Leserstimmen zu
Dann schlaf auch du

Leïla Slimani

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Chronologie eines menschlichen Absturzes

Von: Diamondgirl aus Stolberg

06.03.2018

Das Buch beginnt mit der Tötung zweier Kinder durch ihr Kindermädchen. Im weiteren Verlauf wird geschildert, wie sich das Drama entwickeln konnte. Die Mutter der Kinder bekommt die Chance zum Wiedereinstieg in ihren Beruf als Rechtsanwältin (der Vater arbeitet als Musikproduzent) geboten und ergreift diese. Da beide Eltern berufstätig sein wollen und die Kinder noch sehr klein sind ergibt sich der Wunsch nach einem Kindermädchen. Nach einigen mehr oder weniger erfolgreichen Versuchen finden sie Louise. Scheinbar ein Traum - zu schön um wahr zu sein! Louise betreut nicht nur die Kinder, sondern wird so etwas wie die gute Seele des Haushalts, während die Eltern sich jeder für sich beruflich "entfalten". Der Rest des Buchs beschreibt den Weg bis zur Eskalation. Steinchen für Steinchen wird aus der (fast) perfekten Mauer entfernt, die Louise umgibt. Beleuchtet wird dabei nicht nur das frühere Leben von Louise, sondern auch ihr Weg in die absolute Einsamkeit. Wenn man das Buch liest, sind auch im Vorfeld schon deutliche Risse erkennbar, die teils aus Bequemlichkeit, teils aus Unachtsamkeit ihrer Mitmenschen nicht zur Kenntnis genommen werden. Dadurch, dass man schon von Anfang an weiß, worauf es hinausläuft, erkennt man die Zeichen wahrscheinlich wesentlich besser. Leila Slimani fügt in einem meiner Meinung nach sehr sensiblen und berührenden Schreibstil die einzelnen Schritte bis zu der Tötung der Kinder mosaikartig zusammen. Ein Buch das nachhaltig beeindruckt und m. E. auch so verstanden werden kann, dass mehr Aufmerksamkeit und Mitmenschlichkeit im täglichen Leben durchaus eine gute Idee sind - nicht nur, wenn es solche Taten zu verhindern gilt. Der Schreibstil ist sehr gut zu lesen, wenn auch nicht herausragend. Aber in dieser Hinsicht bin ich zugegebenermaßen in letzter Zeit etwas verwöhnt worden. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung! Nur einen Krimi oder gar Thriller darf man hier nicht erwarten, nur weil 2 Kinder ermordet wurden.

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Gestaltung Constanze Becker hat genau die richtige Stimmfarbe um die Atmosphäre von Dann schlaf auch du zu transportieren. Ihre Stimme klingt etwas dunkler und härter. An manchen Stellen nimmt ihre Stimme dann einen weichen Ton an: Wenn es um die Schwächen unserer Charaktere geht oder deutlich wird, dass sie im Grunde einsam sind. Constanze Becker hat mir den Einstieg in den Roman leicht gemacht und die Geschichte getragen. Ich konnte mich kaum von Dann schlaf auch du lösen. Inhalt Myriam und Paul sind ein glückliches Paar. Sie haben zwei Kinder, die ihre Familie komplett machen. Doch bevor die Kinder kamen, haben sie sich das Familienleben ganz anders vorgestellt. Sie wollten ihre Kinder in den Alltag integrieren, aber nicht auf eigene Wünsche und Bedürfnisse verzichten. Doch nachdem Myriam das zweite Kind bekommen hat, schleicht sich Routine ein. Routine, die der Mutter nicht gut tut. Ihr reicht es nicht, bei ihren Kindern zu bleiben. Sie braucht eine Herausforderung: Also möchte sie zurück in den Beruf. Paul kann und möchte beruflich ebenfalls nicht kürzer treten. Sie brauchen also eine Nanny. Und dann tritt Louise in ihr Leben. Eine Frau, von der man glauben könnte, dass sie der Himmel geschickt hat. Schon zu Beginn der Geschichte bekommen wir den Höhepunkt geliefert, die Tragödie. Toll finde ich, dass diese im Klappentext dennoch nicht beschrieben wird, obwohl sie sich gleich in der ersten halben Stunde des Hörbuches abspielt. Dann bleiben die Fragen: Warum kam es zu diesem Unglück? Was hat dafür gesorgt, dass eine Familie zerbrach und niemand es verhindern konnte? Louise macht sich nützlich. Sie kümmert sich nicht nur um die Kinder, sondern bringt auch die Wohnung auf Vordermann. Paul und Myriam sind dankbar. Sie können sich