Leserstimmen zu
Eine Liebe, in Gedanken

Kristine Bilkau

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„Ich wollte Edgar Janssen dazu bringen, sich an meine Mutter zu erinnern, an seine und ihre gemeinsame Zeit. An die Liebe zwischen Toni und Edgar, die von so kurzer Dauer gewesen war und für meine Mutter doch ein Leben lang gehalten hat.“ „Eine Liebe in Gedanken“, der Titel des aktuellen Romans von Kristine Bilkau ist zugleich sein Thema: Eine große Liebe, die unerfüllt bleiben wird. Doch würde das Attribut noch treffen, wenn die Liebe gelebt worden wäre, über alle Schrecken des Alltags hinweg? Große Liebe, -im Roman selbst fällt dieser Ausdruck nie-, so könnten sie es genannt haben, die Tochter, die davon erzählt, wie die Mutter, die es erlebt hat. Antonia Weber hat ihren Heimatort an der Küste verlassen und in Hamburg ihr unabhängiges Leben begonnen. Die 22-jährige arbeitet als Sekretärin und wohnt bei der Zigarillo rauchenden Frau Konrad zur Untermiete, wie dies 1964 für unverheiratete Frauen üblich war. Doch Toni bleibt nicht lange allein. Eine zufällige Bekanntschaft bringt sie mit Edgar zusammen und schnell ist für beide klar, daß sie zusammenbleiben werden. Nach knapp zwei Jahren, in denen Toni in ihrem Job Karriere macht und zur Chefsekretärin aufsteigt, ergibt sich für Edgar eine berufliche Chance in Hongkong. Er zögert, doch Toni ermutigt ihn. Sie besitzt die Gewissheit, Edgar bald zu folgen, und den Mut für ein gemeinsames Leben in der unbekannten Metropole. Doch aller Liebe und allen Vorbereitungen, der Ankündigung der Flugtickets und einer Verlobung zum Trotz zerstört Edgars Feigheit alles. Toni wird niemals nach Hongkong reisen. Diese Geschichte erzählt Antonias Tochter, die nach dem Tod der Mutter sich an deren Leben erinnert und ihr eigenes reflektiert. Zu Beginn steht ein Zwiegespräch mit der Verstorbenen. Berührend sind die Fragen der Tochter. „Wie war dein letzter Abend, deine letzte Nacht? Warst du lange wach, wie so oft? Hattest du Angst, hast du dich einsam gefühlt? Oder hast du wirklich, wie wir alle glauben möchten, tief geschlafen, während der frühen Morgenstunden?“ Die Fragen bleiben unbeantwortet, doch stoßen sie eine Erinnerung an, der weitere Schritte in die Vergangenheit folgen werden. Wir erfahren, wie Toni und Edgar sich kennlernten, die Tochter erinnert sich sehr gut an die Erzählungen der Mutter. Toni hatte Edgar in der Straßenbahn „den Kopf verdreht“ und darauf gewartet, daß er sie anspricht, was auch geschah. Aber sich sofort auf die Einladung zu einem Kaffee einzulassen, widersprach den guten Sitten. Toni lässt Edgar schmoren, ob er wartet ist nicht nur für sie ein aufregendes Spiel. Spannend schildert die Tochter die Szene. Edgar ist für sie kein Unbekannter, sie weiß von der Mutter, welche Bedeutung diese knapp zweijährige Beziehung für die restlichen Jahrzehnte ihres Lebens hatte. Die Tochter kannte Edgars Elternhaus, das er regelmäßig im Sommer besuchte, und an dem die Mutter „jedes Jahr im Spätsommer vorbeigefahren war, um das Licht hinter den Fenstern zu sehen“. Sie beschließt, Edgar zu besuchen und ihm von Tonis Tod zu erzählen. Nach alternierendem Prinzip setzt Bilkau die Rückblicke und die Jetztzeit ihrer Erzählerin. Deren aktuelle private und berufliche Situation nimmt allerdings weniger Raum ein als die Geschichte von Toni und Edgar, an die kleine Notate aus der ersten Zeit erinnern, die in den Roman einfließen. Daneben stehen Erinnerungen an die Kindheit der Ich-Erzählerin. Edgars Verhalten hat nicht nur Toni, sondern sogar die später geborene Tochter beeinflusst. Sie leidet an ihrer unsteten Kindheit, den wechselnden Beziehungen der Mutter, dem Fehlen einer konstanten Vaterfigur. Im Traum sucht sie nach dem, was bleibt, und findet einen Schrank „voll mit Dingen, die meiner Mutter und Wolfgang gehört hatten. Was genau sich darin befand, spielte keine Rolle, nur das Gefühl von Überraschung und Erleichterung zählte. Da war also noch etwas von Wolfgang und meiner Mutter, da war noch etwas aus meiner Kindheit“. Sie trauert über den Verlust dieses Familienlebens, gegen das die Mutter sich entschieden hat. Von Abschiednehmen und Loslassen sind auch die Nebengeschichten des Romans geprägt. Wie Edgar Toni verlassen hat und Toni Jahre später den leiblichen Vater der Erzählerin und wiederum später ihren Mann Wolfgang, wurde auch die Künstlerin verlassen, für die die Tochter eine Ausstellung konzipiert. Die Geschichte Helene Schjerfbecks steht jedoch deutlich im Hintergrund. Wenn auch die Ende des 19. Jahrhunderts in Paris wirkende Künstlerin, in ihrem Mut und dem Scheitern daran sich als Vorläuferin Antonias zeigt, welche wiederum einen Bildband über die Malerin im Regal hatte. Auch Schjerfbeck scheiterte an der Liebe, zog sich von der europäischen Künstlermetropole zurück und verbrachte die restlichen Jahre ihres Lebens alleine mit ihrer Mutter in der finnischen Heimat. Ein weiteres Mutter-Tochter-Paar bildet die Erzählerin mit ihrer Tochter Hannah. Hannah strebt ihrer Freiheit und Unabhängigkeit entgegen und wird das Elternhaus gegen einen möglichst weit entfernten Studienort tauschen. Wieder ein Abschied und ein Loslassen, wenn auch diesmal nicht für immer. Bilkau schreibt in ihrem kunstvoll arrangierten Roman spannend und mit Empathie über unterschiedliche Formen des Abschieds und die Schwierigkeit sie zu bewältigen.

