Leserstimmen zu
Unterleuten

Juli Zeh

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Worum geht’s? Es geht um Unterleuten, ein kleines scheinbar idyllisches Dorf irgendwo in Brandenburg und um dessen Bewohner. Da gibt es einige Alteingesessene und ein paar neu Zugezogene und natürlich gibt es alte nie gelöste Streitigkeiten und festgefahrene Strukturen. Da braucht es nur den geplanten Bau eines neuen Windparks auf Gemeindegebiet, um das, was jahrelang unterschwellig brodelte, wieder neu zu entfachen. Wenn dann noch ein paar Neue mitmischen, die glauben, die Spielregeln des Dorfes zu kennen, kann sich das zu einem echten Großfeuer entwickeln. Was nach außen hin so beschaulich wirkt, gleicht hinter verschlossenen Türen und hohen Gartenzäunen immer mehr einer Kriegszone. „Unter Leuten, die daran gewöhnt waren, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln, ging es eben manchmal etwas rau zu.“ S. 152 Meine Meinung Man nehme ein kleines Dorf in Ostdeutschland, ein paar alte Dorfbewohner, die jedes Klischee von Dorfbewohnern und ein paar zugezogene Städter, die jedes Klischee von Städtern, die auf der Suche nach Ruhe und Erfüllung aufs Land ziehen, erfüllen, einen typischen reichen Spekulanten, der riesige Landstücke kauft und einen neuen Windpark, der in diesem Dorf errichtet werden soll, und schon hat man genug Konfliktpotenzial um einen großartigen gesellschaftskritischen Roman zu erschaffen. Es gibt kaum ein Klischee der deutschen Bevölkerung, mit dem die Autorin hier nicht spielt und dennoch muss man einfach so viel Wahrheit darin erkennen, dass ich immer wieder schmunzeln musste. Um kurz ein paar Unterleutener vorzustellen: Es gibt den alten Kron, einen ehemaligen Brigadeführer der Unterleutener LPG „Gute Hoffnung“ und seine Tochter Kathrin, die es für ihr Medizinstudium aus Unterleuten weg schaffte und doch wieder zurückkehrte, und dort nun wieder mit ihrer verzogenen kleine Tochter „Krönchen“ und ihrem Ehemann Wolfi, der als Schriftsteller eher wenig erfolgreich ist, lebt. Dann ist da Bürgermeister Arne, der aus Gewohnheit und weil die Strukturen es so verlangen, immer wieder gewählt wird, der grobe Gombrowski, der früher Vorsitzender der LPG war und diese nach der Wende in die Ökologica GmbH umwandelte, durch die er ein beträchtliches Vermögen erwirtschaftete und seine stille Frau Elena sowie die Nachbarin Hilde Kessler, die eine besondere Beziehung zu Gombrowski hat und nach dem vermeintlichen Unfalltod ihres Mannes mit unzähligen Katzen zusammenlebt. Einige Vorkommnisse, über deren wahren Hergang sich nur spekulieren lässt, haben dazu geführt, dass zwischen Kron und Gombrowski seit Ewigkeiten ein mal mehr und mal weniger offener Konflikt herrscht, in dem fast das ganze Dorf irgendwie involviert ist. Die Neuzugezogenen sind zum einen Gerhardard Fließ, seine Frau Jule Fließ-Weiland und ihr Säugling Sophie. Gerhard war Soziologie Professor in Berlin und Jule seine Studentin. Dem Stadtleben überdrüssig zogen sie in der Hoffnung auf Ruhe und Idylle nach Unterleuten, wo Gerhard nun beim Vogelschutzbund arbeitet vor allem dafür zuständig zu sein scheint, allen möglichen Bauvorhaben Steine in den Weg zu legen. Ganz neu in Unterleuten sind Linda Franzen und ihr Lebensgefährte Frederik Wachs. Während der zurückhaltende Frederik als Programmierer in der erfolgreichen Browserspiel-Firma seines Bruders arbeitet und von Unterleuten scheinbar am liebsten sein Arbeitszimmer sieht, werkelt die tatkräftige Linda unermüdlich an ihrem