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Ian Manook im Interview zu seinem Buch »Der Mongole«

Wussten Sie, dass verreisen mit Ian Manook sehr gefährlich sein kann?

Eine kurze Biografie:
Ich wurde in einer bürgerlichen Familie mit armenischen Wurzeln geboren. Mein Vater hat 40 Jahre lang in einer Autofabrik gearbeitet. Ich habe öffentliches Recht, Politikwissenschaften, Europäisches Recht und Journalismus studiert. Im Jahr 1973 habe ich mich auf eine große Wanderschaft begeben, die mich in 27 Monaten von Island nach Brasilien geführt hat. 1976 wurde ich in Paris freischaffender Journalist und 1986 habe ich zwei Firmen gegründet, eine spezialisiert auf die Kommunikation auf Reisen, die andere ein Verlag für Zeitschriften für Kinder und Teenager. Die erste leite ich immer noch und meine Anteile an der zweiten habe ich verkauft, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Ich bin seit 1982 verheiratet und wir haben drei Kinder und drei Enkel. Unser Sohn leitet die Kommunikationsfirma, unsere älteste Tochter lebt in Italien und unsere jüngste Tochter in Buenos Aires.
Ich schreibe, seit ich 15 Jahre alt bin. Ich habe in dem Alter angefangen, mein eigenes Geld zu verdienen und mein Studium zu finanzieren, indem ich für eine lokale Wochenzeitung geschrieben habe. Neben dem Schreiben ist das Reisen mein größtes Hobby.

Haben Sie jemals Kurzgeschichten geschrieben?
Ja, ich habe an mindestens fünf Kurzgeschichtensammlungen teilgenommen, vier in Frankreich und eine in Kanada. Die kanadische und zwei der französischen gibt es aktuell noch zu kaufen.

Warum sind Sie Schriftsteller geworden?
Ich schreibe schon, seit ich 15 Jahre alt bin und das fast jeden Tag, aber ich habe nie etwas beendet, bis ich 65 war. Die Gründe waren viele Reisen, meine zwei Firmen und meine Familie, und natürlich auch schlicht Faulheit. Weil ich nicht in einer ruhigen und friedlichen Atmosphäre schreiben kann, habe ich immer auf der Arbeit im Büro geschrieben (ich war ja mein eigener Boss!) und jeden Abend meine Ergebnisse des Tages mit nach Hause genommen. Den einen Tag drei Seiten einer Liebesgeschichte, den nächsten fünf Seiten eines Abenteuerromans, den Tag darauf eine Seite einer Familiengeschichte... Als meine jüngste Tochter Zoé alt genug war, um meine Sachen zu lesen, haben sie ihr sehr gefallen. Als sie dann mit 19 Jahren beschlossen hat, nach Buenos Aires zu ziehen, habe ich sie gefragt, ob ich ihr meine täglichen Ergebnisse per E-Mail schicken soll. Sie wurde wütend und meinte, dass sie nie das Ende einer Geschichte kennt, nie weiß, was den Charakteren passieren wird und deswegen nie wieder etwas von mir lesen wird, bis ich nicht mindestens eine Geschichte beende. Darauf habe ich so reagiert, wie es nur ein Vater gegenüber seiner jüngsten Tochter tun kann: Ich habe ihr gesagt, dass ich pro Jahr zwei komplette Bücher schreiben werde, jedes in einem unterschiedlichen Genre und mit einem unterschiedlichen Titel. Und so habe ich eine Liste geschrieben: 1. Essay, 2. Kinderbuch, 3. Roman, 4. Kriminalroman, 5. Historienroman, 6. Gesellschaftsroman, usw. Und dann tat ich genau das. Das erste Jahr, in 2012, schrieb und veröffentlichte ich ein Essay über das Reisen namens Die Zeit des Reisens, ein paar Worte über die Gelassenheit und die Tugenden dieser Zeit, das inzwischen in seiner vierten Auflage erscheint. Außerdem noch Les Bertignac, eine 400 Seiten starke Geschichte für Kinder, die in dem Jahr den Preis für das beste Kinderbuch gewann. Deswegen machte ich 2013 weiter und schrieb den Roman Un roman Brésilien und den Kriminalroman Der Mongole. Der große Erfolg von Der Mongole, das im ersten Jahr gleich 16 Auszeichnungen bekommen hat und das erste Mal in der französischen Geschichte alle drei großen Literaturpreise im gleichen Jahr gewonnen hat (Prix Elle du polar, Prix Quais du polar und Prix SNCF du polar) hat meine Planung ein wenig durcheinander gebracht. Der Mongole wurde zum ersten Teil einer Trilogie. Aktuell schreibe ich die Geschichte einer armenischen Familie, die im Laufe eines Jahrhunderts über die ganze Welt verteilt ist.

