Leserstimmen zu
Eine Liebe, in Gedanken

Kristine Bilkau

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"Ich möchte an meiner Straße am Fenster sitzen und glauben, dass jeder, der vorbeigeht, ein Leben lebt, glücklich oder unglücklich, aber tief.“ Ein Zitat der finnischen Malerin Helene Schjerfbeck, die im neuen Roman von Kristine Bilkau zwar nur indirekt vorkommt, das Buch aber auf eine besondere Weise begleitet. Es gibt diese Bücher, die von Anfang an gefangen nehmen, die zur Leserin sprechen, als wären sie für sie geschrieben. „Eine Liebe, in Gedanken“ ist ein solches Buch. Es erzählt eine Liebesgeschichte, die eine Lebensgeschichte ist, und es erzählt vom Abschied einer Tochter von ihrer Mutter. Die Erzählsituation ist keine neue. Eine Mutter ist gestorben, die Tochter stößt beim Ausräumen der Wohnung auf Zeugnisse aus deren Leben, Dinge, Briefe, Fotos. Manches vertraut, anderes neu und unbekannt. Es ist ein liebevolles, zärtliches Gedenken. Es gab sicher auch Spannungen zwischen Mutter und Tochter, der freiheitsliebenden, nach zwei Scheidungen alleinerziehenden und immer etwas chaotischen Antonia und der um Beständigkeit bemühten, pragmatischen Tochter, der Ich-Erzählerin. Man kennt das, oft sucht die folgende Generation im Leben das, was sie in frühen Jahren vermisste. (Nur um oft im eigenen Alter zu erkennen, wie sehr man sich doch unter Umständen gleicht.) „Eine hatte Freiheit gesucht. Ihre Tochter hatte sich nach Beständigkeit gesehnt. Und deren Tochter sehnte sich wieder nach Freiheit.“ Nie ein Geheimnis gemacht hat Antonia um Edgar, ihre einst große Liebe. Die Geschichten um ihn waren stets präsent, auch wenn sie bis zuletzt ein Geheimnis umwehte. 1964 haben sich die beiden kennengelernt, der höfliche, galante Mann und die kesse, in ihrer Zeit moderne Frau. Die frühen Sechziger Jahre waren in vielem eine Übergangszeit, noch herrschte in vielem die Moral der Fünfziger Jahre, verbot die Vermieterin Herrenbesuch und waren die Berufsaussichten für Frauen oft auf Sekretärinnen-, Verkäuferinnen- oder Lehrerinnenniveau eingefroren. Aber die Frauen waren eben auch, zumindest vor der Ehe, berufstätig, zunehmend selbstbewusst und registrierten durchaus die Doppelmoral. Hatten nicht ihre Mütter die Kriegsjahre auch ohne Männer bewältigt? Standen sie nicht den Herren der Schöpfung insgeheim recht kritisch gegenüber, wie beispielsweise auch die Mutter Antonias? Wozu also noch das Deckmäntelchen der fügsamen Weiblichkeit? Andererseits sind die Umbrüche von 1968 und den Jahren danach noch recht weit entfernt, und wie lange sie brauchen und welche Rückschläge immer wieder erfolgen, das spüren wir auch heute noch. Antonia und Edgar werden ein Paar, verloben sich, die Familien nehmen den jeweils anderen in ihrer Mitte auf. Toni ist spontan, leidenschaftlich und im Job auf Erfolgskurs. Edgar wiederum steckt beruflich in einer Sackgasse. Als ihm ein Posten in Hongkong angeboten wird, sagt er nach Rücksprache mit Antonia zu. Nach kurzer Eingewöhnungsphase soll sie bald nachkommen. Die Monate vergehen, dann kommt endlich ein Telegramm: Wohnung und Job kündigen, Flugschein folgt. Doch dann: Nichts! Vergeblich wartet Toni, die zunächst bei Freunden, dann bei den Eltern untergekrochen ist, auf Nachricht. Schließlich dann das Niederschmetternde: Edgar möchte lieber doch nicht. Was diese Zurückweisung für die junge Frau damals bedeutet haben mag, lässt sich nur vermuten und auch die Ich-Erzählerin versucht sich tastend daran, das nachzuempfinden. Vor allem, weil die Liebe zu Edgar nie versiegt zu sein schien. Eine Liebe, aber nur in Gedanken. Zwei folgende Ehen hatten keinen Bestand, vielleicht wollte sich Antonia kein weiteres Mal zu fest binden. Die Tochter, altersmäßig vermutlich in den