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Eine Liebe, in Gedanken

Von: Lese-katze92

26.06.2018

Edgar und Toni lieben sich, sie scheinen füreinander bestimmt. Sie sind nicht nur unzertrennlich, sondern träumen beide von einem besseren Leben zu zweit. Während Edgar mit seiner beruflichen Situation immer frustrierter erscheint, könnte es bei Toni kaum besser laufen. Doch schon bald zeichnen sich die ersten Beiden ab. Toni muss immer wieder schmerzlich erfahren, dass sie ihrer Zeit zu weit voraus ist. Während sie sich auch von erniedrigenden Situationen nicht ermutigen lässt, ahnt sie nicht, dass die größte Herausforderung noch bevorsteht, denn Edgar hat ein vielversprechendes Arbeitsangebot in Hongkong erhalten. Weit weg von Deutschland und weit weg von seiner geliebten Toni. Jahrzehnte später ist Toni friedlich entschlafen. Langsam und behutsam löst ihre Tochter nun den Haushalt auf. Dabei fallen ihr nicht nur all jene vertraute Dinge in die Hände, die ihr nur allzu vertraut sind, sondern auch ein Stapel Briefe. Jene Briefe, welche Edgar ihrer Mutter schrieb, als diese noch jung und voller Träue war. Sie lässt dabei nicht nur die Beziehung ihrer Mutter Toni und die von Edgar Revue passieren, sondern reflektiert zugleich auch das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Ich durfte dieses Buch im Rahmen einer Leserunde lesen und bin noch immer sehr berührt von der zarten und behutsamen Schreibweise der Autorin. Sie erzählt in ihrem Roman nicht bur über die tragische Liebe zweiter Menschen voller Hoffnungen und Träume, sondern zeigt dem Leser auch auf, mit welchen Widrigkeiten eine junge Frau in diesen Zeiten zurechtkommen musste. Auch verdeutlicht ihr Werk, mit Blick in die Vergangenheit einer jungen Frau, wie viel sich teilweise für die Frauen heutzutage verändert hat, aber auch noch verändern muss. Die Liebe zwischen Toni und Edgar hat mich nicht nur Träumen sondern auch verzweifelt den Kopf schütteln lassen. Gerne hätte ich sie manchmal wachgerüttelt oder sie einfach nur getröstet. Aber auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter kam nicht zu kurz. So musste diese sich wichtigen Fragen stellen, wie "Habe ich genug Zeit mit meiner Mutter verbracht? War sie einsam? Habe ich meine Mutter wirklich gekannt?". Dies sind Fragen, die sich viele Menschen auch im echten Leben stellen sollten bzw. sicherlich stellen werden. Mit "Eine Liebe, in Gedanken", ist der Autorin eine einfühlsam und behutsam erzählte Geschichte gelungen, welche mich als Leserin nicht nur berühren konnte, sondern mich zugleich auch zum Nachdenken angeregt hat.

