im Jahr 2134 – aber was für uns nach Zukunft klingt, ist für sie Steinzeit. Vor sechs Jahren hat Leopold de Marais die Macht in Europa ergriffen, sich zum König ernannt und die sogenannte Abkehr ausgerufen. Die Nutzung sämtlicher hochentwickelter Technologie ist Privatpersonen seitdem verboten – wer dagegen verstößt, wird hart bestraft 😧

Fest entschlossen, gegen das System und für ihre Zukunft zu kämpfen, hat sich Ophelia der Widerstandsgruppe ReVerse angeschlossen. Sie wird auserkoren, sich beim royalen Geheimdienst zu bewerben. Gelingt es ihr, sich in dem harten Wettkampf durchzusetzen, wird sie als eine der Leibwachen in der Position sein, ein Attentat auf den Herrscher zu verüben. Als sie jedoch tatsächlich in das Umfeld des Königs gelangt, muss Ophelia sich entscheiden, zwischen Gut und Böse, Hoffnung und Hass, Liebe und Rebellion ...

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Der Anfang


Über das schon seit fünfzig Jahren zentral regierte Europa herrschte jetzt ein einzelner Mann, der sich vor sechs Jahren selbst zum König ernannt hatte: Leopold de Marais. Innerhalb von Tagen war Europa mit allen Konsequenzen zu einer Monarchie mutiert, der alle Möglichkeiten eines modernen Überwachungsstaates zur Verfügung standen. Nicht, dass vorher tatsächlich ein demokratisches System geherrscht hätte, denn schon seit Jahren hatten die Big Ten, die zehn größten Unternehmen der Welt, über vieles bestimmt: Energie, Nahrung, Medizin, künstliche Intelligenz, Kommunikation. Wenn man ein Monopol hatte, konnte man eben vor allem eines: bestimmen. Aber obwohl die Regierungsmitglieder der Welt nur Marionetten in einem Theater gewesen waren, dessen Programm von den Konzernen vorgegeben wurde, hatten wir über unseren persönlichen Zugang zu all diesen Dingen selbst entscheiden können. Gegen Bezahlung natürlich, aber genau die hatte uns zu einem gewissen Grad mächtig gemacht. Denn wenn die Menschen nicht in eine neue Energietechnik, in ein neues Kommunikationssystem oder ein neues Virtual-Reality-Spiel investieren wollten, dann hatten auch die Konzerne sie nicht dazu zwingen können.

Jetzt war das anders. Es gab kein Mitspracherecht, keine Wahlen, keine Freiheit. Der König entschied, was wir essen, lernen oder denken durften. Aber vor allem setzte er mit aller Härte durch, was er als Notwendigkeit für unseren Fortbestand bezeichnete: das strenge Reglement jedweder Technologie durch den Staat.

Freie digitale Kommunikation war untersagt, Informationszugang nicht mehr für jedermann verfügbar. WorldNet? Vergiss es. MediaLinks und ContentLinks? Keine Chance. Alles, was es noch gab, wurde vom König kontrolliert und von ihm nur eingesetzt, wenn es der Kontrolle der Bürger diente. Es war das Ende jeder freien Entfaltung, das Ende jeder objektiven Meinungsbildung. Das Streben nach Freiheit und Wissen, in den Industrienationen ehemals ein Geburtsrecht unserer Spezies, war absoluter Kontrolle gewichen. Das war kein Paradies. Es war die Hölle.

Offiziell nannte man es »Programm zur Rückbesinnung auf entscheidende Werte und soziales Zusammenleben«, weil die Menschen angeblich aggressiv und nicht mehr zu mitfühlen-dem Verhalten fähig gewesen waren. Aber so stand es nur in den offiziellen Berichten und Bekanntmachungen. In der Bevölkerung hatte sich ein anderer Ausdruck durchgesetzt. Wer jetzt über diese Zeit sprach, in der alle privaten Kommunikationsgeräte, Dateneinheiten und visuellen Implantate beschlagnahmt und zerstört worden waren, benutzte dafür nur einen Begriff: die Abkehr.

