Leserstimmen zu
Gott wohnt im Wedding

Regina Scheer

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Wussten Sie, dass sich auf dem heutigen Nettelbeckplatz um 1280 das Rittergut Weddinge befand? Und dass am Ort der Neuen Nazarethkirche bereits im 16. Jahrhundert ein Gotteshaus stand. Wüst gegangen, aber immerhin. Und dass um 1600 der kurfürstliche Oberkämmerer, Hieronymus Scheck, 50 Flurstücke vor den Toren Berlins erwarb? Also wirklich weit vor den Toren, um die verlassenen, die alten Felder und Wiesen wiederzubeleben? Und dass dort, wo sich der sogenannte Verlohrene Garten befand, laut Hobrecht-Plan die Utrechter Straße angelegt wurde. Das wussten Sie nicht? Ich auch nicht. Allein wegen dieser ausgezeichneten, stadthistorischen Recherche und wunderbaren Schilderungen lohnt die Lektüre von ‚Gott wohnt im Wedding‘. Doch alles nach der Reihe. Regina Scheer erzählt in ihrem Roman die Geschichte des ältesten Mietshauses der Utrechter Straße. Verwoben im Geflecht zwischen Müller-, See- und Reinickendorfer Straße, entwirft die Autorin ein historisches Kaleidoskop, das an manchen Stellen leuchtet, manchmal glänzt, vielerorts jedoch das Schicksal der Hausbewohner in dunklen Tönen zeichnet. In stumpfen Farben, die ohne Schnörkel, aber emphatisch, wenig unklar lassen. Vieles bewusst und manches, wovon man nicht wissen will. Scheer konstruiert auf 413 Seiten zwei Handlungsstränge, die sich gegenseitig bedingen, dennoch getrennt zu betrachten sind. Der erste Strang handelt von Gertrud Rombergs Leben, der ältesten Bewohnerin des Hauses. Und von Leo Lehmann. Zusammen mit Manfred Neumann lebte Leo bis 1945 im Untergrund. Bei Gertrud fanden die beiden jüdischen Männer Versteck. Gegenstand ist eine deutsch-jüdische Dreiecksbeziehung im roten Wedding, der 13 Jahre lang ziemlich braun war. Leo seinerseits ist Kommunikator zur Gegenwart. Mit seiner Enkelin besucht Leo seine Geburtsstadt – Berlin –, um Nira vom Leben ihres Großvaters an Ort und Stelle zu berichten. Der zweite Stang befasst sich mit den wechselnden Bewohnern des Hauses. Und mit dem Wedding im Allgemeinen, der nie eine vornehme Gegend war. Wer heute das Privileg hat, Kunde in der Sickingstraße zu sein (Achtung, Moabit!), hat es oft besser getroffen als so manche Romanfigur. Anders formuliert verhandelt die Autorin im zweiten Strang die Herausforderungen europäischer Sozialpolitik anhand mehrerer Roma-Familien, wobei sie nicht selten ins Seichte gleitet. Szenen also, die nur bedingt gelingen. Während Leos wechselvolles Leben, seine Verstrickungen, die ambivalenten Gefühle und Berichte aus dem Leben im Untergrund, die Rückschau auf Isreal und die Jahre im Kibbuz literarisch Haute Cuisine sind, geriet das Leben der Roma-Familien zur lauwarmen Kartoffelsuppe. Wat? Kartoffelsuppe? Passt janz hervorragend in’n Wedding. Wie dit Feinste vom neuen Bio-Vejaner. Mit manchen Längen und dünnen Schmonzetten ist Scheer ein Roman geglückt, der so hart an der Grenze ist, wie der Wedding es immer war. An der Grenze deshalb, weil er fesselt und