in Ruhe ihrer Arbeit widmen und wissen, dass zu Hause alles in Ordnung ist. Doch sehen sie wirklich, was Louise leistet? Nehmen sie sie wirklich als Person wahr? Oder ist die Nanny für beide nur ein Schatten? Eie gute Fee, deren Liebenswürdigkeit als selbstverständlich hingenommen werden kann. Schließlich könnte sich Louise ja auch einfach abgrenzen. Es zwingt sie ja niemand, bis spät abends zu bleiben. Immer wieder gibt es Kapitel, die uns einen Einblick in Louises Leben geben. Sie zeigen, wie die Frau früher gelebt hat. Wie es um ihre eigene Familie stand. Obwohl Louise nach außen hin ausgeglichen und ruhig wirkt, sieht es in ihrem Innenleben ganz anders aus. Das zentrale Thema von Dann schlaf auch du ist, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Und damit sind nicht nur die organisatorischen Herausforderungen gemeint. Hier steht vor allem der Wunsch nach beruflicher Verwirklichung im Vordergrund. Toll finde ich, dass diese Problematik in der Geschichte durch zwei Seiten beleuchtet wird: Zum Einen Myriam und Paul, die ihre Kinder zwar lieben, aber auch die Herausforderung suchen. Und auf der anderen Seite Louise, die die Familie kaum alleine lassen möchte, weil sie nicht weiß, wie sie die Stunden ohne sie füllen kann. Weil sie in eine leere Wohnung kommt, in der niemand auf sie wartet. In der sie von niemandem gebraucht wird. Spannung Den Spannungsbogen hat Leila Slimani sehr gut aufgebaut. Wir erleben die junge Familie zu Beginn und nehmen schnell wahr, dass Myriam in der Rolle der Mutter nicht glücklich ist. Sie schafft es nicht, auf ihre Kinder einzusteigen. Sie vernachlässigt sich selbst und vermisst ihren Beruf. Als Louise in das Leben der Familie tritt, scheint das Glück perfekt. Doch nach und nach erleben wir, wie die Fassade zu bröckeln beginnt. Wie die eigentliche Problematik auf den Tisch kommt. Wir wissen, dass noch etwas passieren wird. Die Bilder der Tragödie, die sich am Anfang des Romanes abspielt, sind noch allzu präsent. Doch als es in Richtung Höhepunkt geht, schwächelt der Spannungsbogen etwas. Bis zu der Stelle, an der die Problematik klar auf den Tisch kommt, finde ich die Geschichte sehr gelungen. Mir fehlte aber der Schritt von Problematik bis hin zu Tragödie. Natürlich bekommen wir eine Erklärung geliefert, diese war mir anhand der vorherigen Tiefe aber fast etwas zu einfach gehalten. Ich konnte in Dann schlaf auch du nur wenige Belege für die Erklärung erkennen. Allerdings kann es auch einfach daran liegen, dass es für solch eine Tragödie eben keine Erklärung geben kann. Schreibstil Leila Slimani schlüpft hier in die Rolle der allwissenden Erzählerin. Sie lässt uns an dem Leben der Familie teilhaben, nimmt uns aber auch mit in die Welt von Louise und deren Familie. Zudem schreibt sie sehr viel in indirekter Rede. Natürlich gibt es auch Dialoge, aber der eigentliche Inhalt spielt sich zwischen den Zeilen, in den Gedanken und Handlungen der Charaktere ab. Leila Slimani hat es geschafft, die eigentlichen Konflikte des Hörbuches toll herauszuarbeiten, ohne etwas vorwegzunehmen oder zu sehr ins Erklärende zu gehen. Ich war fasziniert von ihrer Art Dann schlaf auch du zu erzählen. Gesamteindruck Ich war sehr neugierig auf Dann schlaf auch du und erhoffte mir einen packenden Thriller. Ich bin keinesfalls enttäuscht worden. Toll fand ich, dass wir zu Beginn der Geschichte die Tragödie mitbekamen und so hautnah verfolgen konnten, wie es dazu kam. Allerdings war mir die Auflösung zum Teil etwas zu schwach. Wir bekommen zwar eine Erklärung, allerdings hätte ich mir mehr Belege für diese Erklärung in der Geschichte gewünscht. Die eine Seite konnte ich zwar erahnen, die andere Seite war aber zu schwammig herausgearbeitet. Entschuldigt bitte, meine Andeutungen, aber ich möchte euch in meiner Rezension ja nicht schon die Auflösung verraten. Ich kann dieses Hörbuch jedem empfehlen, der einen guten Thriller sucht. Mir hat Leila Slimani mit Dann schlaf auch du unterhaltsame Hörstunden beschert.

