Leserstimmen zu
Gehen, ging, gegangen

Jenny Erpenbeck

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Image 1 of 1 Nun könnte man meinen, es ginge in dem Roman um Deutschunterricht, um Konjugationen, sicherlich am Rande ,aber eigentlich sind die Unterrichtsstunden im Heim und in einer Volkshochschule im Hintergrund präsent und Richard , ein berenteter Professor, hatte sich darin auch versucht , einen ehrenamtlichen Konversationskurs zu geben , aber eigentlich geht es um Umzüge, Aufenthaltsstatus und Demos und auch um ein Grundstück in Afrika und natürlich im Flüchtlinge. Es ist aber auch die Geschichte von einem See auf dessen Boden eine Leiche liegt , direkt vor Richards Haus und die Geschichte von zwei weniger wichtigen Einbrüchen und den Kampf einer Gruppe von Afrikanern um ihren Platz in Berlin. Zunächst vom Oranienplatz geräumt und in ein Heim gesteckt noch im Innenstadtbereich und dann nach mehreren Verzögerungen wegen Windpockengefahr nach Spandau verlegt, begleitet Richard die Gruppe mit seinen Besuchen und Fragen und bringt sich mit seiner Unterstützung selbstverständlich und immer privater ein. Richard ist von da ab stark beschäftigt , obwohl er nicht vereinsamt ist, und sorgt dafür ,dass auch andere für die Flüchtlinge aktiv werden, die ihm Stück für Stück aus ihrem Leben und von ihrem Weg von Afrika über Italien nach Deutschland erzählen. Der Professor vergisst dabei beinahe seinen Seneca und fühlt sich aber dann manchmal den Flüchtlingen seltsam nahe, gerade auch wegen seines Faches der Altphilologie, die ja auch eigentlich internationaler ist, als es manchen erscheinen mag. Jenny Erpenbeck beschreibt Richard einfühlsam und so, dass auch sein Zustand klarer wird, sein Altern , seine Veränderungen nach dem Tod seiner Frau und wie der Platz neben ihm immer noch unbesetzt geblieben ist. Ein ungemein emotionaler Roman, geschrieben lebendig , manchmal stockend und kurz angebunden und überraschend genau und verstehend. Nun ist der Roman bereits im letzten Jahr erschienen und alle wissen , dass inzwischen noch viel mehr Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, aber trotzdem ist der Roman auch bei veränderter Situation wichtig, zumal es sich um hervorragende Literatur handelt und nicht nur um eine aufrüttelnde Reportage . Das Thema an sich hat noch an Brisanz zugenommen und die allgemeine Problematik ist noch sichtbarer geworden . Das Leid der Flüchtlinge ist dabei gleich geblieben. Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Berlin geboren , veröffentlichte ihre erste Novelle 1999, dann folgten mehrere Romane und dazu dann auch Schriftstellerpreise Joseph-breitbach preis und 2015 den Independent Foreign Fiction Prize. Bild : Knaus-Verlag Image 1 of 1 Nun könnte man meinen, es ginge in dem Roman um Deutschunterricht, um Konjugationen, sicherlich am Rande ,aber eigentlich sind die Unterrichtsstunden im Heim und in einer Volkshochschule im Hintergrund präsent und Richard , ein berenteter Professor, hatte sich darin auch versucht , einen ehrenamtlichen Konversationskurs zu geben , aber eigentlich geht es um Umzüge, Aufenthaltsstatus und Demos und auch um ein Grundstück in Afrika und natürlich im Flüchtlinge. Es ist aber auch die Geschichte von einem See auf dessen Boden eine Leiche liegt , direkt vor Richards Haus und die Geschichte von zwei weniger wichtigen Einbrüchen und den Kampf einer Gruppe von Afrikanern um ihren Platz in Berlin. Zunächst vom Oranienplatz geräumt und in ein Heim gesteckt noch im Innenstadtbereich und dann nach mehreren Verzögerungen wegen Windpockengefahr nach Spandau verlegt, begleitet Richard die Gruppe mit seinen Besuchen und Fragen und bringt sich mit seiner Unterstützung selbstverständlich und immer privater ein. Richard ist von da ab stark beschäftigt , obwohl er nicht vereinsamt ist, und sorgt dafür ,dass auch andere für die Flüchtlinge aktiv werden, die ihm Stück für Stück aus ihrem Leben und von ihrem Weg von Afrika über Italien