Vierzigern wie die Autorin, hat ihren leiblichen Vater nie groß vermisst, die Trennung ihrer Mutter vom zweiten Mann, der ihr wie ein Vater war, schmerzte mehr. Nun steht sie vor den Zeugnissen des Lebens ihrer Mutter und sinnt darüber nach. Besonders die große Leerstelle, warum die Liebe von Edgar und Antonia letztendlich so unspektakulär scheiterte, bewegt sie. Sie beschließt, Edgar zu kontaktieren. Sie selbst ist nicht nur in ihrer Trauerarbeit gefangen, sondern befindet sich auch in einer anderen Umbruchsphase ihres Lebens: die 18jährige Tochter Hanna hat das Abitur hinter sich und begibt sich auf Interrailtour, danach Studium, irgendwo. Zeit der Abnabelung. „Niemand hatte mich gewarnt, wie schnell ein Kind zu einer Erwachsenen werden würde. Niemand hatte mir gesagt, dass diese Jahre im Rückblick wie eine erstaunlich überschaubare, verwirrend kurze Episode erscheinen würde.“ Zeit, das eigene Leben zu überdenken. Zwischenbilanz. Zeit aber auch, sich vor dem kommenden Alter zu fürchten, vor dem Alleinsein. Ihre Mutter tröstete sie einst: „Du musst dir keine Sorgen machen“, hatte sie zu mir gesagt, mit ihrer jungen, zuversichtlichen Stimme. „Du wirst den Reichtum deiner Gedanken haben.“ War es ein gelungenes Leben? Trotz der Liebe, nur in Gedanken, trotz der Zurückweisung, des Scheiterns? Es scheint so, auch wenn es seinen Preis gekostet haben mag. „Was für ein Leben hatte Ihre Mutter?“ fragt Edgar bei ihrem Treffen. „Ich überlegt, wie ich das Leben meiner Mutter zusammenfassen konnte. Ich hatte versucht, mir vorzustellen, wer sie als junge Frau gewesen war, wer sie geworden war, doch es konnte ja immer nur ein Ausschnitt bleiben, Geschichten, von mir erdacht. Wie nah ich der Frau von damals und der Frau, die sie geworden war, hatte kommen können, das würde ich nie wissen. (…) „Ich kann Ihnen nur sagen, dass sie sich nicht vor Intensität gefürchtet hat. Aber das wissen Sie ja wahrscheinlich selbst.“ Eine Frau, die auch einen hohen Preis für ihr unabhängiges Leben zahlen musste, begleitet das Buch auf besondere Weise. Es ist die finnische Malerin Helene Schjerfbeck. Die Ich-Erzählerin betreut während der Trauerzeit als Architektin eine Ausstellung der 1862 geborenen Künstlerin. Durch einen Unfall in der Kindheit gehbehindert, tritt deren künstlerisches Talent früh zutage. Begabt und entschlossen reist sie in jungen Jahren viel, erleidet aber auch viel persönliches Leid, ist viel krank und lebt viele Jahre allein mit ihrer pflegebedürftigen Mutter. Hochbetagt stirbt sie kurz nach dem Krieg. Die unabhängige, letztlich aber einsame Frau dient als Spiegel für das Leben der Mutter, ihre Zurückgezogenheit im Alter. Am Ende des Buchs nimmt uns die Erzählerin mit auf einen Rundgang durch die Ausstellung, die auch sehr durch Selbstbildnisse der Malerin geprägt ist. Immer wieder schweift sie zwischen den Bildern und den Gedanken an die verstorbene Mutter. Dieser Abschnitt ist mit das Schönste, das ich seit längerem gelesen habe. „Eine Liebe in Gedanken“ ist ein Buch, dessen Passagen ich immer wieder lesen möchte. So einfühlsam, pathos- und kitschfrei, so behutsam, klug und fast schwebend, so atmosphärisch dicht schreibt Kristine Bilkau über Frauenleben, Liebe, Nähe, Enttäuschung, Trauer, Abschied. Über das Verschwinden von Menschen, sei es nach Hongkong, in den Tod oder auch nur das Erwachsensein, und das Fortbestehen der Liebe. „Meine Mutter sitzt vor mir auf der Küchenbank, sie bestreicht sich ein Stück Baguette mit zerschmolzenem Camembert, sie sitzt, wie immer, wenn sie uns besuchte, auf dieser alten Holzbank, die Florian und ich, als Studenten, vor über zwanzig Jahren auf einer Reise durch Polen gekauft hatten, sie nippt an ihrem Darjeeling und will alles über ihren eigenen Tod wissen.“