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Unwahrscheinlich hohe Anforderungen hatte ich an das Buch und es gibt nichts zu beschönigen - diese wurden wirklich alle erfüllt. Das Buch greift mit solch harter Thematik, trotz weniger Seiten, so nach deinem Hals - drückt zu und lässt wieder los. Nimmt dir die Luft und wirbelt dich in einen atmosphärisch so dicht verankerten Roman, dass du nicht mehr aufhören kannst zu lesen. Innerhalb weniger Stunden klappte ich das Buch zu und atmete erst einmal durch. Das war wirklich temporeich. »Virtuos inszeniert Leïla Slimani die unselige Verflechtung von unstillbaren Begierden und sozialer Not. Ein Roman von umwerfender Ambivalenz.« Meike Feßmann / Süddeutsche Zeitung (16.11.2017) Niemals hätte ich damit gerechnet, dass mich ein Buch nach wenigen Seiten so einnimmt. Und dass, obwohl einem von Beginn an klar ist, was geschehen ist. Die Figuren Myriam ist Mutter der beiden Kinder Mila und Adam. Nach mehrern Jahren zuhause reicht es ihr nicht mehr 'nur' Mutter zu sein und sie möchte wieder zurück in Ihren Job. Meine Sympathien waren für sie ziemlich zwiegespalten. Einmal mochte ich sie, das andere Mal wollte ich sie nur wachrütteln und schreien "Siehst du das nicht? Schau endlich auf deine Kinder!" Louise, wird als Nanny bei Myriam und Paul eingestellt. Und sind die beiden anfangs glücklich mit ihr, schleicht sich doch im Untergrund immer etwas Böses heran. Dadurch, dass man von Anfang an wusste, was sie getan hatte (oder nicht getan hatte?), verbot ich mir regelrecht, sie zu mögen. Das war anfangs wirklich schwer, weil man unglaublich viel Mitleid mit ihr hatte. Paul der Mann von Myriam agiert eher im Hintergrund. Natürlich ist er präsent, aber eher sehr gedeckt, sodass man sich kein rechtes Bild von ihm schaffen konnte. Meine Meinung Der Roman ist in der dritten Person erzählt, was ich sonst eigentlich eher weniger mag, aber in dieser Weise sehr passend fand. Leila Slimani hat einen sehr packenden Erzählstil und ihre Schreibweise ist einfach grandios. Man beginnt zu lesen und denkt sich "Was soll das denn? Jetzt weiß ich doch, was am Ende passiert" aber nein. Man rast regelrecht durch das Buch. Mit Unglauben - mit Entsetzen - mit Widerwillen, zu erfahren was geschieht. Ist es wirklich so, wie es den Anschein hat oder steckt am Ende etwas oder jemand ganz anderes dahinter?! Wir verfolgen das Geschehen aus der wechselnden Perspektive - aus Louises und auch auch aus Myriams Sicht - mit Einblenden unterschiedlicher Personen aus Louises Vergangenheit. So schafft man sich ein Bild der wohl doch nicht so 'perfekten' Nanny - welche persönlichen Umstände und Menschen begleiten sie? Wie ist Louise privat? Wir gleiten nicht nur in eine Geschichte, in der zwei Kinder ermordet werden - sondern beleuchten auch den Aspekt, wie berufstätige Mütter Ihren Alltag leisten müssen - wie sie funktionierend zurecht finden, ohne dabei sich selbst zu verlieren. Erstaunlich, wie Slimani das geschafft hat. Auch wenn, für mich selbst, ziemlich nüchtern betrachtet, trifft sie damit wirklich genau den Punkt. Man möchte, auch als Mutter, beruflich vorankommen. Jedenfalls ist das mein Blick auf die Dinge. Auch wir vertrauen fremden Pädagogen unsere Kinder an und hoffen, sie in beste Hände gegeben zu haben. Die Stimmung des Buchs ist durchgehend drückend und beklemmend. Meine Nerven gingen wirklich mit mir durch und das schafft nicht jedes Buch. Meine persönliche Situation selbst Mutter zu sein trug dazu erheblich bei. Fazit Nicht umsonst hat Leila Slimani für dieses Meisterwerk den Prix Goncourt, den französischen Literaturpreis, gewonnen. Dieses Buch ist, so wie es ist, rundum grandios. Es gibt rein gar nichts zu bemängeln. Dieses Buch ist definitiv ein Jahreshighlight und ich bereue es, es nicht schon früher gelesen zu haben. Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt. Ich danke dem Luchterhand-Verlag und der Verlagsgruppe Randomhouse für die Zusendung! Dies hat meine Meinung in keinster Weise beeinflusst!

