Abi Oliver im Interview

Interview mit Abi Oliver

Wussten Sie, dass Abi Oliver 10 Kinder und 11 Enkelkinder hat?

Können Sie uns ein bisschen über sich erzählen?
Ich bin in einer Kleinstadt an der Themse namens Wallingford aufgewachsen wo ich zusammen mit meinem Vater über seinem Antiquitätenladen lebte. Dort gingen die unterschiedlichsten Leute ein und aus. Als er in Rente ging, zogen wir in ein nahegelegenes Dorf und ich besuchte sieben Jahre lang ein Internat in Oxford, ein »Privileg«, das ich für meine eigenen Kinder nie in Betracht zog.
Ich habe drei Abschlüsse: in Literatur (Oxford), einen Master in Religionspsychologie (London) und in Kreativem Schreiben (Oxford Brookes). Ich bin ausgebildete Journalistin – wer weiß, warum, denn ich mochte weder die Arbeit noch die journalistische Kultur. Also habe ich erst einmal in Birmingham für das »Student Christian Movement« (SCM), das Äquivalent zur Evangelischen Studentengemeinde (ESG) in Deutschland, gearbeitet. Dort war ich auch Mitglied in Autorenworkshops.
Danach begann ich eine Ausbildung als Krankenschwester, wurde aber mit Zwillingen schwanger und bekam dann zwei weitere Kinder. Ich habe immer geschrieben und mich schließlich darauf konzentriert, sofern man sich in einem Haus voller kleiner Menschen auf etwas konzentrieren kann. Seit den 1990er-Jahren habe ich als Annie Murray Geschichten, die in Birmingham spielen, geschrieben und veröffentlicht (gerade arbeite ich an Buch Nummer 24). Abi Oliver ist ein neuer Anfang, da ich über meine Herkunft schreiben wollte.
Ich war langjähriges Mitglied eines Autorenworkshops in Birmingham und habe zwei weitere Autorenworkshops in Oxford und London gegründet.
Ich bin Quäkerin und Aktivistin für unterschiedliche Themen.
Ich reise gern, lerne gern Sprachen und liebe besonders Spanien und Indien.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Schriftstellerin zu werden?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich tatsächlich dazu entschieden habe. Ich wollte einfach immer Schriftstellerin sein, schon als kleines Mädchen. Ich kann mich nicht daran erinnern, mir etwas anderes gewünscht zu haben, doch mir war klar, dass ich nebenbei mein Geld verdienen müsste. Ich dachte über verschiedene ungeeignete Dinge nach (in die Navy einzutreten, nachdem ich zu viel Nevil Shute gelesen hatte) und Wildhüterin zu werden (nach der Lektüre von »Frei geboren«). Journalismus erschien mir realistischer, aber in Wahrheit hasste ich es. In gewisser Weise habe ich mich wegen meiner Kinder dazu entschieden, ernsthaft mit dem Schreiben zu beginnen. Trotz des Chaos bin ich ihnen allen dankbar.

Wo finden Sie die Inspiration für Ihre Romane?
Im echten Leben, in menschlichen Eigenarten und Situationen, in der Geschichte, in den Geschichten von Menschen und darin, etwas Neues zu machen aus dem, was sich um mich herum und in meinem Kopf abspielt.

An welcher Geschichte schreiben Sie gerade?
Als Abi Oliver schreibe ich gerade eine Geschichte über die schrullige alte Lady Eleanora Byngh und ihren Kumpel Persi, die in George Baxter und das unerhörte Wunder der Liebe vorkommen. Als ich jung war, gab es in England viele Menschen wie sie, und ich wollte ihrer tragikomischen Geschichte auf den Grund gehen, um zu verstehen, warum sie so geworden ist, und sie dabei vielleicht zu erlösen.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren? Und warum?
So viele – ich liebe es, internationale Belletristik zu lesen, besonders indische Autoren. (»Das Gleichgewicht der Welt« von Rohinton Mistry ist eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe.) Auch klassische Autoren verschiedener Nationalitäten – Dickens und Tolstoi und andere große Geschichtenerzähler wie Steinbeck. Aber ich liebe Autoren, die mich zum Lachen oder wenigstens zum Lächeln bringen – besonders im „albernen englischen“ Stil von H. G. Wells – Mr. Polly steigt aus – Barbara Pym, Nina Stibbes Ein Mann fürs Haus, P. G. Wodehouse, Alan Bennett und auch Dickens. Mir gefiel Ich, Eleanor Oliphant, das hier in Großbritannien sehr beliebt war. Seit meinem achten Lebensjahr liebe ich auch Tim und Struppi!