gleichzeitig das benennt, was alltäglich zur Zumutung wird. Regina Scheer gibt denen, die sich vormals Kunden nannten und den Wedding erbauten, eine Stimme: Wanderarbeitern aus Osteuropa. Menschen, die keine Lobby haben. Die Autorin erzählt die Lebensschicksale vom Leopoldplatz heute und die, von vor 100 Jahren. Von moderner Sklaverei unter unser aller Augen und Entrechteten in Abbruchhäusern skrupelloser Immobilienfonds. Von Verfolgten aus sicheren Herkunftsländern ohne Bleibeperspektive, nicht nur im Großen Tiergarten. Aus der anderen U-Bahn-Perspektive eben. Wenn es nicht darum geht, zu geben, sondern zu bitten. Darüber hinaus liegt die große Wucht von ‚Gott wohnt im Wedding‘ im Schwungrad der Geschichte. Scheer treibt es an, dreht zurück und kommt im richtigen Moment zum Halt. Was Frank Schirrmacher über ‚Unser Mütter, unsere Väter‘ in der F.A.Z. zu schreiben wusste, gilt ebenso für diesen Roman. Er ist Ausschnitt des großen Ganzen und mahnt nicht, sondern ermutigt, zuzuhören. Zuzuhören, was die Großmütter und Großväter zu berichten haben. Was ihnen auch nach 80 Jahren auf der Seele brennt. Es dürfte eine ganze Menge sein. Und bald die letzte Gelegenheit. Was Scheer mit ‚Gott wohnt im Wedding‘ vorlegt, steht ‚Machandel‘ in nichts nach. Bebende Zeitgeschichte und ein Gesellschaftsroman, der nicht vor dem Schmuddeligen, dem Unangenehmen zurückschreckt. Auch nicht vor den schönen Epidosen des Lebens! Ein Roman, der die Geschichte des Weddings verhandelt, ohne mit erhobenem Zeigefinder, ohne gerümpfter Nase herablassend, vielleicht verschämt, gezwungen vorbeizuschauen. Wer diesen Roman las, wird den Wedding und seine Bewohner mit anderen Augen sehen. Und all die anderen Stadtbezirke dieser Republik, wo der goldene Löffel im Kindermunde nur ein schöner Traum bleibt. Ich finde: Das rechtfertigt eine Rezension, die deutlich länger wurde, als üblich. Für einen Roman, der unbedingt lohnt! PS: Was ‚Ein Mann will nach oben‘ für die Zeit bis 1935 ist, ist ‚Gott wohnt im Wedding‘ für alles danach. Für uns heute und das Jetzt. Mit viel Feingespür und Sorgfalt fürs Detail zeichnet Regina Scheer eine differenzierte Karte des Bezirks Berlin-Mitte, deren Anblick mich tief bewegt. Ohne Schwarz und Weiß und ohne klare Linien. Einem Bezirk der krassen Widersprüche, in dem sich rund 20 Prozent der Bewohner im Sozialleistungstransfer befinden und zehn Prozent ohne Abschluss die Schule verlassen. Wer beinahe täglich mit den Dingen, die Scheer beschreibt, konfrontiert ist, die Orte kennt, sich vielleicht sogar für diese engagiert, für die Menschen an diesen Orten, bleibt nicht ungerührt und wird betroffen. Als beispielsweise vom Max-Josef-Metzger-Platz die Rede ist und der dortigen Gedenkstele. Und mir Zeitungsberichte in Erinnerung kommen: Der Bezirk wolle keine Gelder für die Beleuchtung dieser Stele bereitstellen. Das sind die Momente, die berühren. Berühren und gleichermaßen unverständlich sind. Derartiges regt auf und an. Zum Denken und Nachdenken und zum Hinsehen zu den Menschen und ihren Orten.