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Die Motive für Kindsmord liegen meist im Wahn und der Verzweiflung der Täterin. Nicht nur die Psyche der Mutter oder wie hier der Nanny trägt zur Tat bei, sondern oft auch die gesellschaftlichen Umstände. Leïla Slimani stellt in ihrem neuen Roman "Dann schlaf auch du" beides heraus, zum Glück ohne alle Fragen eindeutig zu beantworten. Zu Beginn ist die blutige Tat bereits vollbracht. Eine Frau verliert die Fassung vor den leblosen Körpern ihrer beiden Kinder, die von ihrem Kindermädchen Louise, eine Perle ihrer Zunft, erstochen wurden, bevor diese das Messer auch an sich legte. Knapp drei Seiten benötigt Slimani für diese Szene, die mit jeder Zeile die Frage nach dem Motiv stellt. Das Warum ist der bis zum Zerreißen gespannte rote Faden, der den Leser durch die Geschichte zieht. Die Autorin rollt diese sorgfältig auf und erzählt von der Überforderung der jungen Eltern, insbesondere vom Wunsch der Mutter wieder in den Beruf zurück zu kehren, um nicht völlig aufgefressen zu werden von der zermürbenden Sisyphosiade eines Alltags mit Kleinkindern. Selbst Mutter zweier Kinder lässt die 1981 in Rabat geborene und in Paris lebende Leïla Slimani eigene Erfahrung in den Roman einfließen, für den sie 2016 mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde. Sie schildert diese so eindringlich, daß sie auch in mir Erinnerungen an meine Zeit mit Kleinkindern wecken, an die Erschöpfung, die Überforderung, die Langeweile, an "dieses simple, stille, kerkerhafte Glück". Ihre Figur Myriam fühlt sich gefangen im Tagein-Tagaus mit Mila und Adam, den Notwendigkeiten des Haushalts, den Besuchen von Spielplätzen und Ärzten. Als der Juristin unverhofft eine Arbeitsstelle angeboten wird, ergreift sie die Chance. Allerdings muss erst das Betreuungsproblem gelöst werden. Eine Kinderfrau scheint die einzige Möglichkeit, auch wenn Myriam und ihr Mann Paul sie sich trotz guter Einkommen kaum leisten können, auch wenn die Vorstellung die Kinder einer Fremden zu überlassen in Myriam die schlimmsten Bilder heraufbeschwört. Doch "sie erwartet die Nanny wie einen Messias", der sie aus dem Kleinkinder-Kerker befreit. Er offenbart sich dem Ehepaar nach nur wenigen Bewerberinnen in Gestalt der alleinstehenden Louise. Mit Liebe und Konsequenz widmet sie sich den Kindern, gewinnt schnell ihre Zuneigung und das Vertrauen der Eltern. Auch die Wohnung bringt sie "ganz in ihre Gewalt, wie einen Feind, der um Gnade bittet". Schließlich übernachtet sie ein- bis zweimal pro Woche bei den Massés, kocht für deren Freunde, begleitet sie in den Urlaub. Sie ist immer da "unsichtbar und unverzichtbar". Einerseits schildert Slimani diese perfekte Nanny als Opfer, das sich ausbeuten lässt. Andererseits wird sie zum Täter, der immer tiefer in das Privatleben seiner Auftraggeber eindringt. "Was sollte sie schon Besseres vorhaben?" Ein eigenes Leben hat die einsame und, wie sich bald andeutet, psychisch verletzte Frau nicht. Es genügt ihr, den Massés "beim