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Saša Stanišić

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Gern werden die Begriffe Heimat und Herkunft gleichgesetzt sowie als Synonym für den Geburtsort einer Person verwendet. Dabei können das Heimatgefühl und die eigene Interpretation von Herkunft unterschiedlich ausgelegt werden. Saša Stanišić veranschaulicht diese Vielfältigkeit der Begriffe in seiner autobiographischen Erzählung und nimmt uns mit auf seine lebenslange Suche nach der Antwort, was für ihn Herkunft und Heimat bedeuten könnten: Könnten diese Begriffe anstatt an den Geburtsort auch an Lieblingsplätze, Erinnerungen, Erlebnisse oder an Familie und Freunde geknüpft sein? Inhalt: Saša Stanišić muss 1992 aus seinem Heimatort Višegrad im damaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien und jetzt im östlichen Bosnien und Herzigowina aufgrund des damals ausgebrochenen Krieges fliehen. Sein Vater ist Serbe, seine Mutter Bosniakin und Muslimin. Die Familie flieht nach Heidelberg, wo Saša aufwächst und erwachsen wird. Der liebste Aufenthaltsort von ihm und seinen Freunden nach der Schule ist eine Aral-Tankstelle. Saša verliebt sich zum ersten Mal, lernt besser Deutsch und beginnt zu schreiben, das aber zu Beginn auf Serbokroatisch. Sein Lehrer bringt ihn dazu, auf Deutsch zu schreiben. Seine Kurzgeschichten werden in der Klasse sogar unter einem Pseudonym besprochen. Er beginnt für sich die deutsche Literatur und Lyrik sowie klassische deutsche Autoren zu entdecken. Heidelberg wird irgendwie seine neue Heimat. Saša Stanišić darf als einziger seiner Familie in Deutschland bleiben, da er nach der Schule Deutsch als Fremdsprache und Slawistik studiert und später als Autor Arbeitet findet. Wenn er nach seiner Herkunft gefragt wird, dann variieren seine Antworten. Jedoch was seinen Ursprung betrifft, bevorzugt Saša Slowene, da man dabei weniger an Kriegsopfer denke im Vergleich zu Bosnien. Als erwachsener Mann besucht er seine Oma in seiner Geburtsregion. Er geht so auch seinen Erinnerungen nach, die einen Teil seines Verständnisses von Heimat und Herkunft ausmachen könnten: Die Oma erkrankt an Demenz. Für sie scheinen Erinnerungen nur noch Schall und Rauch. Kaum noch etwas wirkt wie früher. Für Saša ist der Ort in seinem Geburtsland zum einen fremd, zum anderen wiederum so vertraut, als könnte er seiner Herkunft entsprechen. Einer seiner Verwandten in Bosnien ist sich sicher, dass Sašas Herkunft „hier“ sei. Doch ist das tatsächlich so einfach? Kritik: Das Gefühl von Heimat ist ein abstraktes und deutet auf die Beziehung zwischen einem Menschen und einem Ort hin. So verbinden manche Leute mit Heimat ihre sogenannte Wahlheimat, also denjenigen Ort, den man sich selbst zum Leben ausgesucht hat. Für manche wie Saša ist Heimat wiederum ein Ort, wohin man gezwungen wurde zu fliehen, aber ihn später als neue Heimat anerkennen wird. Heimat kann meiner Meinung nach genauso mit Personen oder mit Erlebnissen verbunden werden, also gar nicht zwangläufig mit einem Ort verknüpft. Auch Herkunft kann weitreichender definiert werden, denn nicht ohne Grund spricht man auch von sozialer Herkunft. So beschreibt Saša Stanišić vor allem Heimat und Herkunft nicht nur als vielfältige Orte, die sein Leben prägten sondern auch als Teil des Erlebbaren. So scheint die Heimat der Oma nun die Vergangenheit zu sein. Sie verliert sich immer mehr in ihren Erinnerungen und scheint nicht so recht bewusst da zu sein, wenn ihr Enkel sie besucht. Sašas Geburtsort ist eine wichtige Erinnerung und damit ein Teil seiner Herkunft, aber manchmal wiederum scheint der Ursprungsort seiner Familie nicht viele mehr als eine unscheinbare Erinnerung für ihn. Saša Stanišić nutzt im Laufe seines Lebens immer mehr sein Talent für Sprache. Sie ist der Grund, weshalb er in Deutschland bleiben darf. So zeigt auch Sprache, dass sie ein Teil des Heimatgefühls ausmachen kann. Sowohl die deutsche als auch die slavische Kultur und die damit verbundenen Sprachräume scheinen für den Autor Heimat. Und genau diese Komplexität von Herkunft und Heimat fängt der Autor insgesamt beeindruckend ein. Er bricht es nicht auf eine Definition herunter, sondern eröffnet neue Blickwinkel und Interpretationsvarianten, was man unter den vermeintlich klaren Worten Heimat und Herkunft verstehen kann. Ihm gelingt schlussendlich eine sprachlich differenzierte, tiefgründige, aber auch berührende Autobiographie als Roman. Heimat muss nicht nur der Geburtsort sein, sondern kann auch an Erinnerungen, Erlebnisse oder an Lieblingsplätze geknüpft sein. Fazit: Der Autor bedient sich der Vielfältigkeit der deutschen Sprache und lässt uns an seinen Gedankengängen zu Fragen teilhaben, die ihn und auch uns wohl ein Leben lang beschäftigen werden: Wo komme ich her, wo gehe ich hin? Wo will ich herkommen und wo will ich selbst hingehen? Der Roman von Saša Stanišić ist facettenreich, intelligent geschrieben und absolut lesenswert. Er veranschaulicht, dass der Heimatbegriff gar nicht so eindeutig zu bestimmen ist und auch nicht immer nur mit positiven Gefühlen behaftet ist. Und ohne zu viel verraten zu wollen: Bleibt dran! Das Ende des Romans wird nämlich interaktiv… Saša Stanišićs Roman „Herkunft“ ist bei Luchterhand (Random House) im März erschienen.

