Über Claire Winters Roman »Die geliehene Schuld«

Berlin, Sommer 1949: Die Redakteurin Vera Lessing hat während des Zweiten Weltkrieges ihre Eltern und ihren Mann verloren. Sie will vor allem eines – die traumatischen Erlebnisse für immer hinter sich lassen. Doch als ihr Jugendfreund und Kollege Jonathan auf mysteriöse Weise ums Leben kommt, wird sie unweigerlich in seine Arbeit hineingezogen. Jonathan hat Recherchen über ehemalige Kriegsverbrecher betrieben. Gleichzeitig stand er im persönlichen Kontakt mit einer jungen Frau namens Marie Weißenburg, eine Sekretärin im Stab Konrad Adenauers. Vera geht den Spuren nach, die sie bis in die mächtigen Kreise der Geheimdienste führen.

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Leseprobe

Prolog


Allgäu, April 1945 …


Dichte Wolken schoben sich immer wieder vor den Mond, der für kurze Augenblicke gerade genug Licht spendete, um die schroffen Felsen der Berggipfel sichtbar werden zu lassen, bevor sie auch schon wieder von der nächtlichen Schwärze verschluckt wurden. Die Männer, die sich im Schutz der Dunkelheit die Berge hinaufkämpften, kannten ihren Weg. Gelegentlich hielten sie inne, verlangsamten ihren Schritt, bis sie sicher waren, ausreichend Halt auf dem manchmal unebenen und oft gefährlich rutschigen Grund zu haben; dann stiegen sie mit ihrer wertvollen Last eilig weiter. Wie geisterhafte Schatten bewegten sie sich vorwärts. Keiner von ihnen sprach ein Wort oder wagte, ein Licht anzuzünden.
Über Wochen hatten sie alles vorbereitet und die Plätze sorgfältig ausgesucht – einsam und weit voneinander entfernt gelegen.
Als die Männer die Stelle, die sie in dem hiesigen Gebirge ausgewählt hatten, schließlich erreichten, machten sie sich stumm und schnell an die Arbeit. Der Stahl der abgedichteten Kisten blitzte kurz im Dunkeln auf, ehe sie sie in die Tiefe der Gruben hinabließen, die sie schon Tage zuvor ausgehoben und zur Tarnung abgedeckt hatten. Anschließend schütteten sie alles wieder mit Erde zu und verteilten Moos und Steine auf den Stellen.
Es war der letzte Teil ihrer Beute, den sie heute vergruben.
Ein kalter Regen, der ihre Spuren verwischen würde, schnitt ihnen scharf ins Gesicht, ohne dass sie es wirklich spürten. Einen kurzen Moment lang standen die Männer einfach nur still da. Vielleicht zum ersten Mal wurde ihnen bewusst, dass ihre Welt für immer untergegangen war und ihre Augen trafen sich. Sie streckten ein jeder die Hand aus und schlugen ein, um den Pakt, den sie geschlossen hatten, erneut zu besiegeln.
Der Morgen graute bereits, als sie sich wenig später in unterschiedliche Richtungen an den Abstieg machten. Keiner von ihnen wusste, wann sie sich wiedersehen würden …




Köln, Mai 1949, vier Jahre später




Jonathan

1



Der Laden, den man ihm beschrieben hatte, lag am Ende der Straße. Suchend irrten Jonathans Augen über die Häuser. Die Kölner Innenstadt unterschied sich auf den ersten Blick kaum von der in Berlin – Ruinen, zerstörte Fassaden mit ausgebrannten Fenstern, Trümmerhaufen und kaum ein unversehrtes Haus dazwischen. Wegbeschreibungen sind eine eigene Herausforderung geworden, dachte er bei sich und unterdrückte ein Seufzen.
Erleichtert atmete er auf, als er das Geschäft schließlich an der nächsten Ecke entdeckte. Er beschleunigte seinen Schritt. Es war ein kleiner Gemischtwarenhandel, in dem man neben Lebensmitteln auch Seife, Kurzwaren und Papier erstehen konnte. Eine dünne alte Frau in einem Kittel stand hinter der Ladentheke. Sie nickte ihm grüßend zu.
»Kann ich bei Ihnen Packpapier oder einen Pappkarton kaufen? Ich müsste dringend etwas verschicken.« Jonathan griff nach seiner Aktentasche und zog die Unterlagen hervor, um die Größe der Sendung zu veranschaulichen.
Sie musterte erst die Mappe, dann ihn. Neugierde blitzte in ihrem Gesicht auf, und er fragte sich einen Moment lang, ob man ihm die schlaflosen Nächte und das, was hinter ihm lag, so ansah. »Pappkartons haben wir nicht, aber Packpapier«, sagte sie schließlich mit einer überraschend heiseren Stimme. Ihre magere Hand griff hinter sich nach einer braunen Rolle und Schnur.
»Würde es Sie stören, wenn ich das Paket hier fertig mache? Ich müsste es gleich verschicken.«
»Aber nein, junger Mann.« Sie nickte ihm zu. »Hier, die werden Sie bestimmt brauchen.« Sie reichte ihm eine Schere und deutete auf einen kleinen Tisch, der sich am Ende einer engen Reihe mit hohen Regalen befand, an dem er das Paket einpacken und beschriften konnte.
Ein eigenartiger Geruch nach scharfem Putzmittel und Vorräten hing hier hinten in der Luft. Jonathan schnitt ein großzügiges Stück von dem braunen Papier ab.
Dann hielt er plötzlich für einen Augenblick inne. Was, wenn er sich alles nur einbildete? Unwillkürlich sah er wieder sein Zimmer in der Pension vor sich, als er gestern nach seinen Recherchen dorthin zurückgekehrt war. Vielleicht war es wirklich nur ein gewöhnlicher Einbruch gewesen? Diebe, die nach Geld, einer Uhr oder irgendwelchen Sachen gesucht hatten, die sie verkaufen konnten? Die meisten Menschen hatten noch immer kaum genug zum Überleben. Doch die Art, wie die Matratze vom Bett gezogen und die Möbel verrückt worden waren, hatte so gewirkt, als hätte jemand nach etwas ganz Bestimmten gesucht. Nein, er täuschte sich nicht.
Eilig schrieb Jonathan ein paar persönliche Zeilen zur Erklärung, die er dem Paket beilegte. Seine Kehle schnürte sich zu, als er überlegte, zu berichten, was er in Köln noch erfahren hatte. Doch er entschied sich dagegen. Die Zeit war zu knapp.
Als er fertig war, gab er der Frau die Schere zurück und zahlte. Er bedankte sich und ließ sich noch beschreiben, wo sich das nächste Postamt befand, bevor er mit dem Paket unter dem Arm wieder nach draußen trat.
Sein Blick hob sich für einen Moment zum Dom, dessen Silhouette sich majestätisch über der Stadt zeigte. Wie durch ein Wunder hatte das berühmte Wahrzeichen während des Krieges keinen größeren Schaden genommen.
Passanten eilten geschäftig an Jonathan vorbei, und er lief mit dem Strom der Menschen mit, zwischen denen er sich halbwegs sicher fühlte. Dennoch drehte er sich einige Male wie unter einem Zwang um. Seitdem er am Morgen von seinem Besuch im Untersuchungsgefängnis gekommen war, hatte er den Eindruck, dass man ihn beobachtete.
Ein Frösteln ergriff ihn, obwohl es Ende Mai war und die Temperaturen angenehm warm waren. Noch einmal führte er sich vor Augen, was er in den letzten Wochen herausgefunden hatte. Voller Bitterkeit erinnerte er sich an das Gespräch mit dem italienischen Priester, das seine schlimmsten Vermutungen bestätigt hatte. Als Journalist gehörte es zu seinen Aufgaben, Geheimnisse aufzudecken und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Aber in seiner gesamten journalistischen Laufbahn hatte er nie einen Fall wie diesen erlebt. Etwas, das solche Ausmaße hatte! Es wäre dumm zu glauben, dass er sich nicht in Gefahr befand. Vor allem, wenn er bedachte, was noch geschehen war. Ein angespannter Ausdruck glitt über Jonathans Gesicht.
Dass er trotz allem immer an Gerechtigkeit geglaubt hatte, erschien ihm jetzt wie blanker Hohn. Wenn es alles stimmte … die Öffentlichkeit musste davon erfahren! Bei dem Gedanken fasste er das Päckchen unter seinem Arm fester.
Nur einige Meter weiter wurde bereits das Gebäude sichtbar, in dem sich die Post befand. Jonathan beschleunigte seinen Gang und ignorierte, dass sein Knie dabei ein wenig schmerzte. Er warf noch einmal einen kurzen Blick über seine Schulter, bevor er die Stufen zum Eingang hochstieg.
Zwei Männer, die ihre Hüte ins Gesicht gezogen hatten, waren auf der anderen Straßenseite zu sehen. Standen sie schon länger dort? Einer von ihnen rauchte eine Zigarette und musterte ihn.
Hastig trat Jonathan durch die Tür in den Schalterraum, in dem er sich in der Schlange anstellte. Ein Kunde hinter ihm stieß gegen ihn. Er zuckte zusammen.
»Verzeihung«, murmelte der Unbekannte.
Jonathan nickte knapp. »Keine Ursache«, erwiderte er. Der Mann, der ihm ein entschuldigendes Lächeln schenkte, wirkte harmlos. Doch Jonathan merkte, dass er immer noch nervös war.
Endlich war er an der Reihe. »Einmal nach Berlin, bitte. Per Eilzustellung.« Erleichtert sah er, wie der Postbeamte den Umschlag mit Marken und Stempel und einem Expressvermerk versah und das Päckchen zwischen den anderen Sendungen in einem der großen Körbe verschwand. Es kam ihm vor, als hätte ihm jemand eine schwere Last von den Schultern genommen.
Als er die Post verließ, waren auch die beiden Männer vor dem Gebäude verschwunden. Befreit atmete er durch und spürte, wie er endlich wieder ruhiger wurde.
Er überlegte, was er heute noch tun musste. Bevor er nach Berlin zurückreiste, wollte er unbedingt mit dem Anwalt sprechen. Er bog in eine leere Straße ein, die weiter in das Viertel führte, in dem seine Pension lag. Schritte waren plötzlich hinter ihm zu hören, und Jonathan wollte sich gerade umdrehen, als sich ein lautes Motorengeräusch von vorne näherte. Ein Lieferwagen bog um die Ecke. Er fuhr zu schnell – viel zu schnell. War der Fahrer betrunken? Der Wagen raste in der engen Straße direkt auf ihn zu. Jonathan suchte panisch nach einer Möglichkeit, auszuweichen. Das Fahrzeug kam immer näher.
Für den Bruchteil eines Augenblicks sah er das Gesicht des Mannes hinter dem Steuer – die zusammengekniffenen Augen und die Entschlossenheit in seinen Zügen. Wie aus weiter Ferne hörte Jonathan hinter sich jemanden aufschreien, während im selben Moment Gedanken, Bilder und Erinnerungen in einer aberwitzigen Geschwindigkeit durch seinen Kopf rasten und ihn in einem Strudel mit sich rissen. Er hätte in dem Brief doch schreiben sollen, was er in Köln noch Schreckliches erfahren hatte, durchfuhr es ihn, als ihn der Wagen auch schon erfasste – und er als Letztes ihr Gesicht vor sich sah.



