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Interview mit Elisabeth Herrmann zu »Der Schneegänger« - Goldmann Verlag

Filmreife Krimis aus der Besenkammer

Interview mit Elisabeth Herrmann zu ihrem neuen Roman "Der Schneegänger"

Elisabeth Herrmann
© Boris Breuer

Ein kleiner Raum für ganze Krimiwelten: Auf nur vier Quadratmetern entwickelt Elisabeth Herrmann ihre Fälle um den Berliner Anwalt Joachim Vernau und in einer zweiten Krimiserie um Sanela Beara, eine Ermittlerin mit kroatischen Wurzeln. Einige der Herrmann-Krimis wurden ausgezeichnet, fast alle werden vom ZDF verfilmt: Jan Josef Liefers spielt Vernau, die neue Reihe um Beara wird noch besetzt. Ein Gespräch mit der Autorin über ihre Helden und den neuen Krimi „Der Schneegänger“; über Shopping, Bogenschießen und Sehnsuchtsorte.


Frau Herrmann, wie kommt eine Fernseh- und Radiojournalistin zum Krimischreiben?

Ich stieß bei Recherchen auf ein Thema, das mich sehr berührte: die Geschichte junger Mädchen, meist selbst noch Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland verschleppt wurden und in Nazi-Familien als Kindermädchen arbeiten mussten. Ich wollte darüber einen Film drehen und fuhr auch nach Kiew, um mich mit einigen der früheren Zwangsarbeiterinnen zu treffen. Weil aber niemand den Film wollte, habe ich ein Buch geschrieben.

Wie war die Resonanz?

Ich bekam 50 Absagen, bis endlich ein Verlag positiv reagierte. 2005 erschien dann „Das Kindermädchen“.

Was hat Sie dazu gebracht, so lange durchzuhalten?

Ich habe an meine Geschichte geglaubt, und ich war auch davon überzeugt, dass mein Buch gut geschrieben war: mit einem ernsten Thema, aber spannend und auch ein bisschen witzig. Inzwischen werde ich oft bei Lesungen in Schulen gefragt, wie man Schriftstellerin wird. Meine Antwort ist: indem man zum 51. Mal zum Briefkasten geht und sein Manuskript an den nächsten Verlag schickt.

Warum haben Sie „Das Kindermädchen“ als Krimi geschrieben?

Das lag auch an den negativen Reaktionen, die ich auf meine Filmidee bekommen hatte: Ich dachte, dass die Geschichte allein nicht ausreicht. Ein Kriminalroman hat dagegen ja eine bestimmte Dramaturgie. Es passiert etwas, das aufgeklärt werden muss, und dass es dabei um etwas geht, das 70 Jahre zurückliegt und geheimnisvoll ist, macht die Geschichte umso spannender.

Sie sind dann bei dem Genre geblieben. Was reizt Sie an Krimis und Thrillern?

Ich lese sie auch sehr gern. Man ist in eine Geschichte mit einem Rätsel eingebunden, das man unbedingt lösen will. Die Hauptfigur gerät in Bedrängnis, auch das ist spannend. Und der Leser wird in die Irre geführt, meint irgendwann, die Geschichte durchschaut zu haben, und dann ist es doch ganz anders. Das ist für mich klassische Kriminalliteratur: diese Mischung aus Schachspiel und Geländeritt, die auch meine Krimis prägt. Serienmörder- und Häutungs-Thriller mag ich dagegen nicht.


Sympathischer Anwalt: Jan Josef Liefers spielt Joachim Vernau

„Das Kindermädchen“ ist der Auftakt Ihrer Krimi-Reihe um den Berliner Anwalt Joachim Vernau. Wie sind Sie auf ihn gekommen?

Er ist irgendwie passiert. Mir kam ein Anwalt in den Sinn, der ein Schlitzohr ist, der sich hocharbeiten will und auf einmal, als er schon weit oben auf der Karriereleiter ist, sich mit der Frage auseinandersetzen muss, ob er authentisch bleiben oder reich werden will. Und was wäre das für ein Held, wenn er reich werden wollte? Ich liebe es, Vernau auf die Schnauze fallen zu lassen, aber auch wieder aufstehen zu sehen.