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Nach dem Tod ihrer Mutter fragt sich die Ich-Erzählerin, warum sie ihr nicht besser zugehört hat, als sie noch ihre Geschichte erzählen konnte. Wie hat sie sich gefühlt, warum konnte sie die alte Liebe nie vergessen? Anhand von Briefen rekonstruiert die Erzählerin Antonias Leben. In den 60 Jahren fand Toni ihre erste große Liebe – Edgar. Mit ihm wollte sie sich eine Zukunft aufbauen, doch die Beziehung ging in die Brüche. Diese Geschichte hat mich sehr berührt und mitgenommen. Die Charaktere, ihre Handlungen und Gedanken sind so eindrücklich beschrieben, dass man sich ihnen einfach nahe fühlen muss. Auf der einen Seite Antonia, unabhängig für diese Zeit, lebenslustig, immer bereit zu unterstützen und auch Liebe zu geben. Sie lebt aus dem Bauch heraus. Auf der anderen ihre erste Liebe, der charmante, etwas eingestaubte und steife Edgar. Er versucht ein geordnetes, sicheres Leben für die zwei aufzubauen und vergisst darüber die Gefühle. Edgar denkt zu viel. Die beiden ergänzen sich anfangs so schön – es macht einfach Freude die ersten Momente ihres Kennenlernens mitzuerleben. Später dann ist es umso bedrückender, wie sich alles entwickelt. Auch die Beziehung zwischen Mutter und Tochter wird sehr intensiv dargestellt. Seien es nun Problematiken oder die tief empfundene Liebe. Kristina Bilkau hat einen sehr ruhigen und zarten Roman geschrieben, der sowohl sprachlich als auch mit seiner Handlung beeindrucken kann. Die Liebesgeschichte wirkt in keiner Sekunde kitschig, sondern einfach ehrlich. Ich bin immernoch ganz begeistert.

