John Grisham - Special

Bonusmaterial zu ausgewählten Titeln von John Grisham

Das Komplott

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Gesprochen von Charles Brauer
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Lesbar: »Das Komplott« von John Grisham«
Buchempfehlung

John Grisham ist ein Phänomen: Kaum erscheint ein neues Buch des Autoren-Superstars, ist ihm ein vorderer Platz auf den Bestsellerlisten rund um den Globus sicher, und die Kritiker überschlagen sich förmlich vor Begeisterung. Auch Grishams jüngstes Werk, „Das Komplott“, das Heyne im August veröffentlicht hat, bildet hier keine Ausnahme: „John Grisham, ein Rechtsgelehrter mit klarem Verstand, schreibt die aufregendsten politischen Sachbücher weit und breit. ‚Das Komplott‘ trägt auf effiziente Weise zusammen, was in den USA schiefläuft im Jahr 2013“, begeisterte sich „Der Spiegel“ nach Erscheinen für „Das Komplott“.

Der neue Grisham erzählt die Geschichte von Malcolm Bannister, der in seinem früheren Leben Anwalt in Winchester, Virginia, war und nun zu Unrecht wegen vermeintlicher Geldwäsche im Gefängnis sitzt. Die Hälfte einer zehnjährigen Strafe hat er abgesessen, lange Jahre, die ihn seine Zulassung als Anwalt, seine sozialen Kontakte, seine Ehe und die Beziehung zu seinem Sohn kosteten. Die Zeit im Gefängnis vertreibt Bannister sich als Bibliothekar und juristischer Ratgeber für andere Insassen. Erfüllt ist er von diesen Aufgaben nicht, ihn beschäftigt nur ein einziger Gedanke: so schnell wie möglich raus aus dem Knast. Die Gelegenheit dazu bietet sich, als der betagte Bundesrichter Ray Fawcett mit seiner jungen Freundin erschossen aufgefunden wird. Die Ermittler stehen unter Druck. Genau auf diesen Moment hat Malcolm Bannister gewartet. Er bietet dem FBI einen Deal an: Er liefert den Namen des Mörders und wird im Gegenzug sofort freigelassen. Das FBI nimmt das Angebot an. Bannister beginnt ein neues Leben. Und damit nimmt eine teuflische Intrige ihren Lauf.

Neben dem oben bereits zitierten „Spiegel“ konnten sich auch viele andere Medien bereits für den neuen Grisham begeistern. „Ein klug konstruierter Thriller und gleichzeitig eine gepfefferte Abrechnung mit dem US-Justizsystem. Der beste Grisham seit Langem“, lobte beispielsweise der „Focus“. „Raffiniert und überraschend – Grisham in Höchstform“, urteilte die „New York Times“. Das „Wall Street Journal“ meint: „Grishams neuester Thriller, der vor unerwarteten Wendungen nur so strotzt, wird selbst den erfahrensten Leser überraschen. Ein verblüffender und bis zur allerletzten Seite hochspannender Roman.“ Und der „Evening Standard“ kommt zu dem Schluss: „Der beste Thriller-Autor der Welt.“
Mit freundlicher Genehmigung © BeNet Gütersloh

Home Run

Anmerkung des Autors

Wenn man reale Menschen, Orten und Ereignisse in einem Roman mischt, ist das immer eine riskante Sache. In diesem Buch geht es um die Cubs, die Mets und die Saison von 1973, aber ich appelliere an alle eingefleischten Baseballfans, keine Genauigkeit zu erwarten. Ich habe Spielpläne, Mannschafts- und Pitcheraufstellungen, Records und Line-ups völlig verändert und sogar einige Spieler erfunden, die ich unter die echten gemischt habe. Dies ist ein Roman, daher sollte jede Abweichung von der Wirklichkeit als zur Geschichte gehörend angesehen werden.

Gestatten Sie, dass ich mich bei einigen Leuten bedanke. Don Kessinger ist ein alter Freund aus Oxford. Er hat den ersten Entwurf von Calico Rock gelesen und festgestellt, dass einige Teile überarbeitet werden sollten. Don war von 1964 bis 1975 Shortstop bei den Cubs und kann es mit jedem professionellen Erzähler aufnehmen. Später war er der Manager der White Sox und wurde in dieser Position 1979 von Tony LaRussa abgelöst, der 1973 (vor dem Erscheinen von Joe Castle) das letzte Mal für die Cubs spielte und (für kurze Zeit) die Nummer 42 (Joes erste Nummer) trug. Eines von Tonys Lieblingsthemen beim Essen ist der "Baseballkodex", genauer gesagt die Feinheiten, die es beim Schutz von Mannschaftskameraden zu beachten gilt, Vergeltungsmaßnahmen und die Schwierigkeiten bei Pitches auf den Körper.

Dank gebührt auch David Gernert, Alan Swanson, Talmage Boston, Michael Harvey, Bill MacIlwaine, Gail Robinson und Erik Allen.

John Grisham, 1. Dezember 2011


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Ein einfaches Spiel

Bei einem langen Mittagessen mit Mitarbeitern meines Verlags in London wurde mir klar, dass meinen britischen Freunden die Geschichte von Calico Joe zwar gefiel, sie aber keine Ahnung von Baseball hatten und dass die Terminologie dieses Sports ein Rätsel für sie war. Sie baten mich, Dinge wie Drag Bunt, Pick Off, gestohlene Base, Curveball, Foul Ball und Grand Slam zu erklären ‑ Baseballbegriffe, die die meisten amerikanischen Jungen bis zum Alter von zehn Jahren blind herunterbeten können. Ich mühte mich etwas konfus durch meine Erklärungsversuche und hatte panische Angst, dass jemand nach einem Balk, einem Bullpen oder - Gott bewahre! ‑ der Infield-Fly-Regel fragen würde.