Woher kommen die Ideen zu Ihren Romanen?
Quasi in den Erinnerungen und Souvenirs meiner vergangenen Reisen. Ich reise nicht, um zu schreiben, sondern ich schreibe über die Reisen, die ich gemacht habe. Wir waren 2008 in der Mongolei und deswegen habe ich 2012 über die Mongolei geschrieben. Ich habe Mato Grosso über Brasilien im Jahr 2014 geschrieben, aber ich war schon 1975 dort und wollte das Buch fertigstellen, bevor ich 2015 wieder dorthin gereist bin. Die einzige Ausnahme ist das Buch, das ich gerade schreibe und welches in Island spielt. Dort war ich 1973 während des Ausbruchs des Vulkans Eldfel auf der Insel Vestamannaeyjar. Wir sind im Jahr 2016 noch einmal dort gewesen, aber nur um unseren Enkel einen großen Urlaub zu ermöglichen. Erst, als wir wieder in Paris waren, habe ich mich dazu entschieden, meinen nächsten Thriller in diesem schönen Land spielen zu lassen.

Welche Art von Geschichten schreiben Sie derzeit?
Ich arbeite gerade an vier Büchern. Der Historienroman, von dem ich bereits erzählt habe und der 2019 erscheinen soll. Außerdem habe ich gerade einen »amerikanischen« Thriller unter einem anderem Pseudonym beendet. Der erste Teil erscheint am 16. Mai in Frankreich, aber es ist der Auftakt einer Trilogie, also arbeite ich auch schon an den beiden nächsten Teilen, die 2019 und 2020 erscheinen sollen. Möglicherweise fange ich auch bald einen neuen »Mongolei-Thriller« an.

Wer sind Ihre Lieblingsschriftsteller/-innen? Und warum gerade diese?
Ich mag Autoren von Kurzgeschichten wie Buzzati, Malaparte, Salinger und Steinbeck genauso gern wie Autoren von großen Reihen wie Michener, Elia Kazan und Arthur Hailey. Einige Lieblingsbücher sind Meetings with remarkable men von Georges Gurdjieff oder Dersou Ouzala von Vladimir Arseniev.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?
Ich lese nicht sehr viel, während ich selber schreibe. Mein letztes Buch war von Eric Maravelias, La faux Soyeuse, eine sehr bewegende Beichte eines Mannes, der die überwältigende Welle von Kokain überlebt hat, die in den 80ern die armen Viertel von Paris überschwemmt hat. Ein atemberaubender Stil, auf den Punkt und poetisch zugleich, mit keiner Nachsicht für irgendeinen Charakter dieses Dramas. Das Buch ist wie ein Schlag in die Magengegend.

Wie würden Sie Ihre Lebensphilosophie beschreiben?
Ich versuche, ein großzügiger Egoist zu sein. Ich habe einen Erste-Hilfe-Kurs mit meiner Familie gemacht und das erste, was man dort lernt, ist, sich selbst zu retten. Ein verletzter Retter ist kein Retter, er ist nur ein weiteres Opfer. Übereile nichts, werde nicht zu emotional, bring dich erst selbst in Sicherheit und dann kannst du anderen helfen. So lebe ich. Ich versuche, erst selbst stark und in Sicherheit zu sein, bevor ich mich anderen zuwende. Und das funktioniert auch beim Schreiben. Ein Autor muss ein großzügiger Egoist sein. Großzügig, weil er an den Leser denken muss, ihn zufriedenstellen, überraschen und glücklich machen muss, aber gleichzeitig muss er auch seine eigene Freude am Schreiben finden.