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„Du musst dir keine Sorgen machen“, hatte Antonia Weber zu ihrer Tochter gesagt, als diese begann, sich vor dem Alter und vor dem Alleinsein zu fürchten. „Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben.“ (S. 241) Antonia wusste, wovon sie sprach. In den frühen 60er-Jahren hatte sie sich in Edgar verliebt, von einer gemeinsamen Zukunft mit ihm geträumt, sich sogar mit ihm verlobt. Toni hatte alles auf diese eine Karte gesetzt, und auch, nachdem die Beziehung zerbrochen war, hatte sie 50 Jahre lang nicht aufgehört, an Edgar zu denken und ihrer Tochter von der Zeit mit ihm zu erzählen. Gleichzeitig hatte sie auch nach der Trennung viele ihrer Träume gelebt, ein selbstbestimmtes Leben geführt, Reisen unternommen, zweimal geheiratet und ein Kind bekommen. Nach Antonias Tod, den Kristine Bilkau als Ausgangspunkt für ihren Roman Eine Liebe, in Gedanken wählt, findet die Tochter die alten Briefe und Fotos und beschließt, Edgar aufzusuchen. Noch vor dem Zusammentreffen mit dem Mittsiebziger trägt sie Details über die Geschichte dieser Liebe zusammen, die 1964 begann und 1967 endete. Meine Meinung: Der Roman ist im März erschienen, und eigentlich wollte ich ihn noch im selben Monat lesen. Vor kurzem habe ich ihn dann endlich von meinem SuB gefischt, aber jetzt tut es mir fast leid, dass ich damit nicht bis zu den Sommerferien gewartet habe. Nicht, weil er ein seichtes Lesevergnügen für den Strand wäre, sondern damit die Bilder, die er zeichnet, genug Zeit zum Nachklingen haben und nicht sofort wieder im Alltagsstress versinken. Kristine Bilkau fängt die Stimmung einer Zeit der gesellschaftlichen Veränderungen ein. Antonia gehört der ersten Generation „moderner“ Frauen an: einer Generation, für die Berufstätigkeit eine Selbstverständlichkeit zu werden begann, die sich den einen oder anderen bescheidenen Luxus leisten konnte, die nicht mehr vollkommen in strikten Moralvorstellungen gefangen war, die Beziehungen eingehen, sich wieder trennen und ein Kind alleine großziehen konnte, ohne sofort und automatisch im gesellschaftlichen Abseits zu landen. Heute sind diese Frauen Großmütter und Urgroßmütter, und beim Lesen von Antonias Geschichte wurde mir bewusst, dass ihr Leben dem heutiger junger Frauen schon ähnlich war. Der Gedanke an diese heute alten Frauen hat es für mich umso reizvoller gemacht, einen Blick in Tonis Leben in den 1960er-Jahren zu werfen: eine junge Frau wie viele andere seither, nicht immer diszipliniert, aber ambitioniert, manchmal in ihre Träume versponnen, aber doch in der Lage, das Leben zu meistern. Der Autorin geht es laut eigener Aussage um die Frage, ob wir eigentlich wirklich wissen können, wer unsere Eltern gewesen sind. Ich bin nicht sicher, ob wir das wissen können oder überhaupt wissen sollten. In jedem Fall ist Toni aber bereit, über alles, was geschehen ist und was sie bewegt offen zu sprechen, und auch das ist schon eine sehr moderne Einstellung. Das andere Thema des Romans ist für Kristine Bilkau die Frage, was eigentlich erfüllte Liebe ist. Für mich hat Antonias Liebe zu Edgar ein bisschen etwas von einer Romeo & Julia-Geschichte. Wir wissen von Anfang an, dass die Sache nicht gut ausgehen wird, aber trotzdem habe ich den beiden das Happy End bis zum letzten Kapitel gewünscht. Die Geschichte ist also auch sehr romantisch (und damit doch etwas für den Strand), kommt aber ohne Kitsch aus und überlässt es der Leserin, die Frage nach der erfüllten Liebe zu beantworten. Auch dafür sollte man sich Zeit nehmen, und das ruhige Tempo der Geschichte lädt dazu ein. Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag herzlich für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!