nach Deutschland erzählen. Der Professor vergisst dabei beinahe seinen Seneca und fühlt sich aber dann manchmal den Flüchtlingen seltsam nahe, gerade auch wegen seines Faches der Altphilologie, die ja auch eigentlich internationaler ist, als es manchen erscheinen mag. Jenny Erpenbeck beschreibt Richard einfühlsam und so, dass auch sein Zustand klarer wird, sein Altern , seine Veränderungen nach dem Tod seiner Frau und wie der Platz neben ihm immer noch unbesetzt geblieben ist. Ein ungemein emotionaler Roman, geschrieben lebendig , manchmal stockend und kurz angebunden und überraschend genau und verstehend. Nun ist der Roman bereits im letzten Jahr erschienen und alle wissen , dass inzwischen noch viel mehr Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, aber trotzdem ist der Roman auch bei veränderter Situation wichtig, zumal es sich um hervorragende Literatur handelt und nicht nur um eine aufrüttelnde Reportage . Das Thema an sich hat noch an Brisanz zugenommen und die allgemeine Problematik ist noch sichtbarer geworden . Das Leid der Flüchtlinge ist dabei gleich geblieben. Jenny Erpenbeck wurde 1967 in Berlin geboren , veröffentlichte ihre erste Novelle 1999, dann folgten mehrere Romane und dazu dann auch Schriftstellerpreise Joseph-breitbach preis und 2015 den Independent Foreign Fiction Prize. Bild : Knaus-Verlag

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Richard ist ein emeritierter Professor. Seine Universitätskarriere liegt hinter ihm, seine Frau ist bereits gestorben, Kinder hat er keine. Was tun mit all der Zeit? Als er eines Tages auf dem Oranienplatz Asylsuchenden begegnet, macht er diese zu seinem neuen Projekt. Er fragt sie, was sie dazu veranlasst hat, in Deutschland Asyl zu suchen. Und bekommt ergreifende Geschichten erzählt. „Gehen, ging, gegangen“ ist ein Roman, der die Schicksale einzelner Flüchtlinge zu seinem Inhalt macht, außerdem den Irrsinn von Dublin II aufzeigt und den Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit vor Augen führt. Bruchstückhaft erzählen die Flüchtlinge, von dem Grauen, das sie erlebt haben. Dabei verändert sich Richards Sichtweise auf sein eigenes Leben – und auf die Welt, wie er sie kennt. „Wie oft wohl muss einer das, was er weiß, noch einmal lernen, wieder und wieder entdecken, wie viele Verkleidungen abreißen, bis er die Dinge wirklich versteht bis auf die Knochen? Reicht überhaupt eine Lebenszeit dafür aus? Seine – oder die eines anderen?“ S. 177 Jenny Erpendecks Schreibstil ist außergewöhnlich. Manche Sätze sind kurz und abgehackt, andere verschachtelt, außerdem arbeitet sie mit vielen Wiederholungen. Dadurch übermittelt sie viel Gefühl und fasst viele tiefgehende Gedanken in Worte – aber eindrucksvolle Szenen lesen sich auch stellenweise langweilig und das Lesen erfordert Konzentration. Ab der Mitte des Buches zieht sich die Geschichte zudem ein wenig in die Länge. Aber was mich am meisten gestört hat: Auch wenn sich Richard sehr samariterhaft den Flüchtlingen gegenüber verhält, fand ich sein Verhalten Frauen gegenüber nahezu sexistisch. Deswegen habe ich den Protagonisten eher kritisch beäugt. Trotzdem: Erpenbecks Roman ist ein wichtiger Roman in unserer Zeit, der besonders den afrikanischen Flüchtlingen eine Stimme gibt. Bewertung: 4 von 5 Sternen Empfehlenswert für: Wer sich für Asylpolitik und Flüchtlingsschicksale interessiert sowie für die Zustände in afrikanischen Ländern Handlungsorte: Berlin, Die erzählerischen Rückblenden spielen in mehreren afrikanischen Staaten, z.B. Ghana und Libyen

