Eine wunderschöne Zeit an der Riviera

Die Farben des Südens, kristallklares Wasser und ein Sommer in San Remo, der zwei junge Frauen für immer zusammenschweißt ...

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Riviera - Der Traum vom Meer

Frankfurt 1922: Als Salome zum ersten Mal vom Meer hört, hat sie sofort wunderschöne Bilder von funkelnden Weiten vor Augen. Ihr Traum, einmal selbst im Meer zu schwimmen, wird wahr, als ihr Vater, der Besitzer eines Reisebureaus, den Tourismus im sonnigen Italien ausbauen will – und zwar nirgendwo sonst als in San Remo an der malerischen Riviera. Um dort Fuß zu fassen, kooperiert er mit dem Hotelier Renzo Barbera. Und nicht nur beruflich sind die Familien bald eng verbunden, denn Salome schließt Freundschaft mit Renzos Tochter Ornella. Doch dann wirft der erstarkende Faschismus erste Schatten auf das Paradies und erschwert weitere Reisen. Die Ereignisse überschlagen sich, als sich Ornella in den Sohn eines französischen Unternehmers verliebt, dem auch Salome näher kommt …

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Riviera - Der Weg in die Freiheit

Frankfurt, 1938: Für die Nazis gilt die Sehnsucht nach Italien als »urdeutscher Trieb«, und Reisen dorthin erfreuen sich weiter großer Beliebtheit. Salome nutzt die Trips nach Rom, die das Reisebüro ihres Vaters organisiert, um jüdischen Familien zur Ausreise aus Deutschland zu verhelfen. Als Mussolini diese nicht länger in seinem Land duldet, flieht sie mit ihnen über das Mittelmeer nach Frankreich. Auf einem ihrer waghalsigen Unternehmen begegnet sie Félix, und die Gefühle von einst sind wieder da. Als der Krieg aufflammt und die deutsche Wehrmacht Frankreich überrennt, wird die Lage für die jüdischen Emigranten immer prekärer – und Salome und Félix müssen sich zwischen Liebe und Widerstand entscheiden ...

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1922−1923

Erstes Kapitel


Salome war acht Jahre alt, als sie zum ersten Mal vom Meer hörte. Bis dahin kannte sie nur den Main, der ihre Heimatstadt Frankfurt teilte und der manchmal in der Sonne glitzerte, viel öfter aber schlammig grün war. Und sie kannte den Waldsee in Raunheim, wohin ihr Vater sie einmal mitgenommen hatte. Sein Reisebureau bot Ausflugsfahrten in den Taunus an, und er wollte prüfen, ob sich ein Abstecher zum See lohnte. Er hatte ihr versprochen, mit den bloßen Händen eine Forelle zu fangen, doch ehe sie das Wasser erreicht hatten, war er knöcheltief im schlammigen Ufer stecken geblieben, ausgerutscht und hingefallen.
»Wir wollen die Forellen leben lassen«, hatte er großmütig entschieden.
Dass es neben Flüssen und Seen, Bächen und Tümpeln ein Gewässer gab, dessen einzige Grenze der Himmel war, erzählte Salome lange Zeit niemand. Als es schließlich doch geschah, war sie nicht nur der frühen Kindheit entwachsen, zu diesem Zeitpunkt hatte sie ihre Großmutter bereits drei Mal umgebracht.

Tilda Sommer hatte die Erziehung des Mädchens übernommen, nachdem seine Mutter im Kindbett gestorben war, denn wenn er nicht gerade Forellen fangen wollte, war der Vater in seinem Reisebureau beschäftigt. Es oblag also ihrer Verantwortung, dass die Kleine nicht auf Abwege geriet und das häusliche Glück untergrub, und das verhinderte man am besten, wenn der Tag mit sinnvollen Tätigkeiten gefüllt war.
Eine dieser Tätigkeiten war das Klavierspiel, und das Mindeste, was Tilda verlangte, war, zwei Stunden täglich zu üben. Allerdings hielt sie sich meist schon nach zehn Minuten die Ohren zu, denn Salome versuchte keine bekannten Melodien nachzuspielen, sondern drückte auf die Tasten, um Töne zu erschaffen, als rieselte Tau über Grashalme oder hämmerten Zwerge in unterirdischen Höhlen an Waffen.