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Ein wirklich tolles Buch

Von: Bigi

20.06.2019

Die Geschichte um Leo, Gertrud und Laila ist packend und emotional geschrieben. Hier erfährt der Leser, oder die Leserin, viel über europäische Sinti und Roma. Ich habe bisher noch nie etwas darüber, in einem so interessanten Buch gelesen. Besonders gefallen haben mir die Erinnerungen des Mietshauses in dem Gertrud seit ihrer Geburt wohnt. Leo und Laila haben natürlich auch einen Bezug zu diesem in Erinnerungen schwelgenden Mietshaus. Die Beschreibung Berlins in der Gegenwart und Vergangenheit aus Leo´s Sicht hat mich sehr beeindruckt. Ich kann nur schreiben ein schönes, interessantes und unterhaltsames Buch.

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Ein Mietshaus in Berlin Wedding, seit 120 Jahren steht es in der Utrechter Straße. Es hat viele Geschichten über seine Bewohner, über all die Zeiten zu erzählen. „Ich bin das älteste Haus in der Straße“, so beginne Regina Scheers Roman Gott wohnt im Wedding, und es ist tatsächlich das Haus, das eine Erzählerrolle übernimmt. So erzählt das Haus von Gertrud, der über 90-jährigen Bewohnerin, die ihr ganzes Leben in dem Haus verbracht hat. Vom entscheidenden Tod eines Hitlerjungen in den 1930ern. Von Manfred und Leo, den jungen Juden, die Getrud versteckt hielt, von denen einer nicht überlebte und der andere als sehr alter Mann aus Israel nach Berlin mit seiner Enkelin zurückkehrt. Aber auch von Leila, der Sintiza und den vielen Frauen und Familien, Roma und Sinti, die in den letzten Jahren in dem immer baufälligeren Haus logieren. Regina Scheer hat sich für diesen Roman viel vorgenommen. Der Nationalsozialismus in all seinen wahnsinnigen Auswüchsen, Antisemitismus und die heutige Israelfrage, Randgruppern, Ausgrenzung, prekäre Arbeitsverhältnisse und Wohnsituationen, Gentrifizierung und das Mit- und Gegeneinander in multikulturellen Gesellschaften. Das Buch spiegelt gelebte Geschichte, leider verliert sich die Autorin aus meiner Sicht manchmal zu sehr im Detail. Das Haus und Gertrud sind die Konstanten an den sich das Buch orientiert. Die einzelnen Fäden lassen sich immer wieder neu verbinden und auflösen. Manches an der Erzählung war mir zu dokumentarisch, zu wenig emotional und las sich eher wie ein Zeitzeugenbericht. Für die Fülle an Personen gibt es glücklicherweise ein Glossar zum Ende des Buches

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Leo Lehmann kehrt nach 70 Jahren in Israel mit seiner Enkelin Nira nach Berlin zurück, um dort das Erbe seiner verstorbenen Frau zu regeln. Nira möchte er die Stadt zeigen, die Orte, die er aus seiner Jugend kennt und das Haus, in welchem sein bester Freund Manfred von der Gestapo verhaftet wurde und den Zweiten Weltkrieg nicht überlebte. Leo verdächtigte Gertrud, bei der die beiden Unterschlupf fanden, Manfred verraten zu haben. Gertrud ist noch heute am Leben und wohnt nach wie vor in dem Haus im Wedding, dessen Mieter sukzessive verdrängt worden sind und das inzwischen von mehreren Sinti-Familien bewohnt wird, um die verbliebenen Mieter mürbe zu machen. Laila ist eine der integrierten Sinti, die sich als eine Art Sozialarbeiterin einsetzt, für die Familien bei Behördengängen übersetzt und die sich auch um die alte Dame Gertrud kümmert. Der Roman ist aus der Sicht der Hauptcharaktere Gertrud, Leo und Laila geschrieben, aber auch das Haus kommt selbst zu Wort und erzählt seine über hundertjährige Geschichte. Der Roman handelt primär davon, wie sich die Schicksale von Juden und Sinti/ Roma gleichen, Bevölkerungsgruppen, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden und bis heute mit Stigmatisierungen zu kämpfen haben. Durch die überfrachtende Anzahl - nicht nur der aktiv handelnden Personen in der Gegenwart - sondern auch der zahllosen Rückblenden in die Vergangenheit und Erzählungen über Widersacher während des Holocaust und verstorbene Angehörige, ist es denkbar schwierig, konzentriert den Überblick zu behalten oder einen emotionalen Zugang zu einer der Hauptfiguren zu erhalten. Die Sprunghaftigkeit der Erzählung ohne Kennzeichnung, in welchem Jahr man sich nun befindet, empfand ich als anstrengend und minderte den Lesefluss. Zudem empfand ich das Buch, das ambitioniert die Verfolgung von Minderheiten in der Geschichte Deutschlands und darüber hinaus sowie die Situation von Migranten und (illegalen) Einwanderern mit all ihren Erschwernissen in der Gegenwart schildert, zu überladen. Holocaust, Geschichte der Sinti und Roma, Rassismus, Flüchtlingsdebatte, Gentrifizierung, Armut, Heimatlosigkeit sind gewaltige Themen, mit denen es sich tiefer gehend zu beschäftigen lohnt, die aber in ihrer Gesamtheit zu viel für einen Roman sind. "Gott wohnt im Wedding" ist keine leichte Kost. Es ist ein Roman, der voller Fakten ist, die den Leser erschlagen können, weshalb man sich mit der Lektüre Zeit lassen sollte. Es ist keine schicksalhafte Erzählung, die durch Spannung eine Sogwirkung entfaltet oder zu Tränen rührt, sondern eine nüchterne Darstellung erschreckender Tatsachen anhand fiktiver Einzelschicksale, die sich im Laufe der Geschichte allesamt in einem Haus im Wedding wiederfinden.