sanierungsbedürftigen neuen Heim, im Dorf als Villa Kunterbunt bezeichnet, herum und versucht alles in die Wege zuleiten, um ihr geliebtes Pferd Bergamotte für die Zucht nach Unterleuten holen zu können. Dafür braucht sie Wiesen, Ställe und Zäune, die natürlich alle erstmal genehmigt werden müssen. Zum Glück ist sie als Equidentrainerin so erfolgreich darin andere Wesen davon zu überzeugen, nach ihrem Willen zu tanzen, dass sie diese Fähigkeiten auch auf den Umgang mit Menschen überträgt. Viele weitere Bewohner Unterleutens, die ebenfalls mehr oder weniger große Rollen spielen, wurden nun noch gar nicht erwähnt und doch wird schon deutlich, dass Juli Zeh mit den Charakteren in ihrem Roman viele Rollen einer typischen kleinen Dorfgemeinschaft abdeckt. Zudem sind diese Charaktere, wie bereits gesagt, wandelnde Klischees in ihren Rollen. Und gerade das macht diesen Roman für mich so besonders. Es sind keine tiefgründigen, authentischen oder gar facettenreiche Charaktere, obwohl sie durchaus alle besondere Geschichten haben, und dennoch schafft die Autorin es, dass man sich durchgehend vorstellen kann, dass so etwas genau so ablaufen wird. Weil sie damit einfach eine unterhaltsame und dennoch nachdenklich stimmende Karikatur der Wirklichkeit erschafft. Man kann irgendwie nicht verstehen, dass die Leute sich in einer solchen Situation tatsächlich so verhalten, möchte sich oft genug an den Kopf fassen und dennoch kann man es leider sehr wohl glauben. Obwohl ich anfänglich etwas brauchte, um in die Geschichte hereinzukommen und sie tatsächlich erstmal etwas zäh fand, fand dich es spannend, die ganzen Charaktere, aus deren Sicht abwechselnd erzählt wird, immer näher kennenzulernen. Schwierigkeiten sie auseinanderzuhalten, hatte ich nie, da sie alle ihre so klare Rolle darstellen. Die unterschiedlichen Perspektiven unterstreichen für mich neben den teilweise oft karikaturesken Charakteren besonders die Aussage des Buches. Jeder hat seine eigene Sicht der Dinge und kaum einer spricht darüber, was letztendlich das große Problem ausmacht und dem Leser das Gefühl gibt nie so richtig an den Kern der Wahrheit heranzukommen. Aber ist diese überhaupt wichtig? Will nicht jeder nur seine eigene Wahrheit glauben? Würde es etwas ändern, wenn darüber gesprochen würde und warum wird nicht darüber gesprochen? Alles Fragen die uns, wenn wir mal ehrlich sind, auch im wahren Leben immer wieder begegnen. Spätestens ab der Hälfte des Buches, nehmen dann aber auch die Ereignisse an Fahrt auf und es wird immer spannender. Der schnörkellose, einfache aber oftmals sarkastische Schreibstil unterstreicht für mich noch den Karikaturcharakter dieser Geschichte und trägt zudem zu einem schnellen Lesefluss bei. Obwohl mir kaum ein Charakter richtig sympathisch war, fieberte ich einfach mit dem ganzen Dorf mit. Dabei ist schnell klar, dass das kein gutes Ende nehmen kann. Und am Ende ließ mich der Roman dann sogar erstmal etwas sprachlos zurück… Fazit Unterleuten ist für mich ein toller Roman über die Absurditäten des Spiels unseres alltäglichen Lebens und unserer Gesellschaft und die Gefahren die diese bergen können, obwohl jeder doch eigentlich nur das Beste will. Obwohl mir die Story manchmal etwas langatmig vorkam muss ich am Ende sagen, dass nichts zu viel war. Der Klappentext macht allerdings Hoffnung auf eine Spannung die für mich erst spät im Roman einsetzte. Da es sich meiner Meinung nach dennoch um eine sehr gelungene Gesellschaftskritik handelt, gebe ich eine klare Leseempfehlung!

