Leserstimmen zu
Neujahr

Juli Zeh

(29)
(12)
(7)
(0)
(0)
€ 20,00 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 28,90* (* empf. VK-Preis)

Ich bin noch nach der Lektüre völlig begeistert von der Art und Weise, wie die Autorin hier die Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen für die Psyche / die Persönlichkeit eines Menschen in die Geschichte eingebaut hat. Ich habe mir des Öfteren während der Lektüre gedacht, dass entweder die Autorin selbst solche Erfahrungen gemacht haben oder zumindest sich mit Betroffenen unterhalten haben muss. Die Schilderungen von Hennings Gefühlswelt kommt so glaubhaft rüber, dass man ihm als Leser alles abnimmt. Die Tiefe der Geschichte, die sie so erzeugt, stellen so manche Psychothriller in den Schatten. Wirklich wahnsinnig gut. Auch das Erlebnis der Bergtour, die Henning absolviert, ist so bildhaft und real beschrieben, dass mir völlig klar war, dass Juli Zeh auch das entweder selbst erlebt oder durch Fachleute tiefgehend recherchiert hat. Auch die Schwierigkeit einer Beziehung mit psychisch kranken/traumatisierten Menschen wird hier gut dargestellt. Hennings Frau Theresa versucht zwar aufrichtig, ihren Mann zu unterstützen, doch es will ihr nicht gelingen und sie schmeißt hin. Das hört sich zwar fies an, aber nachdem ich selbst lange krank war kann ich das heute, wo es mir wieder gut geht, nachvollziehen. Gerade wenn Kinder im Spiel sind, ist es unglaublich schwierig für den Partner, eine solche Störung aufzufangen. Der Schreibstil ist derart gefühlvoll und intensiv, dass er mich stellenweise wirklich umgehauen hat. Ich habe das Buch mit vielen Klebezettelchen markiert, weil ich mir einige der Stellen noch herausschreiben möchte. Der Spannungsbogen während der verschiedenen Stationen der Reise sucht seinesgleichen und zieht den Leser tief in das Leben von Protagonist Henning hinein. Trotz des geringen Umfangs hat es mir bei der Geschichte an nichts gefehlt, denn ich habe Hennings komplettes Leben verfolgen können, von der Kindheit bis in die Gegenwart. Dadurch konnte ich seine persönliche Entwicklung verfolgen, was zwar beklemmend, aber sehr intensiv war. Die Intensität hat mich stellenweise an "Mein Ein und Alles" von Gabriel Tallent erinnert. Fazit: Wer ein intensives Leseerlebnis sucht und den psychische Krankheiten oder eine krasse Kindheit nicht triggern, ist hier absolut gut beraten.