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Warum flieht man aus Nordafrika und riskiert sein Leben? Wie erträgt man danach Europas Kälte? Jenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen" gibt Antworten und ist eine Kur für Unbedarfte und besorgte Bürger. Gehen, ging, gegangen schaffte es 2015 bis auf die Shortlist für den Preis der Frankfurter Buchmesse. In der Regel gibt es um die Kandidatenliste eine Saison lang rege Debatten, danach wird es um sie still. Nicht still wird es um das unappetitliche Gemisch aus Fremdenfeindlichkeit und Hass, das rechte Populisten und Parteien zur Zeit in Deutschland schüren. Aus diesem Anlass sei an Erpenbecks Roman erinnert, der über die Saison hinaus Bestand haben soll. Um Flüchtlinge geht es, um Fluchtgründe und Nordafrika, das Berliner Protestcamp und was draus geworden ist. Der Text referiert eine Fülle von Material, arbeitet es um in Literatur. Es ist die fiktionale Form, die Hetzern und Verhetzten den toxischen Begriff von der "Lügenpresse" aus dem Mund nimmt. Immun gegen ihr Leugnen ist der Roman, der nichts anderes als seine Fiktionalität behauptet und den Diskurs auf dem Feld der Literatur führt. Immun ist er als Geschichte auch gegen die Empathieschwäche jener Großstatistiker, die sich – auch so ein Brandsatz – "nicht von Kinderaugen erpressen" lassen wollen. Erpenbecks Protagonist wirft für seine Sache den ganzen Habitus eines erfahrenen Akademikers in die Waagschale: Richard, Professor für alte Sprachen, verwitwet und frisch pensioniert, steht an einem Scheidepunkt seines Lebens. Er richtet sich, des beruflichen Alltags beraubt, in dürftiger Routine ein und ihm ist klar, dass das nicht reicht. Beinahe zufällig gerät er in das Umfeld des Refugee-Camps auf dem Berliner Oranienplatz und in Kontakt mit den Flüchtlingen, die dort ausgeharrt hatten. Von Anfang an sind es die Betroffenen, nicht Dritte, die zu ihm sprechen. Richard, der, in der DDR sozialisiert, immer noch mit seiner Rolle als Mittelschichts-Bundesbürger fremdelt, wird ein surrealistisch naiver Blick mitgegeben, der lupenartig auf alles fällt, was mit den Flüchtlingen zu tun hat. Konsequent werden seine Kontaktpersonen so als Individuen aufgebaut, inklusive aller Unsicherheiten und Missverständnisse, die durch die mehrsprachig unvollständige Kommunikation entstehen. Der bald zum Helfer gewordene Beobachter hilft bei Behördenkommunikation und Arztgängen, lädt einige der Männer in sein Haus ein und lernt sie kennen. Im Zuge der Ereignisse begreift man den Nervenkrieg, den ein Leben ohne sicheres Bleiberecht in Europa bedeutet. Am Ende erfahren einige der Männer die vorübergehende Duldung und kommen in Richards Haus und bei seinen Freunden unter. Ihr weiteres Schicksal – es gibt kein Happy End, wenn man durch die halbe Welt geflohen ist – bleibt offen. Sicher ist nur die nachhaltige Entwurzelung der Geflohenen, der auch das zwangsläufig vorübergehende Atemschöpfen unter Richards Dach nicht wirklich abhilft. Literarisch stark in ihren kürzeren Texten, setzt Erpenbeck mit ihrem Protagonisten eine einzelne wahrnehmende Instanz zum Vermitteln des Geschehens ein. Virtuos gelang ihr das bereits früher, zum Beispiel 2005 in Wörterbuch. Dort lässt sie den Spross einer Diktaturen-Elite aus der Position scheinbar äußerster Unschuld Mechanismen der Unterdrückung schildern. In Gehen, ging, gegangen wird man durch diesen pädagogischen Impetus auf immerhin 350 Seiten etwas überdeutlich an die Hand genommen. Nicht immer kauft man dem gestandenen Wissenschaftsveteran ab, tatsächlich so unbeleckt und ohne Vorbehalt zu sein. Es hilft nichts: Man muss mit Richard durch einen Plot in einfacher Sprache und neben einer gewissen Rührseligkeit ist dieses konsequente Sich-dumm-Stellen eine Schwäche des Textes. Dem subjektiven Eindruck mag man entgegnen, dass der Roman ein breites Publikum erreichen will und sich nicht intellektuell eitel spreizt. Etwas weniger kitschverdächtiger Dekor hätte an mancher Stelle aber auch gereicht. Erpenbecks lakonische Poesie entfaltet sich trotzdem auch in Gehen, ging, gegangen, in Tableaus und starken Bildern, in dem offenen Ende, das die Ereignisse auf eine überzeitliche Ebene stellt. Der in den Medien sichtbare Flüchtlingsdiskurs blitzt exemplarisch immer wieder auf, in vom Protagonisten gelesenen Medien oder in Gesprächen. Diese Quellen werden von Richard, so naiv ist er dann