Eines Tages begnügte sich Tilda nicht mit dem drohenden »Du bringst mich noch ins Grab!« Sie seufzte nur und sagte: »Jetzt, genau jetzt geschieht’s!«
Ihre Finger, die ansonsten auf den Deckel des Klaviers klopften, um einen Rhythmus vorzugeben, verkrampften sich zur Faust. Mit dieser Faust schlug sie sich auf die Brust, dann sackte sie mit dem Oberkörper auf den Klavierkorpus. In dieser äußerst unbequemen Haltung verweilte sie nicht lange, nein, sie rutschte hinunter auf den Boden. Salome hatte gerade jene hohen Töne geklimpert, die eine Forelle machte, wenn sie durch türkisfarbenes Wasser schoss. Erst als auch die dunklen hinzukamen – eine dreckerstarrte Hand versuchte, die Forelle zu packen –, sah sie die Großmutter wie tot neben dem Klavier liegen.
Salome war erstaunt. Irgendwann hatte sie gehört, dass die Augen von Toten weit aufgerissen wären, die der Großmutter aber waren geschlossen. Was sie auch irgendwann gehört hatte, war, dass Augen augenblicklich die Farbe verloren. Ob sie ganz schwarz oder weiß wurden, wusste sie allerdings nicht. Sie kniete sich neben Tilda, versuchte, die Lider zurückzuziehen. Es stellte sich heraus, dass die Augen immer noch braun waren. Und es stellte sich ebenfalls heraus, dass Tilda Sommer noch lebte.
»Das ist ja die Höhe!«, schrie sie und fuhr hoch. »Anstatt vor Scham und Trauer zu vergehen, willst du mir die Augen ausstechen?«
Als der Vater am Abend aus dem Reisebureau zurückkehrte, erzählte die Großmutter ihm alles. Arthur Sommer war ein untersetzter Mann, dessen Bäuchlein immer größer war als die Kraft in den schlaffen Oberarmen, und der in Gegenwart seiner Mutter stets um einen halben Kopf kleiner zu werden schien. Es war seine größte Angst, ihren Ärger auf sich zu ziehen, und so lauschte er konzentriert, nickte dann und wann und stellte Nachfragen. Am Ende fiel ihm aber nur eine Lösung ein.
»Vielleicht sollte Salome nicht mehr Klavier spielen«, erklärte er, und Tilda verdrehte die immer noch heilen Augen.
Wenig später starb ihre Großmutter erneut. Zu diesem Zeitpunkt hatte Tilda beschlossen, sie jeden Tag zwei Stunden lang französische Vokabeln lernen zu lassen. Nicht nur, dass Salome die Worte nicht einfach nachsprach, sie sang sie! Und überdies machte sie gern Fantasienamen daraus. Aus dem Raben – le corbeau – wurde zum Beispiel ein Corbinian Petersilian. Dieses Mal beging Tilda nicht den Fehler, ihren Tod wortgewaltig anzukünden wie beim letzten Mal. Und sie war auch nicht so dumm, auf das harte Klavier zu sacken, um dann auf die nicht minder harten Eichendielen zu fallen. Unauffällig positionierte sie sich vor dem Kanapee, stieß ein letztes Ächzen aus und sank – mit dem Gesicht voran – auf den Brokatstoff.
»Elle est morte«, erklärte Salome.
Diesmal stellte sie keine Untersuchungen zur Augenfarbe an, etwas anderes war jedoch nicht minder interessant für sie. Seit sie denken konnte, hatte sie ihre Großmutter nie ohne die schwarze Witwenhaube auf dem Kopf gesehen. Salome hatte sich oft gefragt, ob die Haube mit dem Kopf verwachsen war, und nun hatte sie die Gelegenheit, das herauszufinden. Ganz vorsichtig zog sie daran – zumindest behauptete sie selbst das später. Als Tilda japsend von den Toten auferstand, warf sie ihr vor, sie habe ihr die Haare ausgerissen, anstatt sie zu betrauern.
Arthur Sommer lauschte den Klagen stirnrunzelnd und sorgenvoll seufzend. Am Ende war sein Vorschlag aber nur: »Vielleicht sollte sie nicht mehr Französisch lernen.«
Seine Mutter befolgte ihn nicht. Schließlich hatte Salome elle est morte – sie ist tot – grammatikalisch korrekt ausgesprochen, solch hoffnungsfrohe Ansätze wollte sie nicht im Keim ersticken. Es dauerte ein paar Wochen, bis die härteste aller Erziehungsmaßnahmen weiteren Einsatz fand, weil Salome einmal mehr etwas unaussprechlich Schreckliches getan hatte.