Vier Bände mit ihm sind erschienen. Wird es noch mehr geben?

Zwei sind mindestens noch geplant. Zwei Bände hat das ZDF auch bereits verfilmt. Außerdem wurde ein Vernau gedreht, für den es keine Romanvorlage gibt: „Der Mann ohne Schatten“. Der Film spielt in Havanna und wird am 12. Januar 2015 gesendet.

Wie ist das für Sie, wenn Ihre Figuren im Film selbstständig werden?

Als ich es das erste Mal erlebt habe, war es überwältigend – und dann wurde ich ganz schnell kleinlaut, als mir klar wurde, dass Jan Josef Liefers jetzt Sätze spricht, die ich vorgeschrieben habe. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, wie ich für „Das Kindermädchen“ die Szene mit der Testamentseröffnung schrieb, damals noch mit einem uralten Computer. Und Jahre später wird diese Szene dann gedreht: Jan Josef Liefers als Joachim Vernau ist da, Natalia Wörner spielt seine Verlobte, die wunderbare Inge Keller ist die Freifrau von Zernikow – das war schon sehr besonders.

Sie schreiben die Drehbücher und sind oft bei den Dreharbeiten dabei. Wie erleben Sie Jan Josef Liefers?

Er ist witzig, aber wesentlich geerdeter, als man glaubt. Und ein absolut cooler Typ. Als ich ihm das erste Mal begegnete, kam er mit einer Harley Davidson, mit Helm und Motorradbrille, und war nicht zu erkennen. Wenn wir zusammen am Drehbuch arbeiten, ist er sehr charmant, sehr sympathisch – und jemand, der sich intensiv mit dem Stoff auseinandersetzt. Er ist die beste Besetzung für meinen Helden, die ich mir vorstellen kann, und kommt ja auch als Vernau sehr gut an: „Die letzte Instanz“ war der erfolgreichste Montagsfilm im ZDF aller Zeiten mit fast acht Millionen Zuschauern.


Eigensinnige Heldin: Sanela Beara will mit dem Kopf durch die Wand

Sie haben neben der Vernau-Reihe einen anderen Krimi geschrieben: „Das Dorf der Mörder“. Hauptfigur ist die Polizistin Sanela Beara. Wissen Sie noch, wie Sie
auf sie gekommen sind?


Das weiß ich nicht so genau – sie ist einfach aufgetaucht. Als ich mit dem Krimi begann, war sie nicht geplant. Ich habe am Anfang nur eine Streifenpolizistin gebraucht, die sich nach einem Mord im Berliner Tierpark um das Absperrband kümmert. Diese Polizistin ist Sanela Beara. Sie ist ehrgeizig und engagiert, und so hat sie sich auch in mein Buch gegraben. Zum Schluss war sie der Star, und jetzt bleibt sie auch.

Was reizt Sie an ihr?

Sanela ist jung, Anfang 20, mit Migrationshintergrund: Sie stammt aus Kroatien, und sie ist eine Frau. Das sind Nachteile auf dem steinigen Weg einer Polizeikarriere, die sie überwinden muss. Sie ist kein glatter Charakter, sondern wie alle meine Frauenfiguren eher spröde. Man muss sich auf sie einlassen, sich etwas Mühe mit ihr geben. Ich mag sie sehr, weil sie pfiffig ist, flink, frech, vorlaut, nicht berechnend. Sie will mit dem Kopf durch die Wand und lässt sich von Vorgesetzten und hohen Tieren nicht einschüchtern.

„Der Schneegänger“ – der Krimi, der im Januar 2015 im Goldmann Hardcover erscheint –, ist Sanela Bearas zweiter Fall. Womit hat sie es zu tun?