Welches Buch (welche Bücher) haben Sie kürzlich gelesen?
Jetzt tut es gleich ein bisschen weh von Adam Kay über einen Assistenzarzt, Chronik eines angekündigten Todes von Márquez, Home Fire von Kamila Shamsie und Briefe an einen Schatten: Eine Geschichte aus Kolumbien vom kolumbianischen Autor Hector Abad Faciolince (um Spanisch zu üben). Ich habe auch Das Goldene Notizbuch von Doris Lessing noch einmal gelesen, das ich zum ersten Mal vor dreißig Jahren las. Ich war gerade im Urlaub und hatte Zeit, dicke, fesselnde Bücher zu lesen!

Wie lautet Ihre Lebensphilosophie?
Wisse, wann du Glück hast; versuche zu lachen, wenn du kannst; wisse, wann man besser den Mund hält; erkenne, dass du ungemein wichtig und zugleich vollkommen unwichtig bist; stelle Menschen zur Rede, die andere/die Welt missbrauchen; gib dein Bestes, um liebe- und verständnisvoll zu sein.
Natürlich habe ich alle diese Maximen bereits perfektioniert.

Was tun Sie, wenn Sie nicht gerade schreiben?
Spazieren, lesen, mit meinem Mann sprechen, rumgammeln, im Fluss schwimmen, Fernsehdramen anschauen, mich mit Familie und Freunden treffen, Bücher binden, Sprachen lernen, Reisen ... Und verschiedene ernsthafte Beschäftigungen wie Quäkerkram und Kampagnen für eine Aufräumaktion in Bhopal.

Fünf Dinge über Sie, die wir noch nicht wussten …
1. Mein zweiter Mann und ich haben insgesamt zehn Kinder. (Alle scheinen ganz gut in der Welt zurechtzukommen – manchmal erzählen sie uns sogar, was sie tun.) Zum Beispiel wurde gerade (sein) Enkel Nummer 11 geboren.
2. Er hat vier Bassets. (Im Moment haben wir nur imaginäre Haustiere, denn nach all diesen Kindern ist es gut, aus dem Haus gehen zu können, ohne schnell zurück zu müssen, um jemanden zu füttern oder Gassi zu gehen.)
3. In diesem Sommer schreibe ich ein Buch, dessen gesamte Erlöse für wohltätige Zwecke gespendet werden - »The Bhopal Medical Appeal« (dt. »Der medizinische Reiz von Bhopal«).
4. Als mein Vater in jungen Jahren um seine Freundin warb, hatte er einen schneidigen Rivalen und versuchte, ihn mit seinem Motorrad zu überfahren. Der schneidige Rivale, ein Typ vom Eton College, hieß damals Eric Blair. Als er zu schreiben begann, änderte er seinen Namen in George Orwell. (Mein Vater bekam das Mädchen und heiratete sie – nicht meine Mutter, die er später als Witwer kennenlernte.)
5. Ich war noch nie in Deutschland, daher ist der Gedanke an einen Besuch sehr aufregend!

Über das aktuelle Buch

Wie würden Sie Ihren Roman in einem Satz beschreiben?
Eine Geschichte, die bewegt und zum Lächeln bringt, über einen Mann und seinen Hund auf der Suche nach Liebe.