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Nach „Die Glücklichen“ kommt nun als zweiter Roman Kristine Bilkaus „Eine Liebe in Gedanken“. Mir hat ihr Debüt sehr gut gefallen, aber mit dem neuen Roman übertrifft sie sich. An was mag es liegen, dass ich nur so diffus sagen kann, warum ich ihre Geschichten mag? Es ist nicht allein die Sprache, der Inhalt ist nicht spektakulär neu, und dennoch ist da etwas drunter oder zwischen den Zeilen, eine feine Sensibilität, was mir gut gefällt. Und ich denke, für dieses Ungesagte, nur Angedeutete hat Bilkau ein Händchen. Bilkau beginnt ihr Buch mit einem Zitat aus dem schmalen Band „Fast ganz die Deine“ der Französin Marcelle Sauvageot. Das Buch bekommt später noch Raum, denn viele Zeilen hat die verstorbene Mutter der Hauptprotagonistin darin angestrichen. Zeilen, in denen sie sich wiederfand. Sofort kommt eine schöne Erinnerung an das Buch, dass ich seinerzeit auch gelesen habe. Ein Anreiz, nochmals einen Blick hineinzuwerfen. Ein Paar mit erwachsener Tochter ist Ausgangspunkt der Geschichte. Als die Mutter der Protagonistin stirbt und sie die Wohnung ausräumt, tauchen Erinnerungsbruchstücke und Briefe auf. Von hier an wird parallel die Liebesgeschichte der Mutter erzählt, die zugleich Lebensgeschichte ist, denn die erste Liebe durchzieht ihr ganzes Dasein, obgleich sie zum großen Teil nur aus der Ferne gelebt werden wird. In den 60er Jahren, als Antonia Edgar kennenlernt, war es noch ungewöhnlich, dass eine junge Frau allein lebt und arbeiten geht. Doch diese Freiheit mag Toni. Mit Edgar scheint sie dieses Gefühl teilen und leben zu können.Es ist eine Zeit, wo man noch Briefe schreibt, und Edgar tut das mit Leidenschaft, obwohl Toni und er sich regelmäßig sehen. Es ist eine Innigkeit und gleichzeitig eine schöne Verrücktheit zwischen beiden. Als Edgar einen besseren Job in Hongkong angeboten bekommt, nimmt er an. Toni soll nach seiner Eingewöhnungszeit nachkommen, dort wollen sie heiraten. Sie hat schon gekündigt, Job und Wohnung, bemüht sich um eine Stelle in Hongkong. Ein Übergangsleben. Von Monat zu Monat werden die Briefe von Edgar immer kürzer und rarer. Telefonieren ist kostspielig, dafür ist kein Geld da. Als Edgar überraschend für kurze Zeit zurückkehrt, treffen sich die beiden, doch nichts scheint wie zuvor. Danach ist es aus. Doch Antonia wird von dieser Liebe nicht wegkommen. Sie wird sie sich bewahren, auch wenn sie ihr Leben auf ihre freie Art weiterführt. Noch einmal kommt es lange Zeit später zu einem Treffen mit Edgar, doch Antonia ist enttäuscht und irritiert davon. Die Tochter traut sich nach dem Tod der Mutter dann auch, diesen Mann zu treffen, der ihrer Mutter so viel bedeutete. Was genau sie davon erwartet, weiß sie nicht. Doch sie wird sich ihr eigenes Bild machen … „Ich wollte ihn fragen, ob er je darüber nachgedacht hatte, dass diese Frau einmal alles für ihn auf eine Karte gesetzt hatte, für ihn allein, dass sie verloren hatte, in einer Zeit, in der Frauen dieser Mut nicht verziehen wurde;“ Auch Hannah, die Tochter der Ich-Erzählerin, wird erwachsen und beginnt sich abzunabeln und scheint in ihrem Freiheitsdrang ihrer Großmutter zu folgen. Und wenn diese zuletzt durch die von ihr kuratierte Ausstellung der Malerin Helene Schjerfbeck geht, bekommt man Lust diese Bilder ebenfalls zu betrachten. Eine Künstlerin, die sehr jung sehr selbständig war, alleine reiste und später zu ihrer Mutter im ländlichen Finnland zurückkehrte, um sie zu pflegen. Parallelen also zum Leben der eigenen Mutter. Was sich als Inhalt zunächst kitschig anhört und auch mich anfangs skeptisch lesen lies, entpuppt sich im Laufe der Geschichte als höchst stimmiges feines sensibles Unterfangen.

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Liebe zum Nachspüren

Von: Helga Hensel aus Herzogenrath

19.04.2018

Das Buch erzählt die Geschichte von Toni und Edgar im Rückblick, nachdem Antonia verstorben ist. Ihre Tochter kümmert sich um den Nachlass und möchte dem Zauber der großen Liebe nachspüren und vielleicht sogar dem Mann hinter dem Namen "Edgar" einmal gegenüberstehen... "Eine Liebe in Gedanken" ist ein sehr gefühlvolles, stimmungsvolles und anrührendes Buch. Hals über Kopf stürze ich mich in diese besondere Liebesgeschichte und finde mich fast auf dem Beifahrersitz im Leben der beiden Protagonisten wieder. Antonia ist mir zum Greifen nahe, ich fühle, hoffe, sehne mit ihr und hege gelegentlich Zweifel. Und auch die eine Frage, die irgendwie nicht beantwortet zu werden scheint, treibt mich um. Ein wunderbares Buch, welches mit seinem Schutzumschlag sehr hochwertig, stilsicher und chic daherkommt, in dem frau herrlich versinken kann.

