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1. Kapitel
Die Toiletten im Keller des Kinos waren leer. Die weißen Keramikwaschbecken waren getrocknet, und die Kabinentüren standen offen. Früher an diesem Abend hatten die Frauen hier noch Schlange gestanden, und dementsprechend sah es jetzt aus: Die Mülleimer randvoll mit zerknüllten Papierhandtüchern, auch auf dem Boden lagen welche. Überall standen leere Colapappbecher herum, und der Inhalt einer Tüte Popcorn war über den ganzen Boden verteilt, größtenteils von ungeduldigen Füßen platt getreten.
Stella ging davon aus, dass es bei den Männern nicht anders aussah, und war froh, hier nicht putzen zu müssen. Heute war es wirklich schlimm, nach zwei ausverkauften Filmen und zwei weiteren halbwegs gut besuchten. Es hatte ein riesen Gedränge an der Snackbar gegeben, sowohl vor Filmbeginn als auch in der Pause. Die Popcornmaschine war gar nicht hinterhergekommen, obwohl sie auf Vorrat produziert hatten, und die Cola Light war zu allem Überfluss auch noch ausgegangen. Es war Stella extrem schwergefallen, nicht pampig zu reagieren, als die Gäste ihren Ärger an ihr ausließen. Als wäre sie für den Einkauf oder das Vorratsmanagement verantwortlich. In der Tür zögerte Stella kurz. Auf einmal war ihr bewusst, dass sie ganz allein im Keller war. Ganz allein im Gebäude.
Das Dröhnen der Soundsysteme in den Kinosälen war verstummt, und auch das Geplauder der anderen Mädchen. Sie hatte ihnen angeboten, den Rest allein zu machen, damit sie ihren Bus erwischten. Durch die Glasscheibe am Eingang hatte sie zugesehen, wie die anderen im Schneegestöber verschwanden. Und es schlagartig bereut, so nett gewesen zu sein. Klar, sie hatte das nicht aus reiner Nettigkeit getan, sondern auch ein bisschen vor den anderen prahlen wollen. Ihnen unter die Nase reiben wollen, dass sie einen Freund hatte. Mit Auto. Im Gegensatz zu ihnen war sie auf keinen nervigen Bus angewiesen.
Stella musste auf einmal an den Snap denken, den sie kurz nach der Pause erhalten hatte. Sie hatte keine Ahnung, wer der Absender war, hatte ihn nie geadded. Sie musste endlich mal einstellen, dass Unbekannte ihr keine Nachrichten mehr schicken konnten, jetzt, wo auch die Erwachsenen diese App entdeckt hatten. Erst hatten sie Facebook kaputt gemacht, und jetzt rissen sie auch noch Snapchat an sich. Wahrscheinlich kam die Nachricht von irgendeiner Freundin ihrer Mutter oder einer entfernten Verwandten, an die sie sich nicht erinnerte. Zumindest sagte ihr der Nutzername nichts: Bara13. Aber vielleicht war damit ja auch gar nicht der Frauenname Bára gemeint, sondern es steckte irgendein Kind dahinter, gerade dreizehn geworden. Das würde zumindest die bescheuerte Nachricht erklären.
Der Snap war ein Foto von ihr, hier im Kino aufgenommen, wie sie in der Pause eine Tüte Popcorn über die Theke reicht. Ein total unvorteilhaftes Bild, auf dem sie das Gesicht verzieht und auch sonst irgendwie dämlich aussieht. Keine Pose, kein Lächeln. Über das Foto hatte der Absender oder die Absenderin einen kurzen Text geschrieben, der genauso merkwürdig war wie das Foto: Wir sehen uns. Was auch immer das sollte. Die Person war offenbar im Kino gewesen, ohne sich zu outen. Vielleicht irgendein Typ, der sich dann doch nicht getraut hatte, sich an sie ranzumachen. Glück gehabt – für ihn, denn auf so etwas hatte sie überhaupt keinen Bock. Sie hatte kein Interesse daran, irgendwelche Nervensägen kennenzulernen, denn nur Nervensägen schickten einem so einen Mist.