Leben zuzusehen". Am liebsten würde sie für immer bei ihnen bleiben und nicht jede Nacht in ihre Bruchbude zurückkehren, wo ein skrupelloser Vermieter sie mit überzogenen Forderungen in die existentielle Not treibt. Nicht nur ihre Einsamkeit erkennt keiner, ebenso verborgen bleibt ihre grenzwertige Persönlichkeit, die sich im Umgang mit den Kindern ungut auswirkt. Louises Versteckspiele enden bei Mila und Adam stets in heller Verzweiflung. Die Kinderfrau scheint durch die kindliche Reaktion ihren eigenen Gefühlszustand zu kompensieren. Fehlverhalten bestraft sie mit grausamen Drohungen oder Gewalt. Dies alles bleibt von den Eltern unbemerkt, die es genießen "wie verwöhnte Hauskatzen" umsorgt zu werden. Paul schätzt die Freiheit, die Louise ihm und seiner Frau schenkt. Doch allmählich spürt er den Widerspruch und verabscheut zunehmend das Abhängigkeitsverhältnis zu der Kinderfrau. Als sie zu viert die Großeltern auf dem Land besuchen und dort ein echtes Familienleben führen, erkennt er die Überforderungen durch die eigenen Ansprüche. Doch zurück in Paris bleibt alles wie es ist. In kurzen Kapiteln stellt Leïla Slimani die Probleme unterschiedlicher Lebenswelten einander gegenüber. In einzelnen Szenen wirft sie Schlaglichter auf das Verhältnis von Louise zu den Kindern, zu Myriam und Paul. Dazwischen erzählt sie in Kapiteln, die als einzige Überschriften tragen, von der privaten Louise. In allen sucht der Leser nach Gründen für die unvorstellbare Tat. Gespickt mit Omina, seien es die grausamen Spiele oder Geschichten, die Louise erzählt, oder Myriams dunkle Vorahnungen, bieten sie viele Hinweise. Doch ob Wahn, Verzweiflung oder Rache Louise zur Mörderin macht, lässt der Roman offen und bietet so Raum für Interpretation. Viel Diskussionsstoff liefert auch die im Roman eingewobene Gesellschaftskritik, weshalb er sich ausgezeichnet für Literaturkreise eignet. Die Mutterschaft beschreibt Slimani in ihrer ganzen Zwiespältigkeit. Dem wohligen darin Aufgehen beim "Leben in einem Kokon, abgeschlossen von der Welt und den anderen" stellt sie mit scharfem Blick die unguten Seiten dieser Lebensphase gegenüber. Sie hinterfragt die Glücksversprechen des Elternseins, vor allem wegen der immer noch traditionellen Rollenverteilung. Dazu kommen die Probleme der Kinderbetreuung. Myriam und Paul scheitern am Anspruch auf eine staatliche Lösung und an den Kosten einer vernünftigen privaten. Als wichtigsten Punkt benennt Slimani die Situation der Ausgebeuteten, die nicht als Angestellte arbeiten, sondern wie Leibeigene dienen. "Man sieht sie an und man sieht sie nicht. Ihre Anwesenheit ist so intim wie unaufdringlich." Louise, die nicht als Person mit einem eigenen Leben und Bedürfnissen wahrgenommen wird, steht als Exempel für viele am Rande der Legalität beschäftigten Pflegekräfte. Leïla Slimanis "Dann schlaf auch du" ist ein gesellschaftskritischer, psychologischer Roman und eine äußerst spannende Lektüre. Eines jedoch ist der Roman keinesfalls, ein Geschenk für werdende Eltern.