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Von Kristine Bilkau hatte ich bereits „Die Glücklichen“ gelesen. Ein Buch, das mich tief berührt und absolut begeistert hat und von mir immer wieder gerne empfohlen wird. Natürlich wollte ich daher unbedingt wissen, ob „Eine Liebe, in Gedanken“ da auch mithalten kann. So viel vor ab – nicht ganz, aber fast. Wir haben hier im Grunde zwei Erzählstränge, wobei der eine eher nebensächlicher ist. Hauptsächlich geht es um Antonia und Edgar. Wir befinden uns in Hamburg im Jahr 1964. Beide sind wie füreinander gemacht und teilen sich den Traum einer Zukunft weit ab von ihrer Herkunft. Sie sind im Krieg geboren und damit gewohnt, von Härte und Verdrängung umgeben zu sein. Ein harte, spannende, rasante Zeit, in der es plötzlich möglich war, bis nach Hongkong in kurzer Zeit zu fliegen oder bis dorthin zu telefonieren. Toni und Edgar – sie wollen die Welt kennenlernen und anders leben und lieben als ihre Eltern. Und so ergreift Edgar die Chance, als ihm seine Außenhandelsfirma anbietet, in Hongkong ein Büro aufzubauen. Er verspricht fest, dass Toni folgen soll, sobald er dort Fuß fasst. Doch er vertröstet sie immer und immer wieder, hat vielleicht Angst davor, dass das Abenteuer dann zu etwas Schlechtem wird, weil sie scheitern könnten. Bis Toni schließlich nicht mehr kann und die Verlobung nach rund einem Jahr löst, denn sie kann es nicht mehr, immer nur warten, bangen, hoffen. Es wird Zeit, wieder zu leben. Doch ob ihr das gelingt? Wie ihr Leben weitergeht, nachdem sie sich auseinanderlebten? Wie lange sie vom Trennungsschmerz noch verfolgt wird? Das zieht sich wie ein Faden durch das ganze Buch. Eine Geschichte, die Tonis Konflikt zwischen Freiheit, Unabhängigkeit aber auch dem Wunsch nach Geborgenheit und fester Bindung authentisch und berührend verbindet. Wir entdecken die Geschichte von Toni und wie es ihr in den Jahren danach erging gemeinsam mit ihrer Tochter rund 50 Jahre später. Denn nach dem Tod ihrer Mutter frag sie sich, ob Toni je über Edgar hinweg kam, ob sie gescheitert ist oder doch ein gutes Leben lebte. Ob sie, wie sie immer wünschte, selbstbestimmt und frei bis zum Lebensende war? Trotz dieses jahrelangen Schmerzes, der sie bis ans Ende an Edgar band. Vieles erfährt sie dabei aus alten Briefen, die sich Edgar und Toni gegenseitig sendeten. Ich mochte den Charakter von Toni sehr. Es fühlte sich sehr authentisch an. Man merkte den kleinen Zwiespalt zwischen dem Wunsch, doch irgendwie an Idealen festzuhalten. Der Erziehung und Tradition, die noch tief verwurzelt war und dem Wunsch eine unabhängig, eigenständige, selbstbestimmte Frau zu sein und sich eine Karriere und ein freies Leben aufzubauen. Wir erleben, wie Toni anfängt, auf eigenen Beinen zu stehen und das Leben für sich entdeckt und ich mochte ihre freche, leicht wilde Art und die Art, wie sie das Leben einfach am Schopf packt und sich nicht zu viele Gedanken über das morgen macht. Edgar hingegen ging mir sowas von auf die Nerven. Zwar mochte ich einige Momente der beiden sehr. Aber Edgar war so ein ständiger Schwarzseher und Nörgler. Er konnte sich nie einfach mal frei machen, die positiven Dinge sehen und einfach Mal darauf vertrauen, dass Toni und er eine Chance verdient haben und das man auch gemeinsam die schlimmsten Hürden meistern könnte. Dennoch mochte ich die Geschichte und wie man gemeinsam mit der Tochter entdeckt, wer Toni war und wie sie wohl weiterlebte. Der Moment, in dem man merkt, dass man niemals die ganze Facette begreifen und wissen kann. All das verpackte Kristine Bilkau auch wieder in dem so sanften, angenehmen und klaren Schreibstil. Sie schweift nie aus, schmückt nicht viel aus, schreibt fast etwas kühl und dennoch geht der Stil unter die Haut. Doch finde ich kratzt sie hier etwas an der Oberfläche. Sie geht in beiden Beziehungen nicht so richtig in die Tiefe und nervte mich mit Edgar einfach sehr, weshalb mir das Buch, insbesondere der Schreibstil, zwar gut gefiel, es aber nicht an diesen Zauber, den „Die Glücklichen“ ausstrahlte, und diesen Tiefgang herankommt. Dennoch ein empfehlenswertes Buch, für alle, die es ruhiger und sanfter mögen und Geschichten lesen möchten, bei denen jeder Satz wohlüberlegt gesetzt ist ohne viel Schnickschnack.