Lesen Sie weiter

„Wenn er versucht, falsche Gedanken zu vermeiden, rennt er wie ein gehetztes Reh durch den eigenen Kopf.“ (Originalzitat, Seite 33) Inhalt: Ohne seine Frau Theresa vorher zu fragen, hat Henning spontan ein kleines Ferienhaus auf Lanzarote gemietet, zwei Wochen über Weihnachten und Neujahr. Das Ehepaar hat zwei Kinder, den vierjährigen Jonas und die zwei Jahre jüngere Bibbi. Eine moderne Familie, beide haben gute Jobs mit Teilzeit-Anwesenheitspflicht, teilen sich Kinderbetreuung und Haushalt. Doch kurz nach Bibbis Geburt begannen bei Henning die heftigen Panikattacken und die Angststörung bestimmt seither sein Leben, das ihn ohnedies oft überfordert. An diesem Neujahrsmorgen in Lanzarote nimmt er sich vor, sich auch wieder Zeit für sich selbst zu nehmen und schwingt sich auf sein Leihrad: sein Ziel ist das hoch über dem Meer gelegene Bergdorf Femés, zu erreichen über eine herausfordernd steile Straße. Erschöpft erreicht er sein Ziel und plötzlich überfällt ihn die Erinnerung an ein schreckliches Ereignis, das er bisher verdrängt hatte, denn vor vielen Jahren hatte er genau hier mit seinen Eltern und seiner Schwester Luna Urlaub gemacht. Thema und Genre: Dieser Roman handelt von den psychischen Auswirkungen einer gravierenden Erfahrung in der Kindheit und vom Tabuthema Angststörung. Thema sind auch moderne Familienstrukturen zwischen Karriere, Job und Kindererziehung und der Druck, funktionieren zu müssen. Charaktere: Hauptprotagonist ist Henning, ein Mann, von dem erwartet wird, in vielen Rollen gleichzeitig perfekt zu funktionieren: als liebender Ehemann und Vollzeitvater, erfolgreicher Mitarbeiter eines Sachbuchverlages. Auch seine jüngere Schwester Luna kommt immer wieder Hilfe suchend zu ihm und er fühlt sich für sie verantwortlich, genau wie damals, als seine Eltern von ihm erwarteten, als „großer Junge“ auf seine Schwester aufzupassen, obwohl er damals selbst erst vier Jahre alt gewesen war. Handlung und Schreibstil: Juli Zeh ist eine herausragende Schriftstellerin, die mit der Sprache spielt und der es perfekt gelingt, einerseits ruhig schildernd zu erzählen, um dann andererseits wieder sprachgewaltige, beklemmende Bilder vor den Augen der Leser entstehen zu lassen. Der Weihnachtsurlaub auf Lanzarote und die Gedanken, die sich Henning über seine aktuelle Lebenssituation macht, bilden nur die Rahmenhandlung. Die Haupthandlung findet in der Vergangenheit statt, es sind die dramatischen Ereignisse seiner frühen Kindheit, an die sich Henning plötzlich wieder erinnert, chronologisch, wie in einem Film. Fazit: Ein beklemmender Roman, sehr packend erzählt. Auf nur 200 Seiten enthüllt sich dem Leser langsam und eindringlich eine spannende Geschichte aus der Vergangenheit, die erklärt, warum die Gegenwart ist, wie sie ist. Ein Buch, das noch lange in den Gedanken des Lesers bleibt.

Lesen Sie weiter

Inhalt: Juli Zeh nimmt uns in ihrem Roman "Neujahr", der 2018 erschien, mit auf einen Familienurlaub auf Lanzarote, der für den Protagonisten zu einer Reise in die Vergangenheit wird. Meine Meinung: Zuerst: Ich habe erst dieses Jahr (2018) Juli Zeh für mich entdeckt, als ich ihren Roman "Unterleuten" gelesen habe. Schon bei Unterleuten ging es mir so, dass ich das Buch nicht in einem Stück lesen konnte. Ich musste zwischendrin Pausen einlegen, das Buch eine Weile Ruhen lassen, dann konnte ich erst weiter lesen. Ich dachte bei Unterleuten, dass das an der Dicke des Buches läge - aber bei Neujahr ging es mir genauso. Juli Zeh ist für mich keine Autorin, die man einfach mal so zwischendurch in einem Aufwasch lesen kann. Juli Zeh ist langsam, aber beständig. "Neujahr" gefällt mir vom Setting her sehr gut. Lanzarote. Ganz speziell ein einsames Haus bei Lanzarote. Ein Haus, dass bei dem Protagonisten eine Welle von verdrängten Erinnerungen hervorruft. Das mit dem Gedächtnis ist ja immer so eine Sache. Es ist sehr gut darin schlechte Erinnerungen so weit zu verdrängen, dass wir uns wirklich nicht mehr daran erinnern. Erst durch eine gewisse Kombination aus Umwelteinflüssen kommen diese verborgenen Erinnerungen erst wieder hoch. Dieses Phänomen zeigt sich auch besonders häufig bei Soldaten, die sich an besonders schwere Dige aus dem Krieg nicht mehr erinnern. Dies wir zum Beispiel in dem Film "Walz with Bashir" von Ari Folman thematisiert. Ähnlich ist es in dem Roman von Juli Zeh. Hier ist es allerdings kein Trauma aus dem Krieg, sondern eines aus der Kindheit. Es ist sehr interessant zu lesen, wie immer mehr Details herauskommen und trotzdem weiß man die ganze Zeit nicht welche Erinnerungen wirklich stimmen. Im Laufe des Buches wird einiges klarer und der Protagonist verändert sich auch dadurch, dass ihm so vieles wieder einfällt. Vor allem diese Entwicklung hat mich fasziniert. Ich denke, dass Buch ist sehr geeignet für jeden, der mit den Büchern von Jui Zeh gut zurecht kommt. Als Einstieg in ihre Literatur würde ich es aber nicht unbedingt empfehlen. Ich hätte mir an manchen Stellen noch mehr gewünscht und vor allem das Ende kam mir einfach zu abrupt. Es sind noch Fragen offen, die ich gerne geklärt gehabt hätte. Trotzdem ist "Neujahr" ein lesenswerter Roman!