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Die Frage danach, wo man herkommt, scheint so einfach und ist doch so kompliziert. Wenn Saša Stanišić gefragt wird, muss er zunächst zurückfrage: wie, jetzt gerade? Oder wo ich wohne? Oder das Land, in dem ich geboren bin, und das es gar nicht mehr gibt? Oder die ethnische Zugehörigkeit seiner Eltern? Er beleuchtet dieses komplizierte Thema anhand seiner eigene Biografie. Geboren als Sohn einer Bosniakin und eines Serben in einer jugoslawischen Kleinstadt, ist es in der Kindheit relativ egal, wer was ist, es sind eh alle für Roter Stern Belgrad, die Mannschaft, die 1991 den Europapokal gewinnt, bevor das Land auseinanderbricht und Jahrzehnte im fußballerischen Nirgendwo versinkt. Der Krieg kommt näher und die Familie flüchtet nach Deutschland, wo im Kreis zahlreicher anderer Flüchtlinge die Herkunft wieder egal ist, alle sitzen letztlich im gleichen Boot. Und heute? Die Mutter in Kroatien, wo sie als Nicht-EU Bürgerin nicht dauerhaft wohnen darf, die Großmutter dement und damit gänzlich ohne Herkunft und der Rest der Familie in alle Himmelsrichtungen verstreut. Was gibt man da an die Kinder weiter? Der Autor selbst liest sein Buch, was der Geschichte durch den merklichen Akzent eine noch eindringlichere Wirkung verleiht. Thematisch könnte Stanišić kaum mehr den aktuellen Zeitgeist treffen, auch wenn seine Einwanderungsgeschichte unter gänzlich anderen Voraussetzungen stattgefunden hat als die derjenigen, die seit 2015 angekommen sind. Ohne Frage gilt der vielfach ausgezeichnete Autor als perfekt integriert und Musterschüler. Gut, dass er den Finger auch in die Wunde legt, denn er hat eine Chance bekommen, hätte seine Familie 15 Jahre später versucht zu flüchten, wären sie vermutlich von einem ungarischen Zaun gestoppt worden. Was mich besonders begeistern konnte war die gelungene Verbindung von persönlicher Geschichte und großen politischen Linien. Der Autor selbst erlebt die Flucht und Ankunft in der neuen Welt als Jugendlicher. Schnell findet er Anschluss, denn er ist nicht alleine, aus aller Herren Länder sitzen Mitschüler in seinem Vorbereitungskurs und schnell freundet man sich an und arrangiert sich mit der Situation. Eine gewisse Normalität kann er sich so schnell aufbauen, seine Eltern hingegen müssen einfache Arbeiterjobs annehmen, die ihren akademischen Qualifikationen in keiner Weise gerecht werden, bis sie schließlich nur wenige Jahre später ohnehin wieder rausgeworfen werden. Bei einer Reise mit seiner Großmutter nach Višegrad viele Jahre später sucht er nicht nur nach Wurzeln, sondern stellt auch fest, wie sich Menschen immer wieder anpassen. Den Zweiten Weltkrieg mit dem Einmarsch der Deutschen, die sich dann letztlich doch auch nur als Menschen herausstellten und sich mit der lokalen Bevölkerung arrangierten, haben die Alten genauso ausgehalten wie den angeordneten Vielvölkerstaat und dessen brutalen Zerfall. Anekdoten reihen sich aneinander, von kindlicher Unbedarftheit bis zu unschönen Wahrheiten. Er trifft auf Deutsche, die aus Schlesien stammen und ebenso mit scheinbar willkürlichen Grenzen und Definitionen leben müssen wie er und muss als Jugendlicher mit überschaubarem Wortschatz Wörter wie Brandanschlag, Ausländerhass und Molotow-Cocktail lernen, weil überall im Land gerade Neonazi Flüchtlingsunterkünfte anzünden. Er findet keine Antwort auf die Eingangsfrage, außer vielleicht, dass diese Frage nur gestellt wird vor dem Hintergrund eines sehr begrenzten Weltbildes, das aus Schubladen besteht, deren Sortierordnung nicht nur überholt, sondern weltfremd, unnütz und rassistisch ist.