Irgendjemand kam schließlich auf die Idee, dass ein Vorwort zu diesem Buch helfen könnte, eine Art Kurzübersicht mit Informationen zum Spiel und einer Definition der Fachbegriffe. Im weiteren Verlauf des Essens wurde dann vorgeschlagen, dass eine solche Analyse am besten von mir selbst geschrieben werden solle. In weiser Voraussicht sagte ich sofort Nein.

Das Regelbuch für Baseball ist fünfzehn Zentimeter dick und ein wahres Minenfeld der Verwirrung mit zahllosen mysteriösen Begriffen und Ausdrücken. Einmal habe ich einer juristischen Fachzeitschrift einen ellenlangen Artikel gelesen, in dem bis zum Erbrechen die Frage erörtert wurde, ob die erwähnte Infield-Fly-Regel fair oder unfair ist. Wenn es um Regeln geht, ist jeder Baseballfan ein Experte - einige der schlimmsten Schlägereien, die ich erlebt habe, entstanden aufgrund von hitzigen Meinungsverschiedenheiten über unklare und missverständliche Regeln. Warum also sollte ich mich aus freien Stücken in diese Schlangengrube wagen?

Aber die Briten können sehr hartnäckig sein, und bald schon wurden Zweifel an meiner Männlichkeit angemeldet. Wie konnte ein Autor, der behauptete, das Spiel gut zu kennen, und der so viel geschrieben hatte, vor einer Zusammenfassung der Grundregeln auf läppischen fünf oder zehn Seiten zurückschrecken? Ich ließ mich nicht umstimmen, weil ich die Aufgabe beängstigend und gefährlich fand. Beim Dessert fiel die Bemerkung ‑ der alle am Tisch sofort zustimmten ‑, dass eine solche Erläuterung den Umsatz erheblich steigern würde, und zwar nicht nur in Großbritannien, sondern auf dem gesamten ausländischen Markt. Da gab ich klein bei. Ich bin auch nur ein Mensch.

Im Folgenden nun also mein Versuch, einen allgemeinen Überblick über meinen Lieblingssport zu geben. Dies wurde schon sehr oft versucht, und Autoren mit weitaus mehr Talent als ich sind mit ihren Bemühungen, ihre gewaltigen Kenntnisse über Baseball knapp und verständlich weiterzugeben, kläglich gescheitert. Wenn auch ich scheitere, dann in dem Bewusstsein, dass ich nicht der Erste und auch nicht der Letzte sein werde, dem dies widerfährt. Dann mal los:

Stellen Sie sich vor, Sie sind Baseballspieler, einer von jeweils neun Spielern auf dem Feld in einem aus fünfundzwanzig Spielern bestehenden Team. Sie tragen Spielerkleidung und sind bereit, mit dem Spiel zu beginnen. Sie gehören zur Gastmannschaft und sind der erste Batter (ein Offensivspieler). Sie verlassen den Dugout (den Bereich mit einer Bank oder ähnlichen Sitzgelegenheiten, in dem sich Ihr Team während des Spiels aufhält) und gehen zur Home Plate, die manchmal auch Home Base oder einfach Home genannt wird (eine weiße, fünfeckige Platte aus Hartgummi mit Seitenlängen von einundsechzig und fünfzehn Zentimetern, die so im Boden befestigt ist, dass sie zur Oberfläche des umliegenden Spielfelds eben ist). Da Sie etwas besprechen möchten, stellen Sie sich auf die Home Plate und bitten um eine Spielunterbrechung. In einem richtigen Spiel würden Sie das nicht tun, aber bitte haben Sie etwas Geduld mit mir.

Während Sie auf der Home Plate stehen und Ihren Schläger (ein glattes, rundes Stück Eschen-, Ahorn- oder Hickoryholz, das nicht dicker als 6,63 Zentimeter und nicht länger als 106,7 Zentimeter sein darf) in der Hand halten, sehen Sie sich das Spielfeld an. Rechts von Ihnen befindet sich in einem Winkel von fünfundvierzig Grad und einer Entfernung von 27,43 Metern die Erste Base (ein weißes Kissen aus segeltuchähnlichem Stoff mit einer Seitenlänge von achtunddreißig Zentimetern, das zwischen 7,5 und 13 Zentimeter dick sein muss). Links von Ihnen befindet sich in einem Winkel von fünfundvierzig Grad und einer Entfernung von 27,43 Metern die Dritte Base. Die Zweite Base befindet sich direkt vor Ihnen, in einer Entfernung von 38,80 Metern. Die vier Bases ‑ Home, erste, zweite und dritte ‑ bilden ein auf einer Ecke stehendes Quadrat (auch "Diamond" genannt) und ergeben das Infield. Hinter dem Infield befindet sich das Outfield, eine Grasfläche, die an der Mauer oder der sonstigen Begrenzung des Outfield endet. Den Bereich jenseits der zweiten Base nennt man Center Field. Den Bereich jenseits der ersten Base nennt man Right Field. Den Bereich jenseits der dritten Base nennt man Left Field. Die Maße des Infield sind genau festgelegt, doch die Entfernung von der Home Plate zur Begrenzung des Outfield variiert von Feld zu Feld. Sie liegt meist zwischen neunundneunzig und einhundertzweiundzwanzig Metern.