Lesen Sie weiter

Trauma

Von: Constanze Matthes

08.12.2018

Lanzarote: Die trockene und karge Vulkaninsel im Atlantik mit ihren schwarzen Stränden und Bergmassiven ist Ziel vieler Touristen. Henning, seine Frau Theresa und die beiden gemeinsamen Kinder Jonas und Bibbi zieht es ebenfalls auf das spanische Eiland. Die Familie verbringt die Tage des Jahreswechsels auf der kanarischen Insel. Doch für den jungen Mann wird es alles andere als ein erholsamer Urlaub, weil diese Reise in die Ferne nicht nur die Disharmonie des Paares offenlegt. Er wird während einer Radtour hinauf in die Berge konfrontiert mit einer düsteren Episode aus seiner Kindheit, an die er sich bis zu jenem Tag nicht erinnert. All das geschieht zu Neujahr, dem besonderen Tag, der dem neuen Roman von Juli Zeh auch seinen Namen gibt. Nach einer feuchtfröhlichen Silvesterfeier schwingt sich Henning auf das Rad. Allerdings bemerkt er früh, dass er sich für die Tour nur ungenügend vorbereitet hat. Weder hat er an Wasser gedacht, noch dass das Rad eigentlich viel zu schwer für eine Bergetappe ist. Von der billigen Radlerhose ganz zu schweigen. Allerdings bleibt es in diesem ersten Teil des Romans nicht dabei, dass der Erzähler nur den beschwerlichen Aufstieg schildert. Sehr komplex wird der Charakter des Helden und seine Rollen als Mann, Vater, großer Bruder, Sohn und Angestellter geschildert. Es ist ein psychologisches Porträt, das es in sich hat. Denn Henning ist nicht nur ein an sich Zweifelnder, ein mit sich Ringender, der überfordert zu sein scheint, in seinem Anspruch, in allen Bereichen zu funktionieren. Er verdient weniger als seine Frau, seine Aufgaben im Verlag, in dem er halbtags arbeitet, erfüllt er nicht mehr zufriedenstellend, er kümmert sich um Haushalt und die Kinder. Doch darüber hinaus quälen ihn fürchterliche Angst-Attacken, im Roman nach freudscher Manier „ES“ genannt, die sich körperlich wie seelisch zeigen. Was der mögliche, vor allem unbewusste Grund dieses Leidens ist, wird in einem zweiten Teil geschildert, der sich aus jenen verlorenen gegangenen Erinnerungen speist. Auslöser ist Hennings Besuch eines Künstlerhauses hoch oben auf dem Berg. Es sind Dinge, die ihm das Gefühl geben, hier schon einmal gewesen zu sein. Allen voran bemalte Steine, die er von seiner Mutter kennt. Er findet sich wieder an einem Zeitpunkt in der Kindheit, als ein Urlaub auf Lanzarote in eben jenem Haus ein nahezu fürchterliches Ende nahm, er mit seiner kleinen Schwester Luna für eine gewisse Zeit allein auf sich gestellt war. Zwei Kinder, die nach Nahrung und Wasser suchen, die Angst haben vor den unzähligen Spinnen an der Hauswand, der tiefen Zisterne, wobei der ältere Bruder die Verantwortung für seine kleine Schwester übernehmen muss. Es ist dieser Rückblick, der sehr an den Nerven zehrt, der spannend ist, eine ungeheure Sogwirkung entfaltet, aber fast wieder zu ausführlich wirkt und aus einer Kinder-Perspektive heraus erzählt wird, die keine richtige ist. Dieser Part und die Komplexität des ersten Teils, der Beobachtungen, Gedanken und Erinnerungen vereint, sind allerdings die beiden einzigen Besonderheiten, die ich als überaus gelungen empfand. Es gibt Seiten des auch symbolisch sehr aufgeladenen Romans, die mich indes in der Annahme bestärkten, dass Juli Zeh mit ihrem neuen Werk unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Denn bereits noch einigen Seiten wollte ich dieses schmale Buch wieder zuklappen und enttäuscht zur Seite legen. Vor allem die Sprache erschien mir wie flüchtig aufs Papier geworfen. Dabei bin ich durchaus ein Freund von kurzen, klaren Sätzen. Doch auch in diesen kann der Leser Poesie und Sprachgewandheit finden, in diesem Buch wird er danach indes lange vergeblich suchen. Zudem entstehen Fragen, die ungeklärt bleiben, an denen es beim Leser liegt, Antworten zu finden. Das kann eine schöne Lektüre-Aufgabe sein und zu regen Diskussionen führen, muss es aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn sich Zweifel an der Logik auftun. Kann man sich mit einem Schlag in solch einer Genauig- und Ausführlichkeit an ein Trauma aus der Kindheit erinnern? Was hat es mit dieser ominösen SMS auf sich, die er von seiner Frau erhält und die es bei der Rückkehr nicht mehr gibt? Auch der Schluss am Ende des dritten Teils, der nach der Rückkehr vom Ankommen der Familie erzählt, ließ mich unbefriedigt und recht ratlos zurück wegen seiner resoluten und abrupten Weise. „Neujahr“ ist nicht der erste Roman der vielfach preisgekrönten Autorin, dessen Handlung auf Lanzarote spielt. Schon in ihrem 2012 erschienenem Werk „Nullzeit“ (Schöffling) siedelt Zeh das Geschehen auf der Kanaren-Insel an. Ist dieses neuere Werk vielleicht schon zu dieser Zeit nebenbei entstanden, eine Art Zwilling, der nun auf den Markt drängte, um nach dem großen Erfolg mit „Unterleuten“ Anschluss zu haben, um die noch bestehende Begeisterung zu nutzen? Dieser Roman über einen an sich zweifelnden Mann in der modernen Gesellschaft und ein unbewusstes Kindheitstrauma, das tief verborgen war und nun wie die Magma eines Vulkans hinaufsteigt, vereint zwar zwei sehr interessante Themen, vermag es allerdings nicht, vollkommen zu überzeugen. Was mich auch schmerzt, weil ich Zeh und ihr mannigfaltiges Schaffen sehr schätze.

