Leserstimmen zu
Marx. Der Unvollendete

Jürgen Neffe

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Die Gedankenwelt Hegels, die Karl Marx als junger Student in Berlin im Rahmen des (für ihn zufällig als Kontakt entstandenen) „Doktorklub“ ist es, die in jenen frühen Jahren des Hochbegabten die gesamte Weltsicht, philosophische Erklärung und das „Welt-System“ in Marx bereits ausformen und als „Idee“, die ins „Tun“ will entstehen lässt. „Eine immaterielle Idee treibt die Geschichte voran, und die Menschen sind ihre ausführenden Agenten. Ohne diese entscheidende Idee ist die Entwicklung der Marxschen Gedankenwelt kaum vorstellbar“. Eine Idee und eine weitere Ausformulierung ein Leben lang, die Neffe ebenso stark in den Mittelpunkt seiner Biographie stellt, wie die Lebensstationen des Mannes und dessen private „Umstände“ einerseits und die „Atmosphäre der Zeit“ von Aufbruch und Freiheit, von sozialen Ideen und Reflexionen und Reaktionen auf die rasende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts mit all ihren Verwerfungen für die Menschen. Dass er dabei mit dem Grab und dem Denkmal dort seine Ausführungen beginnt und das gegenwärtige Verständnis von Marx in seiner Befreiung aus alten „Freund-Feind-Formeln“ umgehend intensiv fördert, auch mit der griffigen Formel von Marx selbst; „Ich bin kein Marxist“, deutet von Beginn darauf hin, dass Neffe sich differenziert und nicht in gängigen Mustern und ausgetretenen Pfaden bewegt. Dass nicht nur der Hintergrund familiär (hervorragend eingebaut und aufbereitet der entscheidende Briefwechsel zwischen Vater und Sohn Marx, der die familiäre Prägung des „Weltenbewegers“ bestens beleuchtet, bis hin zum Unvermögen, „vernünftig mit Geld umzugehen“) und geistesgeschichtlich (Hegel, die Freiheitsbewegungen, die Ideen zur „Vergesellschaftung“ und vieles mehr) breit, differenziert und verständlich von Neffe ins Feld geführt werden („ohne Hegel kein Marx“, sondern auch eine Vielzahl von griffigen (aber leider falschen) Zitaten und Vorurteilen gegen Marx von ihm fundiert richtiggestellt werden. Das ist nicht alles unbekannt, Marx ist von hinten nach vorne und in der Breite „durchleuchtet“ aus vielfachen, subjektiven Sichten heraus. Aber die Zusammenstellung und die entsprechenden Vertiefungen aller wesentlicher Momente dieses Lebens und seines Werkes, hebt diese Biographie doch deutlich aus der Masse der Marx-Literatur hervor. Bis hin zu Würdigung der wesentlichen Bedeutung für Karl Marx, gerade in Trier die Jugend und Schulzeit verbracht zu haben. Wie sehr Marx zunächst und vor allem auf die „individuelle Freiheit“ pocht, ohne die es die „Freiheit aller“ einfach nicht geben kann, schon hier zeigt sich, wie viele in Marx Namen andere Deutungen und Interpretationen zu gesellschaftlichen Normen haben werden lassen, die Marx letztlich einfach nicht anzulasten sind. Zumindest nicht in dem Maße, in dem das lange geschehen ist. Dass der 3. März 1848 als „archimedischer Punkt“ in Marx Leben zu begreifen ist, wird dabei ebenso in den Inhalten klar erläutert, wie im Lauf der Lektüre durchweg deutlich wird, wie sehr die Analysen des „Vielgescholtenen“ zeitlos zutreffen und in der Gegenwart fast Wort für Wort im Wirken des „Systems“ abzulesen sind und sich bewahrheiten. „Die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse hinken der ökonomischen Wirklichkeit immer weiter hinterher“. Was für diese Zeit damals galt und Marx zum „Denken über diese Wirklichkeit“ anleitet, ist auch heute ebensolche Realität. Bis dahin, die „herrschende Meinung als Meinung der Herrschenden“ entlarvt und in Stein gemeißelt benannt zu haben. Mit all seinen fast unverschämten Übertreibungen des Umgangs mit „Meinungen und Fakten“ mancher aktueller politisch Mächtigen. Wirtschaftszyklen, Akkumulation des Kapitals nicht als Naturgesetz sondern als gezielte, systemische Strategie, Verwerfungen durch Globalisierung, die ökologische Frage, sämtliche bis heute drängenden und drängender werdenden Probleme der Menschheit und ihres „Wirtschaftens“ weist Neffe als frisch und aktuell in seiner akkuraten Darstellung aus. Dass „Survival oft he fittest“ nichts mit Darwin zu tun hat und dass es „Opium des Volkes“ und nicht „Opium für das Volk“ heißt sind vielfache Beispiele von „mitlaufenden Richtigstellungen“, die Neffe überzeugend in die Zusammenhänge einordnet und damit ein zeitgeschichtliches „Netzwerk“ von konträren Haltungen und Ideen vor die Augen des Lesers hält, die in sich letztendlich zeitlos als Analysen Bestand haben. „Was immer man aus Marx gemacht hat: Das Streben nach Freiheit, nach Befreiung des Menschen aus Knechtschaft und unwürdiger Abhängigkeit war Motiv seines Handelns“. Dieses Wort von Willy Brandt steht nicht ohne Grund der Biographie vorweg. Denn dieses Streben setzt den roten Faden in den äußeren und inneren Stationen, die Neffe akribisch nachvollzieht und die er vom „Ballast“ vorschneller Vereinfachungen (manchmal auch gewollter Verfälschungen) und von der Patina eines „nicht dynamischen“ Denkmals befreit. Mit dem Erfolg, die grundlegende Verhaftung Marx in der „Dynamik des Geschehens“ hervorragend freizulegen.