Was tun Sie wenn Sie nicht gerade schreiben?
Ich denke darüber nach, was ich schreiben könnte...

Fünf Dinge, die wir noch nicht von Ihnen wussten:
1. Im April 1968 war ich für einen Schulausflug in Berlin. Damals gab es ein wunderschönes Mädchen, in das ich heimlich verliebt war. Es war nun am Tag vor unserer Heimreise nach Paris und ich hatte mich entschlossen, sie in ein Restaurant am Kurfürstendamm einzuladen. Meine letzte Chance, aber es hat geklappt! Dann sind wir zurück zu unserem Hostel, als wir auf einmal Lärm und panische Bewegungen in gut 50 Metern Entfernung hörten. Zu der Zeit habe ich Journalismus studiert und deswegen gezögert: Sollte ich nun mit diesem wunderschönen Mädchen zurück zu unserem Hostel gehen, oder nachsehen was dort passiert war. Ich ging zurück ins Hostel und habe damit die Gelegenheit verstreichen lassen, den vermeintlichen Mörder von Rudi Dutschke zu sehen. In diesem Moment wusste ich, dass ich nie ein großartiger Journalist sein würde.

2. Im Jahr 1969 arbeitete ich als Tellerwäscher in einem Restaurant in Long Island, New York, als ich vom Woodstock Festival hörte. Ich habe sofort meinen Job hingeschmissen und bin die nächsten drei Tage per Anhalter zur Westküste gefahren. Als ich den letzten Fahrer fragte, wo Woodstock genau ist, sagte er mir, dass es an der Ostküste sei, nur 50 Kilometer von meinem Startpunkt entfernt. Deswegen habe ich das Woodstock Festival verpasst, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass so ein hippes Festival irgendwo an der Ostküste stattfinden könnte... Damals verstand ich, dass ich definitiv kein großer Journalist war.

3. 1966, als ich 17 Jahre alt war, habe ich mich für einen Zellidja-Preis für Reisen beworben. Die Thematik meines Trips nach New York sollte sein, in Harlem zu übernachten und »die rassistische Reaktion auf weißen Rassismus« zu überprüfen. Natürlich haben sie das abgelehnt. Darum habe ich ein zweites Thema vorgeschlagen: Lyndon Johnsons Anteil am Mord von John F. Kennedy. Lyndon Johnson war damals der Präsident der Vereinigten Staaten. Natürlich haben sie auch das abgelehnt...

4. 55 Jahre, nachdem ich mit dem Gitarrespielen aufgehört habe, habe ich es letztens wieder mal versucht. Mein Wunsch war es, zehn Standardgriffe zu lernen, ein paar andere Musiker um Hilfe zu bitten, ein Theater zu mieten und zu meinem 70. Geburtstag ein kostenloses Konzert zu geben. Der Deal: Das einzige Geschenk, das ich akzeptieren würde, wäre der hysterischste Applaus, den alle Gäste zustande kriegen könnten, egal, wie sehr ich die Griffe vermassel. Leider ist es mir bisher noch nicht gelungen, eine Gruppe zusammenzustellen. Deswegen habe ich mich für eine private Familienfeier mit der Ukulele entschieden.

5. Ich habe ein Schiffsunglück, zwei Notfalllandungen in Flugzeugen, zwei Zugentgleisungen und einen Crash eines TGV mit einem Lieferwagen überlebt... man sollte nicht mit mir verreisen!


Über das aktuelle Buch

Wie würden Sie den Roman beschreiben?
Der Monogle ist ein »Mongolei-Thriller«. Nicht ein Buch, in dem westliche Helden in die Mongolei gehen, sondern rein mit mongolischen Figuren. Der Roman basiert auf drei verschiedenen Elementen: der dramatischen Geschichte, der mongolischen Kultur und deren Traditionen, und einem geopolitischen Problem, das die Mongolei betrifft.

