Leserstimmen zu
Gott wohnt im Wedding

Regina Scheer

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Sehr empfehlenswert

Von: Gethsemane

28.04.2019

Das Buch passt zur aktuell erschreckend veränderten Haltung weiter Gesellschaftsteile nicht nur in Deutschland: in Zeiten zunehmender rechter Hetze und Diskriminierung von Menschen mit Fluchterfahrung und „Migrationshintergrund“ zeigt es anschaulich und erschütternd auf, was Ausgrenzung von Anderen, Flucht und Vertreibung für grausame Auswirkungen direkt und bis in die nächsten Generationen hat. Ein Haus im Berliner Stadtteil Wedding, im Jahr 1890 erbaut, erzählt von den Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen, die in diesen mehr als 100 Jahren in seinen Mauern gewohnt haben: „Ich habe überhaupt nur gehört, was hier auf meinem Hof, zwischen meinen Wänden geredet wurde, und nur gesehen, was da geschehen ist, und das reicht mir auch.“ Der Leser erfährt darüber hinaus durch auktoriale Erzählung mehr von den Lebensgeschichten, die die bedrückende jüngere deutsche Vergangenheit bis in die Gegenwart lebendig erscheinen lässt. Deutsche Fabrikarbeiter, Spätaussiedler aus Polen, Russland, Sinti mit ostpreußischen Vorfahren, rumänische Roma, eine alte Dame, die 1943/44 zwei verfolgten jüdischen Nachbarsjungen Unterschlupf gewährt hat, von denen der eine in ihrer Wohnung verhaftet wurde und der andere Jahrzehnte später aus Israel wegen einer Erbschaftsangelegenheit mit seiner Enkelin Berlin besucht: sie alle sind mehr oder weniger mit dem Haus verbunden und ihre Geschichten berühren sich und durch die behutsame Erzählweise auch den Leser. Man kann das Buch als spannenden Roman verschlingen und mag es nicht mehr aus der Hand legen. Wer sich aber die Mühe macht, sich mit den Bedeutungen der im Buch vorkommenden nicht alltäglichen Wörter aus der Geschichte der Sinti und Roma, der jüdischen Religion und Siedlungsgeschichte und den politischen Begriffen auseinanderzusetzen, kann noch viel mehr über die Situation der Menschen, um die es geht, erfahren. Das Buch habe ich mit großem Interesse gelesen. Es hat mich gefesselt und über vieles zum Nachdenke angeregt. Die Autorin kannte ich nicht, aber ich werde nun auf jeden Fall auch ihren Debütroman „Machandel“ lesen.

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Dieses Buch hat mich zutiefst berührt und bewegt. Mit einem sehr lebendigen, bildhaften Schreibstil gelingt es der Autorin, dass man schon ab Seite 1 von der Geschichte gefesselt ist. Stellenweise fiel es mir wirklich schwer mit dem Lesen aufzuhören. Man verfolgt das Leben verschiedener Personen, die alle ihre eigenen Geschichten haben. Geschichten, die Stück für Stück mehr entdeckt werden und ein Zeitzeugnis bilden. Dabei bleibt keine Figur nur schwarz oder weiß, sondern jede Figur entwickelt Ebenen. Durch den sehr guten Schreibstil fühlt es sich immer so an als würde man mit den Figuren (er)leben. Eine besonders charmante Idee: Selbst das Haus kommt als Protganist zu Wort. Ein spanneder Gedanke: Was würden die alten Häuser wohl zu erzählen haben, wenn sie könnten? Welche Geschichten haben sie erlebt? Welche Gespräche mitbekommen? Ein Buch, dass Jahrzehnte überspannt und teilweise zum Nachdenken anregt. Ich habe es auf jeden Fall sehr gern gelesen.

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Faszinierend!