Berlin, Mai 1949, drei Tage später



Vera

2



Die aufgehende Sonne hatte die Straße in ein warmes, helles Licht getaucht. Draußen war es ruhig und friedlich – nur das Gezwitscher der Vögel war zu hören und aus der Ferne die Stimmen einiger Kinder zu vernehmen. Vera, die mit ihrer Tasse in der Hand an das geöffnete Fenster getreten war, lauschte einen Moment andächtig. Noch vor einigen Wochen wäre das undenkbar gewesen, und man hätte stattdessen das nicht abreißen wollende Motorengeräusch der Flugzeuge gehört, die auf ihrem Weg nach Tempelhof über die Dächer der Stadt hinweggedonnert waren. Über elf Monate war Westberlin allein über die Luftbrücke versorgt worden. Nur drei Jahre nach Kriegsende war die Blockade der Sowjets für sie alle ein Schock gewesen.
Vera trank einen Schluck von ihrem Kaffee, den sie von ihren sorgfältig aufbewahrten Bohnen frisch aufgebrüht hatte, die nach wie vor schwer zu erstehen waren, und genoss die wärmenden Strahlen auf ihrem Gesicht.
Berlin war noch immer weit von der Normalität entfernt. Aber zumindest frisches Obst und Gemüse konnte man jetzt wieder kaufen, der Strom wurde nicht mehr nur für ein paar Stunden zugeteilt, und der Verkehr funktionierte auch einigermaßen. Erst im Nachhinein war den Menschen in Westberlin und auch ihr selbst klar geworden, wie ernst die Lage der letzten Monate wirklich gewesen war.
Ihr Blick wanderte die Straßen entlang, in der kaum mehr als die Hälfte der bürgerlichen Mietshäuser, die hier um die Jahrhundertwende entstanden waren, noch bewohnbar waren. Unwillkürlich blieben ihre Augen an den zarten Trieben eines Bäumchens hängen, das sich direkt gegenüber auf der anderen Seite inmitten der Schutt- und Mauerreste einer Häuserruine seinen Weg ins Leben erkämpfte. Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. Die Durchsetzungskraft der Natur war beeindruckend und beruhigend zugleich, wie sie fand. Sie nahm einen letzten Schluck von ihrem Kaffee und wandte sich vom Fenster ab, nachdem sie auf die Uhr geschaut hatte. Es wurde Zeit, dass sie sich fertig machte. Um acht musste sie in der Redaktion sein.
Die Wohnung, in der sie lebte, war winzig und spärlich möbliert. Doch sie war dankbar, überhaupt ihre eigenen vier Wände zu haben und nicht mehr länger ein Zimmer zur Untermiete bewohnen zu müssen, wo sie gezwungen war, sich mit anderen Bewohnern Küche und Bad zu teilen.
Ohne groß zu überlegen, griff sie nach einem leichten Sommerkleid aus ihrem Schrank – sie besaß ohnehin nur zwei –, schlüpfte hinein und kämmte sich vor dem kleinen Spiegel, der auf der Kommode neben ihrem Bett stand. Vor vier Wochen hatte sie ihr dunkelblondes Haar abgeschnitten, das ihr bis dahin fast bis zur Taille gegangen war. Nun fiel es ihr in leichten Wellen bis auf die Schultern hinab. Der Anblick war ihr noch immer ein wenig fremd. Doch sie hatte eine Veränderung gewollt und gebraucht. Ein sichtbares Zeichen! Ihr Rücken straffte sich. Bewusst vermied sie es, zu dem umgedrehten Foto zu sehen, das nach wie vor auf ihrem Nachttisch lag. Es ganz wegzupacken hatte sie dann doch nicht fertiggebracht.
Sie musterte ihr Gesicht, den ernsten Ausdruck, der sich auf einmal darin zeigte. Sie wusste, dass sie so ungeschminkt und unfrisiert jünger als siebenundzwanzig aussah, obwohl sie sich innerlich um Jahre älter fühlte, aber so ging es wohl den meisten ihrer Generation. Entschlossen verdrängte sie die Schatten der Vergangenheit, die sich noch immer so oft in ihr Bewusstsein zurückschlichen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Aber sie wollte nicht mehr zurückdenken, sondern diese Zeit und ihre Schrecken endlich für immer hinter sich lassen. Vera zog ihre Lippen nach und ordnete das Haar. Dann griff sie nach ihrer Handtasche und der Strickjacke. Sie war schon fast an der Tür, als sie noch einmal innehielt, zurückging und eine leere Milchflasche mit Leitungswasser in der Küche füllte, die sie mit nach unten nahm.
Bevor sie zu ihrem Fahrrad ging, überquerte sie die Straße und goss das kleine Bäumchen an der Ruine. Sein Lebenswille hatte etwas Unterstützung verdient – seit Tagen hatte es in Berlin nicht geregnet.
»Na, da sieht man es wieder – manchem Baum geht’s besser als den Menschen in dieser Stadt«, ertönte eine grimmige Stimme hinter ihr, als sie gerade die letzten Tropfen ausschüttete. Es war die alte Frau Lehmke, ihre Nachbarin, die unter ihr wohnte und sie, auf ihren Stock gestützt, kopfschüttelnd von der anderen Straßenseite aus beobachtete.
Vera ließ sich von ihrem unfreundlichen Auftreten nicht beeindrucken.
»Guten Morgen, Frau Lehmke«, erwiderte sie, während sie über die staubigen Mauerreste stieg und zu ihr kam. Im Gehen klopfte sie ihr Kleid sauber. »Ich werde heute nach Redaktionsschluss noch einkaufen. Soll ich Ihnen vielleicht etwas mitbringen?«
Frau Lehmke zögerte, doch schließlich nickte sie widerwillig. Das lange Schlangestehen fiel ihr schwer. »Nun ja, Milch und ein halbes Pfund Kartoffeln wären schön.« Sie kramte in ihrem verschlissenen Stoffbeutel und reichte ihr die Lebensmittelkarte, die Vera entgegennahm.
Missbilligend sah ihr die alte Dame zu, wie sie ihr rostiges Fahrrad aufschloss. »Wirklich, Fräulein Lessing, das ist doch kein Fortbewegungsmittel für eine junge Frau!«
Vera schwang sich mit einem Lächeln ungerührt auf den Sattel. »Was soll man machen, Frau Lehmke!? Bis heute Abend!« Sie winkte ihr im Wegfahren zu und bemerkte dabei, dass am Nachbarhaus die hochgewachsene Gestalt eines Mannes stand, der zu ihr herüberblickte. Etwas an seiner Haltung weckte ihre Neugier, doch leider blendete sie die Sonne, sodass sie weder sein Gesicht erkennen noch sagen konnte, wie alt er war.
Sie trat in die Pedale und fuhr Richtung Kaiserallee.
Der frühe Sommer, der über Berlin hereingebrochen war, hatte das Gesicht der Stadt verändert. Ein zartes leuchtendes Grün zeigte sich an den Bäumen und Sträuchern, die zwischen Ruinen und Einschusslöchern überlebt hatten. In den Cafés hatte man trotz der frühen Morgenstunde bereits begonnen, Stühle nach draußen zu stellen, und in den Mienen der Menschen spiegelte sich seit Langem wieder ein Gefühl der Lebensfreude. Vera spürte, wie der Fahrtwind ihren Rock um die Beine flattern ließ, und eine ungewohnte Leichtigkeit erfasste sie.