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In ihrem zweiten Roman „Gott wohnt im Wedding“ erzählt Regina Scheer die Geschichte eines hundert Jahre alten Berliner Mietshauses. Dabei taucht sie tief in die Familiengeschichten seiner Bewohner ein – und wendet sich vor allem auch den verschiedenen Entortungs- und Vertreibungserfahrungen zu, die deren Biografien prägen. Tragische Geschichten und bewegte Schicksale sind es, die sich seit der Grundsteinlegung im Jahr 1890 hinter den Mauern des Mehrfamilienhauses in der Utrechter Straße abgespielt haben. Um diesen auf den Grund zu gehen, zeichnet Scheer nicht nur die Lebensläufe verschiedener Mieter nach, sondern lässt auch das Haus selbst zu Wort kommen, das mehr als bloßer Schauplatz sein will: „Die meisten denken, ein Haus sei nichts als Stein und Mörtel, totes Material. Aber sie vergessen, dass in meinen Wänden der Atem von all denen hängt, die hier gewohnt haben.“ Einer von ihnen ist Leo Lehmann. Geboren und aufgewachsen im Wedding, hat er den Großteil seines Lebens in Israel verbracht, wohin er – dessen gesamte jüdische Familie von den Nationalsozialisten ermordet wurde – Ende der 1940er Jahre ausgewandert ist. Als er im Alter von 94 Jahren wegen einer Erbschaftsangelegenheit erstmals zurück in seine Geburtsstadt kehrt, ist dies für ihn vor allem auch eine Reise in eine traumatische Vergangenheit. Während er durch die Berliner Straßen streift, werden die dunklen Erinnerungen an eine Zeit voller Bedrohungen wieder lebendig: Die antisemitischen Anfeindungen, denen er hier ausgesetzt war, seine Verpflichtung zur Zwangsarbeit, die Deportation seiner Eltern und die darauf folgenden Monate, die er gemeinsam mit seinem Freund Manfred als sogenanntes ,U-Boot' im Untergrund verbrachte. Das Haus im Wedding nimmt dabei in Leos Erinnerungen einen besonderen Platz ein: Hier fanden Leo und Manfred für einige Wochen Unterschlupf bei der gleichaltrigen Gertrud Romberg – bis Manfred schließlich in ihrer Wohnung von der Gestapo verhaftet wurde. Aber handelte es sich bei der hilfsbereiten jungen Frau wirklich um einen Nazi-Spitzel? Oder gibt es am Ende vielleicht mehr als die eine Wahrheit, die Leo zu kennen glaubt? Als Leo Jahrzehnte später wieder vor eben jenem schicksalhaften Gebäude steht, ahnt er noch nicht, dass das Schicksal ihn und Gertrud ein zweites Mal zusammenführen wird. Tatsächlich hat die betagte Seniorin das Haus ihrer Kindheit nie verlassen und wohnt noch immer in den gleichen vier Wänden. Dass sie ihr gesamtes Leben an einem Ort verbracht hat, macht sie dabei unter den Mietern zu einer echten Ausnahmeerscheinung. Weit entfernt von einem sesshaften Leben sind es Flucht, Vertreibung und Migration, die die Biografien der restlichen Bewohner prägen, die überwiegend aus Osteuropa stammen und nun im Wedding – wenn auch unter zum Teil prekären Umständen – ein Dach über dem Kopf gefunden haben. Zu ihnen zählt auch Laila Fiedler, eine Sintiza, die zu Beginn der 1990er Jahre gemeinsam mit der Mutter als sogenannte Spätaussiedlerin von Polen nach Berlin kam. Mit Deutschland ist Laila dabei seit je her auf ambivalente Weise verbunden: Auch ihre Großeltern haben einst hier gelebt, bis sie von den Nazis ins KZ Auschwitz deportiert wurden. Mit den Einblicken in Lailas weitverzweigte, von mehrfachen Gewalterfahrungen geprägte Familiengeschichte, wendet sich Scheer dabei einem von der Literatur bisher noch kaum bearbeitetem Thema zu: Über die sich kreuzenden Lebenswege von Leo und Laila stellt sie so eine Verbindung her zwischen den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus und der – in der Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Terror lange nur am Rande thematisierten –Verfolgung der Sinti und Roma im Dritten Reich. Ein ambitioniertes Anliegen, das allein bereits genug Stoff für einen vielschichtigen Roman geliefert hätte. Doch damit nicht genug, versammelt „Gott wohnt im Wedding“ eine ganze Fülle weiterer Themen, die mit den Lebensgeschichten und alltäglichen Erfahrungen der Protagonisten verknüpft sind. So setzt sich der Roman mit Erinnerungskultur und öffentlichem Gedenken ebenso kritisch auseinander wie mit der Frage, wer in der Öffentlichkeit als legitimer Sprecher und Vertreter einer (Opfer-)Gruppe auftreten kann und darf. Er thematisiert die oft Jahrzehnte währenden Erbschaftsprozesse um enteigneten jüdischen Besitz und die Rückübertragung von Grundstücken, erzählt von traumatischen Erfahrungen und verdrängten Erinnerungen und jahrelangem Schweigen. Er widmet sich Generationenkonflikten in unterschiedlichen historischen Konstellationen, beschäftigt sich mit familiären Wurzeln und Wahlverwandtschaften. Er liefert Innenansichten aus dem Leben im Kibbuz und beschäftigt sich zugleich mit dem nachbarschaftlichen Miteinander in einem großstädtischen Mehrfamilienhaus und schließlich – wie könnte es in einem Berlin-Roman der Gegenwart anders sein – darf am Ende auch das Thema Gentrifizierung nicht fehlen. Das ist, so interessant und von aktueller Relevanz die einzelnen Aspekte auch sein mögen, viel für einen Roman – in diesem Fall vielleicht ein wenig zu viel. Etwas inkonsistent erscheinen zudem auch die Figuren, von denen es im Roman ebenfalls reichlich gibt. Während der Roman hier einerseits mit den historisch erkenntnisreichen Passagen rund um Laila und Leo zu überzeugen weiß, präsentieren sich andere Charaktere – wie etwa die Gertrud-Figur, die ein wenig zu bemüht das Bild der netten alten Dame von nebenan bedient – zu eindimensional, um als wirklich glaubwürdig wahrgenommen zu werden. Dass zudem die finale Begegnung zwischen Gertrud und Leo, auf die die Handlung über weite Strecken zuläuft, am Ende inmitten der Vielzahl an Handlungssträngen geradezu untergeht, wirkt zumindest irritierend. Aller inhaltlichen Überfrachtung zum Trotz, hat Scheer mit „Gott wohnt im Wedding“ dennoch insgesamt nicht nur ein durchaus anschauliches Panorama gegenwärtiger Lebenswelten und Konfliktlagen vorgelegt. Anerkennung verdient hier auch ihr Versuch, insbesondere mit dem Fokus auf die Geschichte(n) der in Deutschland lebenden Sinti und Roma eine Leerstelle in den literarischen Verhandlungen deutscher Vergangenheit und Gegenwart zu füllen.