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In "Eine Liebe, in Gedanken" rekonstruiert Kristine Bilkau vor dem historischen Hintergrund der 1960er Jahre die Geschichte einer großen Liebe. Im Mittelpunkt der Erzählung steht dabei das Schicksal einer jungen Frau, die bereit ist, für ihren Traum von Freiheit alles auf eine Karte zu setzen. Hamburg im Jahr 1964. Die 22-jährige Antonia, genannt Toni, hat gerade ihrem Heimatort an der Ostsee den Rücken gekehrt und beginnt, die neu gewonnenen Freiheiten des Großstadtlebens zu genießen. Als sie hier den zwei Jahre älteren Edgar kennen lernt, ist schnell klar: Das ist sie. Die ganz große Liebe. Mit Edgar scheint es plötzlich möglich, das glückliche, unbeschwerte Leben. Ein Leben, das so ganz anders ist als das von Verbitterung und Freudlosigkeit geprägte Dasein ihrer Mutter, die nie darüber hinweggekommen ist, dass der Vater die Familie für eine andere Frau verlassen hat. Die seither nicht müde wird zu betonen, „dass Männer es selten gut mit ihnen meinen, egal, was sie tun.“ Doch anders als der Rest der Familie, in der alle so „grundenttäuscht wegen allem Möglichen“ sind, gelingt es Toni, sich ihren optimistischen Blick auf die Welt und die Neugier auf die eigene Zukunft zu bewahren. Eben diese Unbeschwertheit und ungebremste Lebenslust ist es dann auch, die Edgar an Toni so fasziniert. Mit seiner zurückhaltenden Art und seinem Hang zu Grübeleien zählt er selbst allerdings eher zu den pragmatischen Charakteren. Während Toni so das private Glück und erste berufliche Erfolge in vollen Zügen genießt, hadert Edgar zusehends mit dem Gefühl, sich in einer „Wartehalle“ zu befinden, in der das eigentliche Leben für ihn noch nicht richtig begonnen hat. Dass er in seiner Firma noch immer die Rolle eines besseren Laufburschen einnimmt, erfüllt ihn immer öfter mit Wut und Scham. Als er von seinem Vorgesetzten überraschend das Angebot bekommt, eine eigene Filiale in Hongkong zu betreuen, ist er dennoch zunächst skeptisch. Angesteckt von Tonis überbordendem Enthusiasmus, die von der Vorstellung einer gemeinsamen Auswanderung sofort hellauf begeistert ist, stimmt er der Versetzung jedoch schließlich zu. Anders als die impulsive Toni will Edgar allerdings nichts überstürzen. An erster Stelle steht für ihn vor allem eines: das Abenteuer so berechenbar wie möglich zu machen. So vereinbart das Paar, das Edgar zunächst alleine nach Hongkong reist und Toni nachkommen wird, sobald die Geschäfte laufen. Bis sich erste berufliche Erfolge einstellen, dauert es jedoch länger als erwartet. Vor allem für Toni wird die lange Wartezeit dabei zur regelrechten Geduldsprobe. In einer Zeit, in der E-mails und Mobiltelefone erst noch erfunden werden müssen, vergehen dabei mindestens zwei Wochen, bis ein Brief den Weg von Hongkong nach Hamburg findet. So verwandelt sich die einst innige Beziehung zwischen den Liebenden zusehends in einen Wettlauf gegen die Zeit. „Alles was sie haben, bleibt auf dem Papier. Doch das Papier ist schon Vergangenheit, wenn es in ihren Briefkästen liegt.“ Immer häufiger wird Toni dabei beim Schreiben und Lesen der Briefe von einem Gefühl der Vergeblichkeit ergriffen, „weil sie ja doch nichts weiß darüber, wie er sich jetzt fühlt, wie sich die Dinge jetzt für ihn entwickelt haben.“ Dann endlich, nach quälenden Monaten der Trennung, erreicht Toni das lang ersehnte Telegramm, in dem Edgar sie auffordert, Wohnung und Job zu kündigen und alles für die Abreise vorzubereiten. Schon bald, so verspricht er, werde er ihr das Flugticket zuschicken. Toni tut, wie ihr geheißen – doch das Ticket kommt und kommt nicht. Immer wieder wird sie von Edgar unter Angabe von fadenscheinigen Gründen vertröstet, bis sie schließlich nach vielen weiteren frustrierenden Monaten des Wartens die Verlobung mit Edgar löst. Die entscheidende aber ungeklärte Frage nach dem Warum wird Toni, – die inzwischen wieder bei der Mutter lebt und sich mit Aushilfsjobs über Wasser hält – dabei bis an ihr Lebensende beschäftigen. Im Roman wird diese Geschichte einer enttäuschten Liebe dabei rekonstruiert und kommentiert von Tonis Tochter, die nach dem Tod der Mutter in deren Nachlass auf Briefe von Edgar stößt. Auf diese Weise verwebt Bilkau nicht nur zwei verschiedene Zeitebenen miteinander. Über ihre Auseinandersetzung mit der Liebesgeschichte von Edgar und Toni beginnt die Tochter vielmehr, auch ihre eigene Beziehung zur Mutter neu zu überdenken. Tonis unsteter Lebenswandel, für den die Tochter nie Verständnis aufbringen konnte, die Art und Weise, wie sich die Mutter ein Leben im Provisorischen eingerichtet hatte – all das erscheint nun im neuen Licht. Plötzlich erscheint die Mutter nicht mehr nur als verträumte Romantikerin, die sich vor alltäglichen Problemen in Träumereien flüchtet, die es weder schafft ihre Rechnungen zu bezahlen, noch das Auto reparieren zu lassen. Erstmals erkennt die Tochter ihre Mutter nun auch als jene willensstarke Frau, „die sich bis zum Schluss von niemandem ihre Liebe hatte abwerten lassen, ihre angeblich so unheilbare, zwecklose, vergebliche und verschwendete Liebe.“ Als eine Frau, die alles auf eine Karte gesetzt und schließlich bitter verloren hatte – und das „in einer Zeit, in der Frauen dieser Mut nicht verziehen wurde“. Dass Kristine Bilkau eine Meisterin der leisen Töne ist, hat sie bereits in ihrem Debütroman "Die Glücklichen" auf beeindruckende Weise unter Beweis gestellt. Auch in "Eine Liebe, in Gedanken" kommt die Autorin erneut ohne Kitsch und dramaturgische Knalleffekte aus. Mit präziser Sprache, aber dennoch stets zurückhaltend, nähert sich die Autorin den tiefen Sehnsüchten und leidvollen Enttäuschungen ihrer Figuren, ohne diese dabei in ihren emotionalen Nöten je bloß zu stellen.