An diesem Tag waren sie in einer der vielen Alleen im Westend spazieren gegangen, und ausnahmsweise hatte Tilda Salome erlaubt, Kastanien zu sammeln. Mit deren Stängeln – gewaschen, zurechtgeschnitten und mit Wachs überzogen – verzierte man nämlich Marzipanobst. Das Problem war nur, dass Salome in das, was eine Birne darstellen sollte, nicht nur einen Stängel steckte, sondern deren viele, sodass das Stück Marzipan am Ende einem Igel glich. Der Pflaume gab sie gar ein Gesicht, und zwar eines mit weit geöffnetem Mund, und den Apfel schmückte sie so, dass er Ähnlichkeiten mit einer Schildkröte hatte.
»Mit Essen spielt man nicht!«, sagte Tilda streng.
Salome blickte sie aus ihren haselnussbraunen Augen eindringlich an. »Die Kastanienstängel dienen nur der Dekoration, man isst sie ja nicht.«
»Seiner Großmutter widerspricht man nicht!«, rügte Tilda. »Du solltest dankbar sein, dass du so etwas wie Marzipan naschen darfst. Als du geboren wurdest, herrschte Krieg, und damit du genügend Milch bekommen konntest, habe ich mir jeden Bissen vom Mund abgespart. Wochenlang habe ich nichts als Pferdefleisch und Steckrüben gegessen.«
Salome ergriff wortlos ein weiteres Marzipanstück. Eigentlich hätte dieses zu Weintrauben geformt werden sollen, doch sie machte ein Pferd daraus – wobei der Schweif so groß war wie ein fünftes Bein.
Mit dem Marzipanpferd hatte sie die Großmutter versöhnlich stimmen wollen, doch jene war überzeugt, dass sie üblen Spott mit ihr trieb. Und weil sie sicher war, dass kein Tadel reichen würde, blieb ihr nichts anderes übrig, als vom Küchenstuhl auf den Boden zu fallen und dort reglos liegen zu bleiben. Leider bestand der Küchenboden aus Stein, war also nicht nur hart, auch kalt, aber Strafe musste sein. Wenn das Mädchen ordentlich erschrak, würde es künftig genauer darüber nachdenken, was es tat und sagte.
Salome erschrak nicht. Sie hatte gelernt, dass ihre Großmutter regelmäßig wieder zum Leben erwachte, wenn man nur lange genug wartete. Und sie hatte auch gelernt, dass man sie in dieser Zeit besser nicht anfasste. Sie formte für das Marzipanpferd noch ein Marzipanfohlen, war allerdings noch nicht bei dessen drittem Bein angekommen, als die Küchentür geöffnet wurde.
»Was ist passiert?«, vernahm sie eine weibliche Stimme. Nein, die Frau, die ihren Kopf durch den Türspalt steckte und die noch sehr jung zu sein schien, höchstens zwanzig Jahre alt, fragte eigentlich: »Was ist passierrrrrt?«
Und genau genommen steckte sie nicht den Kopf durch den Türspalt, nur Unmengen ihrer schwarzen Locken. Sie waren viel kleiner als jene weichen Wellen, in denen Salomes rotbraunes Haar über ihre Schultern fiel, und man sah unter ihnen kaum die Augen. Die Frau war Paola und lebte seit Kurzem in dem kleinen Mansardenzimmer, das zur Sommer’schen Wohnung gehörte, zur Untermiete.
Salome steckte das vierte Bein des Fohlens in ihren Mund. »Meine Großmutter ist gestorben«, flüsterte sie.
Paolas Gesicht, dessen olivfarbener Hautton eigentlich viel dunkler als Salomes alabasterner war, wurde bleich. Und man konnte nun doch die Augen erkennen. Sie waren schwarz und weiteten sich, als sie rief: »Madonna mia!«
»Ach, sie ist schon zum dritten Mal gestorben, ich denke, sie kommt bald wieder zu sich.«
Tilda rührte sich kein Jota, weswegen Paola scheu näher trat. »Vielleicht ist sie nicht gestorben, vielleicht ist sie nur ohnmächtig geworden. Habt ihr etwas Riechsalz?«
Salome zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht einmal, was das ist.«
Paola zuckte ebenfalls mit den Schultern. »Wenn ich es recht im Kopf habe, ist es eigentlich Hirschhornsalz, das gewonnen wird, indem man das Geweih eines Hirsches zu einem feinen Pulver reibt.«
Salome überlegte, aus welchem Marzipanstück sie einen Hirsch mit riesigem Geweih formen konnte, aber das musste warten. »Hirschhornsalz haben wir nicht, nur richtiges Salz«, erklärte sie und führte Paola zum Küchenschrank, in dem etliche weiße Keramikgefäße nebeneinander aufgereiht standen. Sie waren mit goldenen Lettern beschriftet, die – auf Französisch, nicht auf Deutsch – verrieten, was sich darin befand.