Von der Home Plate führt eine Foul-Linie, die in der Regel durch einen weißen Kreidestreifen markiert wird, am Rand der ersten Base vorbei bis zur Outfield-Begrenzung im Right Field, wo ein hoher gelber Foul Pole (ein Markierungsmast) steht. Diese Linie und der Mast trennen das Foul Territory vom Fair Territory. Eine identisch aussehende Foul-Linie verläuft von der Home Plate an der dritten Base vorbei bis zur Outfield-Begrenzung im Left Field.

Wenn ein geschlagener Ball die Linie oder den Mast trifft, ist das ein Fair Ball. Fragen Sie lieber nicht nach ...

Während Sie sich das Feld ansehen und sich für Ihr erstes At Bat (einen Schlagdurchgang an der Home Plate) bereit machen, fallen Ihnen die Spieler der Defensivmannschaft ins Auge: First Baseman, Second Baseman, Third Baseman, Right Fielder, Center Fielder und Left Fielder. Lediglich der Shortstop (in der Regel der beste Infielder, der sich zwischen der zweiten und der dritten Base postiert) kommt Ihnen etwas merkwürdig vor. Außerdem gibt es noch einen Pitcher, aber zu dem kommen wir später.

Das neunte Mitglied der Defensivmannschaft steht hinter Ihnen ‑ der Catcher, stets ein zäher Bursche, der eine Schutzmaske und alle möglichen Schutzpolster trägt. Hinter dem Catcher steht der Home-Plate-Schiedsrichter, der hauptverantwortliche Schiedsrichter, der ebenfalls eine Schutzmaske trägt, dazu Schienbeinschützer, Brustpanzer und eventuell noch andere Schutzausrüstung. Im Infield stehen drei weitere Schiedsrichter, jeweils einer an der ersten, zweiten und dritten Base; sie tragen keine Schutzausrüstung.

Auf halbem Weg zwischen Home Plate und zweiter Base und direkt vor Ihnen befindet sich ein kleiner Erdhügel, der etwa fünfundzwanzig Zentimeter höher liegt als das Spielfeld. Das ist der Wurfhügel, auf dem eine rechteckige weiße Platte aus Hartgummi mit den Abmessungen fünfzehn auf einundsechzig Zentimeter liegt ‑ die Pitcher's Plate.Der Wurfhügel ist die Domäne des wichtigsten Defensivspielers, eigentlich des wichtigsten Spielers auf dem ganzen Feld - des Pitchers. Er hat die Aufgabe, Bälle in Richtung der Home Plate zu werfen, und zwar so, dass der Catcher sie fängt, ohne dass Sie von Ihnen, dem Batter, getroffen werden.

Irgendwann schreit der Home-Plate-Schiedsrichter "Play ball!". Dann müssen Sie sich in die Batter's Box (eine mit weißen Kreidelinien markierte Fläche mit den Abmessungen 1,80 auf 1,20 Meter) stellen. Es gibt zwei Batter's Boxes, eine auf jeder Seite der Home Plate. Die eine ist für die Rechtshänder, die andere für die Linkshänder unter den Battern. Einige Batter sind beidhändige Batter, was bedeutet, dass sie von beiden Seiten der Home Plate aus schlagen können. Sie können sich aussuchen, von welcher Seite sie schlagen möchten.

Da die meisten Batter Rechtshänder sind, nehmen wir an, dass auch Sie Rechtshänder sind, daher stellen Sie sich jetzt rechts von der Home Plate auf. Der Catcher hinter ihnen geht tief in die Hocke und macht sich bereit, den vom Pitcher geworfenen Ball zu fangen. Auch der Home-Plate-Schiedsrichter hinter dem Catcher macht sich bereit. Ihr Ziel als Hitter besteht darin, von der Home Plate aus zur ersten Base zu gelangen und von dort aus zur zweiten Base, zur dritten Base und zurück zur Home Plate. Wenn Sie das geschafft haben, bekommt Ihr Team einen Run. Der Spielstand entspricht der Anzahl der Runs.

Ihr gefürchteter Gegner bei diesem kurzen Duell ist der Pitcher, und er hat ein völlig anderes Ziel als Sie. Er will auf keinen Fall, dass Sie die erste Base erreichen, und erreicht sein Ziel erheblich öfter als Sie das Ihre. Er steht mit einem Fuß auf der Pitcher's Plate und geht nun in seinen Wind-up, eine Serie ausladender Körperbewegungen zur Vorbereitung des Wurfs, die unter anderem aus Tritten mit den Beinen und wildem Herumschlagen mit den Armen besteht. Damit will der Pitcher zweierlei erreichen: Erstens, er will Schwung holen, um den Ball schneller in Richtung Home Plate befördern zu können, und zweitens, er will Sie verwirren und den Winkel verbergen, in dem er den Ball loslassen wird. Kein Wind-up gleicht dem anderen, und Pitcher haben alle möglichen Zuckungen entwickelt, um Hitter aus dem Konzept zu bringen.

Der Pitcher zielt mit seinem Wurf auf die Strike Zone, ein nur vage definiertes Ziel, das sich zudem ständig verändert. Dem Regelwerk zufolge ist die Strike Zone "der Raum über der Home Plate, dessen obere Grenze eine horizontale Linie in der Mitte zwischen den Schultern und dem oberen Rand der Hose ist. Die untere Grenze verläuft an der Unterkante der Kniescheibe. Die Strike Zone wird bestimmt aus der Haltung des Batters in dem Moment, in dem er bereit ist, nach einem gepitchten Ball zu schlagen."