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Unterleuten - Gelesen und etwas enttaeuscht

Von: Franz Opitz aus Leek, UK

30.12.2017

Das Buch hat Charme, Witz und ist teilweise sogar spannend. Die Beobachtungen der Autorin sind sehr scharf. Ich habe es zunaechst mit Vergnuegen gelesen aber es war nie faszinierend, nie ein Buch, das man nicht auch mal ein oder zwei Tage weglegen kann. Teils ist das Buch furchtbar langatmig in der Detailbeschreibung, es gibt gelegentlich verbatim Wiederholungen und viele Szenarien sind sehr weit hergeholt. Von einem Bestseller haette ich viel mehr erwartet. Das Buch ist runde 150 Seiten zu lang. Kein Buch welches in meinem Schrank einen permanenten Platz bekommt.

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Unterleuten ist ein fiktives Dorf irgendwo in Brandenburg. Idyllisch gelegen, nicht zu weit entfernt von Berlin. Alteingesessene und nach der Wende Neuzugezogene bilden die Dorfgemeinschaft. Wobei Gemeinschaft hier sicherlich das falsche Wort ist. Und wie in jedem Dorf gibt es Wortführer und Mitläufer, Neuerer und Wahrer des Althergebrachten. Da wären Gerhard Fließ mit Frau Jule, ein ehemaliger Dozent der Humboldt-Universität, der eine seiner Studentinnen geheiratet und in einem Anflug von Lebenserneuerung eine Stelle als Vogelwart angenommen hat, um auf das entschleunigte und unverbrauchte Land zu ziehen. Dann Linda Franzen, ebenfalls neu zugezogen, die mit ihrem Freund eine alte Villa renoviert, ein Pferdemädchen mit etwas naivem Machtwillen. Schaller, der nach einem schweren Unfall sein Leben neu aufbaut und mühsam versucht, seine Vergangenheit zu rekonstruieren. Gombrowski, der Leithengst des Ortes, dessen Eltern vor der Enteignung das Land ringsum gehörte, und der mit Land und Dorf verwachsen, patriarchalisch seine Entscheidungen trifft und durchsetzt. Kron, der ewige Verlierer und Gegenspieler von Gombrowski, ebenso verwurzelt im Dorf. Arne Seidel, Bürgermeister von Gombrowskis Gnaden, der aber sein Bestes für das Dorf zu geben versucht. Und noch weitere Personen, die im Dorfgeflecht größere und kleinere Rollen spielen. Nachdem wir nun also das Personal kennen, brauchen wir einen Stein des Anstoßes, um das Dorf in Aktion zu erleben: ein geplanter Windpark vor den Toren und zwar in unmittelbarer Sichtweite. Auf dieser Grundlage nun seziert Juli Zeh das Dorfleben, fürchtet dabei kein Klischee und keine Zuspitzung. Sie läßt die Bewohner nacheinander zu Wort kommen und ihre Weltsicht und Meinung kundtun. Dabei schafft sie das eigentlich Unmögliche: jeder Einzelne hat, wenn man seine Sicht der Dinge erst einmal kennt, nachvollziehbare Gründe für sein Handeln, jeder Einzelne hat sympathische Züge und vor allem hat jeder Einzelne seine eigenen blinden Stellen, seine beschönigten Erinnerungen, seine passend verdrehten Tatsachen und Entschuldigungen. Juli Zeh schont ihre Charaktere nicht. Sie zeigt das ganze kleinliche, eigensüchtige, egozentrische Denken der Dorfbewohner, die Versuche, hehre Ideen auf schlicht neidische oder egoistische Handlungen aufzupfropfen, die Versuche, die Vergangenheit dem eigenen Wunschdenken anzupassen und dem Gegenüber als alleinige Wahrheit aufzudrängen, und sie zeigt, dass eine kollektive Erinnerung trotzdem die Summe der Erinnerungssplitter eines jeden Einzelnen ist. Und wer sich dabei an sein eigenes Umfeld erinnert fühlt, hat den Sinn des Romans wohl erkannt. Denn unter Leuten ist man überall, jedes Dorf, jeder Verein, jede Gemeinschaft oder Versammlung funktioniert so. Weil Menschen eben so sind, weil eben jeder seine egoistischen kleinen Ideen gerne mit einem höheren Sinn verbrämt, weil das Gras auf der anderen Seite des Zaunes meistens grüner ist und die Bäume dort mehr Äpfel tragen, weil man selbst gerne am besten weiß, wie die Dinge laufen müssten, damit die Welt ein schönerer Ort ist und ebenso gerne vergisst, dass ein „schönerer Ort“ von jedem anders definiert wird. Neben all dem ist „Unterleuten“ aber auch ein unterhaltsam geschriebener Roman, der trotz seiner immerhin 640 Seiten spannend bleibt bis zum Schluß. Ein Roman, der zwar Klischees nicht scheut, aber niemals auf „Gartenzwerge“-Niveau fällt, der Idylle zwar zeigt, aber nur um sie danach zu dekonstruieren. Ein definitiv lesenswertes Buch für alle, die „Unter Leuten“ leben.

