VERLAGSGRUPPE RANDOM HOUSE - BERTELSMANN
Menü

Elisabeth Herrmann zu ihrem neuen Roman "Stimme der Toten"

„Stimme der Toten“ ist der zweite Thriller um Tatortreinigerin Judith Kepler. Dieses Mal wird sie in einen Hacker-Angriff auf eine Bank verwickelt. Ein Gespräch mit Elisabeth Herrmann über ihre außergewöhnliche Heldin und über Cyber-Kriminalität.

Sie haben sich jetzt ein zweites Mal intensiv mit Judith Kepler befasst. Was ist für Sie das Besondere an ihr?
Sie ist von ihrer Kindheit in der DDR gezeichnet, kämpft aber darum, die Vergangenheit hinter sich zu lassen – sie ist verletzt, aber auch sehr tough. Zudem haben die Geheimdienstaktivitäten ihres Vaters Konsequenzen bis in die Gegenwart und sind ein spannender Kontext.

Muss man das erste Buch um Judith Kepler kennen, um dem zweiten folgen zu können?
Nein, ich habe die Vorgeschichte in den neuen Band einfließen lassen, so dass er unabhängig zu lesen ist.

Judith Keplers Kindheit spielt in beiden Büchern eine wichtige Rolle. Was berührt Sie an ihrer Lebensgeschichte?
Die Rigorosität, die Grausamkeit Heimkindern gegenüber ist mir sehr nahegegangen. Judiths Eltern waren für die Stasi tätig, wollten die DDR aber in den achtziger Jahren verlassen und scheiterten grausam bei der „Republikflucht“. Sie war damals fünf und wurde in ein Heim auf Rügen verfrachtet, wo Kinder gedrillt und gebrochen wurden. Sie bekam eine neue Identität und wurde gezwungen, die ersten Jahre ihres Lebens, ihre Eltern und ihre Herkunft zu vergessen. Das alles findet sie im ersten Band, in „Zeugin der Toten“, heraus.

Ist Judith Kepler einer realen Person nachempfunden?
Sie ist eine fiktive Figur, aber ihr Leben hätte so verlaufen können, wie ich es erzähle: Viele haben Ähnliches erlitten. Kinder von Oppositionellen und Flüchtlingen mussten ihre Namen ändern,Behörden schrieben ihre Biographien um, einige wurden zwangsadoptiert. Mich hat vor allem interessiert, wie Judith durch eine solche Kindheit gezeichnet ist, so dass sie ihr Leben nicht leben kann, dass sie immer wieder stolpert. Und wie es doch gelingt, aus der Negativspirale herauszukommen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, sich ein Leben aufzubauen. Es ist ein sehr bescheidenes Leben, das Judith Kepler sich geschaffen hat. Bis jetzt ist sie Putzfrau und Tatortreinigerin geblieben, übt einen sehr harten und schlecht bezahlten Beruf aus, obwohl sie Potential zu sehr viel mehr hat.

Warum bleibt das so auch in „Stimme der Toten“?
Es liegt daran, dass sie sich noch in der Opferrolle gefangen fühlt. Nichts von dem, was ihr angetan wurde, ist öffentlich geworden, es gab keine Gerechtigkeit für sie, nicht einmal den Versuch einer Entschuldigung oder Wiedergutmachung. Judith hat sich zwar wehren können, als ihr Leben in Gefahr war, aber sie hatte keine Möglichkeit zurückzuschlagen. Das ändert sich jetzt: Sie reagiert nicht mehr nur, sie handelt vielmehr – die Kriegerin in ihr bricht durch.

Angriff auf Europa

Wie geschieht das?
Es beginnt damit, dass sie im Foyer einer Bank putzen soll, nachdem es dort einen rätselhaften Todesfall gegeben hat. Dieser Auftrag führt dazu, dass sie auch weiterhin Zugang zu der Bank erhält und in einen Hacker-Angriff involviert ist, der in Russland geplant wird. Dabei sollen Daten manipuliert und Politiker gestürzt werden. Es ist ein Angriff, der Europa destabilisieren soll – der Kalte Krieg wird im Internet fortgesetzt. Es geht um sehr viel, es wird mit harten Bandagen gekämpft, und Judith muss sich gegen Geheimdienste, Hacker und Söldner behaupten.

Wie sind Sie auf die Idee dazu gekommen?
Etwas Ähnliches ist tatsächlich passiert und wurde aufgedeckt: die Clearstream-Affäre, in der es um angebliche Schwarzgeldgeschäfte ging. Tatsächlich waren aber wohl Bankdaten manipuliert worden. Unter anderem geriet in Frankreich Nicolas Sarkozy zu Unrecht unter Verdacht. Dabei hat sein politischer Gegenspieler Dominique de Villepin eine Rolle gespielt.