»Das muss es sein«, erklärte Salome und deutete auf das Gefäß mit der Bezeichnung SEL.
Paola nahm es an sich und starrte etwas ratlos darauf. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir es mit Wasser mischen und sie nass spritzen oder ihr das Salz ganz schlicht und ergreifend unter die Nase halten sollen.«
Schließlich trat sie entschlossen zur Großmutter, kniete sich neben sie, öffnete den Behälter.
Tilda Sommer fuhr hoch. »Seid ihr verrückt geworden! Ihr wolltet mir tatsächlich Grieß ins Gesicht schütten?«
»Warum denn Grieß?«, fragte Paola verdutzt.
»Es steht doch SEL darauf«, kam Salome ihr zu Hilfe.
Tilda schüttelte den Kopf, worauf es in ihrem Nacken knackste. Sie rappelte sich mühsam auf, worauf es nun auch im Rücken knackste. Immerhin schaffte sie es, drohend den Zeigefinger zu heben, ohne dass sich die morschen Knochen meldeten. Sie deutete erst in Salomes, dann in Paolas Richtung.
»Ich habe Salz und Grieß ausgetauscht. Wenn sich der Grieß im Salzbehälter befindet, lassen ihn die Küchenschaben in Ruhe.«
»Die Küchenschaben können lesen?«, fragte Paola erstaunt.
»Und sie verstehen Französisch?«, fügte Salome hinzu.
»Nun«, Tilda hatte keine Lust, sich über die sprachlichen Fähigkeiten von Küchenschaben auszulassen, »Sie, werte junge Dame, können anscheinend nicht lesen. In Ihrem Mietvertrag steht, dass Sie stets im Mansardenzimmer zu verbleiben und sich nicht hier unten blicken zu lassen haben.«
»Hätte ich Sie denn einfach tot liegen lassen sollen?«, gab Paola zurück, und in ihren dunklen Augen blitzte es.
Tilda ließ den Zeigefinger sinken, aber nur, weil sie sich aufstützen musste.
»In meiner Küche haben Sie jedenfalls nichts verloren. Salome, begleite sie wieder nach oben!«
Salome verließ die Küche nur allzu gern, allerdings nicht ohne ein paar Marzipanfiguren einzustecken. Auf der Treppe, die hoch zum Mansardenzimmer führte, setzten sie und Paola sich und verspeisten sie.
»Wie es sich wohl anfühlt, wenn man wirklich tot ist?«, fragte Salome und gab sich selbst die Antwort: »Ich glaube, sobald man im Sarg ganz tief unter der Erde liegt, kommen Tiere, gegen die die Küchenschaben noch harmlos sind, um den Körper langsam aufzufressen. Man … Man spürt jeden Bissen.« Zumindest war das das Schicksal, das Tilda den unartigen Kindern zugedachte.
»Madonna mia!«, rief Paola erneut. »Was ist das für ein Unsinn. Zu sterben fühlt sich an, als würde man im Meer treiben, ganz weit draußen und am Abend, wenn die Fluten einen roten Schimmer angenommen haben. Das Wasser ist gar nicht kalt, es ist warm und weich, während man langsam untergeht.«
Salome blickte sie verwirrt an. »Was ist denn das Meer?«
»Du kennst das Meer nicht?« Paola lachte rau, stieß dann noch einige Male Madonna mia! aus, erklärte schließlich, dass sie aus Italien stamme, einem Land, das fast nur von diesem Meer umgeben und in dem fast immer Sommer sei. Das Meer sei ein Gewässer, das keinen Anfang und kein Ende habe und an manchen Stellen so tief sei, dass kein Mensch je dorthin vorgedrungen war.
Salome kaute am Marzipan und lauschte interessiert. Richtig vorstellen konnte sie sich das Meer nicht.

Dass Paola seit mittlerweile zwei Monaten in der Mansarde lebte, blieb für Tilda Sommer ein Ärgernis. »Wenn die Zeiten bloß nicht so schlimm wären!«, rief sie oft.