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"Gott wohnt im Wedding" ist nicht einfach, nicht leicht und kann schon den einen oder anderen nachdenklich zurücklassen. Ich war schon von Regina Scheers „Machandel“ begeistert und bin auch von diesem Hörbuch ein Fan. Ich habe mir die Geschichte erzählen lassen und saß so manches Mal länger im Auto und hörte nur noch den einen Track und dann noch einen an. Es gab so viel zu entdecken und so viele geschichtliche Fakten und Ausschweifungen, dass man kaum aufhören konnte. Anfangs dachte ich, es geht größtenteils um die Lebenssituation von Sinti und Roma, aber das Netz wurde immer größer und band so viele mit ein, dass man zwischenzeitlich etwas Angst hatte, die Übersicht zu verlieren. Ich muss zugeben, dass ich manchmal die Wechsel zwischen den Perspektiven als zu ruckartig empfand. Auch die Einschübe, wo das Haus aus seiner Sicht sprach, fand ich etwas merkwürdig, aber nichtsdestotrotz, war es spannend und informativ und traurig. Es gibt mehr dunkle als helle Momente, mehr Trauer und Verlust, mehr Melancholie und Wut als Freude, Fröhlichkeit und Zufriedenheit. Die Charaktere waren wütend, tief verletzt, resigniert oder einfach nur emotional am Tiefpunkt angekommen. Es gibt viele erschreckende Szenen, die man kaum verstehen kann und doch weiß man, dass es stimmt, denn sie stehen in den Geschichtsbüchern. Das Hörbuch geht fast 12 Stunden und wahrscheinlich hätte Regina Scheer noch viel mehr schreiben können, aber mich haben die 12 Stunden schon mitgenommen und sehr nachdenklich zurückgelassen. Es ist kein Hörbuch, welches man schnell mal austauscht oder „runterhört“. Ich musste immer wieder eine Pause einlegen und darüber nachdenken. Und nicht selten tauchten Gedanken dann auf, dass man schon sehr privilegiert aufgewachsen ist - Ohne Krieg, ohne Hetze und Angst und ohne Verfolgung. Ich kann es nur empfehlen…Zeit nehmen, reinhören und dranbleiben, auch wenn es manchmal weh tut.