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Was für eine Liebesgeschichte, an der uns die Ich-Erzählerin teilhaben lässt! Es ist nicht ihre eigene, sondern die ihrer Mutter Antonia, genannt Toni, die gerade verstorben ist. Erst jetzt, während der Wohnungsauflösung, wird ihr bewusst, was sie in der Beziehung zu ihrer Mutter versäumt hat und bereut ihr Desinteresse in den vergangenen Jahren. Vor allem hätte sie gern mehr gewusst über Tonis große Liebe, die sie nun anhand von Briefen, Erinnerungen und eigenen Gedanken zu rekonstruieren versucht. Toni und Edgar begegnen sich 1964 in einer Straßenbahn in Hamburg. Ihre ersten Rendezvous und ihr Umgang miteinander werden zauberhaft und mit viel Charme geschildert. Besonders Toni habe ich gleich ins Herz geschlossen. Sie ist klug, abenteuerlustig, selbstbewusst und verkörpert die Aufbruchstimmung in den sechziger Jahren. Genau das fasziniert wohl auch Edgar, ein altmodischer und zurückhaltender Gentleman, der seine Gefühle in romantische Briefe verpackt. Ihre gegenseitige Zuneigung wirkt mal zärtlich und fragil, mal leidenschaftlich und intensiv. Als Edgar jedoch eine berufliche Chance in Hongkong ergreift, ist Toni gezwungen, ihre gemeinsamen Träume in Frage zu stellen. Berührt hat mich nicht nur Tonis Entschlossenheit und Mut, für die Liebe ihres Lebens alles aufzugeben, sondern auch das Thema Nähe und Distanz zwischen Müttern und Töchtern. Die Ich-Erzählerin muss nicht nur Abschied von ihrer Mutter nehmen, sondern auch von ihrer Tochter Hanna, die bald das Elternhaus verlassen wird. Kristine Bilkau baut durch den Wechsel der Zeitebenen nicht nur Spannung auf, sondern schafft auch eine tolle Balance zwischen Beschwingtheit und Melancholie, zwischen Tagträumerei und Realität.