Ich werde nie den Tag vergessen, als die Abkehr in Kraft trat. Wir hatten in der Nähe von Paris gelebt, mein Bruder, meine Eltern und ich. An einem Dienstag im Frühjahr hatte es über alle Kanäle eine Mitteilung gegeben: Leopold de Marais habe die Macht in Europa übernommen. Ab jetzt würden andere Regeln gelten.
»Bitte händigen Sie jedes technische Gerät, das sich in Ihrem Besitz befindet, an die Kontrolleinheiten aus.« Der Satz hallte noch Tage später in meinen Ohren wider, als würde ich ihn über meine akustischen InterLinks empfangen. Aber die gab es da schon nicht mehr.

Ich war zwölf Jahre alt gewesen und hatte keine Ahnung gehabt, was diese Worte bedeuteten. Meine Mutter war in mein Zimmer gekommen, aufgewühlt und fahrig. Sie war sonst eine sehr beherrschte Frau. Ihre Unruhe hatte mir Angst gemacht.

»Ophelia, bitte pack deine Sachen zusammen. Sofort.«

»Was ist denn los? Welche Sachen?«

Ich hatte an meinem Holodesk gegessen, vor mir mein aktuelles Projekt. Es war ein Analysemodul zur Erkennung verschiedener Materialien gewesen, das ich mit meinem Dad entwickelt hatte. Meine Zukunft als Ingenieurin hatte zu diesem Zeitpunkt längst festgestanden.

»All deine Sachen, außer der Kleidung. Wir müssen alles abgeben, was technologiebasiert ist.«

»Alles? Aber –«

»Alles, Ophelia.«

»Ich kann aber doch nicht ohne meine Links, Mum!«, hatte ich protestiert. »Ohne sie kann ich nicht mehr nach draußen, weil ich ständig Schmerzen habe!« Angsterfüllt hatte ich sie angestarrt. Ein Kopfschütteln war die Antwort gewesen.

»Darum kümmern wir uns später. Beeil dich bitte.« Dann war sie gegangen.

An diesem Tag waren meine Zukunftsträume gestorben.


Einige Jahre später ...


Früher war der Pier eine Vergnügungsmeile gewesen, mit Imbissständen, Karussells und einem Riesenrad direkt am Meer. Als Victor Vale sich in Brighton niedergelassen hatte, war alles zu technisch aufwendigen Spielwelten umfunktioniert worden, vollgestopft mit visuellen UpLinks.

Nach der Abkehr hatte man den Pier stillgelegt. Die Fressbuden waren geschlossen, die Fahrgeschäfte stillgelegt, alle Indoor-Attraktionen leer geräumt und mit Brettern vernagelt worden. Ich ging an einem Stand vorbei, der früher asiatisches Essen verkauft hatte. Jetzt waren die Scheiben vom Salzwasser blind und an den Bänken vor der Tür blätterte die Farbe ab. Das Quietschen des Kettenkarussells klang gespenstisch zu mir herüber. Der Pier war verlassen – und vergessen. Kaum jemand verirrte sich noch hierher.

Kaum jemand hieß aber nicht niemand. Denn ein Gebäude war offen, und die Lichter über der Tür brannten: das ehemalige Theater, nun Heimat von ReVerse.

Ich ging zum Bühneneingang und stieß die Tür auf. Dann schlug ich den Weg zum Theatersaal ein. Die rauschende Stille von draußen wurde durch Gelächter und Geklirr ersetzt. Auf der Bühne kämpften zwei Jungs in meinem Alter mit Schwertern.

Nach einem schnellen Gruß verschwand ich im Nebenraum und zog mir Trainingssachen an, ein schlichtes blaues Shirt und eine schwarze Sporthose. Als ich in die Halle zurückkam, saß der Rest schon da, zwei Dutzend Leute von dreizehn bis Ende zwanzig. Ich suchte mir einen Platz zwischen Liora und Jye.

»Leute, wir haben heute einiges zu tun, also sollten wir anfangen.« Julius’ tiefe Stimme hallte durch den Raum. Er war ein blonder Hüne mit halblangen Haaren, dessen blaue Augen ernst in die Runde sahen. »Zuerst – Ophelia hat heute die Daten einer defekten TransUnit beschafft. Das bringt uns ein großes Stück weiter.« Die anderen applaudierten, Jye pfiff durch die Zähne, und Code rief: »Bravo, Phee!« Ich lächelte stolz. Der heutige Auftrag war zu schwierig gewesen, um bescheiden zu sein. Außerdem waren diese Gelegenheiten zur Freude selten und kurz. Bei Re-Verse ruhte man sich nicht auf seinen Lorbeeren aus.