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Wenn eine Liebe das ganze Leben beeinflusst

Von: inyanmni aus Kiel

11.06.2018

Toni und Edgar begegnen sich Mitte der 1960er Jahre in Hamburg, verlieben sich ineinander und planen eine gemeinsame Zukunft. Als Edgar nach Hong Kong geht, um dort eine Niederlassung seiner Firma aufzubauen, soll Toni eigentlich nachkommen und mit ihm dort leben. Er vertröstet sie allerdings immer wieder, und nach einem Jahr des Wartens löst Toni die Verlobung. 50 Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter, beabsichtigt Tonis Tochter, Edgar ein einziges Mal zu treffen, um Antworten auf das große Rätsel im Leben ihrer Mutter zu finden. All diese Wendungen nimmt bereits der Klappentext vorweg, so dass man hier schwerlich zu viel verraten kann. Was man meiner Meinung nach allerdings noch dazu sagen sollte, ist, [kleiner SPOILER] dass es keine Antwort auf die offensichtliche Frage geben wird, warum Edgar Toni damals hängen gelassen hat. Wer auf dramatische, spannende Enthüllungen hofft, sollte also lieber die Finger von diesem Buch lassen. „Eine Liebe, in Gedanken“ ist genau das, was der Titel verspricht: eine stille Geschichte, die sich aus Aufzeichnungen, Erinnerungen und Gedanken an eine Liebe speist, und die Geschichte einer starken Frau, der es vor allem um ihre Freiheit geht. Es gibt wunderbar berührende Passagen, mich hat es aber letztlich doch gestört, dass alle Eckpunkte der Handlung bereits im Klappentext vorweg genommen werden. Außerdem fand ich es beim Lesen etwas irritierend, dass die der Gegenwart nähere Geschichte von Tonis Tochter im Präteritum erzählt wird, während die 50 Jahre zurückliegende Perspektive von Toni im Präsens geschildert wird. Alles in allem ließ sich das Buch gut lesen, es hat mich aber emotional nicht wirklich mitgenommen, da ich mich weder mit Toni noch mit ihrer Tochter identifizieren konnte. Auch die Mutter-Tochter-Thematik zwischen Toni und ihrer Tochter bzw. zwischen dieser und ihrer eigenen Tochter Hanna hat mich leider nicht abgeholt, was aber durchaus an mir liegen mag.