Lesen Sie weiter

Henning, seine Frau Theresa und ihre beiden Kinder verbringen die Weihnachtstage und den Jahreswechsel auf Lanzarote. Henning, der von Panikattacken geplagt wird und der nicht recht zufrieden mit seinem Leben ist, hat sich vorgenommen, mehr Rad zu fahren und macht sich deshalb am Neujahrstag auf den Weg zum Pass von Fermés. Am Pass drängen sich plötzlich lange in Vergessenheit geratene Erinnerungen auf: Henning kennt den Ort, obwohl er sich anfangs nicht explizit daran erinnern kann, doch er reagiert sofort sehr emotional auf das Dorf und die Umgebung. Nach und nach kehren die Erinnerungen an seine frühe Kindheit zurück, und er denkt an die traumatischen Ereignisse, die er bisher verdrängt hat, die aber sein gesamtes Leben geprägt haben. So richtig anfreunden kann ich mich nicht mit Juli Zehs Schreib- und Erzählstil. Am besten fand ich bisher ihren Roman ‚Unterleuten‘, aber auch dieses Buch war mir oft zu schwafelig und stellenweise zu bemüht intellektuell. Wenn ich Zeh lese oder höre, ertappe ich mich immer dabei, dass ich mit meinen Gedanken abschweife, querlese oder weghöre. Und so war das auch bei ‚Neujahr‘, obwohl ich zugeben muss, dass ich den Roman im Verlauf ganz fesselnd fand, lediglich der Einstieg hat es mir nicht gerade leicht gemacht, begeistert zu lauschen und auf die Geschichte gespannt zu sein. Die Beschreibung von Hennings Panikstörung mit den Symptomen, den Gedanken und den Gefühlen, die damit verbunden sind, fand ich durchaus überzeugend. Zeh zeigt hier den Teufelskreis der Angst und wie stark Henning dieser ausgeliefert ist, wie sie sein Leben dominiert. Allerdings empfand ich den Zusammenhang mit den Kindheitserinnerungen ein wenig an den Haaren herbeigezogen, und auch die Auflösung der Geschichte und damit von Hennings Konflikt empfand ich als wenig nachvollziehbar und wenig gelungen. Im Verlauf ist der Roman – wie bereits erwähnt - deutlich spannender, als ich es anfangs erwartet hatte, und er ist stellenweise so unheilschwanger und so packend, dass ich keine Hörpause machen wollte, aber er ist meiner Meinung nach auch extrem überkonstruiert und dadurch wenig realistisch. Florian Lukas liest den Roman angenehm und auf passende Weise. Zwar finde ich seine Stimme wenig markant, doch das fügt sich meines Erachtens sehr gut in den Roman ein, der auch eher unspektakulär und durchschnittlich ist.