»Sind sie etwa schlimmer als die Zeiten, da es nur Pferdefleisch und Steckrüben zu essen gab?«, fragte Salome, als sie sie einmal mehr klagen hörte.
Tilda blickte sie lange an, überlegte, ob sich hinter diesen Worten eine wie auch immer geartete Beleidigung verbarg, winkte sie dann mitzukommen. Aus der gläsernen Vitrine holte sie einen Porzellanteller mit goldenem Rand, auf dem sich das lorbeerumkränzte Konterfei eines bärtigen Mannes in Uniform befand. Der Bart wirkte ziemlich spitz, ob sich der Löffel wohl daran stach, wenn man eine Suppe aß?
Tilda Sommer sprach nicht von Suppen. »Es war ein Opfer für Kaiser und Vaterland, dass ich jahrelang darbte, und dieses Opfer habe ich gern erbracht. Jetzt aber haben wir keinen Kaiser mehr, und deswegen schützt uns keiner vor unserem Bürgermeister. Der ist der Meinung, dass in Frankfurt Wohnungsnot herrscht und leerstehende Mansardenzimmer und Kellerräume vermietet werden müssen. Gottlob ist unser Mansardenzimmer so klein, dass uns eine ganze Familie mit greinenden Bälgern erspart bleibt. Dass hingegen in unserem feinen Wohnviertel Pack Einzug erhält, können wir nicht verhindern.« Sie hauchte auf den Teller, polierte ihn, bis er glänzte, fügte raunend hinzu: »Es gibt ein Gerücht, wonach alle Menschen, die auf ein Mansardenzimmer angewiesen sind, schon mindestens einmal im Zuchthaus gesessen haben. Und für Menschen aus Italien gilt das sowieso.«
Alles, was Salome bisher über Italien gehört hatte, hatte rein gar nichts mit ihren Vorstellungen von einem Zuchthaus gemein. Sie wartete, bis ihre Großmutter den Teller wieder weggestellt und sich mitsamt Spitzenhäubchen auf dem Kopf zum Mittagsschlaf gebettet hatte, dann schlich sie hoch ins Mansardenzimmer.
Der Raum war nicht hoch genug, als dass ein groß gewachsener Mann hätte aufrecht stehen können, bot jedoch nicht nur Platz für ein Bett, auch für ein weiteres Möbelstück – jenes Kanapee, auf das Tilda Sommer, als sie zum zweiten Mal gestorben war, gesunken und dessen vierter Fuß gebrochen war. Für Paola reichten drei heile Füße, unter den fehlenden vierten hatte sie einen Blumentopf geschoben, an dem noch ein paar verwelkte Blätter einer Zimmerpalme hafteten. So gut wie kein Licht drang in den Raum, denn das winzige ovale Fenster war mit Zeitungspapier zugeklebt – und zwar sehr altem, wie die Schlagzeilen verrieten: Der Kaiser hat abgedankt. Thronverzicht des Thronfolgers. Ebert wird Reichskanzler.
Kaum ein Fleckchen Boden war nicht mit Kleidern, Schuhen und Haarbändern bedeckt, und sämtliche Bilderrahmen, in denen im Übrigen keine Bilder hingen, waren verstaubt. Wo Reinlichkeit fehlt, da fehlt alle Anmut, Lieblichkeit und Wärme, sagte Tilda stets seufzend. Salome fand es dagegen recht gemütlich. Nachdem Paola sie lächelnd in den Raum gewinkt hatte, setzte sie sich neben sie auf das Kanapee, das nur ein wenig knarrte, nicht zusammenbrach.
Paola hielt sich eine Glasscheibe vors Gesicht, die sie als Spiegel nutzte, und schminkte sich. Die Tiegelchen und Döschen lagen auf dem ungemachten Bett verstreut, einige waren umgefallen, hatten bunte Flecken verursacht. Für eine derartige Untat würde Tilda wohl keine Worte finden, die Tatsache, dass eine Frau sich Farbe ins Gesicht schmierte, würde sie gar als gefährlich werten, hatten doch Schönheitsmittel aller Art die Zerstörung der Gesundheit zur Folge. Paola machte allerdings nicht den Eindruck, dass sie krank war. Ihr Gesicht nahm zwar mehr und mehr Ähnlichkeit mit dem befleckten Bett an, aber Salome fand sie wunderschön. Derart versunken in ihren Anblick versäumte sie die Frage zu stellen, wegen der sie hergekommen war, sodass Paola irgendwann hochblickte, sie von der Seite musterte und fragte: »Willst du auch etwas Rouge auftragen?«
»Ich?«, rief Salome erstaunt.