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Eine schöne Unbehaglichkeit

Von: Hannah aus Münster

18.09.2017

Ein Buch, dass ich immer wieder verschlingen könnte. Während des Lesens habe ich die ganze Zeit einen Schauer des Unbehagens gespürt, weil gut und schlecht, falsch und richtig, böse und gut sich vermischt haben und jeder Mensch im Dorf Teil eines nicht entwirrbaren Geflechts ist, welches sich immer mehr verknotet. Achtung an Leute, die das Buch noch nicht gelesen haben (!): Kurz vor Krönchens Verschwinden liest Kathrin ein Buch, in dem ein Junge verschwindet und der Vater in der Situation unglaublich verzweifelt. Ist das eine Anspielung auf "Schilf" ?

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DIE BEWERTUNG Meinung: Mit beeindruckendem Detailreichtum erzählt die Autorin amüsant und sehr komplex von den Eigenheiten der menschlichen Psyche! Kurzrezension: Als bekennende Juli Zeh Verehrerin war dieser Roman ein Fest, aber auch gleichzeitig sehr herausfordernd für mich. Dieser Roman wird oft als Gesellschaftsroman verstanden, aber ich finde, er ist gleichzeitig mehr und weniger davon. Dieser Roman zeigt nicht nur gegenwärtige gesellschaftliche Brüche auf, sondern viel mehr die Grundzüge aller menschlicher Existenz. Das Cover ist sehr zurückhaltend gestaltet, nur ein Vogel ist zu sehen, während dem Namen der Autorin sowie dem Titel deutlich mehr Präsenz zukommt. Der Vogel ist eine Andeutung auf den Vogelschutzbund, der Titel wird in Großbuchstaben auf zwei Zeilen präsentiert. Hier lässt sich noch nicht erkennen, ob es sich um zwei oder nur ein Wort handelt. Dass es um ein zusammengesetztes Wort und ein Dorf geht, kann der unwissende Leser erst auf den ersten Seiten des Buches erfahren. Unglaublich beeindruckend an dem Buch ist, wie Juli Zeh es schafft, ihre Figuren so lebendig sein und agieren zu lassen. Alle Protagonisten der Handlung haben Geheimnisse, die sie verstecken, Probleme, die sie nicht wahrhaben wollen und Schwierigkeiten, die an die Oberfläche gelangen, als der Konflikt im Dorf Gestalt in Form von einem erst entstehenden Windpark annimmt. Zeh stellt die brachiale Gewalt der Emotionen in den Raum, sodass von Beginn an klar ist, es muss auf eine gewalttätige Eskalation folgen. Und der Leser wird dabei nicht enttäuscht. Das Buch ist sehr überlegt aufgebaut und die einzelnen Kapitel sowie die Perspektivwechsel tragen dazu bei, dass die schwelenden Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden können. Wie auf dem Seziertisch verfolgt man die Figuren mit ihren eigennützigen Plänen und ahnt bereits, wie diese Egozentrik Unterleuten zum Untergang verdammt. Die Perspektivwechsel sind die Grundlage für die unglaubliche Sogwirkung des Romans. Je mehr Personen für sich sprechen, desto interessanter wird die Handlung. Es ist wie ein Puzzle, welches der Leser zusammensetzen soll. Gleichzeitig spielen diese Perspektivwechsel mit den Erwartungen des Lesers. An einigen Stellen erfährt er, etwas Wichtiges, wenn eine Figur spricht, an anderer Stelle, wenn sie nicht mehr spricht und „abgeht“, wird ihm Wissen verweigert. Trotz der auktorialen Erzählerin, die erst zum Ende hin als Figur eingeführt wird und somit als Chronistin der Handlung dient, sind die einzelnen Perspektiven extrem subjektiv. Dadurch werden in dem als großen Gesellschaftsroman weniger Fragen beantwortet als aufgeworfen. Zudem spielt der Roman mit den Grenzen von Imagination und Realität, denn all unsere Handlungen gründen schließlich auf Imagination, wie all die Figuren im Roman beweisen. Sprachlich gesehen bleibt Unterleuten eher hinter Zehs anderen Werken zurück. Das liegt vor allem an dem schnellen Tempo des Geschehens und der Sätze selbst. Alles ist auf den überspitzten Konflikt hin komponiert, die Sprache ist glatt und liest sich schnell und ohne Stolperfallen. Sie ist so gut durchkomponiert, dass es immer weitergehen muss bis zum unweigerlichen Cliffhänger des Kapitels. Ein Spiel mit realer Lesezeit und imaginierter Zeitwahrnehmung im Handlungsgeschehen. Um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, entstand eine Homepage, die sich mit genau dem Thema Metafiktion beschäftigt. Hier werden der Roman, das Dorf und die Menschen darin vorgestellt. Zudem gibt es echte Internetadressen der Buchinhalte wie beispielsweise der Internetauftritt des Vogelschutzbunds aus Unterleuten. Ein Phänomen, welches nicht so häufig bei Gesellschaftsromanen oder belletristischen, dafür aber bei publikumswirksamen Büchern umso verbreiteter ist. Hier spiegelt sich die Realität in der Fiktion und umgekehrt. Wessen Egozentrik liegt dann eigentlich auf dem Seziertisch? Fazit: „Unterleuten“ zu lesen macht trotz der schnelllebigen Sprache richtig Spaß. Gleichzeitig bringt es den Leser zum Nachdenken und versucht ihn zu fragen, was die wichtigen Dinge und Fragen im Leben sind. Denn Zeh zeigt sehr offen durch ihre handelnden Figuren, wie unsere Zeit, unsere Gesellschaft gestrickt ist. Ein Lesevergnügen, das 4,5/5,0 Punkten verdient. An dieser Stelle bedanke ich mich bei der Verlagsgruppe Random House, für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