Lesen Sie weiter

Neujahr

Von: LiteraturReich

18.11.2018

Am frühen Neujahrsmorgen macht sich Henning auf zu einer schweren Bergtour mit dem Rad, denn in der Nacht war ES wieder da, wie es in Juli Zehs aktuellem Roman vielleicht etwas hochtrabend benannt wird. ES soll ausdrücken, wie ausgeliefert, wehrlos, ja auch ahnungslos Henning sich fühlt, wenn ES sich seiner bemächtigt. Eine erdrückende Übermacht, die sich in plötzlichen, furchtbaren Panikattacken äußert, in denen Hennings Herz verrückt zu spielen scheint, kein klarer Gedanke, schon gar kein Schlaf mehr möglich ist, und die Ausdruck sind von – ja, was eigentlich? Das tückische an solchen Panikattacken, deren Häufigkeit in der deutschen Bevölkerung sehr uneinheitlich mit 2,5 bis 15% angegeben wird, ist, dass meist kein benennbarer Grund für sie vorliegt. Und das ist auch bei Henning so. Er lebt in einer offenbar stabilen Beziehung mit Theresa, die beiden haben zwei kleine, gesunde Kinder, Jonas, 4, und Bibbi, 2, wirtschaftlich geht es der Familie gut. Henning, der als Sachbuchlektor etwas weniger verdient als seine Frau und häufiger zuhause ist, übernimmt etwas mehr Hausarbeit, alles perfekt geregelt. Nun sind die vier über Weihnachten und den Jahresanfang auf Lanzarote im verdienten Familienurlaub. Zwar hat Theresa, wie so oft, auch am Ferienhaus und der Umgebung einiges auszusetzen, zwar sind die Kinder, anstrengend, aber alles im vermeintlich grünen Bereich. Und doch sitzt ihm in der Sylvesternacht die Angst im Nacken. Nicht zum ersten Mal, aber diesmal reagiert Theresa nicht verständnisvoll wie so oft, sondern unwirsch, ärgerlich. Liegt es am gutaussehenden Franzosen, der sich während des Sylvesterbüffets so offensichtlich an Theresa rangeschmissen hat? Am sichtbaren Gefallen, mit dem sie auf diese Annäherungsversuche eingegangen ist? Henning kann nicht schlafen, auch als die schlimmsten Angstgefühle abgeebbt sind. Deshalb macht er sich in aller Frühe auf zu seiner Radtour. Die Ausrüstung ist mies, das Fahrrad für die geplante Bergtour zu schwer und Proviant und Wasser gehen in der Eile auch vergessen. Trotzdem plagt sich Henning den steilen Aufstieg zum Atalaya-Vulkankrater hinauf, zum Örtchen Femés. Über 90 Seiten verfolgt die Leserin nahezu in Echtzeit diese irrsinnige Anstrengung. Rauer Gegenwind erschwert die Strecke zusätzlich und Henning ist am Rande seiner Möglichkeiten. Aufgeben ist für ihn aber keine Option. Seine Verausgabung ist auch eine Flucht. Die Gedanken können zeitweise immer noch schweifen. Und da werden Brüche sichtbar, Überforderungen, ein gnadenloser Leistungsgedanke, Kränkungen, Enttäuschungen. In neuerer Zeit ist immer wieder die Rede von der Überforderung des „neuen Mannes“, der zerrieben wird zwischen altem Rollenbild und neuen Ansprüchen an seine Empathiefähigkeit, sein Engagement in der Familie. Der darüber die Orientierung verliert und zu kämpfen hat. Mag alles sein, dennoch leiden mehr als doppelt