Ayesha Harruna Attah »Die Frauen von Salaga«

Ayesha Harruna Attah über ihren Roman »Die Frauen von Salaga«

Ayesha Harruna Attah wurde in Ghana geboren, studierte in den USA u.a. an der Columbia University und der NYU und lebt heute im Senegal. Ihr Roman Die Frauen von Salaga ist von dem Schicksal ihrer Ururgroßmutter inspiriert.

Ayesha Harruna Attah
© Itunu Kuku
Würden Sie uns Ihren Roman kurz vorstellen?

Die Frauen von Salaga ist ein Roman über zwei Frauen im vorkolonialen Ghana: Aminah, die als Sklavin verkauft wird, und Wurche, die Aminah irgendwann besitzt. Er erzählt von Freiheit, Liebe und Vergebung.

Wie würden Sie Aminah und Wurche beschreiben? Was trennt sie, was verbindet sie?

Aminah hat den Kopf in den Wolken. Sie ist kreativ, eine Tagträumerin und möchte gern mit den Händen arbeiten. Wurche ist ehrgeizig, hat einen starken Willen und wenig Geduld. Beide sind unabhängig und wollen Dinge tun, die ihnen ihre jeweilige Gesellschaft verwehrt. Was sie trennt, ist der Klassenunterscheid: Eine wird versklavt, die andere ihre Besitzerin.

Was passiert, als diese beiden Frauen aufeinandertreffen?

Für Aminah ist es ein bittersüßes Treffen. Sie beneidet Wurche um ihre Freiheit, darum, tun und lassen zu können, was sie will. Und sie lehnt Wurche ab, weil diese über ihr Leben und ihre Freiheit verfügen kann. Wurche hingegen empfindet eine Mischung aus Neid und Anziehungskraft. Ihre Kraft liegt darin, dass sie zusammenarbeiten.

In welche Perspektive konnten Sie beim Schreiben leichter schlüpfen?

Es fiel mir leichter, über Wurche zu schreiben, weil Schriftzeugnisse von Frauen aus afrikanischen Königsfamilien wie Königin Aminah und Yaa Asantewaa in Ghana existieren. Davon konnte ich mich inspirieren lassen. Obwohl sie meiner Ururgroßmutter nachempfunden ist, war Aminah schwerer zu schreiben, da meine Familie nicht viel von ihr wusste. Nicht einmal ihren Namen. Ihr habe ich mich sehr nah gefühlt und die Figur mithilfe von Intuition und Vorstellungskraft zu Papier gebracht.

Ihr Roman ist von Ihrer eigenen Familiengeschichte inspiriert. Verraten Sie uns noch etwas mehr darüber?

Ja, gerne. Als ich unseren Familienstammbaum erforscht habe, hat mein Vater erwähnt, dass unsere Vorfahrin, die Mutter seiner Großmutter, nur „die Sklavin“ genannt wurde. Das hat mich neugierig gemacht. Ich wollte mehr wissen, aber er konnte mir nur sagen, dass sie vermutlich aus Mali, Niger oder Burkina Faso kam und sehr helle Haut gehabt haben soll. Ich habe versucht, mehr über sie herauszufinden. Meine Familie war diesbezüglich äußerst schweigsam. Letztlich habe ich mich beim Erzählen von Aminahs Geschichte eher auf meine Nachforschungen und das, was in unserer Familie ungesagt geblieben ist, gestützt.
Wie haben Sie den historischen Hintergrund recherchiert?

Ich bin nach Salaga in Nord-Ghana gefahren, habe den Sklavenmarkt und die verschiedenen Orte besucht, an denen Versklavte vor dem Verkauf festgehalten wurden. Dazu habe ich viele schriftliche Zeugnisse von Besuchern Salagas gelesen, die sich in den Bibliotheken der University of Ghana und dem Schomburg Center for Research in Black Culture in New York befinden.

Warum jetzt dieser Roman? Ist dieses Thema heute besonders wichtig?

Ich habe fünf Jahre gebraucht, um den Roman zu schreiben, aber aus meiner Sicht ist das Thema zeitlos. Noch heute hält man Menschen in Gefangenschaft und Sklaverei, und das müssen wir immer wieder thematisieren, um es ein für alle Mal abzuschaffen. Menschenhandel, wie wir es heute nennen, existiert in verschiedenen Formen überall auf der Welt und wird sich solange wiederholen, bis wir die Ursachen dafür ergründet haben, warum es manche Leute in Ordnung finden, mit dem Leben anderer Geschäfte zu machen.

Was bedeutet es Ihnen, dass der Roman ins Deutsche übersetzt wurde?

Es fühlt sich wirklich fantastisch an, in eine andere Sprache übersetzt zu werden, und ich freue mich sehr, dass mein Buch so eine neue Leserschaft erreicht. Ich persönlich finde eine deutsche Leserschaft besonders aufregend, weil der Roman auch die deutsche Kolonialisierung Westafrikas erwähnt. Ich bin gespannt, wie sie auf die Figur des Deutschen reagieren wird.

Wie wird Westafrika aus Ihrer Sicht in der westlichen Welt wahrgenommen? Glauben Sie, dass Literatur andere Perspektiven eröffnen kann?

Aus meiner Sicht wird der ganze Kontinent häufig auf ein einziges darbendes Land reduziert, während die Realität vor Ort vollkommen anders aussieht. Selbst innerhalb Westafrikas gibt es unterschiedlichste Lebensformen, und ich versuche, das in meiner Arbeit einzufangen. Ich finde, dass Literatur viel Macht hat, weil sie aufklärt, vermittelt – ja neue Perspektiven auf die Lebensweise anderer Menschen bietet.

Sie sind in Ghana geboren, haben in den USA studiert und leben jetzt im Senegal. Welche Sprachen sprechen Sie, und warum haben Sie beschlossen, diesen Roman auf Englisch zu schreiben?

Englisch ist meine offizielle Sprache, da ich in Ghana aufgewachsen bin. Ich spreche auch Twi, die Sprache der Ashanti in Ghana, und in der Schule habe ich gelernt Ga zu lesen und zu schreiben, eine weitere ghanaische Sprache. Inzwischen spreche ich auch Französisch und besitze Grundkenntnisse in Spanisch. Schreiben tue ich am liebsten auf Englisch, deshalb habe ich den Roman auch in dieser Sprache verfasst.
Gibt es einen bestimmten Moment in Ihrer Biografie, an dem klar wurde, dass Sie Schriftstellerin sein wollen?
Insgeheim wusste ich immer, dass ich schreiben will – sogar als ich mich in der Schule mit Naturwissenschaften beschäftigt habe. Doch erst nachdem ich meinen ersten Roman fertiggestellt hatte, habe ich mich selbst als Schriftstellerin betrachtet.

Was bedeuten Ihnen Lesen und Schreiben?

Lesen und Schreiben nehmen mich mit auf eine Reise, erlauben mir, andere Teile der Welt zu erkunden und Menschen kennenzulernen, die mir sonst verborgen blieben. Das Schreiben gestattet es mir, mich mit Themen zu beschäftigen, die mich interessieren, und die Aufmerksamkeit auf meine Heimat zu lenken.

Übersetzung: Christiane Burkhardt

Die Frauen von Salaga

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