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„Sie hatte 1967 darauf gewartet, von ihm nach Hongkong geholt zu werden, doch er hatte sie immer wieder um Geduld gebeten….“ Eine Liebe. Ein Mann, eine Frau. Hamburg in den 60er Jahren. Die Frau, Antonia, genannt Toni, ist aus ihrem Schleswig Holsteinischen Dorf in die große Stadt gezogen. Die Abenteuerlust, die Lust, sich ein eigenes, ein größeres Leben zu erlauben, ist ein Grund unter vielen dafür, dass sie dem Mann, Edgar, so gut gefällt. Der hat bereits einen unehelichen Sohn. Aber mit diesem hat er wenig zu tun. Edgar lebt noch im Elternhaus, er hat eine Arbeit und sieht gerne das, was nicht funktioniert. Während Toni voller Lebensfreude ist und damit auch ihn ansteckt. Wenn er sich bei ihr über sein Leben beklagt, heitert sie ihn auf. Mit seinem VW Käfer fahren sie durch die Stadt und ans Meer. Sie werden ein Liebespaar, dem alle ansehen, dass sie zueinander gehören. Dass Toni wegen ihres Status als unverheiratete Frau die Pille nicht vom Arzt bekommt, diese Problematik teilt sie nicht mit Edgar. Sie haben trotzdem Sex. Dass Toni ein Kind durch eine Fehlgeburt verliert. Sie teilt es nicht mit Edgar. Sie flüchtet heim nach Schleswig Holstein, kuriert sich bei der Mutter aus und für Edgar ist sie einfach krank. Als sich für Edgar die Chance auftut, sein unbefriedigendes Leben zu verlassen und für die Firma nach Hongkong zu gehen, ist es Toni, die ihn dazu ermutigt. Als er geht, ist sie zwar traurig, weil er sie nicht fragt, ob sie mitkommt. Aber auch das teilt sie nicht mit Edgar. Sie freut sich wirklich für ihn. Aber sich selbst verbirgt sie konsequent, als wüsste sie, dass er nur die eine Seite von ihr liebt, die fröhliche. „Du hast mir ein schönes Leben gezeigt.“ Als endlich sein Telegramm kommt, dass sie nachkommen soll, kündigt sie ihren sehr guten Job, die Wohnung, das Leben in Hamburg und wartet auf das Flugticket, das er versprach, in Kürze zu schicken. Die Zeit des Wartens wird auch der Leserin fast unerträglich, so feinsinnig beschreibt die Autorin die Tage, die Antonia zunächst damit zubringt, ihr Leben aufzulösen, dann das neue, so gut es geht, vorzubereiten. Sie lässt sich von der Schneiderin ein Ensemble nähen, das sie zu ihrer Hochzeit mit Edgar in Hongkong tragen will. Sie sind offiziell verlobt. Ein Jahr wartet Antonia auf das Flugticket. Sie wartet. Ohne Job. Ohne Wohnung. Das Ticket kommt nie. Eine Frau, in Hamburg, heute. Verheiratet, bereitet gerade eine Ausstellung der Malerin Helene Schjerfbeck vor. Sie ist Mutter einer fast erwachsenen Tochter. Während sie versucht, das Leben ihrer gerade verstorbenen Mutter Antonia zu rekapitulieren, vor allen Dingen die Liebesgeschichte mit Edgar Janssen, muss sie gleichzeitig verbergen, wie schwer es ihr fällt, ihre eigene Tochter, die erwachsen wird, loszulassen. „Niemand hatte mich gewarnt, wie schwer es sein würde, ein Kind loszulassen, und welche Anstrengungen es kostete, sich das nicht anmerken zu lassen.“ Sie möchte mehr erfahren. Sie möchte wissen, wer ihre Mutter war. Sie spielt mit dem Gedanken, Edgar aufzusuchen. „Ich wollte ihn fragen, ob er je darüber nachgedacht hatte, dass diese Frau einmal alles für ihn auf eine Karte gesetzt hatte, für ihn allein, dass sie verloren hatte, in einer Zeit, in der Frauen dieser Mut nicht verziehen wurde;…“ Es ist fast, als würde sie erst nach deren Tod ermessen können, wer ihre Mutter Antonia wirklich gewesen ist. Das neue Buch von Kristine Bilkau, Eine Liebe in Gedanken, erschienen bei Luchterhand, ist so fein und sorgfältig geschrieben, wie ihr Debüt, Die Glücklichen. Sie ist eine Beobachterin der kleinen Dinge, die geschehen zwischen Menschen und unser Leben ausmachen. Sie fängt das filigrane ein, und beim Lesen wird einem plötzlich bewusst, wie viel in unseren Leben so filigran ist und verschüttet wird unter dem lauten, grellen, neonfarbenen Vordergrund. Dieses Buch hat mich traurig gemacht. Ich konnte manchmal ein paar Tage nicht darin lesen. Es hat mich an meine Mutter erinnert, aber auch an all die Frauen, die das Frauenbild ihrer jeweiligen Zeit erfüllend, sich selbst mit ihren Träumen in Warteschleifen parken, die ein Leben lang dauerten. Den Haushalt machen, die Kinder versorgen, die wirklichen Gefühle verbergen, funktionieren, lächeln. Antonia ließ mich denken an Peter Handkes Mutter, der er so ein unumstößliches Denkmal in dem Buch Wunschloses Unglück gesetzt hat. Toni ist allerdings eigensinniger und vielleicht auch mutiger. Sie gibt sich nicht zufrieden. Zwar heiratet sie, aber schon, als ihre Tochter noch sehr klein ist, trennt sie sich vom Vater wieder. Sie lebt noch einmal einige Jahre mit einem Mann zusammen, und trennt sich wieder. Am Ende lebt sie allein. Sie hat sich für sich entschieden und für ihre Tochter. Als diese erwachsen ist, lebt sie mit einem Schrank voller Bücher, ihren Interessen und ihren Erinnerungen. Sie ist eine begeisterte und tiefsinnige Leserin. Die Bücher nähren sie, genau wie ihre Liebe, in Gedanken. Die ihr niemals jemand nehmen kann. Niemand kann Antonia jemals nehmen, dass sie bedingungslos geliebt hat. Sie ist die Frau, die ein solches Gefühl zugelassen hat. Während Edgar Janssen der kleine Krämer bleibt, der einen Handel einfädelt, und dann doch nicht zuende führt, der die Welt der Gefühle rosarot nennt und seine Art der Feigheit mit Vernunft erklärt. „Natürlich können wir Zukunftspläne schmieden, aber wir dürfen uns nicht in Tagträumen verlieren. Wir müssen fest in der Gegenwart stehen, denn die Gegenwart ist das Rohmaterial für die Zukunft.“ Ein wunderbares Buch! Ich danke dem Luchterhand Verlag für das Rezensionsexemplar. (c) Susanne Becker