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Der neue - stark autobiographisch geprägte - Roman "Herkunft" von Saša Stanišič ist wirklich eine Entdeckung. Mit einer Collage aus Tatsachen und ausuferndender Fabulierungskunst beschreibt er seine Herkunft, seine bosnischen Wurzeln und seine Sozialisation in Deutschland, nachdem er - damals noch ein Kind - mit seiner Familie kriegsbedingt das Land verlassen musste... In vielen kleinen Bildern, Rückblenden, Abschweifungen, Ausblicken erschafft Saša Stanišič auf fantasievolle Art und Weise einen Gesamteindruck, was Heimat, Herkunft wohl bedeutet, bedeuten kann, bedeuten sollte - als in Deutschland geborener und aufgewachsener Leser fühlt man sich häufig fast schon beschämt und kann sich glücklich schätzen, nie auf der Flucht gewesen zu sein. Kunstvoll schreibt der Autor gegen Hass und Fremdenfeindlichkeit an und schildert gleichzeitig die Zeit des Auseinanderbrechens Jugoslawiens. Mittelpunkt seiner Geschichte ist die demente Grossmutter, deren Geschichte in Rückblenden und aktuellen Momentaufnahmen erzählt wird. Dabei lernt man als Leser viele, teils schräge, Persönlichkeiten kennen und taucht in Stanišič Familiengeschichte ein. Neben all der Tragik einer Migration beschreibt er aber auch sehr amüsant und witzig seine Wahrnehmung der deutschen Spiessigkeit (z.B. die Briefkästen in Eppelheim, S. 159/160). In klaren Worten finden Stanišič Bilder und Worte für Alltagsbeschreibungen, die man schon lange nicht mehr so phantasievoll und geistreich gelesen hat. Macht also sofort Lust auf mehr. Das Buch endet so, wie das Leben ist: mit vielen unterschiedlichen Möglichkeiten: je nachdem, welchen Weg man als Leser einschlägt. Das ist so überaus passend und stimmig und schön geschrieben, dass man natürlich jede Möglichkeit wahrnimmt und es somit mehrere Schlusssequenzen hat (wenn man das möchte). Man kennt diesen "Choose your own adventures" - Kniff heutzutage ja von Games oder Kinderbüchern. Eine schöne und treffende Idee für die Lösung der grundlegenden Fragen: Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Aber es hat eben nicht jeder die Möglichkeit, dies selbst zu entscheiden...

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Herkunft – das ist eins dieser ideologiebesetzten Wörter, das die einen dazu missbrauchen, um abzugrenzen, um zu deklassieren, während die anderen es maximal zur Bestimmung der Güte von Wein oder Fleischwaren benutzen mögen. Was kann Herkunft noch bedeuten in unserer globalisierten, multikulturellen Welt? Wie kann man es schützen vor plattem Nationalismus? Dass auch der Autor Saša Staničić ein Weltbürger ist, davon kann man ausgehen. Er lebt in Hamburg, sein Werk ist in 30 Sprachen übersetzt worden. Geboren wurde er aber 1978 im bosnischen Višegrad an der Drina, das durch Ivo Andrićs Roman „Die Brücke an der Drina“ zunächst weltliterarische und dann während des Jugoslawienkriegs 1992 durch die von serbischen Einheiten durchgeführten „ethnischen Säuberungen“ bekannt wurde. Saša Staničić ist der Sohn eines Serben und einer Bosniakin, beide alles andere als religiös. Wie der Autor so schön schreibt, „Ich dachte eine Zeit lang, ohne Witz, Moslem sei man, weil man Schweinefleisch nicht aß – einfach also jemand mit einer speziellen Diät." Die ethnischen Verfolgungen als Folge des Zerfalls des Vielvölkerstaats Jugoslawien gaben ihm diesbezüglich Nachhilfe und zwangen ihn und seine Mutter zu einer überstürzten Flucht nach Deutschland, der Vater folgte wenig später. Sie landeten zunächst in einem Auffanglager in der Nähe von Heidelberg, wo sie dann mit den Großeltern bei einer dort lebenden Tante unterkamen. Saša war damals 14. Familie interessierte ihn ähnlich stark wie die meisten Teenager, seine Herkunft war ihm meistenteils peinlich, denn sie machte ihn zu einer Besonderheit, etwas, was Teenager wenig schätzen. Und so gab sich Saša schon einmal als einen die Alpen vermissenden Slowaken aus, um die Opferrolle, die vielen verfolgten Bosniern zuteilwurde, zu vermeiden. Wichtiger war ihm die aus jungen Männer unterschiedlicher Nationen bestehende Clique, die sich an der ARAL-Tankstelle in Heidelberg-Emmertsgrund traf, waren Mädchen und, leider nicht ganz typisch für junge Männer, die Literatur. Besonders seine Liebe zu einem der „deutschesten“ Dichter überhaupt, Joseph Eichendorff, bekundet er im Buch mehrmals. Herkunft ist als autobiografische Selbstbefragung immer auch eine Versicherung darüber, Glück gehabt zu haben. Glück und Chancen, durch die Literatur oder durch den Deutschlehrer, der ihn zum Schreiben von Gedichten auf Deutsch ermuntert hat, oder durch den engagierten Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde, der seine Abschiebung aussetzte und ihm dadurch ein Studium in Heidelberg ermöglichte. Weniger Glück hatten seine Eltern, die nach jahrelanger unterqualifizierter