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Kurzmeinung: Das eindringliche Psychogramm einer Nanny. Der Anfang ist gleich ein Schock und so verläuft der Rest des Romans eher antiklimaktisch. Dennoch konnte ich mich dem Sog nicht entziehen und das Unbehagen wuchs mit jeder Seite mehr. Teilweise hatte die Geschichte aber auch einige Längen. Meine Meinung: Über diesen Roman hatte ich im Vorfeld schon sehr viele Meinungen gelesen –und diese gingen sehr auseinander. Das Buch scheinte zu polarisieren und so war ich sehr gespannt, wie es mir gefallen würde. Die Geschichte beginnt gleich mit einem großen Paukenschlag. Die große Katastrophe –die Nanny hat die beiden Kinder umgebracht. Überall Blut, Panik und die verzweifelten Schreie der Eltern. Da ist es natürlich klar, dass der Rest des Romans antiklimaktisch verläuft. Die Handlung macht einen Sprung zurück in die Zeit, als das Ehepaar Massé auf der Suche nach einer Nanny sind und ihr Glück kaum fassen können, als sie Louise finden und sie sich als wahrer Engel erweist. Wir erfahren nun abwechselnd aus Miriams und Louises Sicht, wie sich die Dinge entwickeln. Ab und zu gibt es auch Einschübe von anderen Personen, die Louise beschreiben. Die Darstellung von Louise wird auch durch Rückblicke in ihr Leben ergänzt. So entwickelt sich nach und nach das Psychogramm der Nanny, wie ihr Leben verlaufen ist, was sie zu der Person machte, die sie heute ist und was sie schließlich zu der schrecklichen Handlung gebracht hat. Dies geschieht in leisen Tönen. Nach dem Höhepunkt direkt am Anfang fällt die Geschichte in einen ruhigen Erzählton und erzeugt nach und nach eine subtile Spannung und erzeugt beim Leser ein stetig wachsendes Unwohlsein. Es ist fast schon gruselig mitzuerleben, wie Louise sich nach und nach "ihr Nest inmitten der Wohnung" bereitet (S. 56) und immer wichtiger wird, wobei man doch als Leser*in weiß, was Schreckliches passieren wird. Die Spannung baut sich in diesem Roman nicht dadurch auf, dass man nicht weiß, was passiert. Das ist schließlich schon nach dem ersten Satz klar. Die Spannung entsteht durch die Rückblicke und Einblicke, in das Leben. Dadurch, dass man mitverfolgen kann, wie es dazu kam, was Louise hat so eskalieren lassen. Gleichzeitig gewährt uns "Dann schlaf auch du" einen Einblick in die französische Gesellschaft. In die verschiedenen Schichten. Auf der einen Seite die wohlhabenderen Familien, auf der anderen Seite ihre Nannys, die oft Einwanderer sind, manchmal illegal. Wir lesen von Müttern im Zwiespalt zwischen den Wunsch, bei ihrer Kindern zu sein und dem Bedürfnis nach beruflicher Verwirklichung und Anerkennung. Wir begegnen frustrierten Vätern, die das Familienleben nicht auslastet und gleichzeitig überfordert. Diese vielen verschiedenen Perspektiven haben mir gut gefallen. Verwirrt war ich allerdings manchmal, wenn diese Perspektiv- oder auch Zeitenwechsel so überraschend kamen. Manchmal mitten im Absatz. Da habe ich dann erstmal ein paar Zeilen gebraucht, um mich neu in der Geschichte zu orientieren. Das hat meinen Lesefluss manchmal gestört. Das Buch hat von mir außerdem keine bessere Bewertung bekommen, weil es mich trotz der unheilvollen Geschichte nicht wirklich erreicht hat. Die Personen blieben mir immer fremd und distanziert. Zwar hat der Roman mich zwischendurch gefesselt und mich auch in seinen Bann gezogen, aber nachdem die letzte Seite gelesen und das Buch zugeschlagen wurde, blieb nichts zurück. Kein Nachhall, keine Emotionen, die erst noch abklingen müssen. Vielleicht ist es gut, dass die Geschichte so eine Distanz behält. Vielleicht hätte man mehr Emotionen bei einem Doppelmord an kleinen Kindern auch gar nicht ertragen. Aber ich hatte mich auf etwas anderes eingestellt, hatte etwas anderes erwartet und deswegen ist meine Bewertung so ausgefallen. Fazit: Ein gutes Buch, dass trotz des ungewöhnlichen Aufbaus einen Sog auf die Leser*innen ausübt. Sehr analytisch und kühl gewährt es Einblicke in die Psyche einer Frau –der Nanny– und in das ganze Familiengefüge der Massés. Dennoch bleibt die große Begeisterung bei mir aus, weil mich die Geschichte nicht erreicht hat.

