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Felsenmond - Interview mit Jasmin Adam

Brücken bauen

Über den Jemen, die Welt der Frauen, Gegensätze und ein großes Anliegen

Liebe Frau Adam,
Ihr Jugendbuch-Debut „Felsenmond
– Fünf Mädchenschicksale“ spielt in einem Land, das in der Jugendliteratur alles andere als alltäglich ist: der Jemen. Ihr Traumland?


Ich habe mein Herz an dieses Land verloren! Es ist ein lebendiges Land voller Gegensätze, das Schwarz ist dort schwärzer und das Weiß ist weißer als bei uns. Liebe und Hass, Leben und Tod liegen näher beieinander und sind allgegenwärtig. Vielleicht ist es dieses extreme Spannungsfeld und das Fehlen jeglicher Sicherheiten, welches dem Leben dort einen intensiveren Geschmack verleiht.

Sie haben das Land selbst intensiv erlebt. Wie kam das?

Wir waren voller Idealismus, mein Mann und ich. Deshalb brachen wir 2001unsere Zelte in Deutschland ab und wagten es, mit drei kleinen Kindern in den Jemen umzusiedeln. Wir wollten Brücken bauen zwischen West und Ost, reich und arm, Christen und Muslimen. Wollten unsere Kraft investieren, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, um Hoffnungssamen zu sähen und zu ermutigen.

Haben sich diese Hoffnungen erfüllt?

Tatsächlich hat unser Team dazu beitragen können, in ländlichen Regionen Gesundheitsstationen zu errichten, Geburtshelferinnen auszubilden, Alphabetisierungsmaßnahmen durchzuführen, die Wasserversorgung zu verbessern, Computerkurse anzubieten und Schulen zu bauen.

Haben Sie sich einer speziellen Aufgabe gewidmet?

Ich habe mich vor allem für Frauen im örtlichen Gefängnis eingesetzt, wo ich mich bemühte, mit Hilfe von Erzählungen Mut zu machen und Selbstvertrauen aufzubauen.

Es heißt, wer gibt, der bekommt auch etwas. Darf man das hier auch fragen?

Unbedingt! Denn wer letztendlich in all diesen Jahren am meisten beschenkt wurde, war ich selber: Mit echter Freundschaft, uneingeschränktem Vertrauen, mit unvergesslichen Geschichten und Bildern, die mich für immer prägen werden.

Bilder aus uns fremden Lebenswelten. Welches sind die stärksten?

Da im Jemen Geschlechtertrennung herrscht, habe ich mich vor allem in der Welt der Frauen bewegt und deren Freuden, Nöte und Herausforderungen kennengelernt. Und weil Gemeinschaft im Orient so groß geschrieben wird, kenne ich die Frauenwelt im Jemen wahrscheinlich besser, als die in meiner eigenen Heimat. Ich war auf unzähligen Hochzeitsfeiern, habe mit Witwen gelitten, die sich mühten, ihre Kinder allein aufzuziehen, habe den Träumen junger Mädchen gelauscht und miterlebt, wie mache Hoffnung zerbrach. Ich habe gesehen, wie Frauen verstoßen wurden, wie sie ihre Kinder verloren und habe auf der anderen Seite erlebt, welche Türen sich durch Bildung öffnen können.

Was hat diese Zeit im Jemen mit Ihnen gemacht, wie haben Sie diese Jahre verändert?

Als Islamwissenschaftlerin besitze ich generell ein großes Interesse an kulturellen und religiösen Phänomenen, und so glich das Leben im Jemen für mich einer fortwährenden spannenden Entdeckungsreise. Gleichzeitig wurde es angesichts der vielen Nöte aber auch zunehmend zu einer emotionalen Belastungsprobe...

Nun sind Sie zurück in Europa und schreiben für Jugendliche…

In den zehn Jahren, die ich im Jemen leben durfte, hatte ich keine Zeit, meine vielfältigen Eindrücke aufzuschreiben. Doch seitdem ich wieder in Deutschland bin, spinne und webe ich an meinen Jemengeschichten. Die Erzählungen sind zwar alle fiktiv, wachsen aber doch auf dem Nährboden echter Erfahrungen.

Was möchten Sie Ihren Leserinnen und Lesern vor allem mitgeben?

Die Mittel haben sich geändert, mein grundlegendes Ziel ist aber das Gleiche geblieben: Auch mit meinen Büchern möchte ich Brücken bauen, um fremde Lebenswelten einander verständlicher zu machen. Wenn mir das gelingen sollte und ein Funke meiner Liebe zu diesem Land und seinen Menschen auf den Leser überspringt, so würde mich das sehr freuen!

Dr. Renate Grubert_cbj Presse_2015