Tobias Gohlis gratuliert Ulrich Ritzel zum Achtzigsten

Ulrich Ritzel
© Peter von Felbert
Ende Fünfzig war er, als er mit dem richtigen Schreiben anfing. Da hatte er schon 35 Jahre Lohnschreiberei in den Knochen und davon (oder von den Zwängen des Arbeitens in Institutionen) die Nase voll. Diesem Überdruss eines zornigen Frührentners ist ein Werk entsprungen, das in der deutschen Nachkriegsliteratur seinesgleichen sucht.
Zehn Kriminalromane, ein Band mit Erzählungen und ein elfter Roman außer der Reihe sind in den gut zwanzig Jahren seither entstanden.
Vor Kurzem ist Ulrich Ritzel achtzig geworden. Als ich ihm gratulierte, war er gerade vom Laufener Hausberg herunter, und in freundlichem Spott über mein asthmatisches Keuchen beim Wettrennen mit seinen Labrador-Jünglingen im Schwarzwald dreizehn Jahre zuvor meinte er, der Anstieg sei schon sehr, sehr steil…
Mit anderen Worten: weder Auszeichnungen (zweimal Deutscher und einmal Burgdorfer Krimipreis, Wächterpreis der deutschen Tagespresse) noch Lobeshymnen haben ihn auch nur ein Gran weicher gemacht. Auch nicht das Lob seiner Verlagsleiterin Regina Kammerer: „Ich bewundere Ulrich Ritzel sehr, den Journalisten, den Menschen, den Autor. Er hat nicht nur ein immenses Wissen, er weiß er auch so hartnäckig wie bescheiden umzusetzen. Wie er in seinen literarischen Kriminalromanen in die deutsche Zeit- und Nachkriegsgeschichte eintaucht, ist einzigartig.“

Geburtsjahr 1940 – das ist Last und Verpflichtung, und beides hat den Autor Ritzel angespornt. Immer wieder tauchen Erinnerungsbilder an Krieg und Nachkrieg auf, immer wieder wühlen seine Ermittler, seien es der Altersgenosse Berndorf, erst Kommissar in Ulm, später Privatdetektiv in Berlin, oder dessen Nachfolger Tamar Wegenast und Markus Kuttler in den Schuttablagerungen der Vergangenheit, untersuchen, ermitteln, rekonstruieren und tauchen nicht unversehrt daraus wieder auf.
Aufklärung – der Anspruch schien Ulrich Ritzel für seine Sondierungen immer zu groß, aus erkenntnistheoretischer wie ästhetischer Skepsis: Kann man einen Sachverhalt restlos aufklären? Und mit welchen literarischen Mitteln? Er sieht sich als „Aufräumer“, als jemand, der Brüchen und Widersprüchen nachgeht, „unaufgeräumten Geschichten“. Kindheitsträume nimmt er ernst, die haben ihn wachgehalten. So einen Traum erfüllte er sich mit einem Arbeitshaus im Schwarzwald. Auch der Umzug 2008 in die Schweiz verdankt sich der Erinnerung an die freundliche Aufnahme des „verstörten Jungen“ durch Verwandte in den Nachkriegsjahren.

Kindheitsträume müssen neu geträumt werden, wenn sie mit der Wirklichkeit kollidieren. Deshalb hat sich der Autor Ritzel vom Kriminalroman verabschiedet. Die „Tagträume eines kleinen Jungen, dessen Held schon mal über die Scheißrealität triumphieren kann“ gehen für ihn in einer Welt, die von Fake News verdüstert wird, nicht mehr auf. Aber an der Freude des Schreibens hält er unbeirrt fest, auch wenn die ihn, wie im jüngsten Roman „Die 150 Tage des Markus Morgart“ in apokalyptische Szenarien entführen, in denen halb Europa das Wasser (die Sündflut?) bis zum Hals steht. Aber darüber in den Bergen geht der Schriftsteller Gsell seiner Wege, von dem doch immerhin ein Mensch nicht nur weiß, „dass dieser einige Kriminalromane geschrieben hatte, sondern auch, dass sie von Themen der Zeitgeschichte handelten. Vermutlich hatte er ihn gegoogelt.“ Wer sich so selbstironisch über die Schulter gucken kann, hat noch viele gute (Schaffens-) Jahre vor sich.
Herzlichen Glückwunsch!

© Tobias Gohlis