Als Julius fertig war, zog er ein königliches Lesepad hervor. Ein Raunen ging durch die Gruppe. Niemand hatte unseren An-führer je mit so einem Gerät gesehen.

»Das letzte Thema, über das ich mit euch sprechen will, ist das hier.« Er hielt das Pad hoch.

»Wissen wir endlich, wie man die Pads von den WrInks abkoppelt?« Jye sah hoffnungsvoll aus.

»Idiot«, sagte Code, aber es klang liebevoll, »wenn wir das könnten, dann würdest du mich nackt Hula tanzen sehen.«

Jye verzog das Gesicht. »Ugh«, machte er und schüttelte sich, »dann hoffe ich, dass es niemals dazu kommt.«

Die meisten lachten, Julius jedoch nicht. Er war eigentlich ein lockerer Typ, aber in diesem Moment wirkte er sehr angespannt.

»Nein, das ist es nicht. Als Leiter einer der offiziellen Kulturgruppen für junge Menschen«, so nannten wir uns laut königlicher Klassifizierung, »wurde mir mitgeteilt, dass es eine Ausschreibung gibt.« Jye und ich sahen uns ratlos an. Ausschreibungen gab es nur, wenn neue Turncoats gesucht wurden. Allerdings kam die Mitteilung dann von der Ortsverwaltung, nicht vom König selbst.

»Im Namen seiner königlichen Hoheit Leopold de Marais«, Julius las von dem Pad ab, »sucht die königliche Garde junge Anwärter für eine dauerhafte Tätigkeit am Hof. Jeder, der zwischen 18 und 25 Jahren alt ist und die körperlichen und geistigen Grundvoraussetzungen erfüllt, kann an den regionalen Vorauswahlen teilnehmen.«
Als er ausgesprochen hatte, blieb es kurz totenstill. Dann brach der Tumult los.

Das oberste Ziel von ReVerse war der Sturz des Königs. Jeder in diesem Raum wusste das. Da seine Schwester Amelie laut unseren Quellen anders dachte als er, würde sie nach Leopolds Tod die Abkehr beenden. Ich hatte immer geglaubt, Samuel Ferro, unser oberster Boss, würde den König eines Tages töten. Aber plötzlich waren wir alle Kandidaten für diesen Job. Ich war eine Kandidatin für diesen Job. Ein aufgeregtes Flattern meldete sich in meinem Magen und mein Puls hämmerte zum Takt meiner Gedanken. Du könntest es tun. Du könntest diejenige sein, die es beendet. Wenn ich es in die Garde schaffte, kam ich dem König nahe genug, um ihm und damit der Abkehr ein Ende zu bereiten – und zu rächen, was er Knox und vielen anderen angetan hatte.

Ich war nicht die Einzige, die so dachte.

»Einer von uns …«, sagte jemand.

»Er würde es nicht kommen sehen …«

»Absolut genial …«

Ein Pfiff von Julius beendete unser Gerede. »Hey, Leute. Ich verstehe eure Aufregung. Es ist eine riesige Chance, kaum jemand kommt dem König so nahe wie die Mitglieder der Garde. Aber niemand sollte sich leichtfertig für diese Auswahl melden. Außerdem gibt es Bedingungen.«

Er las weiter, und schnell wurde klar, was er meinte. Körperliche Fitness und erbliche Gesundheit waren Voraussetzung für die Tests.