nämlich nicht, subtil kommentiert und kritisch bewertet. Dabei sagt er wenig, sondern lässt die Ignoranz sich selbst entlarven, zum Beispiel, wenn seine Freunde aus dem Italienurlaub Fotos von sich prostituierenden Flüchtlingsfrauen mitbringen und diese plaudernd als Exotismus neben die üblichen Sehenswürdigkeiten stellen. In fabelartigen Episoden werden Lebenshintergründe der Flüchtlinge sichtbar. Sie mischen sich ansatzlos mit Betrachtungen über die Last unausgefüllter Zeit (in einem zerrütteten Land ebenso wie in einer deutschen Notunterkunft), über unsere chauvinistische Trennung von westlicher und restlicher Welt, über den Kulturverlust, den Verjagte und Verstoßene erleben und der sich durch Anfängerdeutschkurse nicht im Ansatz heilen lässt. Aus der Heimat gegangen sind die Männer, die Richard kennenlernt, in Bewegung bleiben sie nun zwangsweise. Sie werden herumgereicht zwischen Zuständigkeiten der Länder, von denen keins sie wirklich aufnehmen will. Sie sind gelähmt durch Europas vorsätzlich widersprüchliche Gesetze und mundtot gemacht durch die fehlende Kenntnis der sich verschließenden Sprachen. Erpenbeck setzt an dieser Stelle an und leiht denen im Limbus wirkungsvoll ihre verdichtende, literarische Stimme. Und so dämmert es nicht nur Erzähler Richard in einem Tableau, in dem die Autorin Kolonialrassismus und dessen Opfer mit ihren oralen Kulturen pointiert kollidieren lässt: "…noch nie ist ihm der Zusammenhang zwischen Raum, Zeit und Dichtung so klar gewesen wie in diesem Moment." Etwa in der Mitte des Textes gibt es einen Bruch, nach aller Annäherung von außen ist es nun einer der Geflohenen, aus dessen Perspektive ein Besuch des "älteren Herrn" erzählt wird. Erst nach dieser Verschiebung formuliert der Erzähler seine Erkenntnis vom zyklischen Austausch der Menschen und Kulturen: "Tausende von Jahren dauert die Bewegung der Menschen über die Kontinente schon an, und niemals hat es Stillstand gegeben. Es gab Handel, Kriege, Vertreibungen […], es gab Verfall, Verwandlung, Wiederaufbau und Siedler, es gab bessere oder schlechtere Wege, aber niemals Stillstand." Unwillkürlich denkt man hier an Sebalds Ringe des Saturn und das Bild vom erbarmungslos fortrasenden Planeten, auf dem beständig Menschen schlafend niederfallen. Ebenfalls an Sebald erinnert Richards Gedanke, dass die von den Nazis ermordeten Menschen "Deutschland als Geister noch immer bewohnen, all die Fehlenden und auch deren ungeborene Kinder und Kindeskinder", Richard sieht sie "unsichtbar in den Cafés, […] Parks und Theater". An die sebaldsche Kunst des Streifens durch eigene und fremde Erinnerungen reicht das alles bei weitem nicht heran. Doch auch ohne diesen Anspruch funktioniert der Plot ausgezeichnet. Fazit: Vielleicht nicht Erpenbecks stärkster Text, ist Gehen, ging, gegangen über die Halbwertzeit der Buchpreisnominierung hinaus von Wert. Seine Emphase ist nicht immer Ersatz für intellektuelle Schärfe, über die die Autorin sehr wohl verfügt. Auf der anderen Seite präsentiert der Text viele Details zur Situation der Geflohenen in Europa, die anders kaum zu fassen sind. Bestürzend unfair, stellt man fest, ist der Umgang mit den Protestierenden vom Oranienplatz, ungerecht auch das juristische Gemauschel um die zwischen Erstaufnahmeland und Deutschland Zwangspendelnden. Beispielgebend ist der im Buch beschriebene Umgang mit den denen, die im fremden Europa davon abhängen, dass ihnen eine Hand gereicht wird. Nicht jeder wird es nach der Lektüre dem Protagonisten gleichtun und sich mit Flüchtlingen vor Ort befreunden. Von Fremdenhass und Ignoranz Verheerte erreicht Gehen, ging, gegangen sicher nicht. Vielen Besorgten und Unsicheren aber täte die Lektüre dieses Romans gut, der ein Verständnis für die Menschen fordert, die aus Zeit und Kultur gefallen, in Turnhallen und Zelten auf nichts mehr als ein Leben warten. Britta Peters Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Roman. Knaus, 2015. 19,99 €, E-Buch 15,99 €.