Der einfachere Teil ist die Stelle mit "der Raum über der Home Plate ...", weil das ein fester Bereich ist. Der Teil, in dem es um Schultern, Hosen, Kniescheiben und Haltung geht, lässt sich nicht definieren. Da jeder Spieler anders aussieht, ändert sich die Strike Zone technisch gesehen mit jedem Batter.

Kein Aspekt von Baseball ist so kontrovers wie die Strike Zone. Jeder Schiedsrichter hat eine leicht andere Auffassung davon, und im Verlauf eines zweistündigen Spiels mit dreihundert geworfenen Pitches ändert sich auch schon mal die Strike Zone eines Schiedsrichters. Für Pitcher und Hitter kann das mitunter sehr frustrierend sein.

Ein Pitch, der vom Catcher gefangen wird, nachdem er durch die Strike Zone geflogen ist, wird vom Home-Plate-Schiedsrichter zum Strike erklärt. Drei Strikes, und der Batter ist out. Ein Pitch, der vom Catcher gefangen wird und nicht in der Strike Zone war, ist ein Ball (englische Aussprache). Vier Balls, und Sie bekommen einen Walk, der auch Base on Balls genannt wird. Das ist eine Art Freikarte, Sie dürfen dann zur ersten Base laufen. Wenn Sie, der Batter, nach dem Ball schwingen und ihn verfehlen, ist das auch ein Strike, unabhängig davon, ob der Pitch in der Strike Zone war oder nicht.

Häufig schwingen Sie nach einem Ball und treffen ihn dann nicht mit voller Wucht. Dann prallt der Ball vom Schläger ab oder fliegt ins Foul Territory. Das ist ein Foul Ball. Ihre ersten beiden Foul Balls in einem At Bat sind Strikes. Danach können Sie so viele Bälle ins Foul Territory schlagen, wie Sie möchten, ohne dafür bestraft zu werden. Gute Hitter schwingen bei guten Pitches – den Würfen, die in der Strike Zone sind ‑, und lassen schlechte Pitches ‑ Würfe, die nicht in der Strike Zone sind ‑ einfach durch. Richtig gute Hitter schlagen Pitches, die ihnen nicht gefallen, mit Absicht ins Foul Territory, und warten auf einen besseren Pitch.

Jetzt tun wir so, als würden Sie schlagen. Der erste Pitch ist ein Fastball (der häufigste Pitch, ein Wurf, der in der Regel in einer gerade Linie und sehr schnell auf den Batter zukommt) und einige Zentimeter "außerhalb" der Strike Zone. Der Schiedsrichter brüllt "Ball one!". Der Count ist jetzt 1 und 0, ein Ball und keine Strikes. Das freut Sie, denn Sie liegen (vorübergehend) "im Count vorn", was für Sie als Hitter ein leichter Vorteil ist, der aber vermutlich gleich wieder vorbei sein wird. Der Catcher wirft den Ball zum Pitcher zurück, der sich schnell für den nächsten Pitch bereit macht. Er geht in seinen Wind-up und wirft den zweiten Pitch, einen Curveball (dieser langsame Wurf mit gekrümmter Flugbahn soll den Batter verwirren), der in Brusthöhe kommt und außerhalb der Strike Zone liegt. "Ball two!", erklärt der Schiedsrichter.

Ein Pitcher hat viele Waffen in seinem Arsenal, von denen er den Fastball und den Curveball am häufigsten verwendet. Außerdem gibt es noch Slider, Change-up, Knuckleball, Screwball, Cutter und ein Dutzend andere. Nicht jeder Pitcher beherrscht alle diese Würfe. Die meisten haben drei oder vier Techniken in ihrem Repertoire, mit denen sie den Ball erstaunlich präzise und schnell werfen können. In der Geschichte des Baseballs gibt es zahlreiche Beispiele für den Versuch, weitere Wurftechniken zu entwickeln, mit denen der Batter daran gehindert werden soll, den Ball zu treffen.

Da ich ein schlechter Hitter war, bin ich auf Pitcher nicht sonderlich gut zu sprechen. In meiner aktiven Zeit fand ich sie immer einschüchternd und brutal, ja sogar sadistisch. Mit neunzehn, als ich einen Fastball mit beinahe einhundertfünfzig Stundenkilometern auf meinen Kopf zurasen sah, habe ich mich vom Baseballspielen verabschiedet. Es hat mir nicht leidgetan.

Da ich nicht gepitcht habe, bin ich nicht der Richtige, um die Feinheiten der verschiedenen Pitches zu erläutern. Sagen wir einfach, dass sich der Ball nur selten in einer geraden Linie von der Hand des Pitchers zum Handschuh des Catchers bewegt. Es ist weitaus wahrscheinlicher, dass der Ball so flattert und schlenkert, dass er einen durchschnittlichen Zuschauer in Angst und Schrecken versetzen würde, wenn dieser aus irgendeinem Grund an der Home Plate stünde.

Der Count ist jetzt 2 und 0 (zwei Balls und keine Strikes), und Sie als Batter haben in diesem At Bat die Oberhand. Der Pitcher muss jetzt einen Ball in die Strike Zone werfen, wo Sie ihn mit möglichst viel Kraft treffen wollen. Er wirft, Sie schwingen ‑ ein Fastball mitten in die Strike Zone. Allerdings sind Sie mit so viel Begeisterung bei der Sache, dass Sie den Ball nicht richtig treffen, daher landet er im Foul Territory, bei den Tribünen, wo die Fans zuschauen. Strike one. Der Count ist 2 und 1.