3



Die Redaktion des Echo, wie die Zeitung hieß, für die sie arbeitete, war in Schöneberg untergebracht, in einem notdürftig reparierten Flachbau, den sie nach knapp zwanzig Minuten erreichte.
Vera schloss ihr Fahrrad ab und grüßte im Vorbeigehen Erwin, den alten Portier, und eine Gruppe von Kollegen, die noch draußen standen, rauchten und sich unterhielten, bevor die montägliche Konferenz beginnen würde.
Oben im ersten Stock kam ihr in dem großen lang gestreckten Büro eine Frau mit hochgesteckten kastanienbraunen Haaren entgegen. Es war Wilma, die Sekretärin, die dabei war, die Post zu verteilen.
»Guten Morgen, Vera. Hier, das gebe ich dir gleich.« Sie reichte ihr einen Stapel Briefe und zwei Päckchen und war schon an dem nächsten Tisch, als sie sich noch einmal umdrehte. »Übrigens, Jonathan hat am Freitag noch angerufen und wollte dich sprechen.«
Überrascht blickte Vera die Sekretärin an, während sie die Post in der Schublade ihres Schreibtischs verstaute. Sie würde die Briefe nach der Konferenz lesen. »Was wollte er denn?« Jonathan und sie waren schon seit der Kindheit eng befreundet. Er wollte heute eigentlich von seiner Reise zurück sein, wie sie wusste. Für die Recherchen eines Artikels war er zwei Wochen in Tirol, Italien und wohl auch in Köln gewesen. Vera wunderte sich, dass er sie so kurz vor seiner Rückkehr noch angerufen hatte. Ferngespräche waren teuer.
Wilma zuckte die Achseln. »Hat er nicht gesagt. Er meinte aber, dass er heute wieder in Berlin wäre.«
Vera nicke. »Danke.« Bestimmt würde sie ihn gleich sehen. Sie machte sich auf den Weg zum Konferenzraum, wo das Gewirr der lauten Stimmen bereits bis nach draußen auf den Flur drang. Ein Teil der Kollegen hatte schon um den langen Tisch herum Platz genommen. Gesprächsfetzen über Wochenendunternehmungen und die aktuellen politischen Entwicklungen waren von allen Seiten zu hören.
»Na, Vera! Schönes Wochenende gehabt?« Fred, der für das Wirtschaftsressort arbeitete, rutschte mit einem Augenzwinkern zur Seite, um ihr Platz zu machen. Bevor sie ihm antworten konnte, wurde es plötzlich schlagartig still. Alfred Lubowisky, der Chefredakteur, war in den Raum getreten. Mit seinen fast sechzig Jahren war der gestandene Journalist, der lange Jahre unter den Nationalsozialisten Schreibverbot gehabt hatte und sogar verhaftet worden war, eine imposante Erscheinung, die von allen respektiert wurde.
»Morgen!«, sagte er knapp in die Runde. Dann begann er, konzentriert die Themenvorschläge der Ressorts einen nach dem anderen durchzusprechen, und ließ sich von seinen Redakteuren außerdem auf den neuesten Stand ihrer Beiträge bringen. Das Echo, das wie alle Zeitungen noch immer unter der Aufsicht der Alliierten stand, erschien wöchentlich und beleuchtete unterschiedlichste Themen aus Gesellschaft und
Politik.
Vera, die ausschließlich für den Kulturteil schrieb, berichtete kurz über zwei mögliche Buchrezensionen und einen Artikel über die neue Theaterlandschaft in Westberlin. Obwohl das Echo auch überregional verkauft wurde, lag sein Schwerpunkt auf Berlin, und Lubowisky sprach sich für den Bericht über die Theater aus. Die Diskussionen wandten sich schnell wieder politischen Themen zu, wie dem gerade in Kraft getretenen Grundgesetz und den ersten Bundestagswahlen, die im August stattfinden würden. Vera enthielt sich jeden Kommentars, als die Redakteure kurz darauf erhitzt über zwei juristische Fälle zu diskutieren begannen, bei denen es wieder einmal um die Verurteilung zweier deutscher Kriegsverbrecher ging. Nicht ohne Grund wollte sie am liebsten nichts mit Politik zu tun haben. Jonathan warf ihr das manchmal vor. »Wenn wir die Möglichkeit haben, unsere Gesellschaft neu zu formen und an ihrem Aufbau mitzuwirken, müssen wir doch auch moralisch in unseren Artikeln Position beziehen. Gerade du musst das doch verstehen!«
Sie schätzte Jonathan für seine Einstellung und auch für sein journalistisches Engagement, aber sie selbst war nun mal anders. Ja, sie war ehrlich genug, um zuzugeben, dass sie an all das nicht mehr erinnert werden wollte! Das Einzige, was sie sich wirklich wünschte, war ein Neuanfang, und sie war sich ziemlich sicher, dass es den meisten anderen Menschen in diesem Land und wahrscheinlich in halb Europa ebenso ging.
Sie wunderte sich, wo Jonathan war. Es sah ihm nicht ähnlich, die Konferenz am Montag zu verpassen.
»Gut, meine Damen und Herren. Dann mal alle wieder an die Arbeit!«, riss sie die tiefe, ein wenig dröhnende Stimme von Alfred Lubowisky aus ihren Gedanken, der sich von seinem Stuhl erhob. Die Journalisten taten es ihm nach und begannen sich zu zerstreuen. Vera griff nach ihrer Tasche, als sie sah, wie Wilma vom anderen Ende des Ganges auf den Chefredakteur zugeeilt kam, der noch mit zwei Redakteuren zusammenstand.
»Ein Telefonat für Sie!«
Lubowisky nickte und folgte ihr.
Von ihrem Schreibtisch aus beobachtete Vera wenig später, wie der Chefredakteur am Ende des großen Büros hinter der Glasscheibe telefonierte, die seinen Arbeitsplatz von dem der übrigen Mitarbeiter trennte. Es schienen keine guten Neuigkeiten zu sein, die er erhielt, denn sein Gesicht war erstarrt, und er sank mit ungläubig entsetzter Miene auf einen Stuhl.
Vera wollte sich betreten abwenden, als er unerwartet den Kopf zu ihr drehte, während er sprach. Dann legte er mit einem Nicken den Hörer auf.
Was hatte das zu bedeuten? Mit einem unguten Gefühl öffnete sie die Schublade, in die sie die Post hineingelegt hatte, und nahm dabei aus den Augenwinkeln wahr, wie das Rollo vor der Glasscheibe hinuntergelassen wurde.
Auf einmal stand Wilma vor ihr. »Herr Lubowisky möchte dich sprechen!«
Vera nickte erstaunt und folgte ihr.
»Schließen Sie bitte die Tür, Vera, und setzen Sie sich.«
»Ist etwas passiert, Herr Lubowisky?«, fragte sie unsicher, denn der Chefredakteur klang ungewöhnlich ernst. Plötzlich fiel ihr sein fahler Gesichtston auf, und sie bemerkte, dass er ihrem Blick auswich. Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. »Es hat einen Unfall gegeben. In Köln«, sagte er schließlich.
In Köln? Sie spürte, wie sich alles in ihr verkrampfte. »Ist etwas mit Jonathan?«
Sein Blick war Antwort genug. »Ja«, sagte er dann mit tonloser Stimme. »Er wurde von einem Lkw angefahren und dabei schwer verletzt … Er hat nicht überlebt.«
Sie starrte ihn an, während seine Worte nur langsam in ihr Bewusstsein drangen. Ein Schwindelgefühl ergriff sie. Das konnte nicht sein! »Er … er ist tot?«
Lubowisky nickte, und sie merkte, wie ihr innerlich und äußerlich zugleich kalt wurde. Jede Empfindung begann in ihr abzusterben. Sie kannte den Zustand nur zu gut, und es kostete sie all ihre Kraft, dagegen anzukämpfen und sich nicht an diesen Ort zu flüchten, an dem sie nichts mehr erreichen konnte, an dem kein Schmerz mehr zu spüren war.
»Ich weiß, sie standen sich sehr nah«, sagte Lubowisky.
Vera ignorierte seine Bemerkung. Sie wusste, es hatte immer mal wieder Gerüchte unter den Kollegen gegeben, weil Jonathan und sie eine so ungewöhnlich enge und vertraute Beziehung verband. Aber die Wahrheit war, dass zwischen ihnen nie mehr als Freundschaft bestanden hatte. Sie kannten sich seit ihrem achten Lebensjahr. Jonathan war wie ein Bruder für sie – die einzige Familie, die ihr noch geblieben war, denn sie hatte im Krieg ihre Eltern und auch ihren Mann verloren. In den schweren Zeiten, die hinter ihr lagen, hatte Jonathan ihr immer zur Seite gestanden, und er war es auch gewesen, der ihr im letzten Jahr geholfen hatte, beim Echo unterzukommen.
»Was genau ist passiert?«, fragte sie mit zugeschnürter Kehle.
Lubowisky fuhr sich durch sein graues Haar. Diesmal wich er ihrem Blick nicht aus, als er sprach: »Ein Lkw-Fahrer, der anscheinend betrunken war und viel zu schnell fuhr, hat Jonathan in einer schmalen Straße angefahren und ein Stück mitgeschleift. Er wurde gegen eine Mauer geschleudert«, erklärte er vorsichtig und so sachlich wie möglich. »Die Polizei nimmt an, dass er durch die Wucht des Aufpralls sofort tot war. Der Mann hat Fahrerflucht begangen, aber es gab einen Zeugen, der alles gesehen hat.«
Sie schloss für einen Moment die Augen. »Und wann …
Wann ist das geschehen?«
»Am Freitagnachmittag.«
Sie musste daran denken, dass Wilma erzählt hatte, Jonathan habe am Freitagmittag noch in der Redaktion angerufen. Sie wünschte auf einmal, sie wäre hier gewesen und hätte noch mit ihm sprechen können.
Ohne dass sie es mitbekommen hatte, war Lubowisky aufgestanden und hatte eine Hand auf ihre Schulter gelegt. »Ich bin selbst völlig erschüttert. Wenn Sie sich heute freinehmen wollen … ich habe vollstes Verständnis.«
Sie nickte nur. Mit zittrigen Knien erhob sie sich vom Stuhl, unfähig, etwas zu sagen. Sie wollte nicht weinen, nicht hier.
Der Chefredakteur blickte sie besorgt an. »Gibt es vielleicht etwas, das ich für Sie tun kann?«
Sie schüttelte den Kopf. Als sie das Büro verlassen hatte und mit bleichem Gesicht den Gang zurück durch die Tischreihen zu ihrem Arbeitsplatz ging, nahm sie die verstohlenen Blicke der Kollegen wahr. Vera ignorierte sie und griff wie betäubt nach ihrer Tasche und Strickjacke. Sie war Lubowisky dankbar, dass er sie vor allen anderen informiert hatte. Das Entsetzen und die Bestürzung der Kollegen miterleben zu müssen, wenn sie von Jonathans Tod erfuhren, hätte sie nicht ausgehalten. Plötzlich wollte sie nur noch hier raus und allein sein.