Was hat Sie zu dem Roman inspiriert?
Ich wollte über die Orte schreiben, an denen ich aufgewachsen bin, über die Schönheit des Sommers in England – die Urlaubsatmosphäre des Flusses in Wallingford, meiner Geburtsstadt – und über das Arbeitsleben meines Vaters, der ein Antiquitätenhändler auf dem Land war. In diesem Leben gab es viele Charaktere aus dem gesamten sozialen Spektrum – Angestellte, Handwerker, Kunden usw. – und viele interessante Objekte, ganz zu schweigen von den regelmäßigen Zwischenstopps in Pubs auf dem Land .... In den ersten zehn Jahren wuchs ich über dem Laden auf und es war ein bisschen so, als würde man in einem Theater leben, weil sich die Szene ständig änderte und der Job eines Verkäufers in gewisser Weise eine Art Vorführung ist. Ich verbrachte Zeit mit den Angestellten hinten im Büro, polierte Silber, Messing und Holz und belauschte alle Gespräche.

Welcher ist Ihr Lieblingscharakter in dem Roman und warum?
Ich mag sie alle sehr. George, Elizabeth, Vera .... Und Lady Byngh, über die ich noch mehr schreiben werden. Ich habe Mitgefühl mit den Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse oder ihre Verletzlichkeit anscheinend nicht anders kommunizieren können als durch Aggression oder unangenehmes Auftreten. Und ich mag Clarence!

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Wohl die Szene am Ende, in der sich George und Elizabeth streiten. Ich weiß, dass Konflikte die Triebfeder von Geschichten sind, aber es macht nicht unbedingt Spaß, sie zu schreiben.

Welcher Art von Leserschaft, glauben Sie, wird Ihr Buch gefallen?
Menschen, die eine mitreißende menschliche Geschichte mögen mit Höhen und Tiefen und Szenen, die sie vielleicht zum Lächeln bringen. Wenn sie darüber hinaus England, die englische Landschaft und ihre schrulligen Einwohner mögen, wäre das ein weiterer Pluspunkt.

Gibt es andere Bücher, die Sie mit Ihrer Arbeit vergleichen würden?
Ich denke, es gehört zu einem Genre, das man als daft English (dt. »albernes Englisch«) bezeichnen könnte. Es ist zwar in gewisser Hinsicht ernst, doch der Schauplatz ist schön und durch und durch englisch, die Charaktere sind ein bisschen exzentrisch und albern und ihnen passieren humorvolle Dinge. In gewisser Weise war es ein kleiner Gruß an H. G. Wells Mr. Polly. Als ich diesen Roman las, verstand ich plötzlich meine Großmutter (geb. 1882) und meinen Vater (geb. 1909), die auch diese Art von Humor und Exzentrik hatten.

Möchten Sie gerne Ihren Leserinnen und Lesern noch etwas mitteilen?
Liebe Freundinnen und Freunde in Deutschland,

ich hoffe, dass Ihnen meine Geschichte, George Baxter und das unerhörte Wunder der Liebe, gefallen wird. Man könnte sagen, dass es ein Roman über Liebe ist, darüber, womit wir uns manchmal in einer Beziehung abfinden, obwohl wir das Gefühl haben, dass es etwas Besseres geben könnte. Und manchmal bietet uns das Leben die Möglichkeit, solche Entscheidungen zu treffen ... Auch wenn das, wonach wir uns sehnen, nicht immer das ist, was wir erwarten.
Oder man könnte sagen, dass es eine Geschichte über George Baxter ist, einen Mann mittleren Alters, der seine Frau verloren hat und sich danach sehnt, eine Liebe zu erfahren, wie er sie noch nie erlebt hat. Es geht darum, wie er sich – zusammen mit seinem großen und manchmal sehr ungezogenen Basset Monty – auf die Suche nach Liebe begibt, ohne jemals das Haus zu verlassen.
Es ist auch eine Geschichte, die im Laufe eines heißen englischen Sommers in den 1960er-Jahren in einer Kleinstadt mitten in einer schönen Landschaft nahe der Themse spielt – einem Ort mit einzigartigen Menschen, von denen sich manche in George Baxters Antiquitätenladen verirren.

Ich hoffe, dass Ihnen mein Buch gefallen, Sie berühren und hoffentlich auch zum Lächeln bringen wird.

Ihre
Abi Oliver

George Baxter und das unerhörte Wunder der Liebe

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