Da Sie der Leadoff-Hitter sind, der erste Batter für Ihr Team, sind Sie vermutlich recht flink auf den Beinen. Sie haben die Aufgabe, zur ersten Base zu kommen, ohne ein Out zu erzielen. Das könnten Sie zum Beispiel mit einem Bunt erreichen, einem verkürzten Schwung, bei dem der Ball sozusagen vom Schläger "abtropft" und nur ein paar Meter von der Home Plate entfernt im Feld landet, was die Defensivspieler überrumpelt, die an der falschen Stelle stehen und Schwierigkeiten haben, ihn zu fangen. Ein schneller Runner, der gut "bunten" kann, ist ein starker Offensivspieler. Es gibt verschiedene Versionen des Bunts, eine davon ist der Drag Bunt, der auf dem Spielfeld allerdings nur selten zu sehen ist. Dabei läuft der Batter ‑ immer von der linken Seite, da es von dort etwas näher zur ersten Base ist ‑ los, noch bevor er den Ball geschlagen hat, nimmt den Schläger hinter sich und schlägt den Ball auf dem Weg zur ersten Base im Laufen von der Baseline aus (die an dieser Stelle des Feldes auch die Foul-Linie ist). (Ich erwähne das nur, weil unser Held, Joe Castle, in Kapitel 2 einen Drag Bunt ausführt.)

Doch Sie entscheiden sich gegen einen Bunt und beschließen "draufzuhauen", also frei zu schwingen. Der vierte Pitch in Ihrem Durchgang ist, sagen wir mal, ein Slider. Ich habe keine Ahnung, wie sich ein Slider verhält, aber ich weiß, dass er sehr schwierig zu schlagen ist, wenn er richtig geworfen wird. Dieser Slider ist perfekt. Sie lassen den Ball durch, und der Schiedsrichter brüllt "Strike two!". Der Count ist jetzt 2 und 2, und Sie sind einen Strike davon entfernt, out gemacht zu werden, was bedeuten würde, dass man Sie in den Dugout schickt, ohne dass Sie eine Belohnung für Ihre Mühe an der Home Plate bekommen. Ein Strike-out ist für Sie als Batter die demütigendste Erfahrung im Spiel, aber trösten Sie sich ‑ es gibt noch einige mehr.

Im Baseball ist Scheitern normal. Sie werden weitaus mehr Outs als sonst im Leben hinnehmen müssen. Wenn Sie lediglich in dreißig Prozent Ihrer At Bats einen Hit erzielen (Sie erreichen die erste Base, bevor der Ball dort eintrifft), wird man Sie als Spitzenspieler bezeichnen und praktisch wie einen Gott verehren. Sie werden in einer Spielzeit Millionen verdienen, und irgendwann werden Sie von den Weisen und Mächtigen in die Hall of Fame (die letzte Ruhestätte aller großen Spieler) gewählt.

Jedes Team darf sich drei Outs in einem Inning (in seinem At Bat) erlauben. Ein Spiel hat neun Innings. Die Gastmannschaft kommt in der ersten Hälfte des Innings an den Schlag, und zwar so lange, bis sie drei Outs kassiert hat. In der zweiten Hälfte ist dann die Heimmannschaft dran, bei der es genauso läuft. Nach neun Innings hat das Team mit den meisten Runs gewonnen. Steht es nach neun Innings unentschieden, geht das Spiel mit zusätzlichen Innings weiter, wobei sich jedes Team wie gehabt drei Outs pro Inning erlauben darf. Irgendwann hat ein Team mehr Runs als das andere, dann ist das Spiel zu Ende. Das längste Spiel in der Geschichte des Baseballs ging über sechsundzwanzig Innings und dauerte mehr als acht Stunden.

Beim Count von 2 und 2 wirft der Pitcher seinen nächsten Pitch, und Ihnen bleiben nur Sekundenbruchteile für die Entscheidung, ob Ihnen der Wurf gefällt oder nicht. Der Pitch sieht gut aus, Sie schwingen, treffen gut und schlagen einen Ground Ball in Richtung des Shortstop, zwischen die zweite und dritte Base. Ein Ground Ball ist genau das, was der Name sagt ‑ er kommt im Infield auf und "hüpft" oder rollt weiter, im Gegensatz zu einem Fly Ball, der hoch in die Luft geschlagen wird. Außerdem gibt es noch den Line Drive, das ist ein schneller, harter Ball, der in gerader Linie, aber nicht sehr hoch geschlagen wird und den Boden nicht berührt.

Sobald Sie den Ball geschlagen haben, müssen Sie den Schläger ablegen und zur ersten Base sprinten. Der Shortstop fängt den Ball mit seinem Handschuh, geht in Wurfposition und wirft ihn zur ersten Base, wo der First Baseman schon darauf wartet. In der Zwischenzeit rennen Sie den Base Path entlang und versuchen, vor dem Ball an der ersten Base zu sein. Der First Baseman setzt den Fuß auf die Gummiplatte an der ersten Base und macht sich bereit, den Wurf vom Shortstop zu fangen. Gelingt ihm das, bevor Sie die Gummiplatte berührt haben, nennt man das einen Ground-out ‑ Sie sind draußen, als erster Spieler ihrer Mannschaft, in der ersten Hälfte des ersten Innings. Falls Sie jedoch "den Wurf schlagen", also die erste Base berühren, bevor der Ball dort ankommt, haben Sie einen Hit erzielt, einen sauber geschlagenen Ball, mit dem Sie an die erste Base kommen. Um den Wurf zu schlagen, dürfen Sie "durch" die erste Base laufen und erst dahinter langsamer werden. Für die zweite und dritte Base gilt diese Regel jedoch nicht.