4



Sie fühlte, wie in ihrem Inneren der Schmerz noch immer gegen die schockartige Gefühllosigkeit kämpfte, während sie im Hinausgehen gleichzeitig versuchte, sich auf die nächstliegenden Dinge zu konzentrieren: ihre Tasche und Strickjacke auf den Gepäckträger zu klemmen, ihr Fahrrad aufzuschließen, auf den Sattel zu steigen und in die Pedale zu treten. Instinktiv fuhr sie den Weg nach Hause, doch auf halber Strecke wurde ihr bewusst, dass sie die Einsamkeit in ihren vier Wänden nicht ertragen würde. Bevor es ihr wirklich klar wurde, änderte sie die Richtung und fuhr zum Ufer der Spree. An einer Stelle, wo die Überbleibsel einer kleinen Parkanlage erhalten geblieben waren, stieg sie ab. Sie war hier manchmal auch mit Jonathan gewesen. Die Bäume, die direkt nach dem Krieg noch am Ufer standen, waren in einem der eisigen Winter abgeholzt worden, als die Berliner auf der verzweifelten Suche nach Brenn- und Heizmaterial gewesen waren, aber einige Sträucher waren nachgewachsen, und neben dem Weg blühten ein paar verwaiste gelbe Dotterblumen. Vera ließ sich auf einen Baumstumpf sinken. Er war tot! Jonathan, das kannst du mir nicht antun … Plötzlich merkte sie, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie hatten einander bei so viel Schrecklichem beigestanden und den Krieg überlebt. Wie konnte es sein, dass er nun so sinnlos bei einem Unfall ums Leben kam? »Jetzt wird alles wieder gut«, hörte sie seine Stimme, und eine Erinnerung drängte sich jäh vor ihre Augen. Es war wenige Monate nach Kriegsende gewesen, nach der Kapitulation. Die Amerikaner hatten endlich Berlin erreicht, und die ersten Wochen, während derer sie unter der Willkür und den Grausamkeiten der sowjetischen Besatzer leiden mussten, waren vorüber, als Jonathan eines Abends mit einer Flasche Branntwein in der Hand vor der Tür stand. Er hatte sie im Tausch gegen seine Uhr und zwei silberne Messer auf dem Schwarzmarkt erstanden. »Wir leben noch, Vera! Das ist das Einzige, was zählt, und darauf trinken wir jetzt.« Seine Augen sprühten, und etwas an seinem Enthusiasmus hatte sie damals aus ihrer Apathie gerissen, mit der sie seit Monaten das Leben zu ertragen versuchte. Bevor sie Nein sagen konnte und wusste, wie ihr geschah, hatte er sie schon die Straße entlang mit sich gezogen, und sie waren in der Dunkelheit die Treppen eines unbewohnten, halb zerstörten Hauses bis auf das flache Dach hinaufgestiegen. Nicht einen Moment hatten sie darüber nachgedacht, dass es hätte einstürzen können. Unten hatte man im Licht des Mondes die gespenstische Silhouette der Ruinen von Berlin gesehen, die nur gelegentlich von dem vorbeifahrenden Scheinwerferlicht eines Armeefahrzeugs erhellt wurden. Jonathan öffnete die Flasche und nahm einen Schluck. »Das ist also übrig geblieben vom Tausendjährigen Reich«, sagte er nüchtern. Dann ließ er sich nach hinten sinken und starrte mit hinter dem Kopf verschränkten Armen in den Sternenhimmel. »Ehrlich, ich habe oft nicht geglaubt, dass wir es schaffen, Vera, dass wir überleben werden.«
Sie verstand, was er meinte – es gab so viele Situationen, in denen sie hätten sterben können und immer wieder in Gefahr geraten waren. Und Jonathan hatte sich noch dazu nie an das System anpassen können. Sein Vater, ein Sozialdemokrat, war schon in den Dreißigern verhaftet worden, und nachdem Jonathan selbst sich weigerte, in die Nationalsozialistische Partei einzutreten, versagte man ihm nicht nur den Zutritt zu einer der renommierten Journalistenschulen, sondern er wurde auf die berüchtigten Listen derjenigen gesetzt, die durch die Gestapo überwacht wurden. Mehrere Male verhaftete und verhörte man ihn, ja misshandelte ihn sogar, ließ ihn aber unter Drohungen immer wieder frei, bis er schließlich für die Front eingezogen wurde. Ein Granatsplitter war sein Glück und Unglück zugleich. Er wurde so schwer verletzt, dass er viele Monate im Krankenhaus verbrachte und ein Arzt ihm am Ende bescheinigte, dass er für den Dienst an der Waffe nicht mehr zu gebrauchen sei. Sie hatte noch gut in Erinnerung, wie glücklich er trotz seines schmerzenden Arms und Beins war, als man ihm diesen Befund mitteilte.
In jener Nacht auf dem Dach hatten sie sich besinnungslos betrunken. Vera entsann sich, wie der Alkohol in ihrer Kehle brannte. Sie selbst war sich damals nicht sicher, ob sie wirklich glücklich sein konnte, überlebt zu haben, oder ob nicht einfach zu viel geschehen war, das sie verändert hatte.
»Wir werden Zeit brauchen, aber wir werden es hinter uns lassen, Vera, glaub mir!«, hatte Jonathan gesagt, als würde er ihre Gedanken erraten.
Sie unterdrückte ein Schluchzen, als sie ihn vor sich sah, wie er damals in der Dunkelheit den Kopf zu ihr gewandt hatte, schon ein wenig betrunken, aber mit einem so überzeugenden Lächeln, dass sie ihm geglaubt hatte.
»Alles in Ordnung, Fräulein?«, ertönte in diesem Augenblick eine Stimme neben ihr. Ein junger Arbeiter, der seine Schirmmütze in der Hand hielt, war besorgt vor ihr stehen geblieben.
Sie wischte sich hastig die Tränen von den Wangen. »Ja, danke. Es ist nichts. Ich brauche nur einen Moment für mich.«
Nur zögernd ging der junge Mann weiter, drehte sich jedoch noch einige Male nach ihr um.
Sie wünschte, sie hätte mit irgendjemandem, der Jonathan genauso gut gekannt hatte wie sie, reden und ihren Schmerz teilen können. Aber er hatte keine Angehörigen mehr gehabt. Seine Familie war genau wie ihre eigene bei einem Bombenangriff in Berlin ums Leben gekommen.
Doch dann fiel ihr jemand ein, den sie über seinen Tod informieren musste.