Hinter Stella fiel die Toilettentür zu. Der Dämpfer war kaputt, daher schloss sich die Tür erst langsam, fiel dann aber plötzlich laut zu. Der Knall schallte durch den gefliesten Raum und hallte noch in ihren Ohren nach, als er schon längst wieder verklungen war. Das Geräusch machte ihr die Stille und die Tatsache, dass sie ganz allein war, noch einmal bewusst. Auch wenn sie sich oben nicht viel besser gefühlt hätte, war es hier unten im Keller noch deutlich schlimmer, dabei lag er nur ein paar Treppenstufen unter dem Hauptgeschoss. Oben konnte man wenigstens nach draußen gucken, auch wenn man bei dem Schnee sicher sowieso fast nichts sah. Wahrscheinlich hatte das Wetter all die Leute ins Kino getrieben, denn die Filme waren eigentlich gar nicht so toll; Stella hatte sie alle gesehen. Aber wenigstens ließen sie einen für eine Weile den fiesen Wind und Schnee vergessen.
Doch das eklige Wetter draußen war trotzdem immer noch besser als ein verlassenes Kino. Stella konnte es kaum erwarten, hier rauszukommen und zu Höddi ins Auto zu steigen. Das war zwar eine absolute Schrottkiste mit kaputter Heizung, aber immer noch besser als der Bus. Ein bisschen wie bei Höddi: Er war kein Traumprinz, aber das war immer noch besser als Single zu sein. Er würde so lange genügen, bis sie einen Besseren gefunden hatte. Einen Gutaussehenden mit coolem Auto, um den ihre Freundinnen sie beneiden würden. So einen Freund wollte sie haben. Nicht einen wie Höddi, bei dem man immer aufpassen musste, dass er auf den Fotos, die man posten wollte, nicht drauf war.
(…)
Stella ließ die Hose runter und pinkelte, ohne die Brille zu berühren. Wer wusste schon, welche Bakterien die Kinogäste hinterlassen hatten. Sie hatte nicht vor, sich hier irgendeine fiese Geschlechtskrankheit einzufangen. Auf keinen Fall. Wenn sich so etwas herumsprach, blieb das ewig an einem hängen.
Durch das Plätschern in der Kloschüssel hörte sie, dass die Toilettentür aufging. Ihr Hals schnürte sich zu, und alle Härchen auf ihren nackten Beinen stellten sich auf. Wer zur Hölle konnte das sein? War eines der Mädchen noch mal zurückgekommen? Aber wie sollte das gehen, durch die geschlossene Eingangstür? Oder hatten sie die Tür gar nicht richtig zugemacht? Wieder musste sie an den Snap denken. Das war doch wohl nicht Bara13? Ein lauter Knall – die Tür war wieder zu. Stella hielt den Atem an und lauschte, ob jemand im Raum war. Vielleicht war das nur der Mann vom Sicherheitsdienst gewesen, der heute früher dran war und alle Räume kontrollieren musste? Doch knarzende Schuhsohlen machten jegliche Hoffnung zunichte. Sie war nicht mehr allein.
Aus dem Strahl waren einzelne Tröpfchen geworden, die im Takt mit den Schritten des unbekannten Toilettenbesuchers fielen. Toilettenbesucherin. Es musste eine Frau sein. Was sollte ein Mann so spät auf der Damentoilette eines verlassenen Kinos? Es war ja nicht so, dass die Männerklos alle besetzt wären. Stella spielte mit dem Gedanken zu fragen, wer da ist, entschied sich aber dagegen. Sie streckte die Hand nach dem Klopapier aus und riss so leise wie möglich ein Stück ab. Sie richtete sich auf und zog die Hose hoch. Danach ging es ihr etwas besser, sie fühlte sich zumindest nicht mehr ganz so schutzlos. Doch dieses Gefühl währte nur kurz.
Unter der Tür tauchten zwei Schuhspitzen auf, blieben genau vor ihrer Kabine stehen. Sie mussten zu Stiefeln gehören, der Breite nach Männerstiefel. Stella erstickte einen Schrei in ihren Händen. Warum stand da jemand? Die Füße rührten sich nicht, der Unbekannte stand dort wie vor einer Haustür, an der er klingeln wollte. Und tatsächlich schlug er im nächsten Augenblick mit aller Kraft gegen die Tür. Stella starrte sie an wie einen riesigen Bildschirm, auf dem jeden Moment eine Erklärung für all das erscheinen würde.