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Leïla Slimani hat den alten Stoff der bösen Kinderfrau auf moderne Weise variiert. Ihre Erzählstimme bleibt stets hautnah dran, an der Nanny Louise ebenso wie an der Mutter Myriam. Man teilt Myriams Freude über die zurückgewonnene Freiheit und ihr erfülltes Leben. Man betritt Louises erbärmliche Wohnung und fühlt ihren Mangel an allem, was der Leben leicht und unbeschwert macht: Liebe, Zuneigung, Geld, Erholung, tägliche Freuden und Zukunftsperspektiven. Die beiden Hauptfiguren gewinnen im Laufe des Romans immer mehr Ecken und Kanten und lösen sich von vertrauten Klischees. Spannende Unterhaltung mit einer ordentlichen Portion Gesellschaftskritik - ein toller Roman.

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Im Jahr 2016 hat der Roman „Chanson Douce“ (Wiegenlied) der französisch-marokkanischen Autorin Leila Slimani den Prix Goncourt gewonnen, den wichtigsten Literaturpreis Frankreich. Und auch schon davor war es ein riesen Erfolg im Nachbarland. Und das liegt höchstwahrscheinlich am Thema. Es ist extrem, es trifft einen Nerv und es ist einfach der pure Wahnsinn. „Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt. Der Arzt hat versichert, dass es nicht leiden musste. Man hat es in eine graue Hülle gelegt und den Reißverschluss über dem verrenkten Körper zugezogen, der inmitten der Spielzeuge trieb. Die Kleine war dagegen am Leben, als die Sanitäter kamen. Sie hatte sich gewehrt wie eine Wilde.“ Wenn es um Kinder geht, vor allem um Kindesgefährdung, ist bei den meisten die Grenze erreicht. Doch dieser Roman überbietet so einiges, obwohl wir unglaublich übersättigt von Thrillern der blutrünstigen, grausamen Art und ja Anfangs mag das vielleicht ein ähnliches Gefühl sein, aber schnell nimmt dieser Adrenalin Kick ab und der Roman wird nüchtern, es geht noch viel tiefer und berührt uns in einer Art Hilflosigkeit die wir nach Beendigung des Buches nicht einfach abstreifen können. Ein Traumpaar, Myriam und Paul Masse, sie gehören der gehobenen Mittelschicht in Paris an, sie sind gebildet, sie Juristin und er Musikproduzent. Dem glücklichen Paar schenkt der Herr Gott auch noch zwei tolle Wunschkinder, eine bezauberndes Mädchen und ein zuckersüße Junge, die von ihren Eltern unendlich geliebt werden. Aber Myriam sehnt sich nach dem zweiten Kind wieder zurück in die Berufswelt. Dass Paul Masse in seinem spannenden Job nicht kürzer treten kann, ist auch selbstverständlich (Ironie Ende). Großeltern sind nicht da, die möchten auf dem Land ihren letzten Lebensabschnitt genießen. Eindeutig: Es muss eine Nanny her, weil auch keine Krippe in der Nähe ist. Es werden Castings durchgeführt, um die perfekte Nanny zu finden und so offen und liberal die beiden auch sind, sie haben ganz bestimmte Kriterien. „Das Wichtigste ist, dass sie flexibel ist und nicht so dröge, dass sie schuftet, damit wir schuften können.“ Wir spüren die Arroganz der Reichen und Zahlenden stark am Ehepaar Masse und da kommt Louise perfekt gelegen, sie ist die Erfüllung aller Erwartungen: Französin, alleinstehend, keine Kinder, mittleres Alter und die Kinder lieben sie sofort. Wenn die Masses heim kommen ist der Haushalt gemacht, Essen steht auf dem Tisch, die Kinder sind gebadet, müde und zufrieden. Die Familie wird abhängig von „Nounou“ und ignoriert auch unheilvolle Zeichen. Doch Louise ist eine psychisch kranke Frau, die immer labiler wird und mit vielen eigenen Problemen zu kämpfen an, für die sich ihre Arbeitgeber kein bisschen interessieren. Leila Slimani erzählt diese Entwicklung einfach grandios und trifft bei mir einen Nerv. Ich hatte während dem Lesen einfach ständig die Frage „Aber warum tut man sowas?“ im Hinterkopf. Diese Geschichte ist zudem von einem realen Fall aus New York inspiriert worden. Was diesen Roman auch noch interessant macht ist die Gesellschaftskritik, die zwischen den Zeilen steckt, nämlich die Kluft zwischen arm und reich. Slimani hat hier einen soziologisches Buch geschrieben, dass uns zwar schockiert, aber nicht an die Protagonisten ran lässt, weshalb wir keine tiefere Verbindung zu ihnen aufbauen können. Das mag zwar schade sein, aber dennoch muss ich sagen, dass mir das Buch sehr gut gefallen hat und es absolut lesenswert ist. Hiermit möchte ich mich auch an dem randomhouse Verlag und dem Luchterhand Verlag ganz herzlich für das Rezensionsexemplar bedanken. Liebe Grüße Feyza