»Es gibt zwei Auswahlrunden. Die erste findet in drei Tagen in Brighton statt, die zweite in einem Monat in London. Danach werden die erfolgreichen Bewerber an den Hof geladen und ausgebildet.«

»Was passiert, wenn man dort ist?«, fragte Liora. »Sperren die uns ein und lassen uns nie wieder raus?« Julius sah sie an. »Die Sicherheitsvorkehrungen am Hof sind extrem hoch. Ich denke nicht, dass man oft Urlaub hat oder seine Familie einladen darf.« Ein Schatten huschte über sein Gesicht. Er hatte seine Schwester wegen der Abkehr verloren – wie genau, wusste niemand. »Ihr müsst euch gut überlegen, ob ihr mitmachen wollt. Die Ausbildung allein ist sicher hart genug, aber wenn ihr nicht nur für sie, sondern gleichzeitig auch für uns arbeitet, wird es euch alles abverlangen.«

Julius stand auf. »Ich muss am Ende der heutigen Einheit wissen, ob ihr euch für die erste Vorauswahl melden wollt. Die Liste muss so bald wie möglich zurück.« Er klatschte in die Hände. »Wir fangen mit dem Aufwärmen an. Zehn Runden sollten genügen.«

»Du willst jetzt nicht im Ernst trainieren? Wir sind noch gar nicht fertig!« Delta, eine impulsive Rothaarige, blieb sitzen.

»Doch, das sind wir.« Julius hielt ihr die Hand hin und zog sie hoch. »Wenn wir nicht trainieren, wird es keiner von euch an den Hof schaffen. Also, hopp, hopp, auf geht’s.«

Wir erhoben uns murrend und setzten uns in Bewegung. Natürlich gab es dabei nur ein Thema.

»Ich bin auf jeden Fall dabei«, sagte Jye, »das ist eine großartige Gelegenheit, dem König in die Suppe zu spucken.«

»Ja, oder eine großartige Gelegenheit zum Sterben«, merkte Code an.

»Ich glaube kaum, dass sie die ausgeschiedenen Anwärter umbringen.« Liora ließ im Laufen die Arme kreisen.

»Selbst wenn nicht – als Mitglied der Garde gibt es genug Möglichkeiten, draufzugehen. Da reicht es, wenn ein paar Radicals vorbeikommen. Dann musst du dich in die Schusslinie werfen und zack, tot.« Code hielt sich zwei Finger an den Kopf.

»Wer sagt, dass man sich in die Schusslinie werfen muss?«, fragte ich zurück und hob eine Augenbraue.

»Du bist manchmal echt knallhart, Phee«, sagte Liora.

»Nein, nur pragmatisch.« Ich hob ungerührt die Schultern und fing einen Blick von Code auf.

»Du meinst, du könntest ihn sterben lassen? Oder gar selber töten? Einfach so?«

»Natürlich«, gab ich zurück, »das ist nur eine Frage der Motivation.«

Die Wahrheit war: Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, den König zu töten. Aber das war auch nicht notwendig. Ich musste nur an Knox denken, dann meldete sich der Zorn. Ohnmächtiger, rasender Zorn auf den Mann, der uns das angetan hatte.

Nein, ich könnte den König nicht nur töten. Ich würde keine Sekunde zögern, es zu tun.

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»Ophelia Scale – Die Welt wird brennen« von Lena Kiefer

Fesselnd, vielschichtig und voller Leidenschaft: Lena Kiefer entwirft mit dem Auftakt einer grandiosen Zukunftstrilogie eine faszinierende Welt mit einer starken Heldin, die folgenschwere Entscheidungen treffen muss. Es geht um Freundschaft, Liebe und Verrat, um Politik, Intrigen und Rebellion, um Gut und Böse – und jede Schattierung dazwischen.

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Lena Kiefer

Die deutsche Suzanne Collins: Das ist Lena Kiefer!

Lena Kiefer wurde 1984 geboren und war schon als Kind eine begeisterte Leserin und Geschichtenerfinderin. Einen Beruf daraus zu machen, kam ihr jedoch nicht in den Sinn. Nach der Schule verirrte sie sich in die Welt der Paragraphen, fand dann aber gerade noch rechtzeitig den Weg zurück zur Literatur und studierte Germanistik. Bald darauf reichte es ihr nicht mehr, die Geschichten anderer zu lesen – da wurde ihr klar, dass sie Autorin werden will. Heute lebt Lena Kiefer mit ihrem Mann in der Nähe von Freiburg und schreibt in jeder freien und nicht freien Minute. Die »Ophelia Scale«-Trilogie ist ihr Debüt.

Foto: Fotogräfin Lisa

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