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Wenn eine große Liebe scheitert

Von: milkysilvermoon

04.04.2018

Hamburg im Jahr 1964: Antonia Weber, kurz Toni, und Edgar Janssen sind scheinbar ein tolles Paar. Mit Mitte 20 teilt die junge Frau mit ihm den Traum von einer Zukunft fernab der Heimat. Als Edgar nach Hongkong geht, um für eine Außenhandelsfirma dort ein Büro aufzubauen, haben sie gemeinsame Pläne. Sie soll ihm folgen, sobald er Fuß gefasst hat. Doch ein Jahr lang wird sie immer nur vertröstet. Sie beschließt, ohne ihn weiterzuleben. Der Trennungsschmerz lässt beide jedoch auch im Laufe der Zeit nicht los. Fünfzig Jahre später, kurze Zeit nach dem Tod von Toni, will ihre Tochter Edgar ein einziges Mal treffen. Wer war der Mensch, den ihre Mutter nie vergessen konnte? Was genau ist damals passiert? „Eine Liebe, in Gedanken“ ist ein bewegender Roman von Kristine Bilkau. Meine Meinung: Der Roman besteht aus vielen, eher kurzen Kapitel. Erzählt wird einerseits aus der Ich-Perspektive aus der Sicht von Tonis Tochter und andererseits aus der Sicht von Toni selbst. Die Geschichte spielt teilweise in der Gegenwart und teilweise in den 1960er-Jahren. Diesen Aufbau finde ich gelungen. Besonders begeistern konnte mich die Sprache. Sie ist intensiv und gefühlvoll. Der Schreibstil schaffte durch die wundervollen Beschreibungen eine lebendige Atmosphäre. So konnte mich die Geschichte schnell in ihren Bann ziehen. Edgar, Toni und ihre Tochter sind die drei Hauptfiguren, auf die sich der Roman konzentriert. Die Charaktere wirken authentisch und werden liebevoll gezeichnet. Ich konnte vor allem die Gedanken und Gefühle der beiden Frauen sehr gut nachvollziehen. Inhaltlich ist die Geschichte sehr emotional und berührend. Positiv fällt dabei auf, dass sie ohne Kitsch und Klischees auskommt. Gut gefallen hat mir außerdem, wie tiefgründig der Roman ist. Es geht um mehr als nur Liebe. Es geht um Hoffnungen, Träume, Lügen und Zeiten des Umbruchs. Mich konnte die Geschichte sehr zum Nachdenken anregen. Das Cover des Buches gefällt mir sehr gut. Es passt gut zum Inhalt. Auch der Titel ist treffend formuliert. Er könnte aber zu der falschen Annahme verleiten, es handele sich um einen ganz gewöhnlichen Liebesroman, was das Buch definitiv nicht ist. Mein Fazit: „Eine Liebe, in Gedanken“ von Kristine Bilkau ist ein gelungener Roman, der mich sehr berühren konnte. Ich kann ihn wärmstens empfehlen.

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Es ist der zweite Roman der Autorin nach „Die Glücklichen“ und aus meiner Sicht wieder ein gelungenens Werk. Der Titel ist sehr passend gewählt. Es wird eine liebenswerte und doch traurige Geschichte erzählt. Ausgang sind die im Nachlass der plötzlich verstorbenen Mutter gefundenen Briefe. Die Tochter kann die Zeit, beginnend in den 60-igern, nachvollziehen. Den Aufbruch der Mutter, die ein selbstbestimmtes Leben führen möchte, die mehr möchte als andere. Die große Liebe zu Edgar, die aber aus unterschiedlichen Gründen kein gemeinsames Leben führen (können), bleibt der Mutter ein Leben lang bestehen. Sind daran ihre späteren Ehen gescheitert? Die Autorin hat einen poetischen, ruhigen, unaufgeregten aber für mich zauberhaften Schreibstil. Vieles wird nicht ausbuchstabiert, lässt dem Leser Möglichkeiten für Eigenes… Es ist eine Auseinandersetzung der Tochter mit dem Leben der Mutter, ein Versuch, sie zu verstehen. Es ist aber auch eine Annäherung beider, wenn auch nur in gedanklicher Zwiesprache mit der toten Mutter. Eben eine „Liebe in Gedanken“.

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