Hits sind das Wichtigste, wenn Ihre Mannschaft in der Offensive spielt. Es gibt verschiedene Arten von Hits. Ein Single ist ein Hit, mit dem Sie zur ersten Base kommen. Ein Double bringt Sie zur zweiten, ein Triple zur dritten. Und ein Home Run ist ein perfekt geschlagener Ball, der weite Strecken in der Luft zurücklegt, über die Outfield-Begrenzung fliegt und die Zuschauer in Verzückung geraten lässt. Ein sehr seltener Spielzug ist der Inside-The-Park-Home-Run, bei dem der Ball nicht über den Zaun fliegt, sondern im Outfield herumspringt, während ein schneller Runner "die Bases umrundet" und schließlich die Home Plate erreicht. Außerdem gibt es noch den Grand Slam, aber zu dem kommen wir gleich.

Da Sie ein guter Sportler und sehr schnell sind, schlagen Sie den Wurf und erreichen die erste Base. Der Schiedsrichter erklärt Sie für "Safe!", was schon mal ein guter Anfang für Sie ist. Da der Ball das Outfield nicht erreicht hat, nennt man das Infield-Hit. Ein erfolgreicher Bunt würde in die gleiche Kategorie fallen.

Sie stehen jetzt an der ersten Base und denken natürlich sofort daran, wie Sie zur zweiten kommen. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten, von denen einige gefährlicher als andere sind. Der Pitcher auf dem Wurfhügel hat den Ball und sieht Sie über die Schulter hinweg an. Der First Baseman steht an der ersten Base, da Sie jetzt Base Runner sind und damit das Recht haben, "Abstand" von der Base zu nehmen. Dabei lösen Sie sich einige Schritte von der Base, um näher an die zweite Base zu kommen. Dabei müssen Sie aber sehr vorsichtig sein, denn der Pitcher könnte den Ball zur ersten Base werfen, wo der First Baseman ihn mit seinem Handschuh fangen und damit ihre Füße, Arme oder Beine berühren würde, wenn Sie zurück in die Sicherheit der ersten Base hechten. Das ist dann ein Pick-off-Versuch, und wenn er erfolgreich ist, sind Sie draußen. Sie hätten ein Out kassiert, und zwar eines, das nicht zu entschuldigen wäre, und müssten in Schimpf und Schande in den Dugout zurückkehren.

Aber dafür sind Sie natürlich zu schlau, und deshalb kommt es nicht zu einem Pick-off-Versuch. Der Pitcher geht in einen Stretch, einen leicht abgeänderten Wind-up, der eingesetzt wird, wenn Runner auf einer Base sind, und wirft einen Pitch zur Home Plate, wo jetzt der Spieler Ihrer Mannschaft, der an zweiter Stelle der Batting Order (auch Line-up genannt) steht, am Schlag ist. "Strike one", sagt der Schiedsrichter. Der Fänger wirft Ihnen einen kurzen Blick zu, dann schleudert er den Ball zum Pitcher zurück, der auf dem Wurfhügel steht, einen Fuß auf der Gummiplatte hat und den Catcher ansieht, der jetzt entscheidet, welchen der vorhin erwähnten Pitches er als Nächstes haben möchte. Mit der rechten Hand gibt der Catcher dem Pitcher ein Zeichen. Der Pitcher ist einverstanden, nickt und geht in seinen Stretch.

Von den Schiedsrichtern wird der Stretch genau beobachtet. Die Bewegungen sind exakt vorgeschrieben, und wenn ein Pitcher bei seinem Stretch versucht, Sie durch eine falsche Bewegung zu täuschen, wird der Schiedsrichter einen Balk erklären. Dann dürfen Sie zur zweiten Base vorrücken, ohne etwas dafür tun zu müssen. Balks sind allerdings sehr selten, und in den meisten Spielen gibt es gar keine.

Ihr Coach, der in einer Coach's Box im Foul Territory in der Nähe der dritten Base steht, macht ein paar Bewegungen ("Zeichen" genannt) mit seinen Händen und teilt Ihnen auf diese Weise mit, dass sie "die zweite Base stehlen" sollen. Das ist ein riskanter Spielzug in der Offensive, die in etwa sechzig Prozent der Fälle funktioniert, aber Sie haben keine andere Wahl, Sie tun, was der Coach sagt. Sie nehmen Abstand von der Base, beobachten den Pitcher, um sicher zu sein, dass er keinen Pick-off versucht, und wenn klar ist, dass er zur Home Plate werfen wird, drehen Sie sich um und sprinten zur zweiten Base. Das werden mit Sicherheit die längsten siebenundzwanzig Meter Ihres Lebens sein. Catcher können sehr gut werfen. Sie feuern den Ball ins Infield und treffen dabei auch noch, und sie sehen es gar nicht gern, wenn ein Base Runner versucht, eine Base zu stehlen. Der zweite Batter, Ihr Mannschaftskamerad, geht den Pitch an, verfehlt ihn aber. Der Catcher schnappt sich den Ball, während er aufsteht, und wirft ihn innerhalb von Sekundenbruchteilen zur zweiten Base, wo der Second Baseman bereitsteht, um ihn zu fangen. Wenn Sie in vollem Lauf die zweite Base erreichen, führen Sie einen Slide aus, Sie springen und rutschen mit den Füßen voran in die Base, um den Wurf vom Catcher zu schlagen. Die ganz harten Spieler machen das mit dem Kopf voran, doch deren Karrieren dauern nie sehr lange.