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Der Albtraum eines jeden Elternpaares. Stellen Sie sich vor, sie vertrauen das Wichtigste auf der Welt einer fremden Person an und dann geschieht das Unfassbare. Myriam und Paul sind eigentlich mit ihren zwei kleinen Kindern Adam und Mila glücklich. Doch als sich der Alltag einschleicht, bemerkt Myriam, dass ihr etwas in ihrem Leben fehlt. Sie möchte in ihren Beruf zurück und nach langem Überlegen entschließt sich das Paar eine Nanny für ihre Kinder einzustellen. Louise scheint zunächst die Erfüllung all ihrer Träume zu sein. Sie ist zuverlässig und die Kinder lieben sie. Doch nach und nach zeigen sich immer mehr Eigenarten und Merkwürdigkeiten in Louises Verhalten, bis es schließlich zur Katastrophe kommt... Über "Dann schlaf auch du" von Leila Slimani habe ich im Vorfeld der Lektüre schon einiges gelesen und gehört. Umso gespannter war ich dann selbst in die Geschichte einzutauchen und erlebte einen unfassbar intensiven Plot, der das Buch zu einem absoluten Pageturner machte. Dass die Seiten nur so dahin flogen, ist aber schon deswegen so beeindruckend, weil die Katastrophe der Geschichte bereits am Anfang eintritt. Danach wird der Handlungsstrang teilweise in Rückblicken und teilweise mit Abschnitten aus der unmittelbaren Gegenwart erzählt. Der Vorteil dieser Art des Erzählens entfaltet sich auf zweierlei Weise. Zunächst ist der Leser atemlos gespannt zu erfahren, wie es zu dem Ereignis kommen konnte, das bereits im ersten Kapitel ausführlich erläutert wurde und des weiteren baut sich der Gesamteindruck von der Figur 'Louise' unglaublich detailreich auf. Der Leser fungiert gleichsam als eine Art Beobachter und als Detektiv, der in den kleinsten Ungereimtheiten in Louises Verhalten bereits das unmittelbare Nahen der Katastrophe erkennt. Dabei muss die Umschreibung "klein" noch einmal hervorgehoben werden, denn "Dann schlaf auch du" ist eine Geschichte, die sich unglaublich langsam aufbaut, aber eine so ausgeprägte Intensität besitzt, dass man spürt, wie das Herz immer schneller schlägt und sich polternd seinen Weg zum Ende der Geschichte bahnt. Die schlussendliche Auflösung der ganzen Geschichte hat mich zunächst wahnsinnig frustriert. Nach langem Nachdenken bin ich dann aber zu der Überzeugung gelangt, dass vor allem das Ende passend gewählt wurde und auch mögliche Motive der handelnden Personen glaubwürdig dargestellt wurden. Der anfängliche Frust war wohl allein der nicht zu leugnenden Tatsache geschuldet, dass man die Geschichte so intensiv nachempfunden hat, dass man fast schon neben den handelnden Figuren stand, um ihnen dabei zuzusehen, wie sie langsam aber sicher auf ihr persönliches Unglück zusteuern. Auch wenn sich "Dann schlaf auch du" im äußerlichen Eindruck als Roman tarnt, versteckt sich in seinem Inneren ein hoch brisanter und gut konstruierter Thriller, der nach meiner Ansicht auch nichts für schwache Gemüter ist. Man liest "Dann schlaf auch du" mit einem unbehaglichen Gefühl im Bauch, das, während die Lektüre voran schreitet, immer mehr zunimmt. Unheimlich gut erzählt und spannend geschrieben, obwohl die Grundstimmung eher leise und harmlos wirkt, schleicht sich das Grauen langsam und allmählich ein, um den Leser am Schluss vollends zu umhüllen.

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