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In ihrem neuen Roman “Gehen, ging, gegangen” arbeitet Jenny Erpenbeck die Besetzung des Berliner Oranienplatzes durch eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge literarisch auf. Sie tut dies indem sie der Leserin einen Vermittler zur Seite stellt, der als Brücke zwischen der durchschnittsdeutschen Alltagswirklichkeit und der Lebenswelt eines Flüchtlings fungiert. So fängt die Geschichte damit an, dass der leidenschaftliche Ostberliner Richard, seines Zeichens Universitätsprofessor in beiden Systemen, in Rente geht und beschließt in all der freien Zeit, die er nun hat, Haus und Garten in Ordnung zu bringen. Seit dem Tod seiner Frau ist einiges liegen geblieben, doch so einfach kann sich der immer noch rüstige Neu-Rentner nicht aufrappeln. Immer wieder schweift sein Blick zum See an dem sein Haus liegt, denn dort ist vor kurzem ein Mann ertrunken. Eigentlich spielt diese Tragödie keine wirkliche Rolle im weiteren Verlauf des Romans. Doch sie stellt den Stein des Anstoßes dar, den Tritt der Richard aus seinem Haus am Rande Berlins in die Innenstadt befördert, wo er auch am Oranienplatz vorbei kommt. Zunächst übersieht er sie, wie sie dort sitzen, eine Fülle fremder Sprachen sprechen und doch keinem der anwesenden Polizisten sagen können oder wollen, wer sie sind und woher sie kommen. Bald jedoch wird Richard ihrer Gewahr und es zieht ihn erst zum Oranienplatz, wo die Flüchtlinge mit der Zeit eine Zeltstadt aufgebaut haben, und dann in ein ehemaliges Altersheim, in dem die Stadt Berlin die Männer kurzfristig untergebracht hat, bis geklärt ist, wer überhaupt für sie zuständig ist. Richard besucht sie, einen nach dem anderen – auch wenn ihn die Wachleute und Betreuer bald schon für ein bisschen verrückt halten. Denn sein Engagement scheint ein Einzelfall innerhalb der deutschen Bevölkerung zu sein. Jenny Erpenbeck ist in ihrer Schilderung der Beweggründe des afrikanischen Durchschnittsflüchtlings sehr großzügig und wohlmeinend. Die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, die sich aus im Grunde friedlichen aber bettelarmen Staaten nach Europa durchkämpfen, in der Hoffnung dort Arbeit zu finden und die Familie daheim unterstützen zu können, gibt es in “Gehen, ging, gegangen” nicht, was meiner Meinung nach eine grobe Vereinfachung des Themas darstellt. Die von der Autorin entworfenen Portraits der jungen Männer sind vielfältig und feinfühlig. Fast alle kamen sie über Italien, fast alle müssen sie dorthin zurück, so zumindest fordert es das Gesetz. Selbst als eher kritische Leserin entwickelte ich im Laufe der Lektüre Empathie für die Situation der Orianienplatzflüchtlinge, wenn nicht sogar Verständnis für ihr Verhalten. Das persönliche Engagement von Hauptfigur Richard, das in manch einem Fall bald schon das Fundament einer tiefen Freundschaft legt, dient der Leserin dabei als roter Faden, der sich durch das Buch spinnt, die Lebensgeschichten der Flüchtlinge miteinander verbindet, die verschiedenen Figuren und Aspekte der Erzählung zusammen hält und sie zu einem in sich stimmigen Ganzen macht. Der Erzählstil von Autorin Jenny Erpenbeck ist dabei schnörkellos und derart eingängig, trotz des oft schwer verdaulichen und innerlich aufwühlenden Themas, man könnte ihn fast schon unauffällig nennen. Jedenfalls tritt Jenny Erpenbeck sprachlich innerhalb der Erzählung einen Schritt zurück und überlässt die eigentliche Bühne den Flüchtlingsschicksalen und Hauptfigur Richards Gedanken dazu, bzw. seinen Integrationsversuchen, ob es sich dabei nun um Klavierunterricht, etwas Gartenarbeit oder einen Platz zum Schlafen handelt. Insgesamt ist “Gehen, ging, gegangen” ein gut durchdachter, dabei aber auch sehr kopflastiger Roman zu einem Thema, das uns alle etwas angeht. Jenny Erpenbeck macht ihrer Leserin den Kopf auf für die oft verzweifelte und dabei aber leider auch hoffnungslos komplizierte Situation afrikanischer Flüchtlinge, für deren Geschichten und Zukunftsträume, wenn sie sich diese nach der gefährlichen Reise, italienischer Obdachlosigkeit und dem Tauziehen um europäische Zuständigkeiten denn noch bewahrt haben. Gleichzeitig zeichnet Jenny Erpenbeck ein realistisches, wenn auch oft frustrierendes, Bild europäischer Asylrechtsbürokratie. “Gehen, ging, gegangen” ist somit ein ernstes Buch, das seine Leserin zu Empathie anregt, dabei aber auch immer wieder anheimelnde Momente hervorbringt und demnach nie zu trist oder gar zu trocken wird.