Von: ullamaria

26.04.2019

Das Buch "Gott wohnt im Wedding" hat mich durch die unterschiedlichen Erzählebenen (sogar ein altes Mietshaus wird zum Erzähler) fasziniert. Man erfährt vieles über die untergetauchten Juden in Berlin, aber noch mehr über die Geschichte der Romas und Sintis in Deutschland, Polen und anderen europäischen Ländern. Die Aufarbeitung des Erlebten, Vergebung alter Schuld, aber auch die "andere Seite" der Wahrheit und immer wieder kleine (und große) Lichtblicke sind Themen im Buch. Sehr empfehlenswert!

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Das Gedächtnis eines Hauses

Von: Jane Heinrich

25.04.2019

Regina Scheer verwebt in diesem Buch die Geschichten der Menschen, die ein Haus im Berliner Wedding über die Zeit seit seinem Bau am Ende des 19. Jahrhunderts bis heute bevölker(t)en. Und sie läßt auch das Haus selber zu Wort kommen, das aus seinen Erinnerungen berichtet. Das Haus hat viele Menschen kommen und gehen sehen, ihr Leid, ihr Glück, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen. Die Geschichten dieser Menschen verbinden sich mit der deutschen Geschichte, dem Unrecht, das Juden und Sinti wie Roma geschah. In den Personen Gertrud Romberg, der ältesten Hausbewohnerin, ihrer Nachbarin Laila Fidler, einer Sintiza und Leo Lehmann, der sich im Dritten Reich als untergetauchter Jude im Haus versteckt hatte und nun in den Wedding zurückkehrt, verbinden sich sich die diversen Handlungsstänge. Die Autorin schafft einen Kosmos von Menschen, verwebt ihn mit vielen historischen Details und gibt auch das Schicksal der heutigen zugewanderten Roma aus Rumänien authentisch wieder. Unser Umgang mit ihnen und das Ignorieren des Schicksals der verfolgten Sinti und Roma im Dritten Reich stimmen mich als Leserin nachdenklich und ich kann das Buch allen empfehlen, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen wollen und dabei die Menschen kennenlernen wollen, die die Autorin in großartiger Weise geschaffen hat.

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Gott wohnt m Wedding

Von: Reni

24.04.2019

Seit Leo Lehmann nach dem Krieg nach Israel ging hat er Deutschland nicht mehr betreten. Jetzt kehrt er mit 94 Jahren nach Berlin zurück um die Rückführung des Familienvermögens abzuschließen. Aber im Wedding, vor dem Haus in der Utrechter Straße, steigen die alten Bilder und Geschichten wieder in ihm auf. Der jüdische Widerstand in den 1930er Jahren, sein Freund Manfred, mit dem er schließlich untertauchen musste und der von der Gestapo abgeholt worden war – ausgerechnet bei Getrud, die ihnen Unterschlupf gewährt hatte. War sie eine Denunziantin? Das alte, inzwischen heruntergekommene und kurz vor dem Abriss stehende Haus erzählt seine bewegte Geschichte: von den Wanderarbeitern, die es erbauten, von den Ereignissen im roten Wedding und von seinen Bewohnern, von denen als letzte nur noch Gertrud in der Dachwohnung lebt. Alles andere ist ein Kommen und Gehen derer, die am Rand der Wohlstandsgesellschaft nach etwas Glück und einem kleinen Stück Teilhabe suchen, wie die Frauen und die Familien aus Rumänien. Auch Laila, die in Polen geboren wurde, lebt hier und findet in dem alten Haus erstmals ein Zuhause. Hier erkennt sie auch, dass sie ihre Sinti-Herkunft annehmen kann. Als sie das Haus verlässt, geht sie mit einer neuen, unerwarteten Lebensperspektive. Regina Scheer beschreibt Menschen, denen literarisch eher selten Gestalt verliehen wird. Sie erzählt warmherzig und fesselnd ein Epos, das Generationen, Ereignisse und Zeiten verbindet. Dank ihrer akribischen Recherche erschließen sich Details, Verflechtungen und Zusammenhänge, die in der Regel nicht in den Geschichtsbüchern stehen. Somit ist der Roman sowohl eine unterhaltsame Lektüre, als auch ein Fundus an historischem und sozialem Hintergrundwissen.