Arbeit in einer Großwäscherei (Mutter) und auf dem Bau (Vater) 1998 der bevorstehenden Abschiebung durch Auswanderung in die USA zuvorkamen. Und so ist Saša Staničićs Familie über viele Länder verstreut, seine Eltern leben mittlerweile in Kroatien, die Großmutter ist 2018 in einem Altenheim im bosnischen Rogatica verstorben. Ihre seit Jahren zunehmende Demenz war (zumindest ein) Anlass für das vorliegende Buch. Ihr verlöschendes Gedächtnis Antrieb für die Erinnerungsarbeit, die der Enkel mit „Herkunft“ leistet. Das Buch besitzt bewusst keine Genrebezeichnung. Saša Staničić ist einer der großen Sprachvirtuosen Deutschlands. So genau und gleichzeitig verspielt geht kaum ein Autor mit der deutschen Sprache um, vielleicht gerade weil sie ihm keine Muttersprache ist. Genauso spielerisch baut er seinen Text auf. Er verflicht verschiedene Zeitebenen und Stilarten mühelos und virtuos. Da ist der Autor, der sich 2018 Sorgen um den Gesundheitszustand seiner Großmutter in Bosnien macht, bereut, in früheren Zeiten sie nicht mehr gefragt zu haben, der sich an Vergangenes erinnert, auf einmal so etwas wie Herkunft spürt, auch wenn er weiß: „Jedes Zuhause ist ein zufälliges: Dort wirst du geboren, hierhin vertrieben, da drüben vermachst du deine Niere der Wissenschaft. Glück hat, wer den Zufall beeinflussen kann. Wer sein Zuhause nicht verlässt, weil er muss, sondern weil er will.“ Mit der ihm eigenen klugen Klarsicht und dem humorvoll-ironischen Blick will er schon 2008 anlässlich der Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft an die Ausländerbehörde geschrieben haben: „“Ich bin Jugo und habe in Deutschland trotzdem nie was geklaut, außer ein paar Bücher auf der Frankfurter Buchmesse. Und in Heidelberg bin ich mal mit einem Kanu in einem Freibad gefahren.“ Radierte beides aus, weil vielleicht Straftaten und nicht verjährt.“ Welche Anekdote man glaubt, ist der Leser*in überlassen. Nicht immer ist der Autor da so transparent wie bei der Abschiedsszene mit seiner Großmutter bei seinem letzten Besuch. „Es stört mich, dass sie das nicht sagt. Es stört mich, dass ich mir das für sie ausdenke. In Wirklichkeit sitzt sie weiter reglos da, als habe der eine Schluck Kaffee sie Kraft gekostet.“ Worüber sich der Autor 2018 auch Gedanken macht und was sicher auch seine Spuren im Buch hinterlassen hat, sind die neuesten nationalistischen Tendenzen in Deutschland und Europa. „Heute ist der 29. August 2018. In den letzten Tagen haben tausende in Chemnitz gegen die offene Gesellschaft in Deutschland demonstriert. Migranten wurden angefeindet, der Hitler-Gruß hing über der Gegenwart.“ schreibt er etwa. Für ihn ist es eine „Zeit, in der Abstammung und Geburtsort wieder als Unterscheidungsmerkmal dienen.“ Die zweite Zeitebene, in der sich der Text bewegt, ist das Jahr 2009, in dem Saša Staničić seine Großmutter in Bosnien besucht und sie ihn zum ersten Mal mit nach Oskoruša mitnimmt, jenem Bergdorf aus dem die Großeltern stammen und in dem der Heilige Georg, der Drachentöter, oder, so vermutet Saša Staničić, eher die Drachen verehrt werden. 2009 leben nur noch 13 Einwohner dort, aber auf dem Friedhof reiht sich ein Grabstein mit der Inschrift Staničić an den nächsten. Ein Ort, an dem der Autor zum ersten Mal vielleicht etwas wie Herkunft verspürt. Ein alter Verwandter sagt es rigoros. "Von hier. Du kommst von hier." Eine weitere Zeitebene ist die Zeit um 1992. Der Jugoslawienkrieg bricht aus, die schrecklichen Ereignisse nach Zerfall des Vielvölkerstaats, als urplötzlich wieder Nationalismen ins Kraut schossen, und das mit einer ungeheuren Brutalität, sind für den Autor nach wie vor unfassbar. „Der Sozialismus war müde, der Nationalismus wach.“ Nicht nur wenn man Sozialismus durch Demokratie ersetzt, kann dieses lapidare Statement zur Mahnung werden. Plötzlich kursieren in der Klasse Sašas Listen, in die sich die Schüler unter den Rubriken Serbe, Bosnier, Kroate eintragen sollen. Zögerlich beginnen die ersten, dann taucht eine neue Rubrik auf: „Weiß nicht“ und bald danach die Rubrik „Fickt euch“. Leider ist nicht jeder der ehemaligen Jugoslawen so mit dem Thema Ethnien umgegangen. Familie Staničić muss fliehen. Viel Raum widmet der Autor seinem Ankommen in Deutschland, seiner Teenagerzeit, seinen Mitschülern in der „Willkommensklasse“ etwa, von denen einer das Problem mit der Herkunft löst, indem er in die Rubrik „geboren“ einfach „ja“ einträgt. Für Saša Staničić gilt: „Fragt mich jemand, was Heimat für mich bedeutet, erzähle ich von Dr. Heimat, dem Vater meiner ersten Amalgam-Füllung.