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Im Oktober beschloss unser “Buchclub”, dass wir doch auch mal was von der Shortlist für den Deutschen Buchpreis lesen könnten. Die Wahl fiel schnell auf Jenny Erpenbecks “Gehen, ging, gegangen”. Ehrlich gesagt hatte ich wenig Lust darauf. Irgendwie hat es sich in meinem Kopf verankert, dass Bücher, die Buchpreise kriegen oder auch nur dafür nominiert sind, in der Regel sperrig sind, vielleicht alles klein geschrieben ist oder man zwei Texte parallel lesen muss. Ich habe so kaum Zeit zum Lesen, da muss ich mich nicht noch mit Texten herumschlagen. Doch welche Überraschung! Jenny Erpenbecks Roman liest sich ganz fantastisch und die Geschichte nimmt einen sofort gefangen. Es ist die Art, wie sich Richard, der emeritierte Professor mit der Situation der afrikanischen Flüchtlinge vom Oranienplatz auseinandersetzt. Er hinterfragt, er hört zu, er zeigt Einfühlungsvermögen, ohne ins Mitleid zu verfallen. Die Schicksale der Flüchtlinge sind dramatisch, jedes für sich – in der Summe zeigen sie, dass in unserer einen Welt etwas nicht richtig läuft. Für Richard ändert sich vieles, nicht nur bekommt sein Alltag einen neuen Sinn, auch seine Gedanken gehen neue Wege, Dinge bekommen neues Gewicht oder verlieren an Bedeutung. Mit klaren Worten, oft eindringlich erzählt Jenny Erpenbeck von der Situation junger Flüchtlinge in Deutschland, von Dublin II und seinen Folgen, von Grausamkeit und von Menschlichkeit. Dabei spielt sie oft mit Sprache, gerade im richtigen Maß, ohne dabei das Erzählen zu vergessen. Indem sie Richard im Osten Berlins wohnen lässt, als jemand, für den sich durch die “Wende” auch vieles im Leben geändert hat, schon einmal alles in Frage gestellt wurde, zeigt sie auf, dass auch bei uns in Deutschland manchmal schneller einschneidende Veränderungen passieren können, die unser eigenes Dasein auf den Prüfstand stellen. Während ich das Buch las, habe ich bei Facebook gelesen, wie “Gehen, ging, gegangen” mit den Worten “ein Roman, dessen fiktive Handlung von der Realität eingeholt worden ist” vorgestellt wurde. Dem kann ich nicht ganz zustimmen. Meiner Meinung nach hat hier vielmehr die Realität die Vorlage für den Roman gestellt. Jenny Erpenbeck hat für ihren Tatsachenroman viele Interviews mit den Flüchtlingen vom Oranienplatz geführt, sich mit ihrer Situation, ihren Ängsten und Hoffnungen auseinander gesetzt. Obwohl es sich um eine fiktive Geschichte handelt, ist man so nah an der Realität, dass man durchaus vergessen kann, das sich nicht alles genau so zugetragen hat. Mich hat das Buch sehr beeindruckt, in seiner Intensität, mit seiner wohlgesetzten Sprache, aber auch durch die vielen Gedankenanstöße. Wie oft hat man sich selbst an Stelle des Professors gesehen und sich gefragt: “Ja, was weiß ich eigentlich?” Ein Zitat, das bestens beschreibt, wie es mir mit diesem Buch erging, möchte ich abschließend noch anführen: “Vieles von dem, was Richard an diesem Novembertag, einige Wochen nach seiner Emeritierung, liest, hat er beinahe sein ganzes Leben über gewusst, aber erst heute, durch den kleinen Anteil an Wissen, der ihm nun zufliegt, mischt sich wieder alles anders und neu.” (Seite 177) © Tintenelfe

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In den Medien erfährt Richard von den Flüchtlingen, die über das Mittelmeer kommen. Er hört von Asylanten, die in seiner Heimatstadt Berlin für eine bessere Behandlung protestieren. Er fragt sich, wer diese Menschen sind, die aus Ländern stammen, von denen er weder die Hauptstadt nennen kann noch wo genau die sich auf dem afrikanischen Kontinent befinden. Um Antworten zu finden auf seine Fragen macht er das für ihn einzig sinnvolle: er sucht sie auf um sie zu befragen. Und so lernen er und wir als Leser einige der jungen Männer kennen, die nach ihrer langen Flucht in Berlin gelandet sind. Täglich hören oder lesen wir von den vielen Menschen, die im Mittelmeer ertrinken. Von dem nicht abreißenden Strom derer, die vor Krieg und willkürlicher Gewalt fliehen, die Freunde und Familie zurücklassen oder verloren haben und in Europa, in Deutschland, Sicherheit und eine stabile Zukunft suchen. Die abstrakten Zahlen, die auf uns niedergehen, lassen viele abstumpfen, man gewöhnt sich daran. Jenny Erpenbeck gelingt es mit ihrem Buch, diese Distanz zu überbrücken. Sie beschreibt die Grausamkeiten, die viele der Flüchtlinge erlebt haben, die Wege, die Tausenden das Leben kosten und die Ungewissheit, wann und wo es für sie eine neue Existenz geben kann. Sie entlarvt aber auch die abstruse Logik derer, die die Grenzen dichtmachen wollen und ihre Hilfe verweigern. „Führt der Frieden, den sich die Menschheit zu allen Zeiten herbeigesehnt hat und der nun in so wenigen Gegenden der Welt bisher verwirklicht ist, denn nur dazu, dass er mit Zufluchtsuchenden nicht geteilt, sondern so aggressiv verteidigt wird, dass er beinahe schon selbst wie Krieg aussieht?" (Seite 298) Die allermeisten Orte in Deutschland werden Flüchtlinge aufnehmen, und