»Bist du nicht deswegen gekommen?«
Salome schüttelte den Kopf, nahm allen Mut zusammen, stieß endlich hervor: »Ich wollte wissen, wie es im Zuchthaus war.«
Paola zog gerade mit einem schwarzen Stift die rechte Augenbraue nach. Ihre Hand zitterte nicht, obwohl sie den Mund sehr weit aufriss, um zu erklären: »Grrrauenhaft.« Während sie die andere Braue nachzog, schilderte sie die schrecklichen Arbeiten, die sie im Zuchthaus hatte verrichten müssen. »Ich musste Abfälle sortieren. Mit den Kartoffelschalen und Apfelschalen wurde das Vieh gefüttert, die Eierschalen bekamen die Hühner zu fressen, und mit den abgenagten Knochen wurden Felder gedüngt.«
»Hühner fressen ganze Eierschalen?«, fragte Salome.
»Nein, eben nicht! Man muss sie mit einem Mörser mahlen, bis nur mehr Staub bleibt, und den mischt man später unters Futter. Und natürlich werden nicht ganze Knochen auf den Feldern verstreut, auch diese werden kleingerieben. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?«
Salome zuckte die Schultern. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das die Arbeit ist, die man in einem Zuchthaus zu tun hat.«
»Das stimmt«, gab Paola unumwunden zu.
Während sie sich den Mund mit einem dunklen Himbeerrot ausmalte, verriet sie, dass sie noch nie in ihrem Leben im Zuchthaus gewesen sei, jedoch eine Zeit lang als Dienstmagd gearbeitet habe. Ihre Herrschaften seien schlimmer als jeder Kerkermeister gewesen.
»Du hast dich gewiss zurück nach Italien gesehnt«, murmelte Salome.
Paola ließ den Lippenstift sinken. »Mein Vater stammte von dort, ich selbst war noch nie in Italien.«
»Das heißt, du hast auch noch nie das Meer gesehen?«
»Ich habe es zumindest gefühlt. Mein Vater war ein Zauberer, musst du wissen. Er kannte einen Trick, mit dem er jeden Menschen glauben machen konnte, er blicke auf das Meer, atme die frische Brise ein, fühle die warme Sonne auf der nackten Haut. Ich erzähle dir irgendwann mehr davon, aber jetzt solltest du gehen. Hör doch, deine Großmutter ruft nach dir, und wir wollen ihr nicht zumuten hochzukommen. Nicht dass sie uns wieder stirbt.«
Paola zwinkerte Salome verschwörerisch zu, was dazu führte, dass die Schminke verwischte. Salome fand sie immer noch schön. Paolas Gesicht verhieß das Gleiche wie das unaufgeräumte Zimmer – dass sie nie wieder an Langeweile leiden würde, wenn ihre Großmutter ihren Mittagsschlaf hielt.
Auch über diese Stunde hinaus wurde es bald ein Leichtes, regelmäßig mit Paola zu plaudern. Nachdem sie vier Monate bei Familie Sommer gelebt hatte, kam Tilda eine Idee, wie sie die Schande, eine Untermieterin zu haben, ausmerzen konnte – indem sie besagte Untermieterin nämlich nicht verjagte, sie jedoch zum Hausmädchen machte. Schließlich war es immer schwieriger geworden, den Bekannten und Nachbarn zu verschweigen, dass das bisherige gekündigt hatte, weil es keinen Lohn mehr bekommen hatte. Paola musste man keinen Lohn zahlen, ihr nur die Miete erlassen.
»Dafür komme ich aber nur jeden vierten Tag«, hatte Paola verkündet, was Tilda zähneknirschend akzeptierte, obwohl Paola ihr – wie übrigens auch Salome – die Antwort schuldig blieb, was sie die übrigen drei Tage machte.
Das Erste, was Paola als Hausmädchen zu machen hatte, war, den Inhalt sämtlicher Porzellanbehälter umzufüllen: Reis sollte sie mit Mehl tauschen, Zimt mit Pfeffer und Milchpulver mit Grieß. Salome saß auf dem Boden, wohin jede Menge Mehl und Milchpulver und Zimt rieselten, und malte Blumen in den Staub.