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Ein kleines Dorf in Ostdeutschland hat sich Juli Zeh für ihre Gesellschaftsanalyse ausgesucht und ihm den treffenden Namen „Unterleuten“ gegeben. Schon an diesem Titel erkennt man, wie geschickt sie mit Sprache umgeht. Juli Zeh hat ihren Roman in sechs Teile gegliedert und lässt in 62 Kapiteln ein knappes Dutzend der Dorfbewohner zu Wort kommen. Und so schwappt nicht nur die Vergangenheit allmählich ans Tageslicht, sondern ich als Leser betrachte das Ganze ständig aus einem anderen Blickwinkel. Das macht die Faszination dieses Dramas aus, denn genau das ist es für mich. An dieser kleinen Dorfgemeinschaft stellt Juli Zeh sehr anschaulich dar, wie jeder nur an seinen Vorteil denkt und sich dabei auch noch im Recht fühlt, wie jeder gegen jeden intrigiert und die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen. Die Handlung bewegt sich dabei kontinuierlich weiter und kann auch mit einigen Thrillerelementen aufwarten. Denn mit Cliffhangern geizt Juli Zeh absolut nicht. Die Personen waren mir allesamt zunächst unsympathisch, das muss man auch mal schaffen. Und je mehr ich über jeden einzelnen erfahren habe, um so mehr verschwammen die Grenzen zwischen Antipathie und Sympathie. Sprachlich finde ich Unterleuten absolut brillant, der Schreibstil ist zweideutig, sarkastisch, humorvoll und auch spannend und bei all der Vielseitigkeit doch gut zu lesen. Ich mag schöne Sprache, aber ich muss passen, wenn es zu kompliziert oder zu abgehoben wird. Das ist es hier ganz und gar nicht der Fall. Ich bin beeindruckt von so viel Zweideutigkeit, von so vielen Sätzen, bei denen ich erstaunt die Augenbraue hebt um dann beim zweiten oder dritten Lesen das gesamte Zwischenspiel zu erfassen. Das ist schon genial und mir in dieser Form noch nicht bewusst begegnet. Vordergründig geht es natürlich um den geplanten Windpark und wie jeder am besten seinen Vorteil daraus zieht. Aber gleichzeitig hat Juli Zeh noch viele andere Themen angesprochen wie die Stadtflucht, Ehekrisen, Schuld und Sühne und die Verarbeitung der DDR Geschichte. Mir ging es beim Lesen nicht immer gut, manches zog sich, einige Figuren blieben etwas blass und manchmal waren mir die gemeinen Intrigen einfach zu viel. Unterleuten ist alles andere als ein Wohlfühlroman und hat das Potential, romantische Vorstellungen vom Landleben zu zerstören. Aber über allem steht dann doch die brillante Sprache, die ich in vollen Zügen genossen habe und eine Story, die man nicht so schnell vergisst. Fazit: Landleben ist nicht immer idyllisch und schöne Sprache beschreibt nicht immer schöne Dinge. Mit Unterleuten hat Juli Zeh mir einen Blick hinter die Idylle gewährt und ein Gesellschaftsbild gezeichnet, das mich sehr nachdenklich gemacht hat.