Was hat Sie an der Clearstream-Affäre gereizt?
Sie ist ein unglaublicher Thrillerstoff! Und Cyber-Kriminalität ist ein aktuelles politisches Thema. Nicht zuletzt im vergangenen Jahr, als ich „Stimme der Toten“ schrieb, wurde immer klarer, wie angreifbar wir auf digitalem Weg sind. Allein die Meldungen, dass der US-amerikanische Wahlkampf von russischen Hackern beeinflusst gewesen sein könnte, sind sehr beunruhigend. Ähnliches kann auch im deutschen Bundestagswahlkampf 2017 passieren.

Rechtsextreme Parallelgesellschaft

Neben dem Hacker-Angriff auf eine Bank setzen Sie sich in „Stimme der Toten“ mit Neonazis auseinander. Warum haben Sie sich für dieses Thema entschieden?
Ich erzähle von einer sogenannten national befreiten Zone in Mecklenburg-Vorpommern, die komplett von Rechtsextremen übernommen worden ist. Dieses Dorf ist angeregt von dem realen Ort Jarmen, über den es inzwischen auch Berichte überregionaler Medien gibt: Von dort sind bis auf eine Familie alle Einwohner vertrieben worden, die keine Neonazis sind. Dass es solche Parallelgesellschaften gibt und die Nazi-Ideologie offen gelebt werden kann, beschäftigt mich sehr. Judith Kepler kommt in dieses Dorf durch ein Mädchen, das ähnlich allein und verloren ist, wie sie es einmal war: Auch wenn sie Nähe kaum ertragen kann, will sie sich doch um dieses Kind kümmern.

Sie erzählen sehr einfühlsam von Ihrer Heldin, sind ihr sehr nahe – warum haben Sie sechs Jahre gewartet, bis Sie sich ihr wieder zugewandt haben?
Ich wollte schon damals ihre Geschichte fortsetzen, habe auch gleich im Anschluss an den ersten Thriller mit dem zweiten begonnen und 150 Seiten geschrieben. Aber dann haben mich die Ereignisse um den NSU überrollt: Damals wurde klar, dass rechtsextreme Täter jahrelang gemordet hatten. Das Neonazi-Dorf, über das ich schrieb, hatte mit einem Mal einen noch erschreckenderen Hintergrund, als ich es befürchtet hatte. Ich habe deshalb das Manuskript zur Seite gelegt.

Womit haben Sie sich in der Zwischenzeit befasst?
Ich habe zwei Krimis um die Polizistin Sanela Beara geschrieben: „Das Dorf der Mörder“ und „Der Schneegänger“; zudem zwei Bände um meinen Berliner Anwalt Joachim Vernau: „Versunkene Gräber“ und „Totengebet“. Das ZDF verfilmt meine Krimis, und ich habe an Drehbüchern gearbeitet. Der erste Band um Judith Kepler war bereits zu sehen: mit Anna Loos in der Hauptrolle.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie die Geschichte um Judith Kepler jetzt auch in Buchform wieder aufgegriffen haben?
Das lag an meinem Verleger Georg Reuchlein: Er hat das Manuskript noch einmal gelesen und wollte unbedingt, dass ich weiterschreibe. Das war der Auslöser. Dazu kam, dass meine beiden Themen – der Hacker-Angriff auf eine Bank und das Neonazi-Dorf – während der zurückliegenden sechs Jahre nicht ihre Bedeutung verloren haben, sondern brandaktuell geblieben sind.

Was planen Sie: Wird es mit Judith Kepler weitergehen?
Das hoffe ich – zurzeit sehe ich eine Trilogie: Im ersten Thriller hat Judith ihre Kindheit zu ergründen gesucht; im zweiten Band kommt sie jetzt zu sich selbst; und im dritten Band wird sie zu einem Leben finden, in dem sie sich endlich von ihrer Vergangenheit befreit.

Elisabeth Herrmann, „Stimme der Toten“, erscheint im August 2017 im Goldmann Hardcover.
Interview: Sabine Schmidt

Stimme der Toten Blick ins Buch

Elisabeth Herrmann

Stimme der Toten

Kundenrezensionen (40)

€ 20,00 [D] inkl. MwSt. | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empf. VK-Preis)

Oder mit einem Klick bestellen bei

Weiter im Katalog: Zur Buchinfo

Weitere Ausgaben: eBook (epub), Hörbuch MP3-CD (gek.), Hörbuch Download (gek.), Hörbuch Download

GENRE