“ Dieser menschenfreundliche Zahnarzt war für die Familie Staničić ein erster wirklicher Willkommensgruß. „Fragt mich jemand, was mir Heimat bedeutet, erzähle ich vom freundlichen Grüßen eines Nachbarn über die Straße hinweg. Ich erzähle, wie Dr. Heimat meinen Großvater und mich zum Angeln an den Neckar eingeladen hat. Wie er Angelscheine für uns besorgt hat, wie er Brote geschmiert und sowohl Saft als auch Bier dabeihatte, weil man ja nie weiß. Wie wir Stunden nebeneinander am Neckar standen, ein Zahnarzt aus Schlesien, ein alter Bremser aus Jugoslawien und ein fünfzehnjähriger Schüler ohne Karies, und wie wir alle drei ein paar Stunden lang vor nichts auf der Welt Angst hatten.“ Immer wieder gehen die Erinnerungen natürlich auch noch weiter zurück, in die Kindheit, die Jugend der Eltern. Saša Staničić ist ein Sprachspieler und sein Umgang mit der deutschen Sprache einfach wunderbar. Seine Geschichten sind stets von einer enormen Menschenfreundlichkeit getragen. Und wenn auch in „Herkunft“ etwas weniger Witz und Ironie durchschimmert als in vergangenen Büchern, ist es dennoch äußerst vergnüglich zu lesen, wie er die Zeiten und Geschichten durcheinanderwirbelt, von poetischen Episoden zu fantastischen Erfindungen, zu geschichtlich-politischen Betrachtungen und zu autobiografischen Erinnerungen springt. Am Ende denkt er sich etwas ganz besonderes aus. Es ist die Zeit im Spätherbst 2018, in der seine Großmutter bereits gestorben war, er aber noch über an diesem Buch schrieb. Als früher Fan von „Choose your adventure“ Büchern - der eine oder andere kennt vielleicht noch die „Schwarzes Auge“-Reihe - gibt er den Lesern nun die Möglichkeit, aus verschiedenen Handlungsmöglichkeiten eine auszuwählen und dem Verlauf der Geschichte dementsprechend zu folgen. Zehn verschiedene, mehr oder weniger kurze, mehr oder weniger fantastische Geschichten und Enden stehen zur Verfügung. Aber nur eines davon ist real – der Tod der geliebten Großmutter. Der Saša Staničić neben vielen anderen hier im Buch „Herkunft“ ein wunderbares, berührendes Denkmal gesetzt hat. Unbedingt lesen! ,Norwegens königliche Literaturbotschafterin IKH Kronprinzessin Mette-Marit hat zusammen mit Geir Gulliksen eine Anthologie namens Heimatland zusammengestellt. Was es bedeutet, norwegisch zu sein sollen literarische Texte von Autoren aus Norwegen beleuchten. Das Ganze könnte eine ziemlich brave, konventionelle Sache sein. Im Gespräch der beiden Herausgeber, das den zwölf Texten als Vorwort vorangestellt ist, zeigt sich aber bereits, dass das Projekt sehr viel spannender zu sein verspricht. Da wird kein gezwungener Konsens hergestellt, da trifft die unbedingte Norwegenliebe Mette-Marits auf die Skepsis Gulliksens. Da scheint die legendäre Offenheit Norwegens auf. Da sind zwölf spannende Autoren, von Dag Solstad (Jahrgang 1941) bis Maria Navarro Skaranger (1994) versammelt. Weitere Beiträge stammen von Karl Ôve Knausgård, Tomas Espedal, Helga Flatland und der Amerikanerin mit norwegischen Wurzeln, Siri Hustvedt. Eine interessante Mischung. Ich bin ansonsten immer etwas skeptisch bei Anthologien, gerade wenn sie zu einem bestimmten Anlass verfasste Texte versammeln. Aber diese hier ist so vielseitig und einige der Texte so gelungen, dass ich sie als Einstieg in die norwegische Literatur rundum empfehlen kann.

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Ich bin einem Land geboren, das es nicht mehr gibt. Hoyerswerda, 1978 Das Land hieß DDR, man schrieb das Jahr 1978. Meine Eltern hatten noch vor meiner Geburt stolz eine Wohnung in einem der Plattenbauten bezogen, die man unter dem Namen WBS 70 gerade neu in den trockenen Boden des Lausitzer Kohlereviers gesetzt hatte. Es war die Zeit, als sich die gesamte Familie am 1. Mai in Omas zentral gelegener Wohnung zum Essen traf, mit Ausblick auf den Demonstrationszug auf der Magistrale. Mit vor Stolz geschwellter Brust bekam ich am 13. Dezember 1986 ein blaues Halstuch umgehängt, war fortan Jung- und bald Thälmannpionier und besuchte ehrgeizig die "Polytechnische Oberschule mit Erweitertem Russisch-Unterricht". Meine Jugendzeit dann verbrachte ich in einem mir fremden Land; ich war nicht geflohen, nein, und meine Eltern packten uns auch nicht – wie viele andere Kinder um uns herum – ins Auto, um hunderte Kilometer westlich ein neues Leben anzufangen. Ich war geblieben, wo ich immer schon gewesen war – und fand mich nicht mehr zurecht. Kaum etwas aus meiner Kindheit, abgesehen von ein paar Büchern, hat überdauert, kein Pionierhemd oder Halstuch gar, und auch die Familie findet schon längst, ob 1. Mai oder Weihnachten, nicht mehr zusammen. Wäre dies die Skizze zu einem Bildungsroman, dann ließe sich von hier aus dennoch ein Bogen spannen zum vermutlich hoffnungsfrohen Ausgang: Jahrzehnte später hat der Mann seine Lektion gelernt, steht mit beiden Beinen auf dem Boden der Wirklichkeit und mitten im Leben und vermittelt seinen Kindern erfolgreich seine Erfahrungen aus den Leben in verschiedenen Wirklichkeiten. Aber ganz ehrlich: wen interessiert das? Visegrád, 1978 Und ach: Der Satz von dem Land, das es nicht mehr gibt, könnte von mir stammen, findet sich aber in