5



Die Goldbar lag in Wilmersdorf, im Keller eines schmalen Hauses, das wie durch ein Wunder zwischen zwei Ruinen unzerstört geblieben war. Kein Schild wies auf das Etablissement hin, zu dem man nur gelangte, wenn man dem schuttgesäumten Pfad hinter den Mauerresten folgte.
Theo Helmstedt, der Besitzer, hatte die Bar kurz nach dem Krieg eröffnet. Zunächst illegal, später mit einer Lizenz, die er durch seine Verbindungen zu einigen Offizieren des amerikanischen Militärs erlangt hatte, mit denen er damals dubiose Schwarzmarktgeschäfte abwickelte, wie Jonathan Vera einmal erzählt hatte. Die muskelbepackte Gestalt des Barbesitzers, die trotz seines Hemdes und der Fliege noch erkennen ließ, dass er früher einmal sein Geld als Boxer verdient hatte, war auf den ersten Blick einschüchternd.
Fassungslos blickte der Barbesitzer sie jetzt an, als er hörte, was Schreckliches geschehen war. Er und Jonathan waren eng befreundet gewesen. Theo sank auf einen der hohen Hocker.
»Bei einem Unfall?«
»Ja, es ist am Freitag passiert … in Köln.« Veras Augen waren angeschwollen und noch immer vom Weinen gerötet. Den ganzen Nachmittag war sie ziellos durch die Stadt gefahren und hatte sich schließlich gezwungen, wenigstens die Einkäufe für Frau Lehmke zu besorgen. Vera hatte sie der alten Dame vorbeigebracht, bevor sie am frühen Abend – ohne einmal in ihrer Wohnung gewesen zu sein – zur Goldbar gekommen war.
»Verdammt, wie kann man denn am helllichten Tag von einem Lkw angefahren werden?«, entfuhr es Theo. Auf seinem Gesicht, dessen rechte Wange zwei Narben zierte, spiegelte sich Bestürzung und Trauer.
Die Goldbar war noch nicht sehr voll. Klänge von Jazzmusik ertönten im Hintergrund auf dem alten Grammofon.
Rica, die Barfrau, die noch nicht allzu viel zu tun hatte, hatte sich diskret abgewandt. Trotzdem spürte Vera, wie man zu ihnen sah. Die Klientel der Goldbar bestand aus einer eigenwilligen Mischung – von zwielichtig bis mondän war hier alles vertreten, bis hin zu Militärangehörigen der alliierten Besatzer –, und wahrscheinlich wirkte sie in ihrem Sommerkleid und der Strickjacke seltsam fehl am Platz.
»Der Fahrer soll angetrunken gewesen sein«, erklärte Vera und fragte sich dabei, wie man das eigentlich hatte feststellen können, wenn der Mann doch einfach weitergefahren war. Dann fiel ihr ein, dass es einen Zeugen gegeben hatte. Sie sah zu, wie Theo nach einer Flasche griff und zwei Gläser füllte. Whisky oder Cognac. Sie hatte keine Ahnung. Seine wundersame Fähigkeit, trotz der wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeiten stets begehrte alkoholische Getränke anbieten zu können, war eines der Geheimnisse für den Erfolg seiner Bar.
Theo leerte das Glas in einem Zug, und sie tat es ihm nach. Eine Weile schwiegen sie. Sie sah, wie er seine kräftigen Hände zu Fäusten ballte. »Weißt du, ich habe in meinem Leben viele Menschen getroffen, aber nur eine Handvoll, die wirklich Charakter hatten – Jonathan gehörte dazu. Er hat mir selbst mal sehr aus der Klemme geholfen.«
Vera blickte ihn an. Die Wege der zwei Männer hatten sich in den Wirren der letzten Kriegsmonate gekreuzt. Jonathan hatte ihr gegenüber einmal erwähnt, dass damals etwas Dramatisches geschehen war, das den Grundstein für die Freundschaft der beiden ungleichen Männer gelegt hatte. Ihre Finger umfassten das Glas. »Ja, Jonathan hat eine Geradlinigkeit und Ehrlichkeit besessen, die es selten gibt. Manchmal habe ich ihn darum beneidet«, gestand sie.
Theo schüttelte traurig den Kopf. »Ich habe immer befürchtet, dass ihm sein Beruf mal zum Verhängnis werden könnte, aber dass er nun bei einem Unfall ums Leben gekommen ist!?« Ohne dass es Vera mitbekommen hatte, schenkte er ihr nach. Sie zögerte. »Ich glaube, ich sollte lieber nach Hause gehen«, sagte sie.
»Nein, bleib. Es tut nicht gut, wenn man in so einem Zustand allein ist. Hinten ist neben dem Büro noch ein Zimmer mit einem Sofa. Du kannst dort gerne heute Nacht schlafen.«
Sie nickte und nahm sein Angebot an, denn ihr graute tatsächlich davor, allein zu sein. Seitdem sie von Jonathans Tod erfahren hatte, fühlte sich alles um sie herum seltsam unwirklich an.
Er goss sich ebenfalls noch einmal ein, und sie tranken beide mit dem Gedanken an Jonathan ihr Glas aus. Vera hätte nicht sagen können, wie lange sie so an der Theke saß. Irgendwann stellte sie fest, dass es um sie herum merklich voller geworden war. Der Rauch von Zigaretten und der Geruch von Alkohol lagen in der Luft, und die Klänge der Jazzmusik waren wilder und aufgekratzter geworden. Gläser klirrten, Menschen lachten und unterhielten sich. Einige standen auch nur an der Bar und beobachteten das Treiben um sich herum. Vera nahm wahr, wie die Blicke einiger Männer sie hungrig streiften. Doch man ließ sie in Ruhe, da Theo, der sich inzwischen mit um seine Gäste kümmerte, immer wieder zu ihr kam, um mit ihr zu reden und ihr Glas zu füllen.
Der Alkohol betäubte den Schmerz etwas, und schließlich ging sie nach hinten in das Zimmer. Rica, die Barfrau, hatte ihr eine Decke und ein Kissen auf das Sofa gelegt. Durch die geschlossenen Türen drang der Lärm der Bar nur noch gedämpft, und sie spürte, wie ihr erneut die Tränen über die Wangen liefen, bevor sie mit dem Bild von Jonathan vor Augen in einen unruhigen Schlaf fiel.