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Beim Titel „Unterleuten“ setzte ich im Kopf zunächst ein Leerzeichen dazwischen – unter Leuten. Der Titel ist bewusst gewählt, denn auch wenn Unterleuten ein fiktives Dorf ist, geht es genau darum. Leben unter Leuten, auf dem brandenburgischen Land. Ein Hipster-Pärchen aus Berlin – er alternder Dozent, sie seine junge Studentin und inzwischen auch Mutter seines Kindes – leben den Traum, den viele Großstadtpaare, die Eltern geworden sind, träumen, und ziehen aufs Land. Ins ehemals ostdeutsche Hinterland, sozusagen. Dort ist man von Neuankömmlingen und generell allem, was neu ist, wenig begeistert, und vor allem eines: skeptisch. Denn: früher war alles besser. Ging seinen gewohnten Gang. Man wusste, wer man war, und wohin man gehörte, hatte einen Job, hatte Familie. Hatte vielleicht nicht die größten Perspektiven, aber einen Platz und einen Nutzen. Dann kam die Wende. Jobs gingen verloren, Familien zerfielen, Traditionen wurden gebrochen und so manch einer der Dorfbewohner hat seinen Sinn im Leben aus den Augen verloren. Der alternde Dozent nimmt eine Stelle als Vogelschützer an, seine Freundin hingegen merkt, dass die anfänglich idyllische Vorstellung vom ruhigen Leben auf dem Land mehr als fragil ist. Zu guter Letzt soll rund um den Ort nun auch noch ein Windpark errichtet werden – der Vogelschützer geht auf die Barrikaden und die Lage im Dorf eskaliert. Genormt, bespaßt und verwaltet – eine Bürgerherde. Die Handlung des Buches ist vielleicht keine ganz neue, keine ganz außergewöhnliche. Bei Zehs Romanen ist das häufig so – sie leben von der detaillierten, auf den Punk gebrachten Beschreibung der Charaktere – so auch in diesem Roman, der aus der Sicht der verschiedenen Bewohner erzählt wird. Hierbei wird keine der Figuren weichgezeichnet, idealisiert oder stigmatisiert, viel mehr beginnt der Leser, Verständnis aufzubauen – für Wendegewinner, Wendeverlierer und gänzlich unbetroffene, zugezogene. Für Bauern und Unternehmer, die ihre fast schon traditionsgewordene Fehde weiter kultivieren, obwohl keiner so Recht weiß, worin diese ihren Urpsprung hat. Für eine Mutter, die nur das Beste für ihr Kind will, und darüber vergisst, was sie eigentlich möchte. Für den Nachbarn einen Zaun weiter, der rücksichtslos in ihren Wohnraum eindringt. Für Affären, für Totgeschwiegenes, für Bürgermeister- und für Bürgerinteressen. War denn der Kommunismus eine so schlechte Idee, wenn ein alteingesessenen Ostdeutschen, der vergangenen Zeiten hinterhertrauert und diese idealisiert, aktuelle Entwicklungen so pointiert kritisiert, dass man kurz stockt und sich denkt: Recht hat er? Unterleuten ist ein wirklich großartiger Roman, dabei aber ganz unaufgeregt. Ein Pageturner, den man aber trotzdem zwischendurch aus der Hand legen kann -und vielleicht auch muss – um die Geschehnisse nachwirken zu lassen. Zwischen den Zeilen wird so vieles angesprochen, wird Kritik an so vielen aktuellen Entwicklungen geübt, dass jeder etwas aus diesem Buch für sich mitnehmen kann. Best-Bewertung dafür von mir und eines der Bücher, das im Regal bleiben darf – auf Lebenszeit.