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Inhalt: Hamburg, 1964. Antonia und Edgar scheinen wie füreinander gemacht. Sie teilen den Traum von einer Zukunft fern von ihrer Herkunft. Im Krieg geboren und mit Härte und Verdrängung aufgewachsen, wollen die Welt kennenlernen, anders leben und lieben als ihre Eltern. Edgar ergreift die Chance, für eine Außenhandelsfirma ein Büro in Hongkong aufzubauen. Toni soll folgen, sobald er Fuß gefasst hat. Nach einem Jahr der Vertröstungen löst Toni die Verlobung. Sie will nicht mehr warten und hoffen, sondern endlich weiterleben. Tonis und Edgars Leben entwickeln sich auseinander, doch der Trennungsschmerz zieht sich wie ein roter Faden durch beide Biographien. Toni lebt in dem Konflikt zwischen ihren Idealen von Freiheit und Unabhängigkeit und dem Wunsch, sich zu binden, um Edgar zu vergessen. Fünfzig Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter fragt sich Tonis Tochter: War ihre Mutter gescheitert oder lebte sie, wie sie es sich gewünscht hat: selbstbestimmt und frei? Wer war dieser Mann, den sie nie vergessen konnte? Die Tochter will ihm begegnen, ein einziges Mal. Mein Lieblingszitat: Meine Meinung: Ich finde, dass der Inhalt von diesem Buch echt Lust aufs Lesen macht und auch das Cover gefällt mir gut. Schon direkt am Anfang konnte ich mich gut in die Geschichte hineinversetzen. Es wird mal aus der Perspektive der in der heutigen Zeit lebenden Tochter der Hauptprotagonistin Toni, mal aus der Perspektive von Toni in den 60ern erzählt. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Autorin clevererweise beim Berichten aus der Sicht der Tochter in der Ich-Perspektive und in der Vergangenheitsform schreibt und im Gegensatz dazu beim Erzählen aus Tonis Sicht die personale Erzählperspektive anwendet und in der Gegenwartsform schreibt. Dadurch werden Tonis Erlebnisse sehr viel realistischer und es fiel mir leichter, mich auch in die Gedanken und Gefühle ihrer Tochter hineinzuversetzen. Toni als Hauptprotagonistin war mir, genauso wie ihr Freund Edgar recht sympathisch, weil ich ihre Ansichten recht gut verstehen konnte. Der Schreibstil der Autorin hat mir an sich auch gut gefallen, weil er einige recht poetische Passagen enthält, aber nicht zu viele, sodass sich der Roman noch entspannt lesen lässt. Es gab in „Eine Liebe, in Gedanken“ viele Stellen, die zum Nachdenken angeregt haben und mich erst einmal zum Innehalten bewegt haben. Jedoch werden diese Stellen mit witzigen Momenten ausgeglichen, sodass ein bisschen Abwechslung in die Geschichte kommt. Zur Geschichte kann ich nur sagen, dass sie super realistisch und darum natürlich auch traurig ist. Leider waren die Ereignisse mir manchmal etwas zu ausführlich beschrieben. Trotzdem gefällt mir die Geschichte an an sich total, weil sie mir wie aus dem Leben gegriffen scheint. Mein Fazit: Die realitätsnahe Geschichte einer Liebe, die sich auseinanderentwickelt, erzählt durch einen poetischen Schreibstil. Vielen Dank an den Luchterhand Literaturverlag für das Rezensionsexemplar! Eine Liebe, in Gedanken bekommt von mir 4/5 Sterne!