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Rezension

Von: Karin Schäfer

24.04.2019

Für mich, Jahrgang 1958 , mit Eltern aus der ehemaligen DDR, quasi eine Pflichtlektüre. Ganz hervorraend fand ich, auch dem Haus eine eigene Stimme bzw. Beurteilung der Lage zu geben, nicht nur den einzelnen Bewohnern. Sie zeigt auf, wie das Zusammenleben menschlich wertvolll sein kann, wenn man die Herkunft außer Acht läßt. Das Buch ist gelebte Geschichte zwischen Alt und Jung, Sinti und Juden und hat mich bis zum wehmütigen , aber nachvollziehbaren Ende, gefesselt.

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Der eindeutige Titelheld des Romans ist eindeutig das Haus. In diesem Haus wird geboren, gelebt, gestritten, gestorben! Mit Präzision und eindrucksvollen Bildern berichtet die Autorin von einem Berlin vor Jahrzehnten und in der Gegenwart. Spannend lässt sie Menschen darin wohnen, die vieles trennt, wie die Nationalität, die Lebensträume, der materielle Besitz, die aber auch vieles verbindet: Zuneigung, Hilfsbereitschaft, auch in schwierigen Zeiten. Der Autorin gelingt es dabei, nicht nur den Bogen zu schlagen zwischen verschiedenen Jahrzehnten, zwischen verschiedensten Menschen, sondern auch zwischen den Generationen, wenn etwa der Großvater mit der Enkelin nach Berlin reist und die Vergangenheit wieder auferstehen lässt. Ein spannendes aber auch lehrreiches Buch, das viele Entbehrungen beschreibt - ob Verrat im Dritten Reich oder Armut von Flüchtlingen, aber auch sehr lebendig die Charaktere beschreibt. Ein Buch über Menschen, dabei sehr menschlich, obwohl eigentlich ein Haus der Erzähler ist! Absolut lesenswert, wenn auch nicht als leichte Strandlektüre geeignet. Dieses Buch wird noch lange nachhallen.

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Ein berührender Roman

Von: Margit W.

23.04.2019

Als ich den Klappentext las, erwartete ich ein anstrengendes und schwer zu verarbeitendes Buch. Als ich es dann las, wollte ich es nicht mehr weglegen. Erzählt wird immer wieder aus der Perspektive eines Hauses im Wedding. Dies ist eine ungewöhnliche Sichtweise, die in diesem Roman jedoch absolut Sinn macht. Denn anhand dessen, was dieses "weise alte" Haus in diesen mehr als 100 Jahren "gesehen" hat, lässt sich ein Stück (nicht nur) deutscher Geschichte erzählen. Geschickt werden darin die Einzelschicksale vieler Menschen erzählt, deren Leben miteinander verwoben ist und war, und gleichzeitig die Situation ganzer Gruppen und Gesellschaftsschichten. Regina Scheer erzählt voller menschlicher Wärme und gleichzeitig mit viel Sachwissen, voller Empathie mit Blick für das Kleine, aber auch immer im Hinblick auf das Große und Umfassende. Sie thematisiert die Verfolgung der Juden, das Schicksal der Sinti und Roma, die Schrecken der jüngeren Geschichte, aber sie erzählt nicht mit erhobenem Zeigefinger oder falschem Pathos. Das ganze Leben - komprimiert in einem Mietshaus in einem Stadtteil unserer Hauptstadt. Man muss weder ein Faible für Geschichte haben noch für Berlin, dieser Roman steht für so viel mehr. Das Buch weist manchmal Passagen auf, die aufgrund der komplexen Lebensgeschichten nicht ganz einfach zu lesen sind (wobei einem das Personenregister am Ende des Buches helfen kann). Die Art jedoch, wie die Autorin aus dem Leben verschiedenster Menschen erzählt, wie sie die Verstrickungen der Lebensstränge entwirrt und aus all diesen Geschichten ein Plädoyer für Menschlichkeit macht, geht nahe und macht eventuelle Längen bei Weitem wett.

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