Wirklichkeit auf Seite 87 in dem Buch Herkunft des 1978 im damaligen Jugoslawien geborenen Saša Stanišić, das wohlweislich ohne Gattungsbezeichnung auskommt. Unbeeindruckt vom ja ziemlich breit getretenen Genre des autobiographischen Romans, spinnt Stanišić mit dieser Versuchsanordnung aus Erzählfragmenten und Geschichtssplittern ein keineswegs lückenloses Netz zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Von der Gegenwart im Jahr 2018 lässt Stanišić seinen Erzähler immer wieder zurückspringen bis tief in die Absurditäten des real existierenden Sozialismus und die sich ankündigenden Abgründe im Vielvölkerstaat Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre. Gerade durch den Verzicht auf Chronologie und Vollständigkeit entsteht eine dichte Geschichte, die von Kindheit und Krieg, Flucht und Ankunft im fremden Land erzählt. Gleichzeitig aber thematisiert Stanišić das Erzählen selbst und denkt über sich als Erzähler nach: Diese Geschichte beginnt mit dem Befeuern der Welt durch das Addieren von Geschichten. ... Ich werde einige Male ansetzen und einige Enden finden, ich kenne mich doch. Ohne Abschweifung wären meine Geschichten überhaupt nicht meine. Die Abschweifung ist Modus meines Schreibens. Und Saša Stanišić schweift immer wieder ab. Kaum hat man über einige der kurzen Kapitel hinweg Vertrauen in den Fortgang der Geschichte geschlossen, wechselt der Erzähler Zeit und Ort; kaum hat man sich in den Geschichten über die schwierige Anfangszeit in Heidelberg orientiert, katapultiert einen das Buch zurück in die archaisch surreal anmutende Welt der Großeltern nach Visegrád; die Erinnerungen an die Jugendzeit, an Schwarzheide und Heidelberg – Heidelberg war Flucht und Neubeginn, war das Prekäre und die Pubertät, erste Polizeikontrolle und erste Liebe, Sperrmüllmöbel und Studium. War irgendwann trotziges Selbstbewusstsein, das rief: Weil ich es kann! – liegen Seite an Seite mit Geschichten von Fußball, Krieg und Neonazis und sind manchmal nur einen Absatz von der Gegenwart mit ihren Flüchtlingsströmen und der erstarkenden Fremdenfeindlichkeit entfernt. Das alles verknüpft Stanišić zwanglos und spielerisch zu einem Flickenteppich, in dem es nur so wimmelt von Geschichten und Geschichtchen. Schlaglichter, Erinnerungsfetzen versammelt Stanišić, um seine Herkunft zu beleuchten. So unzuverlässig Erinnerungen sind, so unverzulässig ist der Autor als Erzähler. Herkunft findest du nicht über eine chronologisch erzählte Geschichte – Herkunft wird gestiftet durch Erzählen und, ja, Erfinden. Ich sehe zum verfallenen Haus meiner Urgroßeltern, und ich verstehe so vieles nicht. Nicht, wie das Knie funktioniert. Ernsthaft religiöse Menschen so wenig wie Menschen, die Geld und Hoffnung in Magie, Wettbüros, Globuli oder Hellseherei setzen. Ich verstehe das Beharren auf dem Prinzip der Nation nicht und Menschen, die süßes Popcorn mögen. Ich verstehe nicht, dass Herkunft Eigenschaften mit sich bringen soll, und verstehe nicht, dass manche bereit sind, in ihrem Namen in Schlachten zu ziehen. Wer ist "Ich"? "Bin das ich?", war Großmutters letzter Satz, an niemanden und an sich und an mich gerichtet, im Altenheim von Rogatica. Das frage ich mich seit zwei Jahren in diesem Text: Bin das ich? Sohn meiner Eltern, Enkelsohn meiner Großeltern, Urenkel meiner Urgroßeltern, Kind Jugoslawiens, geflüchtet vor einem Krieg, zufällig nach Deutschland. Vater, Schriftsteller, Figur. Bin das alles ich? Und dann ist da noch die Großmutter, die gar nicht mal so heimliche Hauptfigur in diesem Buch. Während das Buch entsteht, erkrankt Stanišić' Großmutter an Demenz, und der Erzähler vermag nur, einzelne Puzzle-Teile ihrer Geschichte festzuhalten, während immer mehr Teile abhanden kommen. Am 29. Oktober 2018 stirbt die Großmutter. Herkunft – das ist das, was du rettest vor dem Vergessen. In den 1990er Jahren frönte ich ähnlich wie Saša Stanišić einer Leidenschaft für Rollenspiele in Buchform; vor allem Der Einsame Wolf weckte in mir einen (ungefährlichen) Anflug von Spielsucht. Stanišić nun erfindet sich ein eigenes Rollenspiel, indem er die Großmutter in der Nacht aus dem Altenheim "befreit", um mit ihr Drachen zu jagen. Als Leser hat man nun Seite für Seite die Wahl; entscheidet man sich für die Wahrheit oder die Rückkehr zu den Tatsachen, droht meist ein schnelles Ende – nur, indem man sich immer waghalsiger in die Geschichte stürzt, schiebt man das Ende für den Erzähler und seine Großmutter herzaus... Nicht nur aufgrund des gemeinsamen Geburtsjahrgangs und einiger – zugegebenermaßen eher weniger – biographischer Gemeinsamkeiten fühle ich mich diesem so poetischen wie politisch relevanten Text über die Maßen verbunden; in dieser Mischung aus Nähe und Distanz möchte ich gern auch meine Herkunft noch einmal erkunden – ohne Allwissenheits-Phantasien, doch auch ohne vor dem Vergessen zu kapitulieren.