ich bin erleichtert, dass sich auch in meiner Umgebung eine positive Willkommenskultur durchgesetzt hat. Es muss eine große Erleichterung sein für jemanden, der in einem fremden Land mit fremder Sprache ankommt, wenn er freundlich empfangen wird und ihm geholfen wird. So viel Menschlichkeit sollte eigentlich selbstverständlich sein. Die jungen Männer dürfen nicht arbeiten und sie dürfen nicht reisen. Die Bürokratie und die Gesetzgebung der EU verdammen sie zum Nichtstun. Ich bekomme durch das Buch ein Gespür dafür, dass die Politik der Situation nicht gewachsen ist. Eine effektive Lösung ist in nächster Zeit wohl leider auch nicht zu erwarten. Hut ab vor all den Menschen und Organisationen, die hier einspringen und die Hilfebedürftigen auch durch den Paragraphenwald lotsen. Richard lebt in Ostberlin, und so wurde er nach dem Fall der Mauer vom „Ossi" zum „Wessi". Ich finde es sehr bemerkenswert, wie die Autorin Richards Leben und damit auch die deutsche Geschichte mit in das Geschehen einbindet. Er weiß, dass die Gesellschaft sich immer wieder verändert. Daher steht er den Fremden völlig aufgeschlossen gegenüber. In einer sehr nüchternen Art betrachtet er, wie mit den Asylsuchenden umgegangen wird. [Persönliches Fazit] Für mich ist das Buch ein großer Wurf. Mit einer kräftigen Sprache und ohne Pathos bringt mich Jenny Erpenbeck ganz nah ran an das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge. Mit Wortwitz und Ironie ist es ein Plädoyer für Menschlichkeit und Toleranz und ist dabei politisch und gesellschaftlich kritisch. Trotz komplexer Zusammenhänge ist es wunderbar klar zu lesen. Völlig zu Recht ist es auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises zu finden. © Rezension: 2015, Marcus Kufner

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Ich bin beständige Leserin der Romane Erpenbecks und das aus gutem Grund. Die beiden zuletzt erschienenen "Aller Tage Abend" und "Heimsuchung" sind unbedingt empfehlenswert. Mit "Gehen ging gegangen" wählte sie eine Thematik, die zur Zeit stark im Brennpunkt steht(mehr, als zum Zeitpunkt des Entstehens absehbar war). Inwiefern das die Jury des Deutschen Buchpreises beeinflusst wird sich zeigen. Der Hauptprotagonist Richard ist pensionierter Professor, hat sich immer mit Sprache und philosophischen Themen auseinandergesetzt. Nun lebt er allein im eigenen Haus am See im Berliner Osten, seine Frau ist seit einigen Jahren tot. Er hat nun Zeit. Als er zufällig vom Protest afrikanischer Flüchtlinge hört und diese im Zeltlager auf dem Oranienplatz sieht, beginnt er über die Hintergründe zu recherchieren und Kontakt aufzunehmen. Anfangs hofft er, durch gezielte Fragen an die Flüchtlinge, existenzielle Antworten zu erhalten, die ihm selbst gerade fehlen. Letztlich geht es um den Sinn... Das Warten auf das was noch kommt im Leben und die verordnete Untätigkeit, sowie die Erinnerung an die Zeit, als er selbst plötzlich von einem auf den anderen Tag in einem neuen Land lebte. es die DDR nicht mehr gab, sind zunächst die einzigen Übereinstimmungen. Aber es entwickelt sich anders: So erfährt er nach und nach über die traumatischen Fluchten und die Lebensumstände der jungen Männer, die aufgrund der Verhältnisse im jeweiligen Land nicht bleiben konnten oder durften, aber hier nur "geduldet" sind, und langsam baut sich gegenseitiges Vertrauen auf, entwickeln sich Freundschaften. Richard hilft, wo und wie er kann, hört zu, begleitet die Männer zu Behörden, zum Anwalt oder zum Sprachunterricht, setzt sich auf seine Weise für sie ein, für die, die "unsichtbar" sind, und gewinnt dadurch selbst wieder einen klareren Blick auf die Realität. "Vieles von dem, was Richard an diesem Novembertag, einige Wochen nach seiner Emeritierung, liest, hat er beinahe sein ganzes Leben über gewusst, aber erst heute, durch den kleinen Anteil an Wissen, der ihm nun zufliegt, mischt sich wieder alles neu. Wie oft wohl muss einer das, was er weiß, noch einmal lernen, wieder und wieder, bis er die Dinge wirklich versteht bis auf die Knochen? Reicht überhaupt eine Lebenszeit dafür aus?" Je mehr er jedoch erfährt über die Irrwege, über die bürokratischen, wenig flexiblen Gesetze, desto mehr wird Ihm klar, wie schlecht die Chancen für Flüchtlinge stehen, wie begrenzt auch seine eigenen Möglichkeiten sind. Dennoch will er nicht aufgeben. Er organisiert private Unterkünfte bei seinen alten Freunden und auch sein eigenes Haus füllt sich...neue Räume öffnen sich. Auffällig fand ich, die durch den ganzen Text hinweg oft wiederholten Sätze, was wahrscheinlich eindringlich wirken soll, mich aber eher gestört hat. Auch mit dem Schluss bin ich nicht ganz zufrieden, kommen doch da seitens Richard wichtige emotionale Erlebnisse zutage, die dann aber nicht den nötigen Raum mehr finden. Fazit: Ich bin der Meinung, dass es nicht Erpenbecks bestes Buch ist(siehe oben). Dennoch habe ich "Gehen ging gegangen" als ein besonderes und wichtiges Buch erlebt. Und ich denke, das könnte vielen Lesern so gehen...

