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SPECIAL zu Christopher Hitchens »Der Herr ist kein Hirte«

Wann hätte Religion je Gutes bewirkt?

Rezension von Karl Hafner

Christopher Hitchens verabreicht mit "Der Herr ist kein Hirte" eine wirksame Medizin gegen die zunehmende Dominanz religiöser Systeme

Die Sehnsucht nach Glaube, Hoffnung, Erlösung und Kniefall vor irgendeinem Gott hat auch bei uns in den letzten Jahren wieder Konjunktur. Man denke nur an die Millionen Menschen, die zu den Kirchentagen rennen und sich pudelwohl fühlen in der betenden und fürbittenden Gemeinschaft, oder an die, die sich allen Ernstes davon überzeugen lassen, dass Gott die Welt in sechs Tagen zusammengebaut hat, so als sei alles aus einer Art Legobaukasten hervorgegangen und die Evolution hätte nie stattgefunden.

Der religiöse Glaube wird uns noch lange begleiten. "Er wird nie aussterben, zumindest nicht, solange wir unsere Angst vor dem Tod, vor der Dunkelheit, vor dem Unbekannten und voreinander nicht überwunden haben", schreibt Christopher Hitchens zu Beginn seines Buches "Der Herr ist kein Hirte", und zeigt damit schon fast das letzte Mal Verständnis für Religion und Religiosität. Auf den weiteren dreihundert Seiten versucht er zu beweisen, "wie Religionen die Welt vergiften" - so der Untertitel des Buches. Und er bleibt diesen Beweis nicht schuldig.

In erster Linie argumentiert Hitchens aus kulturgeschichtlicher und literarischer Perspektive und ist dabei so aggressiv und böse, dass es eine wahre Freude ist - zumindest für jeden überzeugten Antitheisten. Er würde die Religion nicht verbieten lassen, selbst wenn er dazu imstande wäre, schreibt Hitchens. "Doch werden die Vertreter der Religionen mit mir die gleiche Nachsicht haben?" Hitchens selbst hat dann mit dem Glauben allerdings keinerlei Nachsicht. "Während ich diese Worte schreibe und sie gelesen werden, planen Gläubige auf diverse Arten unsere Zerstörung und die Zerstörung all der (...) mühsam erarbeiteten Errungenschaften."

Kreuzzug gegen den Kreuzzug
Hitchen spart nicht mit Polemik und Spott bei der Beurteilung der Religionen: Er glaube nicht, dass es arrogant sei, wenn er behauptet, dass er die vier Haupteinwände gegen den religiösen Glauben schon vor dem Stimmbruch entdeckte, schreibt er und präsentiert seine Einwände so, dass nicht mehr viel übrig bleiben kann von etwaigen guten Seiten gläubiger Lebensführung. Der Glaube "stellt die Ursprünge des Menschen und des Universums völlig falsch dar, er verbindet infolge dieses Irrtums ein Höchstmaß an Unterwürfigkeit mit einem Höchstmaß an Solipsismus, er ist Folge und Ursache einer gefährlichen sexuellen Repression, und er fußt letzten Endes auf Wunschdenken."

In den folgenden Kapiteln begründet Hitchens diese Thesen voller Verve, Polemik und eindrucksvollem Wissen. An zahlreichen Beispielen belegt er die fortwährende Unterdrückung und Verfolgung kritisch denkender Menschen über die Jahrhunderte, schreibt über die sadistischen, sexuell aufgeladenen Einfälle der Folterer in Gottes Namen, geißelt die oft unheilige Allianz von Religionsvertretern und autoritären Regimes oder beschreibt das von Religionsfanatikern verursachte Elend in der Gesundheitspolitik der Dritten Welt, etwa bei der Bekämpfung von Polio oder Aids. Das sind natürlich alles keine neuen Einwände, doch das rhetorische Geschick, mit dem Hitchens Widersprüche aufeinander prallen lässt und die daraus resultierende rationale Gnadenlosigkeit geben der Argumentation eine ganz eigene Wucht und Überzeugungskraft. Der Zusammenhang zwischen Religion und sexueller Repression führt Hitchens zu der provokanten Frage: "Ist Religion Kindesmisshandlung?" Er beantwortet diese Frage mit einem eindeutigen "Ja" und untermauert seinen Standpunkt mit zahlreichen drastischen Beispielen.