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Dass ich Saša Stanišićs neues Buch „Herkunft“ als Hörbuch auswählte war klar. Denn seine Texte sind von ihm selbst gelesen einfach ein großer Genuss und eine Freude,. „Dreißig Jahre später, im März 2008, musste ich zum Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft unter anderem einen handgeschriebenen Lebenslauf bei der Ausländerbehörde einreichen. Riesenstreß! Beim ersten Versuch brachte ich nichts zu Papier, außer dass ich am 7. März 1978 geboren worden war. Es kam mir vor, als sei danach nichts mehr gekommen, als sei meine Biografie von der Drina weggespült worden.“ Er beginnt seine Erzählung mit der Großmutter, die in ihrem Heimatort auf der Straße nach sich selbst ruft, nach dem Mädchen, dass sie einmal war. Die Großmutter wird dement, vergisst viel, vergisst aber nicht, ihren Enkel beim Besuch oder am Telefon wie früher liebevoll „Esel“ zu nennen. Immer wieder kehrt die Geschichte an den Ort der Großmutter zurück, in das Dorf Oskoruša, in dem noch traditionelle mythische Überlieferungen erzählt werden, wie etwa die vom Drachen. Damit löste sich auch meine Frage, weshalb auf dem Cover ein eher chinesisch anmutender Drache abgebildet ist. Die Familie lebt dann in Višegrad, einer Stadt an der Drina. Vater und Mutter haben eine gute Arbeit. Die Mutter hatte sogar studiert. Doch sie trägt einen Namen, der nach Muslima klingt und als es zu ersten Verfolgungen und Kriegshandlungen im zerfallenden Jugoslawien kommt, flieht sie mit dem Sohn nach Deutschland. Die Familie folgt später nach. Wenn Stanišić über die Erfahrungen seiner Zeit als Flüchtlingskind erzählt, zunächst allein mit der Mutter in Heidelberg, dann mit der ganzen Familie in einer Flüchtlingssiedlung auf engstem Raum mit vielen anderen Nationen, wird sehr deutlich, was es heißt, fremd zu sein. Dass er das alles auf seine verschmitzte, heitere Art erzählt, verbirgt nicht die Traurigkeit, die auch darunter lag und auch die Scham. Scham, ein „Jugo“ zu sein, über die prekären Verhältnisse, in denen die Familie lebt, da die Eltern nicht in ihren ursprünglichen Berufen, sondern als Hilfskräfte ihr Geld verdienen müssen. Für ihn wird es einfacher, er lernt schneller Deutsch, er wird schneller integriert. Die Schulklasse, die vorrangig aus nichtdeutschen Kindern besteht, prägt diese Zeit positiv. aus Kapitel: Die Häkchen im Namen „Allerdings kommt man auch bei der 20. Wohnungsbesichtigung nicht auf die Shortlist, dann wird aus Saša schon mal Sascha mit sch. Es klappt dann zwar auch nicht, aber jetzt liegt es wenigstens am Beruf.“ Stanišić springt in der Zeit hin und her, es ist nicht seine Art chronologisch zu erzählen. Mir scheint es dadurch als eine sehr persönliche, zugewandte Art zu erzählen. Beinah wie ein Zwiegespräch … Sehr besonders, dass er zwei im Text vorkommende Lieder des Vereins der Jugoslawien-Freunde vorsingt (das hat man im Buch nicht!), Lieder, die er aus der Kindheit kennt, und die heute wieder vermehrt Anklang finden bei all jenen, die sich in die Tito-Zeit zurück sehnen und die vermeintlich besseren Zeiten wieder herauf beschwören und den Nationalstolz feiern. Wenn Stanišić von seiner Großmutter erzählt, die erst langsam, dann sehr schnell in die Demenz gleitet, ist es berührend zuzuhören … „Welcher Tag ist heute, Oma?“, frage ich und meine Großmutter sagt, „Alle Tage.“ … oder witzig, wenn er von seinem ersten Verliebtsein in der Schulzeit erzählt, das sich, ob der zunächst geringen Sprachkenntnisse nicht ganz so einfach gestaltet. Und sogar der Bericht über ein Fussballspiel von Roter Stern Belgrad, dessen Fans er und sein Vater waren, fesselt mich in seiner Art, obwohl ich eigentlich Fussball nichts abgewinnen kann. Stanišić ist ein magischer Geschichtenerzähler!