Was hat Sie zu dem Roman inspiriert?
Die Herausforderung meiner Tochter. Der vierte Punkt auf meiner Liste war ein Kriminalroman, aber ich hatte keinerlei Erfahrung mit Thrillern. Solche Bücher habe ich zuletzt in den 70ern und 80ern gelesen, von LeCarré, Forsyth und Ludlum. Seitdem nichts mehr. Also habe ich damit angefangen, aus meinen unfertigen Büchern einen Charakter herauszusuchen, den ich benutzen könnte. Ich entschied mich für einen namens Donelly, der ein Kommissar in Brooklyn sein sollte. Dann habe ich etwas angewandt, das ich auch für meine Kommunikationsfirma nutze: Eine gute Wahl muss relevant und unerwartet sein. Die Relevanz war bei dem Charakter gegeben, aber ein Polizist aus Brooklyn ist nichts Unerwartetes. Da der Charakter recht unhöflich, stark und steif war, in anderen Worten also wie ein Stein, habe ich mich nach einer Landschaft umgesehen, die etwas mit Mineralien zu tun hat. Wir waren schon in Patagonien, Alaska, Island und der Mongolei im Urlaub und ich entschied mich für die Mongolei, wegen ihrer schamanischen Kultur und den Traditionen. Ich dachte, dass in einer schamanischen Kultur die Dinge, die für einen Thriller wichtig sind, wie Tod, Rache, Erlösung und Leid noch einmal anders gesehen werden und meinem Charakter dadurch einen interessanten Unterschied geben, ihn quasi noch etwas schroffer machen.

Wer ist Ihre Lieblingsfigur in dem Roman und warum?
Um ehrlich zu sein keiner, da sie für mich allesamt Teile der Mongolei widerspiegeln. Ich könnte genauso gut sagen »alle«, da sie zusammen quasi die Mongolei selbst sind. Natürlich ist Yureldelgger irgendwie besonders, und es stimmt, dass ich die ersten beiden Bücher zur gleichen Zeit geschrieben habe und dann das Gefühl hatte, ihm das dritte Buch schuldig zu sein, damit er ein besseres Ende erleben könne...

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Ganz ohne Zweifel die Vergewaltigung von Oyun im ersten Band. Die einzige Szene, die ich zwei Mal schreiben musste. Das erste Mal habe ich es sehr klinisch gemacht, vielleicht, um mich selbst durch so eine distanzierte Schreibweise zu beschützen. Die Vergewaltigung war sehr explizit. Mein Lektor bat mich, die Szene kürzer und subtiler zu schreiben. Das tat ich, und ich änderte es sogar so, dass Oyun zwar nicht der Gewalt entfliehen kann, aber dafür der Vergewaltigung selbst (auch wenn ich zustimme, dass die Gewalt schon Teil einer Vergewaltigung ist). Das Ergebnis ist also kürzer, »sanfter«, aber aus meiner Sicht im Vergleich zur ersten Fassung auf subtile Weise auch brutaler.

Welchen Lesern und Leserinnen wird Ihr Buch gefallen?
Menschen, die Thriller mögen. Menschen, die es mögen zu reisen und aus ihrem alltäglichen Leben entführt zu werden. Und, zumindest hoffe ich das, Menschen, die einen guten Schreibstil erkennen.

Fallen Ihnen Bücher ein, die mit Ihrem Roman verglichen werden könnten?
Es ist nicht meine Aufgabe, diese Frage zu beantworten. Das werden die Leser tun, nachdem sie mein Buch gelesen haben. Zusammen mit Caryl Ferey und Olivier Truc habe ich einen Trend begonnen, bei dem Thriller sich mit der Natur und anderen Kulturen beschäftigen, nicht wegen der Exotik, sondern aus geopolitischen Gründen. Es ist ein neuer Trend in Frankreich, aber alle Bücher machen dennoch ihr eigenes Ding.

Der Mongole - Das Grab in der Steppe

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