6



Als sie erwachte, konnte sie durch das Souterrainfenster sehen, dass draußen der Morgen graute.
Theo saß hinter dem Tresen und zählte das Geld in der Kasse, als sie nach vorn kam. Er blickte auf. »Hast du etwas geschlafen?«
»Nicht besonders viel, aber danke noch mal, dass ich hierbleiben konnte.«
Er nickte nur. Dann schrieb er etwas auf einen Notizzettel und reichte ihn ihr. »Hier, wenn irgendetwas ist – das ist meine
Telefonnummer, unter der du mich tagsüber erreichen kannst.«
Nur im ersten Augenblick war sie überrascht, dass er einen Telefonanschluss hatte.
Als sie sich zum Gehen anschickte, legte er seine kräftige Hand auf ihren Arm. Auf seinem Gesicht lag ein ernster Ausdruck. »Jonathan lag viel an dir. Glaub mir, er hätte nicht gewollt, dass du zu sehr um ihn trauerst!«
Seine Worte gingen ihr nicht aus dem Kopf, während sie nach Hause fuhr. Die Sonne ging gerade erst auf, als sie wenig später die Treppen zu ihrer Wohnung hochstieg. Einen Augenblick blieb sie auf der Schwelle stehen, nachdem sie aufgeschlossen hatte. Ihre Augen hefteten sich auf die angeschlagene Kaffeekanne auf dem Tisch. Unweigerlich erinnerte sie sich, wie sie am Morgen am Fenster gestanden hatte, an die Leichtigkeit, mit der dieser Tag begonnen hatte. War das wirklich erst gestern gewesen?
Auf einmal stutzte sie und runzelte die Stirn. Irgendetwas stimmte nicht. Sie war sich sicher, dass sie den Papierstapel auf dem Tisch auf der rechten Seite abgelegt hatte, und sie hatte die Schublade an dem Schreibtisch nicht komplett geschlossen. Das tat sie nie, weil sie klemmte. Sie ließ sie immer etwas vorstehen. Eine leise Angst erfasste sie. War etwa jemand in ihrer Wohnung gewesen? Sie warf einen schnellen Blick in das Bad und die Küche, doch dort schien alles genauso zu sein, wie sie es verlassen hatte. Mit einem Mal war sie sich nicht mehr sicher. Vielleicht hatte sie die Schublade doch aus Versehen geschlossen? Warum sollte schließlich jemand bei ihr einbrechen? In einer plötzlichen Eingebung ging sie zu ihrem Nachttisch und zog die Schublade auf. Darin lag eine kleine Schatulle, in der sich die einzigen Gegenstände von Wert befanden, die sie besaß – ihr Schmuck und zwei alte Goldmünzen. Aber alles war noch da. Wäre jemand eingebrochen, hätte er sie ganz bestimmt mitgenommen. Vera spürte, wie sie sich wieder beruhigte, obwohl das beklommene Gefühl nicht ganz weichen wollte.
Nachdem sie die Wertsachen wieder zurückgelegt hatte, wusch sie sich, zog sich um und machte sich auf den Weg zum Echo.
Als sie um zwanzig vor acht die Redaktion erreichte, waren die meisten Kollegen noch nicht da. Nur Wilma saß bereits an ihrer Schreibmaschine. Sie kam fast immer früher, weil sie in der einen Stunde mehr schaffte als im Laufe des gesamten Vormittags danach, wenn die Redakteure alle eingetroffen waren, wie sie Vera einmal anvertraut hatte. Überrascht hörte die Sekretärin auf zu tippen. »Na, wie geht es dir?«, erkundigte sie sich mitfühlend.
»Nicht besonders«, erwiderte Vera wahrheitsgemäß, etwas vorzumachen hätte ohnehin keinen Sinn gehabt. Ein kurzer Blick in den Spiegel hatte Vera am Morgen verraten, dass man ihr nur zu deutlich ansah, wie schlecht es ihr ging – ihre Augen waren geschwollen, und die dunklen Schatten darunter ließen keinen Zweifel, dass sie nur wenig geschlafen hatte.
Zögernd blieb sie vor Wilma stehen. »Kann ich dich etwas fragen? Ich muss immer daran denken, dass Jonathan am Freitag noch einmal angerufen hat. Erinnerst du dich noch, was er genau gesagt hat?«
Wilma überlegte. »Nicht viel. Er hat sich kurz erkundigt, wie es mir geht, und dann gefragt, ob du in der Redaktion bist. Ich habe ihm angeboten, dir eine Nachricht von ihm auszurichten. Aber er meinte, er müsse mit dir persönlich sprechen und dass er Montag ja wieder in Berlin sei.«
Grübelnd verzog Vera das Gesicht. Was um Gottes willen war so wichtig gewesen, dass er noch versucht hatte, sie anzurufen? Ein Ferngespräch von Köln nach Berlin führte man nicht ohne Grund. »Hat er irgendwie anders gewirkt als sonst?«
Wilma schwieg. Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen, während sie ihre Finger mit den sorgfältig lackierten Nägeln vor sich faltete. »Ein bisschen angespannt vielleicht, ja, als wenn er unter Zeitdruck stehen würde. Aber ich kann mich auch irren. Es war wirklich nur ein sehr kurzes Gespräch. Das habe ich auch der Polizei gesagt.«
»Der Polizei?« Verwirrt schaute Vera sie an.
»Ja, sie war gestern noch hier. Es war schon ziemlich spät. Sie wollten Jonathans Schreibtisch sehen und haben Fragen gestellt.«
Vera runzelte die Stirn. »Aber warum denn? Es war doch ein Unfall.«
Wilma zuckte die Achseln. »Das habe ich auch gesagt. Sie meinten, es sei reine Routine. Sie waren von der Kripo. Ein Herr Kommissar Braun und sein Assistent, Herr Luckstedt.«
Vera überlegte, was das zu bedeuten hatte. »Haben sie eine Telefonnummer hinterlassen?«
»Nein, aber die Nummer von der Kripo kann ich dir auch so geben.« Wilma schlug ihr dickes Adressbuch auf und schrieb sie auf einen Zettel, den sie Vera reichte. »Glaubst du etwa, da steckt mehr dahinter?« Mit einem Mal wirkte die Sekretärin beunruhigt. »Ehrlich gesagt habe ich auch ein schlechtes Gefühl gehabt, als ich ihnen Jonathans Schreibtisch gezeigt habe. Aber was hätte ich denn machen sollen? Herr Lubowisky war schon weg, und die beiden Herren hatten ja Kripoausweise.«
Vera legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. »Das war bestimmt in Ordnung. Ich werde einfach mal dort anrufen.«
Nachdenklich ging sie mit dem Zettel zum Telefon und ließ sich mit der Nummer verbinden.
Nur knappe fünf Minuten später wusste sie, dass definitiv etwas nicht stimmte – bei der Berliner Kripo gab es weder einen Kommissar Braun noch einen Assistenten namens Luckstedt.
»Vielleicht waren die Herren von einer anderen Abteilung bei der Polizei, und Sie haben sich verhört, aber so oder so gehört sich das nicht«, mutmaßte Lubowisky etwas später, als Vera und Wilma ihn über den seltsamen Besuch informierten, nachdem er in der Redaktion eingetroffen war.
»Ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass sie Kripo gesagt haben, aber offensichtlich muss ich sie ja falsch verstanden haben. Eine andere logische Erklärung gibt es wohl nicht, oder?«, erwiderte Wilma kleinlaut.
»Was haben die Männer sich denn an Jonathans Schreibtisch angesehen?«, erkundigte sich Vera.
»Nicht besonders viel. Sie wollten im Grunde nur wissen, woran er gerade gearbeitet hat. Ich habe ihnen erzählt, dass er zu verschiedenen Themen recherchiert hat, aber dass sie genauere Auskünfte natürlich nur von unserem Chefredakteur bekommen können. Jonathan hatte auch kaum Unterlagen hier.«
Lubowisky nickte. »Es lag nur eine Mappe auf seinem Schreibtisch mit einigen Notizen zu den Themen, über die er schreiben wollte, die hatte ich gestern schon an mich genommen.« Er legte die Stirn in Falten. »Nun, vielleicht melden sich die Herren noch einmal. Nächstes Mal schreiben Sie sich bitte die Dienstnummer auf, und hier bekommt keiner Zutritt, ohne dass er vorher mit mir gesprochen hat, ja?«, fügte er nachdrücklich an Wilma gewandt hinzu, die betroffen nickte.
Damit schien die Angelegenheit zunächst erledigt.
Vera arbeitete über Mittag an ihrem Artikel über die Berliner Theaterlandschaft weiter, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, und sie musste an Jonathan und den merkwürdigen Besuch der Kriminalpolizei denken.
Als sie zwischendurch die Schublade ihres Schreibtischs aufzog, fiel ihr auf, dass sie ihre Post noch immer nicht geöffnet hatte, die ihr Wilma am Vortag gegeben hatte. Sie nahm den Stapel heraus, griff nach einem Brieföffner und begann gedankenverloren, die Umschläge aufzureißen, deren Inhalt sie nur überflog. Es war das Übliche: neue Theaterprogramme, einige Leserzuschriften und die Zusage eines Autors für ein Interview. Die zwei Päckchen, die unter den Briefen lagen, nahm sie sich zuletzt vor. In dem ersten befand sich ein neuer Roman, den sie rezensieren wollte. Bei dem zweiten Päckchen stutzte sie. Es war ungewöhnlich schwer. Der Absender war in sehr kleinen Druckbuchstaben auf der Rückseite notiert – es war eine Kölner Pension. Sie riss vorsichtig die eine Seite auf und sah, dass sich eine dicke Mappe mit Unterlagen in dem doppelt eingewickelten Packpapier befand. Sie zog sie hervor. Obenauf lag ein Briefumschlag, auf dem ihr Name stand – Vera. Ihre Kehle schnürte sich zu, denn an dem Schwung, mit dem das V geschrieben war, erkannte sie sofort Jonathans Schrift. Mit zittrigen Händen öffnete sie den Brief.