Ihr Handy piepte, und sie zog es wie in Trance aus der Tasche. Am liebsten hätte sie es weggeschleudert, als sie sah, dass es ein weiterer Snap von Bara13 war. Doch wie automatisch wischten ihre Finger über das Display, und die Nachricht öffnete sich: ein Foto von einer verschlossenen Toilettentür. Sie unterdrückte einen Schrei. Das konnte nur diese Tür sein, zwischen ihr und dem Absender. Diesmal hatte er keinen Text hinzugefügt.
Wieder hämmerte es kräftig an die Tür. Stella wich zurück. Dabei stießen ihre Beine an den harten Rand der Toilette, und sie ging leicht in die Knie. »Wer ist da?« Keine Antwort. Diese Frage war ihr rausgerutscht, ohne dass sie darüber nachgedacht hatte. Ihre Stimme klang zittrig und ängstlich, was völlig untypisch für sie war. Normalerweise gab sie in der Gruppe den Ton an. War stark. Selbstbewusst. Nahm keine Rücksicht auf die Mäuschen, die so klangen wie sie jetzt.
Jetzt wurde so fest gegen die Tür geschlagen, dass sie wackelte. Panisch blickte Stella auf die lächerliche Verriegelung, die nicht lange standhalten würde. Ihre Gedanken spielten verrückt, während sie nach etwas suchte, das sie retten konnte, aber natürlich fand sie nichts. Eine Rolle Klopapier und die Halterung. Ein Plastikmülleimer mit Deckel. Die Kloschüssel hätte sie ihm vielleicht entgegenschleudern können, wenn er die Tür aufbrach, aber wie sollte sie die von der Wand kriegen? Dann fiel ihr das Handy ein, das sie noch in der feuchten Hand hielt. Wie war noch mal die Nummer vom Notruf? Eins, eins, nochwas… Eins, eins, zwei oder eins, eins, drei? Oder vier? Sollte sie Höddi anrufen? Er musste schon auf dem Weg sein und war sicher näher am Kino als die Polizei. Oder nicht?
Doch Stella musste keine Entscheidung treffen. Der Mann warf sich gegen die Tür, die aufbrach und Stella vor den Kopf knallte. Sie taumelte zurück und landete rückwärts auf der Toilette, benommen von dem heftigen Schlag. Ihr war übel, doch irgendwie schaffte sie es, den Kopf zu heben und dem Mann ins Gesicht zu blicken. Im ersten Moment dachte sie, ihm würde ein Schatten ins Gesicht fallen, so dunkel war es. Erst dann erkannte sie eine glänzende Darth-Vader-Maske unter der Kapuze eines schwarzen Anoraks. Aus den mandelförmigen Sehschlitzen funkelten sie Augen an, aus denen sie nichts herauslesen konnte. Ein Handschuh schnellte auf sie zu und riss ihr das Handy aus der Hand. Der Mann wischte darauf herum, und Stella hoffte inständig, dass er einfach ein Dieb war und nur hier, um ihr das Smartphone zu klauen. Er sollte es ruhig nehmen. Alles sollte er nehmen, ihr Portemonnaie, alles aus ihren Taschen, ihr Gehalt, alles. Was immer er wollte. Wenn er nur ging und sie nicht anfasste.
»Na schön.« Die Stimme des Mannes klang merkwürdig, Darth Vader gar nicht so unähnlich. Rau. Als wäre der Hals mit Schmirgelpapier ausgekleidet. Wahrscheinlich war die Maske mit einem billigen Stimmverzerrer ausgestattet. Er richtete das Handy auf sie, als wollte er sie dort auf der Toilette sitzend fotografieren. Tränen liefen ihr über die Wangen. Was machte er da? Warum sollte ein Handydieb eine Aufnahme vom Besitzer des Geräts haben wollen? »Dann wollen wir mal sehen.«
»Was?« Stella rutschte so weit wie möglich nach hinten, bis ihr Rücken die harte Wand berührte. Durch den dünnen Pulli spürte sie die kalte, glatte Oberfläche. Es schauderte sie. »Bitte um Entschuldigung.« Sie versuchte nicht, das zu hinterfragen, sondern stieß das gewünschte Wort hervor. »Tss. Das war nicht gut. Kein bisschen überzeugend. Mach es besser.« Und sie versuchte es. Immer wieder. Wiederholte es, bis es ganz komisch klang, als wäre es gar kein richtiges Wort. Doch der Mann war nie zufrieden.
Dafür musste sie büßen.

Yrsa Sigurdardóttir
© Lilja Birgisdóttir

Yrsa Sigurdardóttir

Yrsa Sigurdardóttir, geboren 1963, ist eine vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin, deren Thriller in über 30 Ländern erscheinen. Sie zählt zu den »besten Kriminalautorinnen der Welt« (Times Literary Supplement). Sigurdardóttir lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Reykjavík. Sie debütierte 2005 mit »Das letzte Ritual«, der Erfolgs-Serie von Thrillern um die junge Rechtsanwältin Dóra Gudmundsdóttir. »R.I.P.« ist nach dem Spiegel-Bestseller »DNA« und »SOG« der dritte Teil der Thriller-Serie um Kommissar Huldar und Kinderpsychologin Freyja.

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