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In dem Haus in der Utrechter Straße im Berliner Wedding lebt Gertrud seid ihrer Geburt im Jahr 1918. Sie gewährte den jüdischen Nachbarjungen Leo und Manfred während des zweiten Weltkrieges Unterschlupf. Leo, der inzwischen in Israel lebt, kommt nach 70 Jahren zurück nach Deutschland um eine Erbsache zu klären. Zwischenzeitlich leben außer Gertrud auch einige Sinti-Familien in dem Haus in der Utrechter Straße. Die Sinti erfuhren während des Krieges ein ähnliches Schicksal wie die jüdische Bevölkerung. Die Autorin hat mich mit ihrer Recherchearbeit überzeugt. Mir war nicht bewusst, wie es den Sinti (ehemals Zigeuner genannt) damals (und heute) erging. „Wir sind nun mal Roma, wir haben kein Land, es ist unser Schicksal, nirgends willkommen zu sein.“ „Aber Roma heißt Mensch, und Menschen sind wir alle.“ „Der Ausdruck … Sinti und Roma ist Unsinn … Sinti sind auch Roma. Man sagt doch auch nicht: Menschen und Frauen.“ Sie beschreibt auch, wie jüdische Bürger während des Krieges untergetaucht sind und sich versteckt haben (U-Boote genannt). Sehr interessant fand ich auch die Beschreibungen aus Sicht des Hauses selbst. Das Haus erzählt u.a. von seiner hundertjährigen Geschichte und deren Bewohner. Tolle Idee und sehr informativ. Auch die Ansicht von Leos jüdischer Enkelin Nira hat mir sehr imponiert. Sie will in Berlin bleiben und nicht mit ihrem Großvater zurück nach Israel. „… Israel … mit einer Regierung, die den Konflikt nicht mehr lösen will und sich Palästina Stück für Stück einverleibt. Ein Land, das sich ausdehnt in ein anderes, eine Demokratie, die ein anderes Volk beherrscht. … Wer zweitausend Jahre nicht dort war, darf ins Land, wenn er Jude ist, aber wer seit zweitausend Jahren dort lebt, bekommt nicht das volle Bürgerrecht, wenn er kein Jude ist.“ Ein Buch über Judenverfolgung, Vertreibung, Verrat, Fremdenfeindlichkeit, Immobilienhaie aber auch Hilfsbereitschaft. Brandaktuell also! Der Schreibstil war für mich etwas gewöhnungsbedürftig und holprig. Auch die vielen Personen und Namen haben mich zeitweise etwas überfordert. Allerdings war für mich das Personenregister am Ende des Buches sehr hilfreich. Gott wohnt im Wedding bekommt von mir 4 Sterne.

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Spannender Roman durch Generation

Von: Monal

07.05.2019

Man kann dank Regina Scheer fast die Blumensträuße riechen die in der "SCHÖNE FLORA" gebunden werden. Ein fesselndes aber doch politisches Buch über Generationen hinweg, dass einen in die Geschichte mit ihnen / um sie herum hinein zieht und man mit Spannung dem Geschehen im Jetzt folgt... Einen Stern Abzug, da teilweise wirklich schwer zu lesen. Gott sei dank ist am Buchende eine kleine Übersicht und Geschichte zu den jeweiligen Charakteren zu finden.

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