so viele Frauen an Panikstörungen als Männer. Vielleicht ist die Erklärung für die Zunahme psychischer Belastungsstörungen, die Juli Zeh bei einem Interview gab, zielführender, dass nämlich der moderne Mensch dazu neigt, für alles die Verantwortung zu übernehmen, sei es für das Gedeihen der Kinder, die Karriere, das Gelingen von Beziehungen, sogar die eigene Gesundheit. Es gibt keine „höhere Macht“ mehr, der man diese Verantwortlichkeiten übertragen kann. Überforderung, die zu den häufigen „Burnout-Syndromen“ führt, oder eben zu Panikattacken. Juli Zeh belässt es im Roman aber nicht bei diesem Erklärungsversuch. Nachdem wir mit Henning völlig erschöpft, aber auch interessiert, am Gipfel angekommen sind, folgt nicht sogleich die Abfahrt, sondern ein regelrechter Absturz. Die Gegend kommt Henning mehr und mehr vertraut vor. Ein Haus, von einer Deutschen bewohnt, zieht ihn magisch an. War er hier schon einmal? Es folgt eine lange Rückblende in Hennings Kindheit. Ein Erlebnis, ein Urlaub mit seiner Familie, die Ehe der Eltern sich bereits unaufhaltsam in Auflösung befindend, eine kindliches Trauma, das er mit seiner damals zweijährigen Schwester Luna als Fünfjähriger erlebte. Und das durch Auslösung von Urängsten, Verlassensängsten, wohl auch seine Angststörung bis heute befeuert. Diese aus der kindlichen Perspektive geschilderten Erlebnisse sind sehr bedrückend, aber auch spannend, es kommt fast ein wenig Thrilleratmosphäre auf. Die Auflösung ist dann allerdings recht banal. Insgesamt lässt mich das Buch mit einem recht ambivalenten Eindruck zurück. Die Thematik ist interessant, aber Juli Zeh neigt dazu, allzu viel erklären zu wollen. Alles wird auserzählt, alles ist präzise, alltagsglaubwürdig und professionell erzählt. Das lässt wenig eigene Interpretationsmöglichkeit, beispielsweise die, dass Hennings Erlebnisse auf dem Vulkan nur phantasiert sind, seiner starken Dehydrierung geschuldet. Da wäre ein wenig mehr Offenheit begrüßenswert gewesen. Manche Episode, besonders das Zusammentreffen mit dem Ort des verdrängten Kinderschreckens ist allzu brachial konstruiert, manches wirkt ein wenig wie eine Versuchsanordnung, in die man die Figuren hineinsetzt und dann ihr Verhalten analysiert. Juli Zehs Sprache ist zudem wenig kunstvoll, sondern betont schlicht. Dennoch habe ich das Buch gern gelesen. Juli Zeh weiß, wovon sie erzählt, viele Facetten des Buchs sind wohl ihrem Alltag entlehnt, auch sie verreist oft und gerne nach Lanzarote, auch sie lebt mit zwei kleinen Kindern. Ihre Beschreibungen sind präzise und es gelingt ihr immer wieder, neue spannende Themen der Zeit zu finden. Vielleicht hätte ein wenig mehr Zeit dem Roman, der eher eine Novelle ist, gut getan, ein bisschen mehr Überarbeitung die eine oder andere Ecke und Kante abgeschliffen. „Unterleuten“ haben die Jahre, die Zeh an ihm gearbeitet hat, zumindest sehr gut getan. Für mich ist es immer noch das stärkste Buch der Autorin.