Die Leiche eines neunjährigen Jungen wird in einem Wald gefunden, vier Jahre, nachdem er entführt wurde. Die Mutter war vor dem Tod des Jungen als Hauswirtschafterin für ein reiches Ehepaar in Berlin-Grunewald tätig, inzwischen hat sie ihren früheren Arbeitgeber geheiratet. Kommissar Gehring will Sanela Beara hinzuziehen, weil sie, wie die Eltern des toten Jungen, aus Kroatien stammt: Er hofft, dass sie Zugang zu ihnen findet. Sie beginnt dann aber wieder, auf eigene Faust zu agieren.

Warum tut sie das?

Sie will verdeckt ermitteln, weil sie so mehr erfahren kann, und für die Familie als Hausmädchen arbeiten. Das tut sie auch, obwohl Gehring meint, dass das zu gefährlich ist. So findet sie dann aber heraus, dass das Familiengefüge komplett durcheinandergeraten ist, dass die Entführung und der Tod des kleinen Darijo der Höhepunkt und nicht erst der Auftakt einer Familientragödie waren – und je mehr sie herausfindet, desto gefährlicher wird es für sie.

Gibt es einen realen Fall, auf den Sie sich mit diesem Krimi beziehen?

Mir sind verschiedene Fälle durch den Kopf gegangen. Es wird ja immer wieder über vermisste Kinder berichtet, wie im Fall der kleinen Maddie, die in Portugal während eines Familienurlaubs verschwand. Oder die Entführung und Ermordung des Bankierssohns Jakob von Metzler. Und noch etwas hat mich beschäftigt: Der Rechtsmediziner Michael Tsokos, mit dem ich schon für Sanelas ersten Fall zusammengearbeitet habe, hat selbst mehrere Bücher veröffentlicht. Sein letztes heißt „Deutschland misshandelt seine Kinder“. In ihm berichtet er, warum er seiner Meinung nach so viele misshandelte, erschlagene, verhungerte Kinder auf seiner Bahre liegen hat. Das sind Mosaiksteine, die sich allmählich zu einer Buchidee verdichtet haben.


Eisiger Winter: Wölfe kommen nach Berlin

Im „Schneegänger“ spielen Wölfe eine Rolle – wie sind Sie darauf gekommen?

Ich finde sie faszinierend. Es sind Tiere, vor denen wir Urängste haben, denken Sie an den bösen Wolf im Märchen oder den Werwolf. Sie verkörpern für uns Wildheit, Ungezähmtheit, Gefahr. Das ist etwas, was ich in die Geschichte hineinweben wollte, etwas, das zum Winter gehört. Deshalb ist der Vater des verschwundenen Jungen Wildbiologe, der sich mit der Rückkehr dieser Tiere nach Brandenburg beschäftigt, und in meinem Krimi ist es dann eben der Winter der Wölfe: Sie überschreiten die Stadtgrenze nach Berlin, und das Wilde, das Gefährliche tritt in die Zivilisation ein.

Was haben Sie erfahren, als Sie über Wölfe recherchiert haben?

Je mehr man sich mit ihnen befasst, desto mehr muss man die gängigen Urteile über sie revidieren. Leitwölfe, Alphatiere gibt es zum Beispiel nicht in Freiheit. Das sind Rudelstrukturen, die nur in Gefangenschaft auftreten. In Freiheit sind Wölfe Tiere mit großem Familiensinn, die auch fremde Junge aufnehmen, ganz anders als Menschen, die Stief- oder Adoptivkinder oft ablehnen. Die wilde, die böse Natur erscheint zivilisierter als unsere Welt.


Vier Quadratmeter: Ein kleines Reich für ganze Krimi-Welten

Sie haben bis jetzt vier Vernau- und zwei Beara-Fälle geschrieben, einzelne Krimis, Jugendthriller und Drehbücher. Haben Sie eine bestimmte Schreibroutine entwickelt?

Ich wünschte, die würde sich langsam mal einstellen. Ich arbeite, wann immer ich Zeit habe oder zwischendurch auch mal gar nicht. Und wenn ich Abgabetermine habe, bin ich oft völlig fertig und schreibe Nächte durch.