»Ich finde, wir sollten die Küchenschaben noch mehr verwirren«, erklärte Paola, »und da sie bereits Französisch verstehen, habe ich mir überlegt, ihnen auch Italienisch beizubringen.«
Die Küchenschaben verstanden das offenbar als Drohung, sie ließen sich nicht blicken. Allerdings wollte Salome ebenso gern Italienisch lernen, und während Paola den Boden aufwischte – nicht gründlich genug, wie Tilda später tadelnd feststellte –, brachte sie ihr die ersten Brocken bei.
Vier Tage später folgte die nächste Lektion. »Il mago«, ließ sie Salome nachsprechen.
»Was heißt das?«
»Das heißt Zauberer, ich habe dir doch erzählt, dass mein Vater ein Zauberer war und einen ganz besonderen Trick kannte.«
Salome wollte gern mehr über diesen Trick erfahren, doch vorerst lag ihr eine andere Frage auf den Lippen. »Hat dein Vater denn am Meer gelebt?«
Paola schüttelte den Kopf, und Salome erfuhr zu ihrer Überraschung, dass es in Italien doch nicht nur das Meer und die Sonne gab, sondern zudem die weite Po-Ebene, wo ständig Mücken surrten, aber auch viel Getreide wuchs, was bedeutete, dass die Menschen immer reicher und die Mücken immer dicker wurden. Und dann waren da weitere Gegenden, in die sich keine Mücken wagten und wo leider kein Getreide wuchs, was bedeutete, dass die Menschen dort immer ärmer wurden. Die Orte trugen zwar liebliche Namen wie Belluno oder Tarvisio, waren aber von vielen schroffen Bergen umgeben, durch die keine Straßen führten, nur alte Ziegenpfade, und in deren Tälern keine Städte errichtet worden waren, nur unscheinbare Hütten. Die Menschen schliefen darin auf Betten aus Reisig, nicht auf Matratzen, trugen kratzige Kleidung aus selbst gesponnener Schafwolle und aßen nur Polenta.
»Das heißt, manchmal aßen sie etwas anderes. Sie kannten schließlich das geheimnisvolle Rezept, von dem ich dir erzählt habe.«
»Ich dachte, dein Vater kannte einen Trick.«
Paola füllte auf Tildas Befehl hin gerade das nächste Porzellangefäß um, wieder staubte es auf den Boden, wieder malte Salome Blumenmuster hinein. Paola überlegte eine Weile, sprach dann davon, dass viele Menschen die Dörfer verlassen hatten – einige, um in den reichen Po-Ebenen zu schuften, was allerdings bedeutete, dass ihre Rücken von Mücken zerstochen wurden, andere, wie der Vetter ihres Vaters, um nach Argentinien auszuwandern, wo es auch Mücken gab, der Wind aber so stark wehte, dass sie sich nicht in Ruhe auf Menschen- und Tierleiber niederlassen konnten. Ihren Vater wiederum hatte es nach Hamburg verschlagen. Paola sagte nicht Hamburg, sie sagte Amburgo, und wie alle Orte, die sie erwähnte, klang es wie der Name eines Zauberlandes. »Dort hat er mithilfe der geheimnisvollen Rezeptur Träume zubereitet«, fuhr Paola fort.
Salome kannte nur das Rezept von Bethmännchen. Für diese brauchte man Mandeln, Rosenwasser, Eigelb und Puderzucker. Träume hatten aber wohl eine andere Konsistenz, Träume waren schließlich ganz leicht und konnten fliegen.
»Hat er ein Soufflé gebacken?«, fragte sie.
