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Abbasi und Faham über ihr neues Buch »Eingedeutscht«

„Humor ist eine internationale Sprache, die jeder versteht“

Abdul Abbasi und Allaa Faham erzählen in ihrem ersten Buch „Eingedeutscht“ (erscheint: 19. März 2018, Goldmann Verlag) die schräge Geschichte ihrer Integration. Drei Fragen an die Autoren über Missverständnisse, Gemeinsamkeiten und die verbindende Kraft des Lachens.

Abbasi, Abdul
© SAMUEL ZUDER

Seit 2015 betreibt ihr gemeinsam die YouTube-Plattform GLS German LifeStyle. Sie wurde aus der Idee geboren, in kurzen, humorvollen Filmen die Eigenheiten der deutschen Kultur und Sprache zu erklären und dadurch Brücken zwischen den Kulturen der Syrer und Deutschen zu bauen. Wie seid ihr darauf gekommen, nun über die Geschichte Eurer Integration ein Buch zu schreiben?

Abdul: Wir waren ziemlich überwältigt von den Reaktionen auf unsere Videos und das gesamte Projekt. Im Laufe der Zeit haben wir auch sehr viele Zuschauer und Fans persönlich kennengelernt, haben mit Politikern diskutiert und viele Fragen und Meinungen gehört. Insgesamt kam uns die Zeit seit Veröffentlichung unseres ersten Videos wie eine Reise vor, auf der so viel in so kurzer Zeit passierte.
Allaa: Und gleichzeitig waren wir ja auch Neuankömmlinge und haben wirklich fast jeden Tag etwas Neues erfahren über das Land und die Leute. Irgendwann war klar: Das müssen wir aufschreiben.

An wen richtet sich euer Buch?

Abdul: Ja, eigentlich an alle Menschen. An Deutsche, an Migrantinnen und Migranten, an Alt und Jung... Und vor allem an diejenigen, die vielleicht Angst vor dem Unbekannten haben und uns durch das Buch besser kennenlernen können. Wir möchten das Thema Integration humorvoll in die Gesellschaft tragen und enttabuisieren. Und natürlich auch mit den Lesern ins Gespräch kommen. Viele haben ja eine eigene Integrationsgeschichte.

Gab es für euch besondere Herausforderungen beim Schreiben – im Unterschied zum Drehen der Videos für GLS?

Abdul: Die deutsche Sprache (lacht).... Das ist was anderes, wenn man plötzlich alles schreibt, statt einfach redet. Aber da hatten wir natürlich tolle Unterstützung.
Allaa: Ja, und natürlich funktioniert Humor geschrieben anders. Wir haben plötzlich keine Kameraschnitte, Mimik oder Gestik als Instrumente. Keine Musik oder Blenden. Wir haben jedenfalls das Geschriebene viel öfter Freunden gezeigt und gefragt, ob es auch immer noch lustig ist oder ob man gut versteht, was wir sagen wollen.

Was wusstet ihr über Deutschland, als ihr noch keine Ahnung hattet, dass ihr jemals hierher kommen würdet?

Allaa: Also bei uns in Syrien war Deutschland schon immer bekannt für das Ausbildungssystem und die guten Universitäten.
Abdul: Ja, besonders im Bereich Medizin.
Allaa: Und dann wussten wir, dass es hier Demokratie und freie Meinungsäußerung gibt. Von dem Wetter hat mir keiner was gesagt. (beide lachen)
Abdul: Nein, und ich wusste auch nicht, dass viele Deutsche glauben, dass wir alle ein Kamel haben in Syrien.

An welchen ersten, spontanen Eindruck von Deutschland könnt ihr euch erinnern?

Allaa: Ich weiß noch sehr genau, dass ich in Hamburg angekommen bin und erstmal sehr tief durchgeatmet habe. Ich wusste, dass ich in einem Land angekommen bin, in dem die Freiheit eines Menschen geschätzt und gelebt wird. Das war eigentlich auch mein Eindruck. Freiheit.
Abdul: Ja, bei mir war es ganz ähnlich. Für mich hat Deutschland bedeutet, dass ich eine Zukunft habe und meinen Weg gehen kann und mein Leben leben. Ich habe alle Leute fröhlich angelächelt und die meisten haben sogar zurückgelacht und waren sehr freundlich.

Ihr erzählt, dass ihr am Anfang in Deutschland voller Ängste vor allem Fremden wart. Wie ist es euch gelungen, eure Angst zu überwinden?

Abdul: Das gelingt eigentlich nur durch eines: Kontakt zu den Menschen. Ich habe ja in einer WG gewohnt und da habe ich eigentlich das meiste gelernt. Und mich dann auch irgendwann getraut, Dinge zu fragen, die ich nicht verstanden habe.
Allaa: Ja, und manches überwindet man ganz schnell. Wenn man zum Beispiel feststellt, dass man Essen oder Getränke, die einem angeboten werden, nicht immer erst drei- bis viermal ablehnt aus Höflichkeit. Da habe ich sehr schnell den Mut gefasst, direkt Ja zu sagen, sonst bekommt man nämlich nichts ab.

