Vom Zauber der Freundschaft

Beziehungen besser verstehen und leben

Es gibt viele Arten von Beziehungen, doch wirkliche Freunde sind etwas ganz Besonderes. Sie schaffen Vertrauen, geben Sicherheit und schützen uns, besonders dann, wenn das Leben hart zupackt. Mit ihnen reden wir über Dinge, die uns tief im Inneren beschäftigen, und mit ihnen genießen wir im besten Fall sogar die Fähigkeit des gemeinsamen Schweigens. Freunde wirken sich nachweislich positiv auf die Lebensqualität aus und sind die beste Medizin gegen Einsamkeit. Die lebendigen wunderbar erzählten Geschichten dieses Buches bringen uns dazu, wirkliche Freunde zu erkennen, ihre Kraft ernst zu nehmen und neue Menschen zu finden, die uns diesem einen Geheimnis des Glücks näher bringen.

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VORWORT

Diesen Gedanken habe ich für die Freundschaft umformuliert, weil er das schillernde Phänomen auf den Punkt bringt. Zweieinhalb Jahrtausende nach den alten Griechen fragt man sich letztlich bis heute, worin das Geheimnis der Freundschaft besteht und was sie am Leben hält. Da ist das Wort vom Zauber nicht fehl am Platz, denn irgendwie ist jeder Freundschaft etwas Zauber beigemischt, der sich nicht in Worte fassen lässt.
Es gibt wohl kaum einen Menschen, den Freundschaft nicht auf irgendeine Weise beschäftigt. Freundschaft ist eine uns alle verbindende Lebenspraxis, weil sie wohl fast jeder auf seine eigene Weise lebt. Immer wieder entscheiden wir uns für Freunde, weil wir intuitiv spüren: Wir brauchen einander. Immer wieder wagen wir freundschaftliche Nähe. Und immer wieder die Erkenntnis: Es ist gut, mit Freunden zu sein. Aber auch die Erfahrung: Freundschaften sind hochempfindlich und verletzbar. Es können Kleinigkeiten sein, die das Ende heraufbeschwören. Dennoch fällt auf, dass zwar viele über Freundschaft nachdenken und schreiben, aber Freunde selbst relativ wenig über ihre Freundschaft sprechen. Auf die Frage, wer und wie bin ich als Freund, erhielt ich eher zögerliche oder ausweichende Antworten. »Ich muss mal drüber nachdenken«, »Da müsste ich meinen Freund fragen«. Es scheint, als sprächen wir wohl eher unausgesprochen über unsere Freundschaften, indem wir uns über aktuelle Themen, Reisen, Bücher, Filme und Menschliches, Allzumenschliches austauschen.
Über Freundschaft zu schreiben hieße, sie loben zu wollen. Aber je näher man sich mit ihr beschäftigt, desto mehr entpuppt sie sich als wandlungsfähiges, bewegliches, facettenreiches Gebilde, das sich nicht einfangen, fixieren oder bannen lässt unter einem Generallob. Freundschaft ist oft genug auch recht trivial. Sie kann zerbrechen oder in Entfremdung münden. Sie kann sogar schädigend sein, wenn Freunde einander in destruktive Bahnen verführen. Freundschaft ist die alltagstaugliche Form der Liebe, so mein Fazit.
Wer wir sind, verdanken wir nicht zuletzt den Freunden, die uns nahestehen. Sie färben auf uns ab und spiegeln uns – im Guten wie im Schlechten. Sie beeinflussen nicht selten die Richtung, die unser Leben einnimmt. Und unser Lebensweg beeinflusst, wen wir uns zum Freund wählen. Freunde haben einen starken Einfluss auf unser Handeln, weil wir uns den Personen immer einen Hauch angleichen, mit denen wir uns direkt umgeben. Daher der altbekannte griechische Satz: »Sage mir, wer dein Freund ist, und ich sage dir, wer du bist.« Jedenfalls zeigen wir durch unsere Freunde, wen wir in unser Leben hineinlassen. Und sie wiederum zeigen uns, dass wir es wert sind, Zeit und Gefühle von ihnen geschenkt zu bekommen. Durch sie fühlen wir uns besser und selbstsicherer. Deshalb sind wirkliche Freundschaften eine der größten, lebensbejahenden und -bestätigenden menschlichen Errungenschaften.
Selbst die Sprache hat viele Begriffe dafür gefunden: In Holland teilen Freunde »binnenpretje« – sogenannte private Witze und »gezellig« Geselligkeit, im Walisischen knuddelt man gern »cwtch«, in Schweden mag man die gemütliche »hygge« bei Feuer und Wein, und wir Deutschen mögen wohl eher die Geborgenheit.
Jede Freundschaft hat ihre eigene Zeit, ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Wandlungen, Bewegungen, ihre eigenen Illusionen, Ansprüche, Werte und Verhaltensmuster. Deshalb verträgt Freundschaft keine Festlegungen, Versicherungen, Einklagbarkeiten und schon gar keine Verordnungen oder Gebrauchsanweisungen. Niemand muss befreundet sein, keiner kann eine Freundschaft verbieten. Nur so kann die Freundschaft ihr hohes Ideal der Freiwilligkeit bewahren. Deswegen taucht auch in der Literatur immer wieder die treffende Metapher des Tanzes auf, die die bewegliche Leichtigkeit dieses permanenten Balanceaktes zwischen Nähe und Distanz, Vertrautheit und Fremdheit ausdrückt.