Liebe Vera, ich schicke Dir hier in aller Eile einige Unterlagen, die ich ungern weiter mit mir herumtragen möchte. Gestern wurde in meine Pension eingebrochen, und ich bin deshalb etwas unruhig … Wahrscheinlich leide ich nach dem, was ich in der letzten Woche herausgefunden habe, aber einfach nur unter Verfolgungswahn.
Also, Montag werde ich in die Redaktion marschieren, und Du wirst mir dieses Paket in die Hand drücken, und wir tun so, als hätte ich es Dir nie geschickt, ja?
Falls aber nicht und sollte irgendetwas mit mir geschehen sein, nun … dann vertraue ich Dir diese Unterlagen an. Es sind die Ergebnisse meiner bisherigen Recherchen, und ich bitte Dich, sie sicher zu verwahren und zu Ende zu führen. Leider bleibt mir keine Zeit, alles zu erklären, aber Du wirst es auch so verstehen. In den Papieren findest Du auch die Namen einiger Ansprechpartner, die weiterhelfen werden. Ich weiß, Du wirst wenig begeistert sein, aber es gibt niemanden, dem ich diese Dinge sonst anvertrauen könnte. Und wenn Du erst alles weißt, wirst Du genau wie ich begreifen, dass die Öffentlichkeit davon erfahren muss. Sollte mir also etwas passiert sein – ich weiß, das klingt furchtbar melodramatisch, wie in einem dieser schlechten Theaterstücke, die Du so hasst, aber ich bitte Dich, diese Worte ernst zu nehmen –, dann kannst Du niemandem vertrauen. Keinem Freund und auch keinem Kollegen. Nicht einmal Herr Lubowisky weiß, woran ich wirklich gearbeitet habe. Offiziell habe ich nur für einen Artikel über die Flüchtlingsströme in Europa recherchiert.
Nachdem ich mich vermutlich gerade vollkommen lächerlich mache und ich hoffe, dass Du mich bis in unser Greisenalter mit diesem Brief aufziehen wirst, umarme ich Dich, liebe Freundin.
Bis Montag
Dein Jonathan


Vera starrte auf die Zeilen. Beim Lesen hatte sie beinah das Gefühl, Jonathans Stimme hören zu können. Sie suchte aufgelöst nach dem Poststempel. Das Päckchen war am Freitag abgeschickt worden. Die bemüht locker geschriebenen Zeilen konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich gefürchtet hatte. Zu Recht, wie ihr jetzt voller Entsetzen klar wurde. Es war kein Unfall gewesen …
Ein Schatten fiel plötzlich auf sie, und sie fuhr zusammen.
»Geht es dir gut, Vera? Du bist ja ganz blass.«
Hastig bedeckte sie mit den Händen das Schreiben vor sich. Ihr Kollege Fred war vor ihrem Schreibtisch stehen geblieben. Ausgerechnet! Er war immer freundlich und höflich, aber seitdem sie beim Echo angefangen hatte, versuchte er sie zu überreden, mit ihm auszugehen.
»Ich musste nur gerade an Jonathan denken«, erwiderte sie, was ja auch stimmte und zumindest eine halbwegs glaubwürdige Erklärung für ihren emotionalen Zustand bot.
Er verzog bedauernd das Gesicht. »Das ist so furchtbar. Wir stehen alle wie unter Schock!« Er musterte sie. »Soll ich dir vielleicht ein Glas Wasser besorgen? Du bist wirklich leichenblass.«
Vera schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem schiefen Lächeln. »Nein danke, ich glaube, ich werde es für heute einfach gut sein lassen und nach Hause gehen.«
Sie wandte sich ab und merkte, dass er nur widerstrebend weiterging. Sobald Fred aus ihrem Sichtfeld verschwunden war, steckte sie den Brief samt der Mappe hastig zurück in das Packpapier, das wie ein stabiler Umschlag geformt war, und verstaute ihn in ihrer großen Handtasche. Ein Teil ragte oben aus der Öffnung. Sie würde die Unterlagen mit nach Hause nehmen und dort lesen. Das Risiko, dass jemand sie hier darauf ansprach oder versuchte, so wie eben Fred, einen

Claire Winter
© Michael Scheel

»Es ist mir sehr wichtig, den historischen Fakten gerecht zu werden, auch wenn sie in eine fiktive Handlung integriert werden.«

Claire Winter im Interview zu ihrem Roman »Die geliehene Schuld«



»Die geliehene Schuld« spielt in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Was hat Sie gerade an dieser Zeit fasziniert?

Claire Winter: Ich fand die Gründungsjahre der Bundesrepublik schon immer hochinteressant. Die sogenannte Stunde Null war ja eine Zeit, in der es den Anschein hatte, als würde alles neu und von vorn anfangen können. Aber natürlich haben die Menschen das, was sie in der Vergangenheit erlebt, erlitten und verbrochen hatten, in diesen Neubeginn mitgenommen. Vielleicht gab es deshalb dieses Tabu, nicht zu erwähnen, was unter Hitler passiert und geschehen ist.
Im Roman bricht Marie, eine junge Sekretärin im Stab von Adenauer, genau damit. Sie beginnt, Fragen über ihren verstorbenen Vater zu stellen, aber zu Hause stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Schließlich bittet Marie den Journalisten Jonathan Jacobsen um Hilfe, ohne zu ahnen, in welche Gefahr sie beide dadurch geraten …
Die Nachkriegszeit war aber auch eine Zeit, die auf jeder Ebene von Extremen und Gegensätzen geprägt war. Die Städte waren zerstört, es gab Millionen von Flüchtlingen, unzählige Vermisste, und es mangelte an Wohnraum, Essen, Kleidung, an einfach allem, sodass man ständig gezwungen war, sich anderweitig zu behelfen. Selbst bei den Straßenschildern.


Inwieweit hat die Vergangenheit auch die Figuren im Roman geprägt?

Claire Winter: Die Vergangenheit hat jeden einzelnen der Charaktere gezeichnet. Auch wenn sie alle den Traum von einer Zukunft haben, tragen sie diese Jahre des Schreckens in sich. Aber sie gehen auf völlig unterschiedliche Art damit um: Jonathan glaubt als Journalist daran, dass man das Vergangene aufarbeiten und für Gerechtigkeit sorgen muss. Seine Jugendfreundin Vera will wiederum einfach nur vergessen und einen Neuanfang. Lina, die fast ihre gesamte Familie im Holocaust verloren hat, kehrt trotzdem nach Deutschland zurück, weil das Land innerlich immer ihre Heimat geblieben ist. Ihr Bruder Eric dagegen wollte als amerikanischer Offizier eigentlich nie wieder einen Fuß über die deutsche Grenze setzen. Am Ende wird er aber durch die Geschehnisse, in die seine Schwester verwickelt ist, dazu gezwungen. Am wenigsten haben die Kriegsjahre sicherlich Marie gezeichnet. Sie ist die jüngste der Romanfiguren, und ihre Familie musste im Dritten Reich keine Repressalien erleiden. Ihre Suche nach der Wahrheit ist anfangs mit einer gewissen Naivität verbunden, aber auch sie muss sich der Vergangenheit stellen.


Gab es eine besondere Inspiration für Ihren Roman?