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Das Buch erzählt die Geschichte von Toni und Edgar im Rückblick. Nachdem Antonia gestorben ist, bereut ihre Tochter, warum sie ihrer Mutter nicht besser zugehört hat und ihre Liebesgeschichte weitererzählen kann. Sie trifft den Geliebten ihrer Mutter und gibt die Geschichte in ganzen Details wieder. Die Liebesgeschichte von Edgar und Antonia ist sehr berührend und muss enden, obwohl sich beide immer noch lieben. Die Charaktere sind sehr eindrücklich beschrieben, dass man sich mit ihnen sehr gut identifizieren kann. Antonia ist bereit, alles für ihre Liebe aufzuopfern, doch Edgar auf der anderen Seite, geht mit der Sache vorsichtiger um. Es ist sehr interessant, eine Liebesgeschichte aus der Perspektive dritter Person zu lesen, die gar nicht kitschig oder langweilig erscheint. Für die originelle Handlung, möchte ich die Autorin loben, denn, ihr gelingt es, eine vielleicht veraltete Liebesgeschichte in interessanter Weise zu repräsentieren, dass sie für Leser im 21. Jahrhundert interessant erscheint. Das Buch ist absolut zu empfehlen, wenn ihr euch nach einer sachlichen Liebesgeschichte sehnt, in dem könnt ihr euch versinken.

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