Was ist eigentlich so faszinierend an der Gestalt Freundschaft? Ihre bereichernde, beglückende, stabilisierende Kraft? Ihre Zerbrechlichkeit, ihre Verletzbarkeit? Jede Freundschaft schafft sich ihr eigenes kleines Universum. Freunde können vieles. Sie können beglücken, berühren, besetzen, faszinieren, heilen, kritisieren, schikanieren, schonen. Im Gegensatz zu den schwer lösbaren Familienbanden – zumindest braucht es viel Kampf und Verbohrtheit, um sie aufzulösen – sind Freundschaften wohl eher bunte Fäden, die leicht reißen können, wenn man sie nicht geschmeidig hält. Zumindest lebt die Freundschaft in einem nicht einfach festzulegenden Übergangs- oder Zwischenreich zwischen Familie, Verwandtschaft, Liebe und Bekanntschaft. Zwar wird gegenüber der Familie ihre Freiwilligkeit, gegenüber der Liebe die Dauerhaftigkeit, gegenüber der Bekanntschaft die Verbindlichkeit und Intensität gepriesen, aber was sie ausmacht, ist noch viel mehr.
Freundschaft hat ihre eigene Zeit. Von Aristoteles stammt der Ausspruch, dass man mehrere Scheffel Salz miteinander gegessen haben muss, um von Freundschaft zu sprechen. Das sind etwa fünfunddreißig Kilo! Freundschaft ist also eine lange Geschichte. Ein langes Gespräch. Sie kennt kein Ziel, kein Ablaufdatum und keinen olympischen Ehrgeiz. Ihre Zukunft ist offen und entwickelt sich im Prozess der Freundschaft. Eine unendliche Geschichte der Bewährungsproben, der Höhen und Tiefen, des Alltäglichen und Pragmatischen. Unter ihrem Schirm hat so vieles Platz: das Blödeln, das Lachen, das Trösten, die Weisheit, der Witz. Freundschaft kennt viele Sedimentschichten: sich beim Umzug helfen, sich Geld ausleihen, zusammen feiern, herumalbern, sich über andere lustig machen, lästern, sich streiten, einander aus der Patsche helfen, sich zum Flughafen fahren, über Gott und die Welt philosophieren, sich wortlos begegnen, wenn andere Brücken eingestürzt sind. All das lagert sich ab und formt ihre Geschichte.
Freunde zeigen uns, dass wir dazugehören, dass die Welt ein freundlicher Ort sein kann. Sie geben uns Einblick in andere, fremde Welten, die wir ohne sie nie kennengelernt hätten. Sie zeigen uns neue Blickwinkel und Aussichten, leiten die Blitze ab, die uns fast zerreißen. Sie halten unsere Hände, wenn wir Trost brauchen.
Wenn wir älter werden, brauchen wir viele warme Hände und wohlwollende Blicke. Freunde können wir mehrere verschiedene gleichzeitig haben. Selbst die Forschung bestätigt es: Frauen, die alt genug sind, um als »älter« zu gelten, sind besser dran, sind gesünder und glücklicher, wenn sie Freunde haben, als wenn sie nur Enkelkinder hüten oder eine Katze versorgen.
Freunde suchen wir uns selbst aus. Keine Institution gängelt uns, kein Sachzwang nötigt uns, keine Versicherung schützt uns. Wir lieben sie, weil wir es so wollen. Wir folgen ihnen, solange wir wollen. Wir schenken ihnen unsere Zuneigung, weil wir uns so entschieden haben. Niemand kann uns reinreden. Niemandem müssen sie gefallen – außer uns selbst. Freunde sind kein ewig haltbares Konservengut, sondern brauchen Pflege. Auch wenn dies Assoziationen an Topfpflanzen oder grüne Daumen wecken mag, so trifft es dennoch zu, weil Freundschaft in der Zeit lebt und nicht einfach abgelegt werden darf.
Freundschaft ist ein großes, komplexes Thema, vergleichbar mit der Frage: Was ist die Liebe? Was ist Gott? Auch ich werde es nicht abschließend und umfassend beantworten können. Deshalb entschied ich mich für eine persönliche, eigensinnig kreisende Suchbewegung, die vieles mitnimmt, an manchen Stellen innehält und an anderen Stellen abschweift. Diese Verbindung von Konzentration und persönlichen Vorlieben ist mein Versuch, etwas von der Komplexität der Freundschaft einzufangen. Was mich motiviert hat, dieses große Thema aufzugreifen, ist meine studentische Haltung dem Leben gegenüber: Ich möchte nie aufhören zu lernen. In diesem Sinn unterstreiche ich im Zitat von Voltaire, dass wenig im Leben von Bedeutung sei mit Ausnahme der Freundschaft, weil ich von meinen Freundinnen und Freunden unendlich viel gelernt und verstanden habe: Wir brauchen einander mehr denn je. Wir sind bedürftige Wesen.

Irmtraud Tarr
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Irmtraud Tarr

Irmtraud Tarr, Dr. phil., Lehrtherapeutin, Musiktherapeutin, Psychotherapeutin für Kinder- und Jugendliche. Konzertorganistin mit internationaler Tätigkeit und Aufnahmen für Tonträger, Funk und Fernsehen. Autorin zahlreicher erfolgreicher Bücher in mehreren Sprachen, seit 2014 Univ. Professorin in Salzburg (Performance Science).

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