Arbeiten Sie Zuhause?

Ja, ich habe eine Besenkammer von nicht ganz vier Quadratmetern zum Arbeitszimmer umgestaltet. Es gibt aber ein Fenster und einen kleinen Heizkörper, so dass ich auch im Winter dort sein kann.

Brauchen Sie Ruhe zum Schreiben?

Unbedingt! Und einen Internetanschluss, um schnell mal was googeln zu können. In Cafés oder in der Bahn kann ich nicht schreiben.

Sie waren als Journalistin viel unter Menschen, als Buchautorin sind Sie jetzt dagegen viel allein. Vermissen Sie etwas?

Ich vermisse meine Kollegen sehr: das Zusammensein, das Miteinanderreden, das Bemerktwerden. Wenn ich mir jetzt die Haare blau färben würde, würde das allenfalls meiner Tochter auffallen oder der Dame am Zeitungskiosk. Und wenn ich jemanden sehen will, muss ich mich erst verabreden.


Sehnsuchtsorte: vom Eismeer bis in die Südsee

Was tun Sie gern, wenn Sie Zeit haben?

Shopping mag ich sehr zur Entspannung, wobei ich viel schaue und wenig kaufe. Meine heimliche Leidenschaft sind Einrichtungsgeschäfte, in denen man stöbern kann. Früher habe ich für ganz wenig Geld meine Wohnung immer wieder neuausstaffiert, die Wände waren mal grün, mal rot, und manchmal versinke ich heute noch einen ganzen Nachmittag lang in Stoff- und Tapetenbüchern. Ich habe auch viele Flohmarktsachen, die ich nach und nach restauriere.

Sie haben noch ein anderes ungewöhnliches Hobby: Bogenschießen. Wie sind Sie dazu gekommen?

Über meine Tochter. Sie geht gern zu Mittelaltermärkten, auf denen oft Bogenschießen angeboten wird. Ich fand das toll, dann kamen „Die Tribute von Panem“ ins Kino, in denen die Heldin als einzige Waffe ihren Bogen hat, und ich wollte etwas mit meiner Tochter unternehmen: Zeit miteinander verbringen, etwas gemeinsam tun, worüber wir reden können, ohne aufeinander kleben zu müssen. So bin ich auf die Idee mit dem Bogenschießen gekommen. Wir machen das jetzt seit anderthalb Jahren in einem Sportverein und sind nicht wahnsinnig weit gekommen, aber es macht sehr viel Spaß.

Sie waren mit dem Filmteam in Havanna, und für den jüngsten Vernau-Band „Versunkene Gräber“ in Polen. Reisen Sie gern?

Ja – und als Autorin kann ich immer so tun, als ob ich recherchiere, während ich doch einfach nur chille! Ich wünsche mir, eines Tages eine Geschichte über einen Südseekommissar zu schreiben, um mal dorthin zu kommen.

Gibt es noch andere Sehnsuchtsorte, zu denen Sie aufbrechen wollen?

Vardø in Norwegen, das ist mitten im Eismeer, allerdings gern auf einem warmen Schiff, und zur Ile de Ré möchte ich gern noch mal, an die Kliffküste im Atlantik. Nord- und Südamerika reizen mich sehr. Dann gibt es noch einen Ort, den ich liebe: Glion sur Montreux mit dem alten Hotel Victoria. Das ist ein Schweizer Hotel mit viel „Zauberberg“-Atmosphäre. Man sitzt oben auf dem Berg und schaut runter auf den Genfer See. Ab und zu schaffe ich es, dort für ein oder zwei Nächte zu bleiben. Das ist nicht ganz preiswert, aber gut für die Seele!


Das Interview führte Sabine Schmidt.

Elisabeth Herrmann, Der Schneegänger. Kriminalroman. Goldmann Hardcover.
Erscheinungstermin: 26. Januar 2015