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Von Jürgen Neffe, Biochemiker, Wissenschaftsjournalist und Autor der vielfach ausgezeichneten Biografien über Albert Einstein und Charles Darwin, ist kürzlich anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx im kommenden Jahr ein neues Werk mit dem Titel „Marx. Der Unvollendete“ erschienen. In dieser Biografie macht er den Leser nicht nur mit dem Leben und den Schriften dieses herausragenden Denkers des 19. Jahrhunderts bekannt, sondern zeigt ebenso die Relevanz seiner Theorien, die heute aktueller denn je für unser Jahrhundert sind, auf. Auf satten 656 Seiten (Textteil 600 Seiten, dazu 30 Seiten Anmerkungen des Autors sowie eine umfassende zehnseitige Bibliografie) beleuchtet Neffe zum einen Marx‘ Leben, zum anderen aber auch seine Kontakte und Auseinandersetzungen mit Theoretikern und Weggefährten und den gesellschaftlichen Realitäten seiner Zeit, geprägt von der industriellen Revolution in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Gerüst für den Werdegang dienen dem Autor Marx‘ biografische Daten: hineingeboren in eine gutbürgerliche Familie, Jurastudium, politischer Journalist, verfolgt von den Geheimdiensten, schließlich das politische Exil in London. In England werden er und sein Freund Friedrich Engels Zeitzeuge eines entfesselten Kapitalismus und veröffentlichen zuerst „Das kommunistische Manifest“, danach diverse Werke zu politischen Ökonomie, 1867 dann der erste Band seines Hauptwerks „Das Kapital“. Es ist eine Analyse der kapitalistischen Welt, eine Bestandsaufnahme, mit der er das Bewusstsein der Menschen schärfen möchte, aufzeigen will, wie der Arbeiter seinem Tun und letztlich damit auch sich selbst entfremdet wird. Marx‘ scharfsinnige Analysen sind heute aktueller denn je. Man denke nur an den Kollaps der Finanzsysteme oder die zunehmende soziale Ungleichheit, das Auseinanderklappen der Schere zwischen Arm und Reich. Aber ein Patentrezept dagegen sucht man auch bei ihm vergebens. Revolution ja, dann aber weltweit und nur mit einem Zukunftsmodell, das Freiheit für jeden einzelnen gewährleitet. Neffe zeigt uns den großen Freiheitsdenker in seiner ganzen Widersprüchlichkeit: Der ökonomische Theoriegebäude entwirft, selbst aber nicht mit Geld umgehen kann. Der Solidarität predigt, sich aber in endlosen intellektuellen Scharmützeln mit Gleichgesinnten verliert. Der einen gewaltsamen Umsturz und die Abschaffung des Kapitalismus fordert, aber dafür auch kein Patentrezept parat hat. „Marx. Der Unvollendete“ ist für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2017 nominiert – zurecht!

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