Claire Winter: Ja, gleich mehrere. Während der Arbeit an meinem letzten Roman führte mich die Recherche zu der Frage, was aus den vielen überzeugten Nationalsozialisten geworden ist, die für das Reichssicherheitshauptamt gearbeitet haben. Dabei bin ich dann auf die Organisation Gehlen gestoßen, die ja die Vorläuferorganisation des späteren BND war. Diese Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen. Darüber hinaus inspirierte mich ein Zeitzeugendokument in einer Ausstellung. Es war ein Video, in dem eine Frau, deren Familie durch die Nazis umgekommen war, von der Freundschaft zu einer anderen Frau erzählte, deren Eltern Täter waren. Die beiden jungen Frauen hatten sich bei einem der Kriegsverbrecherprozesse in der Nachkriegszeit kennengelernt. Zwischen ihnen entstand eine enge und lebenslange Freundschaft. Die Geschichte der beiden hat mich so berührt, dass daraus im Roman die Freundschaft von Marie und Lina wurde. Die Verbundenheit der beiden trotz ihrer so gegensätzlichen Herkunft ist in der Folge von entscheidender Bedeutung für die Geschehnisse im Roman.


Die Organisation Gehlen und damit Reinhard Gehlen hat es wirklich gegeben. Ist es eine besondere Herausforderung, solche historischen Ereignisse mit der fiktiven Handlung eines Romans zu verknüpfen?

Claire Winter: Ja, auf jeden Fall, aber auch ungemein spannend. Es ist mir grundsätzlich sehr wichtig, den historischen Fakten gerecht zu werden, sie also nicht zu verfälschen, auch wenn sie in eine fiktive Handlung integriert werden. Wobei ein Roman natürlich immer eine Interpretation bleibt. Deshalb recherchiere ich für meine Bücher stets lange und intensiv. Ich mag diese Phase der Arbeit sehr, weil dabei die innere Welt des Romans entsteht, in der die Figuren später agieren werden. Dabei bekomme ich auch ein Gefühl für die Zeit, dafür, wie es wohl war, in jenen Jahren gelebt zu haben. Oft entwickelt sich die Handlung parallel dazu wie von allein weiter. Manchmal gibt es beim Recherchieren dann Momente, in denen ich innehalte und denke: Wow, das ist unglaublich, was damals geschehen ist. So ging es mir auch mit Reinhard Gehlen, der für den historischen Hintergrund von Die geliehene Schuld eine wichtige Rolle spielt. Die Lebensgeschichte dieses Mannes liest sich so, als würde sie bereits einem Roman entstammen: Ein Generalmajor, der unter Hitler die Spionageabteilung Fremde Heere Ost leitet, der später als Kriegsverbrecher gesucht wird, sich den Amerikanern andient und dessen Pläne dann nicht nur aufgehen, sondern der es Jahre später tatsächlich schafft, der erste Präsident des Bundesnachrichtendienstes zu werden. Alles, was ihn und seine Organisation umgibt und was man über sie in Erfahrung bringt, ist von einer so ungeheuer konspirativen Atmosphäre erfüllt – selbst die Fotos, auf denen Gehlen sich in späteren Jahren gern mit Hut und dunkler Sonnenbrille ablichten ließ. Das hat es mir am Ende für den Roman auch sehr leicht gemacht, die Ebenen zwischen den historischen Fakten und Fiktivem zu verbinden.


Maries Nachforschungen über ihren Vater führen am Ende auf eine größere internationale Ebene, in die auch die Geheimdienste verwickelt sind. Was hat Sie daran gereizt, die Machenschaften der Spione im Roman zu verarbeiten?

Claire Winter: Die Neuformierung der Geheimdienste nach Kriegsende hängt natürlich eng mit der eigentlichen Handlung des Romans zusammen. Ich fand es wirklich erzählenswert, zu schildern, wie tief nicht nur Organisationen des Vatikans und des Internationalen Roten Kreuzes, sondern ebenso die Geheimdienste der Alliierten in die Flucht von Kriegsverbrechern verwickelt waren. Es hat in dieser unmittelbaren Nachkriegszeit so viele unterschiedliche »Wirklichkeiten« gegeben. Vielen Menschen ging es unendlich schlecht, aber es gab eben auch die, die sich von Anfang an gewieft durchzuschlagen und die Umbruchszeit und unterschiedlichen politischen Interessen zu ihren Gunsten zu nutzen wussten. Dabei hat eine Figur wie die von Reinhard Gehlen gleichermaßen etwas Abstoßendes wie auch Faszinierendes, finde ich. Wohlgemerkt im negativen Sinne. Es ist einfach unglaublich, mit welcher Kaltblütigkeit er bereits während des Krieges Pläne für die Zeit danach gemacht hat und wie berechnend und zielstrebig er seine Karriere dann fortsetzen konnte. Er und seine Getreuen haben hinter den Mauern von Pullach ein Leben wie in einem Paralleluniversum geführt.


Sie leben in Berlin. Würden Sie sagen, dass die Stadt einen Einfluss auf den Roman gehabt hat?

Claire Winter: Ja, ganz bestimmt. Noch vor zehn, fünfzehn Jahren konnte man oft noch an vielen Häusern Einschusslöcher in den Fassaden sehen. Das war so normal wie die Mauer, die einmal mitten durch die Stadt ging. Und wenn man genau hinschaut, kann man die Löcher hin und wieder jetzt noch entdecken. Die Geschichte vom Dritten Reich bis zum Kalten Krieg ist an vielen Ecken nach wie vor spürbar. Das ist einfach ein Stück von Berlin, und obwohl ich hier lebe, entdecke ich immer wieder etwas Neues. Gerade in den letzten Jahren hat die Stadt viel von ihrer Historie aufgearbeitet. Nicht nur in Museen und Ausstellungen, sondern auch durch die zahlreichen wichtigen Erinnerungs- und Gedenkstätten. Diese Orte sind für mich als Autorin immer wieder Quellen, an denen ich meine Recherchen vertiefen kann und die mich auch beim Schreiben inspirieren. Englische Freunde haben mir einmal gesagt, dass sie diesen Umgang mit der Vergangenheit hier in Berlin sehr einzigartig und besonders finden. Das hat mich sehr gefreut.


Wie recherchieren Sie, um in eine neue Zeit und Geschichte hineinzukommen?

Claire Winter: Am Anfang lese ich vor allem viel – nicht nur geschichtliche Bücher über die Zeit, sondern vor allem auch Biografien, Lebensberichte und Briefe. Durch diese persönlichen Dokumente bekomme ich am besten einen emotionalen Zugang zu den Menschen, die in dieser Zeit gelebt haben. Fotografien und Bildbände vermitteln mir ebenfalls einen wichtigen Eindruck. Für »Die geliehene Schuld« habe ich aber auch sehr viel im Internet recherchiert. Es gibt inzwischen unglaublich tolle Websites mit Datenbanken, in denen man auch zahlreiche Interviews von Zeitzeugen und Filmausschnitte der damaligen Nachrichten findet. Ich musste fast schon aufpassen, in den Recherchen nicht verloren zu gehen, weil es so viele spannende Dokumente gibt. Außerdem gehe ich in Museen, Ausstellungen und nutze die dortigen Quellen, gleichzeitig treibt es mich immer wieder nach draußen. Ich brauche ein Gefühl für die Orte, an denen der Roman spielt, ich reise dorthin und spreche mit den Menschen. Meistens kommen mir dabei auch die besten Ideen, die sich dann wie von allein zu einer Handlung zusammenfügen …


Gibt es schon Pläne für ein nächstes Projekt?

Claire Winter: Ja, ich habe eigentlich immer sehr schnell neue Ideen für Geschichten im Kopf. Oft entsteht ein erstes Fragment schon, während ich noch an dem aktuellen Projekt arbeite. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass man beim Schreiben und Recherchieren so oft auf andere spannende Personen und Begebenheiten stößt. Auf diese Weise bin ich auch neugierig auf die Zeit geworden, die sich an »Die geliehene Schuld« anschließt. Mich interessiert unweigerlich die Generation, die folgt, und mich beschäftigt die Frage, welche Konsequenzen aus den historischen Ereignissen wohl für die Menschen später entstanden sind. So ist es auch zu meiner Idee für das nächste Projekt gekommen. Es wird deshalb in die 50er- und 60er-Jahre führen, in die aufregende Zeit des Kalten Krieges.

Vielen Dank, liebe Claire Winter!

>> Erfahren Sie mehr über Claire Winter im Autorensteckbrief von Klassik Radio

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