Im Buch schildert ihr Stereotypen und Vorurteile, die zu Missverständnissen zwischen Syrern und Deutschen führen. Welche Missverständnisse habt ihr besonders häufig erlebt?

Allaa: Ach, da gibt es eigentlich so viele Missverständnisse. Die entstehen meist ja durch Unwissenheit. Wie das mit dem Kamel. Viel Unwissenheit über die Situation in unserem Heimatland und auch darüber, was wir hier eigentlich suchen. Einige Deutsche denken wohl leider immer noch, dass wir vielleicht faul sind oder nichts erreichen wollen. Das macht traurig auf der einen Seite, aber hat uns auch immer angespornt, ins Gespräch zu kommen.
Abdul: Es gibt auch viele Vorurteile über Religion, unser Frauenbild oder Arbeitsmoral. Wir bekommen ja auch manchmal Hasskommentare in den sozialen Medien. Aber genau da reagieren wir immer gesprächsbereit. Wenn wir nicht darüber sprechen miteinander, dann werden wir die Vorurteile nicht ausräumen können. Unsere eigenen auch nicht.

Ihr beschreibt, welche komischen Situationen aus diesen Missverständnissen entstehen können. Was passiert, wenn wir darüber lachen?

Abdul: Wenn wir gemeinsam darüber lachen, dann machen wir plötzlich etwas zusammen. Diese Trennung zwischen „die“ und „wir“ wird aufgehoben.
Allaa: Und: Humor ist eine internationale Sprache, die jeder versteht. Und es hilft natürlich auch, wenn man sich selbst ein bisschen aufs Korn nimmt. Es geht in unseren Videos ja nicht nur um die seltsamen Gewohnheiten der Deutschen, sondern auch um die der Syrer.

„Eingedeutscht“ lässt einen Alltägliches und Vertrautes durch die Brille eines Fremden betrachten. Was wird dadurch ausgelöst?

Allaa: Ich glaube, dass wir dadurch alle die Möglichkeit haben, die Perspektive zu verändern. Einen Schritt zurückzutreten und uns zu fragen: Wie würde ich mich in dieser Situation fühlen. Wir erleben das auch oft in unserer Arbeit mit jungen Menschen an Schulen. Wenn die Gemeinsamkeiten verdeutlicht werden, kann man sich auch viel besser in die Situation des anderen hineinversetzen.
Abdul: Ja, und es macht natürlich auch offener für Neues. Vielleicht oder hoffentlich bekommen auch viele Leser Lust, mehr über andere Kulturen zu erfahren und mit den Menschen in ihrer Umgebung ins Gespräch zu kommen. Das wünschen wir uns.

Ihr beschreibt augenzwinkernd, was euch in Deutschland zur Verzweiflung treibt: nasskaltes, düsteres Wetter, Wortmonster wie „Immatrikulationsbescheinigung“ und das Ausfüllen zahlloser Formulare. Doch auch unter Deutschen gibt es viele, die das schlechte Wetter kaum ertragen können, Schwierigkeiten mit der Sprache haben und nichts so sehr hassen, wie Papierkram erledigen zu müssen. Sind wir uns ähnlicher, als wir denken?

Allaa: Ja, genau das versuchen wir natürlich immer zu verdeutlichen. Wir sind Menschen, die es an denselben Ort verschlagen hat. Wer mag schon gern kaltes Wetter und Regen? Letztlich bin ich überzeugt, dass wir uns alle ein friedliches Miteinander wünschen, unsere Träume und Wünsche verwirklichen wollen und das am besten im Kreise unserer Familien und Freunde. Das sind doch schon ganz schön viele Gemeinsamkeiten.

Was würdet ihr euch im Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen wünschen?

Abdul: Generell mehr Offenheit. Wenn wir alle gemeinsam versuchen, eine vermeintlich fremde Kultur als Bereicherung zu sehen, dann können wir viel mehr erreichen. Nicht zu vergessen die vielen kulinarischen Highlights, die uns begegnen. (lacht) Ich glaube wirklich, dass jeder Mensch eine Bereicherung für den anderen sein kann. Egal, welche Hautfarbe, Religion, Sprache oder welches Lieblingsessen sie oder er hat. Also, liebe Deutsche, ihr müsst wirklich mehr Hummus essen. Nein, Scherz beiseite. Wir werden beschenkt mit vielen neuen Eindrücken, Geschichten, Freundschaften und Besonderheiten, wenn wir uns auf andere Kulturen einlassen.

Welche drei Dinge, die ihr in Deutschland kennengelernt habt, würdet ihr nicht mehr missen wollen?

Abdul und Allaa: Freiheit.
Allaa: Das ist eigentlich das Wichtigste. Dass wir hier frei unsere Meinung äußern können, politisch nicht verfolgt werden und ohne Angst leben können.
Abdul: Und dann würde ich noch sagen: auf jeden Fall das Bildungssystem und...
Allaa: …Kartoffeln natürlich 


© Goldmann Verlag
Interview: Elke Kreil

Eingedeutscht Blick ins Buch

Allaa Faham, Abdul Abbasi

Eingedeutscht

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