Das Stehlen einer Base gehört zu den aufregendsten Spielzügen im Baseball. Es geschieht immer sehr schnell ‑ ein schneller Läufer, ein Catcher mit einem starken Wurfarm, Staub wirbelt auf, manchmal prallen die Spieler aufeinander, und der Schiedsrichter geht stets mit.

Sie berühren die zweite Base mit Ihrem Fuß in dem Moment, in dem der Handschuh mit dem Ball ihren Arm trifft, und der Schiedsrichter brüllt: "Safe!" In der statistischen Zusammenfassung des Spiels, der Box Score, steht jetzt außer Ihrem Base Hit auch noch eine gestohlene Base. Sie bitten mit dem Ruf "Time out" um eine Spielunterbrechung, klopfen sich den Staub ab und fangen an, sich Gedanken über die dritte Base zu machen.

Beim nächsten Pitch schlägt der Batter einen weiten Fly Ball ins Left Field, der dort "im Flug" vom Left Fielder gefangen wird, sodass es zum ersten Out des Innings kommt. Das nennt man dann einen Fly-out oder Pop-out. Ein Line Drive, der von einem Defensivspieler gefangen wird, heißt Line-out. Sie können jetzt nicht zur nächsten Base vorrücken. Der nächste Batter schlägt einen Ground Ball zum Shortstop, der ihn sich schnappt, kurz einen Blick in Ihre Richtung wirft, um sich zu vergewissern, dass Sie nicht auf die Idee kommen, zur dritten zu sprinten, und wirft den Ball zur zweiten Base, womit er das zweite Out erzielt hätte. Da an der ersten Base kein Runner steht, müssen Sie nicht unbedingt zur dritten laufen. Wenn jedoch an der ersten Base ein Runner wäre, dann wäre dieser natürlich gezwungen, bei dem Ground Ball zur zweiten zu laufen, was dann wiederum Sie dazu zwingen würde, zur dritten zu laufen.

Jetzt tritt der vierte Batter Ihres Teams an die Plate. Er wird auch Clean-up-Hitter genannt, da er die Aufgabe hat, die Bases zu "leeren", also sämtliche Runner auf den Bases zur Home Plate zu bringen. In der Regel stehen die besten Hitter an erster bis fünfter Stelle des Line-up, während die schlechteren Hitter weiter hinten auftauchen. Clean-up-Hitter haben so viel Schlagkraft, dass sie weite Home Runs erzielen können. Da bei Home Runs in der Regel "auf den Zaun geschwungen" wird, kassieren sie auch viele Strikeouts. Und weil sie auf dem Spielfeld gefürchtet sind, sind Pitcher immer sehr vorsichtig, wenn sie es mit einem Clean-up-Hitter zu tun bekommen.

Nehmen wir an, der Clean-up-Hitter Ihres Teams ist besonders gefürchtet und schlägt gerade richtig gut. Da die erste Base "offen" ist (sie ist nicht durch einen Runner besetzt), und es bereits zwei Outs gibt, beschließt der Pitcher, auf Nummer sicher zu gehen. Er wirft einige Pitches, die außerhalb der Strike Zone sind. Wenn der Schiedsrichter "Ball four" ruft, bekommt der Clean-up-Hitter einen Walk und läuft langsam zur ersten Base. Sie sind an der zweiten, Ihr Hitter an der ersten, bei zwei Outs.

Sie überlegen, ob Sie die dritte Base stehlen sollen, doch das ist noch riskanter, als die zweite zu stehlen, da die Entfernung von der dritten Base zur Home Plate kürzer ist; daher braucht der Catcher auch nicht so weit zu werfen. Das Stehlen der dritten Base klappt nur in zwei von fünf Versuchen, und Ihr Coach will das Risiko nicht eingehen. Sie bleiben, wo Sie sind, nehmen etwas Abstand von der zweiten Base und sehen zu, wie der fünfte Hitter zur Home Plate geht. Der erste Pitch ist ein Wild Pitch, ein Ball, der vom Boden abprallt, bevor der Catcher ihn fangen kann. Der Ball rollt einige Meter weg, sodass Sie zur dritten Base sprinten können. Der Clean-up-Hitter sprintet zur zweiten; beide Runner rücken also eine Base vor. Bei jedem Spiel gibt es einen offiziellen Scorer, und wenn er der Meinung ist, dass der Catcher in der Lage gewesen wäre, den Ball zu fangen, wird der Pitch als Passed Ball eingetragen, was ein Fehler für den Catcher ist. Es ist auf jeden Fall ein Fehler der Defensive.

Der nächste Pitch ist ein Fastball mitten durch die Strike Zone, und der Hitter schwingt, triff und schlägt einen harten Ground Ball zum Third Baseman, der ihn nicht sauber fangen kann und fallen lässt. Als er den Ball schließlich zu fassen bekommt und ihn zur ersten Base werfen kann, ist es zu spät. Der Third Baseman kassiert vom Scorer einen Error, ein weiterer Fehler der Defensive.