Lesen Sie weiter

Am Neujahrsmorgen auf Lanzarote macht sich Henning mit seinem Fahrrad auf den Weg, um den Femés zu bezwingen. Mit schlechter Ausrüstung, eines viel zu schweren Rad und keinem Proviant kämpft er gegen den Wind und die Steigung an. Bei seiner Tour lässt er seine Lebenssituation Revue passieren. Trotz seiner zwei gesunden Kinder, einem guten Job und seiner passablen Ehe mit seiner Frau Theresa geht es ihm schlecht. Er fühlt sich permanent in seiner Rolle als Familienvater, Ernährer und Ehemann überfordert und kann sich in diesen Rollen nicht identifizieren. Seit der Geburt seiner Tochter leidet er an Angstzuständen und Panikattacken. Als er endlich völlig erschöpft sein Ziel erreicht, kommt er zur Erkenntnis, dass er bereits als Kind schon mal auf Lanzarote war. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen, was er bis heute verdrängt hatte. Der Leser kann nahezu in Echtzeit Hennings wahnsinnige Anstrengung durch den anschaulichen Schreibstil miterleben. Juli Zeh schreibt detailliert, präzise und glaubwürdig. Auch wenn ihre Sprache wenig kunstvoll ist, schafft sie doch eine spannende Atmosphäre für den Leser, der auf eine Reise in Hennings Gefühlswelt mitgenommen wird. Zwei Geschichten werden hier aus der gleichen Erzählperspektive, jedoch mit einem Zeitunterschied von 30 Jahren, geschildert. Zeh gelingt es, alltägliche Situationen durch das Erschaffen von bildlichen Darstellungen mit Gefühlen zu koppeln. Das Buch hat mich völlig gepackt, ich würde es jedem weiterempfehlen! Auch wenn der Roman wenig Schönes in seiner Geschichte hat, ist er dennoch lesenswert!

Lesen Sie weiter

Juli Zeh gelingt es in ihren Romanen immer wieder gesellschaftlich brisante Themen anzusprechen und spannend zu verpacken. Dieses Mal widmet sie sich den Themen Selbstüberforderung und Identität. Und wieder bin ich begeistert, mit welcher Meisterhaftigkeit ihr das gelingt. Hennig und Theresa verbringen ihren Urlaub über Silvester auf Lanzarote, es war Hennigs Wunsch zu verreisen. Das Buch beschreibt seine Fahrradtour am Neujahrsmorgen auf einen Berg in Lanzarote. Seine Gedanken über sein Leben prägen die Fahrt nach oben. Er führt das Leben eines ganz normalen Familienvaters mit zwei gesunden Kindern und seiner Frau Theresa. Einzig die Tatsache der Arbeitsteilung des Paars scheint ein wenig besonders an der Situation: "Sie teilen sich Kinder und Beruf. Das ist ihnen wichtig. Sie haben einiges auf sich genommen, um ihr Modell bei den Arbeitgebern durchzusetzen." Obschon sein Leben durchschnittlich scheint, leidet Hennig an Panikattacken, die er "ES" nennt. "ES" fällt ihn in allen möglichen Situationen an, wie ein wildes, unbezähmbares Tier und nimmt mit dieser Taktik einen großen Stellenwert in seinem Leben ein. Hennig ist emanzipiert, jedoch scheinbar völlig überfordert. Die Überforderung und die Panikattacken stehen in engem Zusammenhang, aber da ist scheinbar noch Etwas... Als Hennig oben auf dem Berg ankommt, entkräftet und völlig dehydriert, wird im klar, dass er hier bereits einmal war. Im zweiten Teil des Buches wird Hennig aufgrund von Kindheitserinnerungen mit einem bisher komplett verdrängten Trauma konfrontiert. Eine grausame Erfahrung musste er als kleiner Junge, hier oben auf dem Berg, durchleben. Juli Zeh thematisiert, wie sehr Begebenheiten aus der Kindheit unser Leben prägen. Hennigs Befreiung von diesem Trauma ist klar und nachvollziehbar beschrieben, ohne utopisch zu wirken und hat mich sehr berührt. Der neue Roman von Juli Zeh liest sich, insbesondere im zweiten Teil, wie ein Psychothriller und hat mich dennoch nachdenklich gemacht. Eine lesenswerte Mischung.

Lesen Sie weiter