Gandhi und Mutter Teresa
Die landläufige Unterstellung, dass gläubige Menschen moralischere Menschen wären, lässt Hitchens in seinem Buch "Der Herr ist kein Hirte" schon gar nicht gelten. Exemplarisch pickt er sich ein paar Säulenheilige des Glaubens heraus, um sie zu demontieren. So hätte der gewaltfreie Widerstand Gandhis nur Wirkung gezeigt, weil die britischen Besatzer Indien sowieso nicht mehr hätten halten können. Das sei zwar keine Schande, doch Gandhis religiöse Überzeugungen würden sein Vermächtnis in ein dubioses Licht stellen. "Gandhi wollte Indien, verkürzt gesagt, wieder zu einer dörflichen und primitiven‚ spirituellen' Gesellschaft machen, erschwerte damit die Machtteilung mit den Muslimen und war wohl willens, zur Gewalt zu greifen, wenn er es für nützlich hielt." Und weiter: "Jahrzehntelang hatte ein stabiles Bündnis aus britischen und indischen Säkularisten und Linken der Befreiung Indiens argumentativ den Boden bereitet. Er war absolut überflüssig, dass ein religiöser Obskurantist die Sache an sich riss, verschleppte und verzerrte."

Auch Mutter Teresa kommt nicht ungeschoren davon. So sei eine ihrer so genannten Wunderheilungen vor allem für den Leiter der örtlichen Krankenhauses ärgerlich gewesen, da viele Angehörigen des Ordens bei ihm anriefen und forderten, das göttliche Wunder zu bestätigen. Besagte Patientin sei jedoch durch eine übliche medizinische Behandlung geheilt worden, während Mutter Teresa den Einsatz von Schmerzmitteln verweigert hätte. Diese Episode würde zur Folge haben, "dass sich indische Dorfbewohner weiter ihren Quacksalbern und Fakiren anvertrauen. Anders ausgedrückt: Als Folge dieses gefälschten und verachtungswürdigen Wunders werden viele Menschen sinnlos sterben."

Städte mit dem Buchstaben B
Hitchens wütender Argumentation kommen seine eigenen Erfahrungen als weitgereister Journalist zugute. So kann er aus einem großen Fundus eigener Geschichten schöpfen und illustrieren, was er theoretisch vorgelegt hat. So sei er einmal bei einer Podiumsdiskussion in den USA von Dennis Prager, einem Moderator von religiösen Radiosendungen, gefragt worden, ob er sich sicherer oder weniger sicher fühlen würde, wenn er wüsste, dass die Männergruppe, die ihm da nachts in einer fremden Stadt begegne, aus einer Gebetsversammlung käme. Der Moderator wollte sicher etwas anderes hören auf seine Suggestivfrage als Hitchens Antwort:

"Ich beschränke mich jetzt einmal auf den Buchstaben B. In Belfast, Beirut, Bombay, Belgrad, Bethlehem und Bagdad habe ich so eine Situation schon erlebt. In jedem Fall kann ich behaupten, und dies auch begründen, dass ich mich unmittelbar bedroht fühlte, wenn ich annahm, dass die Männer, die mir im Dämmerlicht begegneten, aus einer religiösen Veranstaltung kamen."

Zu allen sechs Städten folgen Geschichten von den "religiös motivierten Grausamkeiten", die Hitchens dort mit eigenen Augen beobachtet hat, und doch hätte er nach eigener Aussage diese Städte gar nicht bereisen müssen, um sich von den üblen Auswirkungen des religiösen Fanatismus ein Bild machen zu können. Spätestens als sein Freund Salman Rushdie 1989 wegen seines Romans "Die satanischen Verse" vom Führer eines Gottesstaates zum Tode verurteilt wurde, habe er feststellen müssen, wie sehr die bürgerliche Gesellschaft wieder von Religionen herausgefordert würde.

Plagiierte Plagiate
Hitchens Buch geht an vielen Stellen über das hinaus, was man landläufig unter Religionskritik versteht. Er kennt kein Pardon, lässt sich erst gar nicht auf Relativierungen ein, nennt Verbrechen Verbrechen, und sein Verständnis endet bereits an dem Punkt, an dem sich Religionsvertreter in gesellschaftliche Belange einmischen. In seiner Schusslinie stehen gleichwohl Christentum, Judentum, Buddhismus und Islam. Hitchens macht deutlich klar, dass aus seiner Sicht die Welt schon immer besser gewesen wäre ohne Religionen. Bereits in den Ursprüngen seien die Religionen schäbig gewesen. Die monotheistischen Glaubensrichtungen nennt Hitchens "plagiierte Plagiate unverbürgter Gerüchte, die sich zurückbeziehen auf ein paar wenige frei erfundene Pseudoereignisse." Und das wäre nun tatsächlich ein lächerliches Fundament für den enormen Einfluss, den man Religionen heutzutage noch zugesteht.

Karl Hafner
München, November 2007

Der Herr ist kein Hirte Blick ins Buch

Christopher Hitchens

Der Herr ist kein Hirte

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