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Gerhard Fließ schaut bestimmt, aber freundlich in die Kamera. Er hat ein Anliegen, das wird beim Betrachten seines Gesichtsausdrucks bereits deutlich. Der umgebende Text erklärt, dass Fließ sich für den Vogelschutz engagiert, wobei ihm die rare Gattung der Kampfläufer besonders am Herzen liegt. Der Tierschützer ist einer von vielen Bewohnern des Dorfs Unterleuten, durch deren unterschiedliche Perspektiven Juli Zeh ihren gleichnamigen Roman zum Leben erweckt. In Unterleuten, das Zeh in Brandenburg, gerade weit genug weg und nah genug dran am brodelnden Berlin, situiert, wohnen neben dem frisch aus der Hauptstadt zugezogenen Fließ die alteingesessene Crazy-Cat-Lady Hilde Kessler, die Erzfeinde Gombrowski und Kron oder die Pferdenärrin und Jungunternehmerin Linda Franzen. Die Liste ist lang, genau wie Juli Zehs Roman. Auch nach seinen 640 Seiten will dieser kein Ende nehmen; stattdessen hat Juli Zeh ein Gesamtkunstwerk komponiert, das ihren Figuren eigene Facebook- oder Xingprofile zukommen lässt sowie dem Dorfrestaurant und eben auch dem Vogelschutzverein, inklusive Foto des Vorsitzenden, eine eigene Homepage einräumt. Es gibt Newsletter, Tagesgerichte oder Hintergrundinformationen zur alten LPG „Gute Hoffnung“, die das Dorf und ihre Bewohner entzweit hat, als die BRD und DDR sich hingegen von der Mauer verabschiedeten. Während jedoch die virtuelle Variante heimelig wirkt, konfrontiert Juli Zeh ihr Figurenensemble zwischen den Buchdeckeln mit lauten Rasenmähern am Sonntagmorgen und der Frage nach dem Stellenwert des Gemeinwohls gegenüber den eigenen Bedürfnissen. Wie auch schon bei „Adler und Engel“ oder „Spieltrieb“ bleibt Zeh nicht dabei, zu informieren, sondern sie betrifft und zieht den Leser mit hinein in psychische Untiefen der Dorfbewohner und in den Untergrund von Unterleuten. Zehn Jahre hat die studierte Juristin, die selbst gerade die Stadtresidenz gegen ein Landhaus getauscht hat, voller Akribie und laut eigener Aussage mit gelegentlichem Realitätsverlust an ,,Unterleuten“ gearbeitet. Online ist sie dabei zu beobachten, wie sie vor einer eigens angefertigten Flurkarte ihres Romanschauplatzes steht. Jedes Grundstück der Bewohner Unterleutens ist eingezeichnet, ebenso wie ein Windpark, der, Fortschritt und saubere Energie versprechend, in Unterleuten entstehen soll. An den Windrädern kumuliert sich das dörfliche Chaos, winkt mit finanziellem Segen für den einen und überrollt den anderen. Nicht zuletzt sieht auch Neu-Unterleutner und Vogelfreund Gerhard Fließ sich und die Kampfläufer bedroht und beginnt zu verstehen, wie Unterleuten funktioniert: „Er hatte gerade eins der großen Rätsel der Menschheit gelöst, nämlich die Frage, warum es so viel Gewalt auf der Welt gab. Die Antwort lautete: Weil Gewalt verdammt einfach war.“

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