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Richard hat Zeit. Er ist emeritiert, Witwer, ohne Zeitplan oder Termine. Er weiß sie nicht zu füllen, diese Zeit. Zeit haben auch die Männer, die auf dem Berliner Oranienplatz kampieren. Flüchtlinge sind es. Asylbewerber aus unterschiedlichen Ländern. Sie suchen Arbeit, ein besseres Leben, Schutz vor dem Krieg in ihrem Land. Sie haben Menschen verloren, Freunde, Frauen, Eltern, Kinder. Sie wurden erschossen, sind ertrunken, einfach verschollen. Richard startet ein Projekt, von dem er nicht weiß, wohin es ihn führt. Er befragt die Männer, die in einem nahegelegenem Altenheim zwischenstationiert werden nach ihren Geschichten. Er besucht mit ihnen den Deutschunterricht. Er erfährt ihre Geschichten, die Behandlung, die sie erfahren, das Schicksal das sie teilen. Richard und diese Männer könnten unterschiedlicher nicht sein, kommen aus verschiedenen Welten und haben doch alle unfreiwillig Zeit. Der Roman ist bewegend. Er fasst unglaublich präzise das Leben von in Deutschland gestrandeten Flüchtlingen auf. Unterschiedliche Wege haben sie nach Berlin geführt, wo sie alle eigentlich nicht bleiben dürfen, weil sie dort eben nicht zuerst angekommen sind. Herzergreifend sind manche Geschichten, erschreckend, aufrüttelnd. Und dabei greift Erpenbeck nicht in die Kitsch-Schublade. Erstaunlich sachlich bleibt sie, bleibt der personale Erzähler bei Richard, der eben Professor war und alles etwas sachlicher sieht. Zwischen den Zeilen steckt die Emotion. Sie wird deutlich in Richards Schweigen, in seinem Handeln, in seiner Zeit und darin, wie er sie nutzt. Vielleicht sind es die kleinen Stellen, die diesen Roman so groß machen, die sich festsetzten und nicht mehr loslassen, auch noch Tage nach dem Lesen nicht. Wie der Moment, an dem Richard zweifelt, an einem seiner Schützlinge, an sich selbst. Und keine Antwort findet. Der Zweifel steht im Raum des Romans. Er verletzt auf viele Arten. Dass es hier keine Antwort gibt, ist so ein großer Moment. Ein Moment, der auf alle „aber was ist wenn“ ein etwas stures aber klares „na und“ liefert. Gehen, ging, gegangen ist dabei so sehr kein politisches Buch, wie es im Grunde eben doch eines ist. Richard zumindest ist nicht politisch. Er hat eine Meinung, er hat viel erlebt, diese Erlebnisse haben ihn geprägt und prägen den Leser im Lesen mit, prägen die Geschichte. Als ehemaliger Bewohner der DDR hat er den Mauerfall so emotionslos aufgenommen, wie er sich auch den Asylbewerbern auf dem Oranienplatz annähert. Der Leser ahnt mehr von dem Brodeln in Richards Innern, als dass er es offenbart. Immer wieder geht es dabei nicht nur um Schicksale, sondern um Zeit. Zeit, die vergeht, Zeit, die aufgezwungen ist, festgelegt, Zeit, die vergangen ist und nicht mehr zurück geholt werden kann. Richard eignet sich diese unsichere Zeit der Asylbewerber an, indem er mit den Bestimmungen hadert, denen sie ausgesetzt sind – und denen er ebenso ausgesetzt ist. Er erfährt, wie unterschiedlich Zeit sein kann und wie ähnlich sie doch verläuft. Erpenbecks Roman rüttelt auf, vielleicht nicht als gewaltiger Aufschrei, dafür aber als tief durchdachtes Fundament. Ungerechtigkeiten, Bürokratie und Einzelschicksale treffen aufeinander, vermischen sich um Richard, der in eine neue Welt eintaucht und einen neuen Rhythmus findet. Ein großartiges Buch, eine phänomenale Geschichte, die nicht nur im Sommer 2015 aktuell und lesenswert ist.

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