Paola lachte. »So etwas Ähnliches. Die Träume meines Vaters gab es in allen möglichen Farben, in Grün und Rot und Blau und Braun. Allen gemein war, dass sie süß waren. Und da so viele Menschen von den Träumen kosten wollten, gestatteten sie Italienern wie meinem Vater, ohne Visum nach Hamburg zu reisen und dort zu bleiben.«
Salome dachte fieberhaft nach. »Sahen die Träume etwa wie Bonbons aus?«
»Hm.« Paola wiegte den Kopf. »Mit Bonbons hatten die Träume meines Vaters zumindest gemein, dass sie in großen kupfernen Kesseln zubereitet wurden. Jeden Morgen rührte er zwischen sechs und neun Uhr die Zutaten zusammen.«
»Und dann wurden sie gebacken?«
»Madonna mia, Träume dürfen doch nicht warm werden! Nein, er füllte sie in zylinderförmige gekühlte Metallbehälter und zog diese mit einem Kastenwagen durch die Straßen. Der Kastenwagen wurde von einem purpurroten Baldachin überragt, und an ihm war eine Drehorgel befestigt, die immer dieselbe Melodie spielte.«
»Welche Melodie?«
»Nun, die Marcia Reale, die Hymne der Italiener, die sie glauben machen sollte, sie wären ein Volk, obwohl die Menschen in der Po-Ebene so reich sind und die Menschen in den Bergen so bitterarm.« Paolas Stimme nahm einen bitteren Klang an, aber das Lächeln blieb süß, als sie fortfuhr: »Viva il Re! Viva il Re! Viva il Re!«, spielte die Drehorgel, aber die Hamburger verstanden das natürlich nicht. Viele verstanden auch nicht, dass es Träume waren, die mein Vater verkaufte. Sie behaupteten, seine Ware schmecke widerlich, Männer wie er würden die guten Sitten und seine Träume die Gesundheit ruinieren, erst recht, wenn man sie auf leerem Magen genieße. Es wurde sogar verboten, die Träume an Kinder unter vierzehn Jahren zu verkaufen, waren sie angeblich doch ebenso schädlich wie Zigaretten und Schnaps. Was für ein Unsinn. Von den Träumen meines Vaters wurde man nicht krank! Wenn sie langsam auf der Zunge schmolzen, wusste man, was das Meer ist, auch wenn man es nie gesehen hatte, und es glitzerte im hellsten Türkis, selbst wenn der Tag noch so grau war.« Paola schmatzte genießerisch, schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, schimmerten Tränen darin. »Gewiss, im Winter konnte mein Vater die Träume nicht verkaufen, im Winter röstete er in den Kupferbehältern Kastanien und verkaufte sie zur Marcia Reale. Auch diese waren köstlich, nur nicht ganz so süß und erst recht nicht so bunt. Sie brachten die Menschen nicht dazu, vom Meer zu träumen, wie es das gelato tat.«
»Gelato?«
»Das heißt … Speiseeis. Mein Vater war Eisverkäufer.«
Dieses italienische Wort blieb nicht das letzte, das Salome lernte. Paola brachte ihr auch das Wort für Krieg bei, guerra. »Obwohl es schön klingt, verheißt es etwas Grässliches«, sagte sie kummervoll.
Nach diesem Krieg wurden die Italiener nämlich als Verräter bezeichnet, was ihren Vater nicht nur gegrämt, nein, ihn am Ende ins muore mai, ins Land, in dem man niemals starb, getrieben habe.
»Wo befindet sich dieses Land?«, fragte Salome.
»Keine Ahnung. Ein Märchen, das mir mein Vater oft erzählt hat, handelt jedenfalls davon.«
»Und wie sieht es dort aus?«
»Keine Ahnung«, sagte Paola wieder. »Wahrscheinlich wie im Knoblauchwald, der in einem anderen Märchen vorkommt. Der Knoblauch treibt dort Tausende weißer Blüten. Und im muore mai schwimmen wohl Tausende von diesen weißen Blütenblättern auf dem Meer. Mein Vater … Mein Vater wurde eine davon.«
»Er ist also gestorben«, stellte Salome fest.
Paola nickte nur, wischte sich die Tränen ab, verrieb auf diese Weise einmal mehr ihre Schminke.
»Meine Mutter ist auch tot«, sagte Salome leise. »Willst du … Willst du meine Mutter sein?«
»Madonna mia!«, rief Paola nun wieder mit fester Stimme. »Ich bin doch nicht alt genug, um deine Mutter zu sein.« Als sie sah, dass Salomes Unterlippe zu zittern begann, fügte sie allerdings schnell hinzu: »Nein, deine Mutter werde ich nicht sein, aber so etwas wie eine sorella
Sorella, erfuhr Salome, hieß Schwester.

Julia Kröhn
© Feinkorn Photography Gaby Gerster

Die Autorin Julia Kröhn

Die große Leidenschaft von Julia Kröhn ist nicht nur das Erzählen von Geschichten, sondern die Beschäftigung mit der Geschichte: Die studierte Historikerin veröffentlichte – manchmal auch unter Pseudonym – bislang über dreißig großteils historische Romane. Mit »Das Modehaus« wagt sie den Sprung vom Mittelalter ins 20. Jahrhundert – und hat dabei einen Heimvorteil: Seit 2001 lebt die gebürtige Österreicherin in Frankfurt am Main, dem Schauplatz des Romans.

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