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Zwischen zwei Welten

Von: Peter Matulla aus Clausen

13.06.2019

Waehrend einer Fahrt hoerte ich zufaellig einen Hinweis auf das Buch -Herkunft- von Sasa Stanisic. Hat mein Interesse geweckt. Meine Tochter schenkte mir das Buch zum Vatertag. Sie hatte im TV im literarischen Quartett die Buchbesprechung gesehen und war auch begeistert. Habe das Buch -Herkunft- ueber die Pfingsttage gelesen und es hat mir sehr gut gefallen. Es ist erstaunlich, wie spielerisch gekonnt, der aus Bosnien stammende Autor, mit der deutschen Sprache jongliert, die ja nicht seine Muttersprache ist. Fuer mich war das Buch auch interessant, weil ich die die Gegend an der Drina, wo Sasa Stanisic aufgewachsen ist, sehr gut kenne; sowie der Tatsache, dass der Floesser Fikret Pendek, der mit seiner Familie waehrend des Krieges im oberfraenkischen Floesserdorf Unterrodach Zuflucht gefunden hat, bis er nach 6 1/2 Jahren wieder zurueck nach Sarajevo musste, ein aehnliches Schicksal erfahren hat, wie der Autor. Fuer Leser, die Bosnien und die Wirren des Balkankriegs nur aus den Medien kennen, kann ich die Lektuere dieser Biographie auch empfehlen. Weil ich durch meine vielen Reisen auf den Balkan, dort Land und Leute gut kenne, war das Buch fuer mich ein Genuss zu lesen.

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Ich verstehe so vieles nicht. Nicht, wie das Knie funktioniert. Ernsthaft religiöse Menschen so wenig wie Menschen, die Geld und Hoffnung in Magie, Wettbüros, Globuli oder Hellseherei setzen. […] Ich verstehe nicht, dass Herkunft Eigenschaften mit sich bringen soll, und ich verstehe nicht, dass manche bereit sind, in ihrem Namen in Schlachten zu ziehen. Ich verstehe Menschen nicht, die glauben, sie könnten an zwei Orten gleichzeitig zu sein. Ich musste eine ganze Weile über dieses Buch nachdenken. Nicht, weil es mir so schwer fällt, darüber zu schreiben, sondern weil so überraschend schon in den ersten Monaten des Jahres mein wahrscheinliches Lieblingsbuch daherkam. “Wie kann das sein?”, dachte ich. So dachte ih noch ein wenig darüber nach und, wie es sich herausstellt, lässt mich das Buch trotzdem nicht los, es verliert nichts seiner Magie. Also, darf ich vorstellen: Mein definitives Lieblingsbuch 2019 BISHER. Saša Stanišić schreibt so charmant, so liebevoll, über seine Herkunft und die Findung seiner Identität zwischen Serbien, Bosnien, Berlin und Heidelberg. Er hat noch als Kind einen Krieg miterlebt und auch das Trauma mitgetragen. So etwa fragt niemand nach der vermutlichen Schusswunde im Bein des Vaters. Gleichzeitig kommt er aber auch an in Deutschland, seiner neuen Heimat, und fühlt sich angekommen, wenn auch nicht immer angenommen. Der Geographielehrer holt Landkarten und zählt Bundesländer und Hauptstädte auf. Er fragt Pekka, was die Hauptstadt seines Heimatlandes sei, und Pekka sagt: “Stuttgart”. […] Alle lachen, sogar die Traumatisierten. Der Geographielehrer fragt mich, was die Hauptstadt meines Heimatlandes sei, und ich sage: “Belgrad und Sarajevo und Berlin.” Er schreibt über Fußball und über die Liebe – zwei Dinge, die ohne Sprache funktionieren, die einfach universell verständlich sind. Das sind auch sehr präsente Themen in seinem Buch, neben der Literatur und dem Schreiben, das durch den Deutschlehrer und das Lesen von Eichendorff explizit gefördert wurde. Stanišić hatte also das Glück, Leute in seinem Umfeld zu haben, die ihn trotz aller Widrigkeiten akzeptierten und als gleichwertig ansahen. Dass ich diese Geschichte überhaupt schreiben kann und schreiben will, verdanke ich nicht Grenzen, sondern ihrer Durchlässigkeit, verdanke ich Menschen, die sich nicht abgeschottet, sondern zugehört haben. Doch neben all diesen Menschen gab es eine Institution, die als “Melting Pot” einen wichtigen Dienst tat: Die ARAL-Tankstelle. Die soziale Einrichtung, die sich für unsere Integration am stärksten einsetzte, war eine abgerockte ARAL-Tankstelle. Sie war Jugendzentrum, Getränkelieferant, Tanzfläche, Toilette. Kulturen vereint in Neonlicht und Benzingeruch. Und dann, nach allem, ist es auch eine Hommage an die Oma Kristina, auf die die Handlung immer wieder zurückkommt und die eine Schlüsselrolle in Stanišić’s Leben inne hatte. Das fand ich schön, denn man merkt an der Schrulligkeit, wie er seine Großmutter beschreibt, wie gern er sie hatte. Alles in allem also ein wahnsinnig beeindruckendes Buch über Weggehen und Ankommen, und in der heutigen Zeit mehr denn je ein Wink mit dem Zaunpfahl, wie sehr wir dieses gemeinsame Europa und die Friedenssicherung brauchen. Es geht um Menschen wie du und ich, die auf gar keinen Fall im Mittelmeer ertrinken dürfen, egal, was die lahmen Ausreden der Politik sind.

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