Da jetzt Runner auf der ersten, der zweiten und der dritten Base stehen, sind die Bases "geladen". Bei weiterhin zwei Outs kommt der sechste Batter an die Plate. Da es für die Defensive nicht gut läuft, dürfte der Pitcher inzwischen ziemlich sauer sein. Er versucht, das zu tun, was Pitcher häufig tun, wenn sie frustriert sind ‑ er wirft den Ball so hart wie möglich. Das gibt in der Regel nur Ärger. Sein zweiter Pitch ist ein Fastball, und der Batter schlägt so gut, dass der Ball über die Begrenzung am Left Field fliegt, ein wunderschöner Home Run. Und da die Bases geladen sind, ist das nicht nur ein Home Run, sondern ein Grand Slam. Dafür gibt es vier Runs.

Sie laufen langsam zur Home Plate, stellen sich auf die Plate und haben damit Ihren ersten Run erzielt. Hinter Ihnen kommen die Runner, die an der zweiten und der ersten Base waren. Wenn der Clean-up-Hitter alle Bases umrundet hat und die Home Plate erreicht, ist sein Run der vierte.

Nach dem dritten Out wird gewechselt. Die neun Defensivspieler gehen vom Feld und tauschen in ihrem Dugout die Fanghangschuhe gegen Schläger aus. Sie und Ihre Mannschaftskameraden legen die Schläger weg und nehmen die Handschuhe. In der zweiten Hälfte des ersten Innings schlägt die Heimmannschaft, und Ihr Team geht auf das Feld. Nehmen wir an, Sie sind der Second Baseman. Der erste Batter schlägt einen Line Drive durch die Mitte und erzielt einen Base Hit. Er ist jetzt an der ersten Base. Der zweite Batter geht den Ball dreimal an, verfehlt ihn aber jedes Mal, daher kassiert er einen Strikeout. Das erste Out. Der dritte Batter schlägt einen Ground Ball zum Shortstop, der den Ball sauber fängt und ihn dann zu Ihnen wirft, da Sie die zweite Base "decken". Sie fangen den Ball, und damit ist der Runner an der ersten Base, der zur zweiten laufen muss, out. Das zweite Out. Sobald Sie den Ball im Handschuh haben, werfen Sie ihn zur ersten Base und treffen damit den Runner (den Hitter). Das nennt man ein Double Play. Das dritte Out. Innerhalb weniger Sekunden wurde das zweite und das dritte Out erzielt, und die zweite Hälfte des ersten Innings ist vorbei. Double Plays sind Routine und der wichtigste Spielzug der Defensive.

Im zweiten Inning stehen Sie im On-Deck-Circle (eine kreisförmige Fläche in der Nähe des Dugouts, wo Sie warten, bis Sie mit Schlagen an der Reihe sind). Da Ihr Team im ersten Inning acht Batter an die Plate geschickt hat, schlägt der neunte Batter im zweiten Inning zuerst. Sie als Lead-off-Batter sind dann nach ihm an der Reihe. Der neunte Hitter ist stets der Pitcher, und Pitcher sind immer miserable Hitter. An diesem wunderbaren Abend trifft der Pitcher Ihrer Mannschaft jedoch "durch die Mitte", genau über der zweiten Base, und erzielt einen Base Hit, was bei ihm nicht sehr oft vorkommt.

Sie sind als Nächster dran. Sie stellen sich an die Plate und nehmen Ihre Schlaghaltung ein. Sagen wir mal, der Pitcher und Sie kennen sich schon seit ein paar Jahren und sind schon ein paarmal aneinandergeraten. Er kann Sie nicht leiden, was auf Gegenseitigkeit beruht. Außerdem ist er an dem Abend sowieso schlecht drauf. Aus irgendeinem Grund (häufig gibt es aber keinen guten Grund) beschließt dieser Pitcher, einen Beanball zu werfen ‑ einen Fastball, der einen Batter am Kopf treffen soll. Er geht in seinen Wind-up und feuert den Ball auf ihren Kopf. Im letztmöglichen Bruchteil einer Sekunde gelingt es ihnen, sich wegzudrehen. Um ein Haar wären Sie von dem Beanball getroffen worden. Das ärgert Sie natürlich, weshalb Sie einige gewählte Worte in Richtung des Pitchers brüllen, der sich mit ähnlichen Nettigkeiten revanchiert, und bald werden Sie beide vom Schiedsrichter aufgefordert, sich zu mäßigen. Den Beanball erwähne ich nur, weil er in der Geschichte von Calico Joe eine wichtige Rolle spielt. In den meisten Spielen auf professionellem Niveau werden keine Beanballs geworfen. Es ist allerdings nichts Ungewöhnliches für einen Pitcher, "nach innen", also auf den Körper des Hitters zu werfen, und dafür gibt es mehrere strategische Gründe. Ein derartiger Pitch wird auch Brushback genannt.

Der Count ist ein Ball, keine Strikes. Sie denken immer noch an den Beanball, und der Pitcher wirft einen perfekten Fastball "an die Außenkante" (an den Rand der Home Plate, gerade so nah, dass er noch als Strike gilt). Ein Ball, ein Strike. Sie vergessen den Beanball und konzentrieren sich darauf, einen Hit zu erzielen. Den nächsten Pitch schlagen Sie aus dem Feld, also ins Foul Territory. Ein Ball, zwei Strikes. Der nächste Pitch kommt perfekt, und Sie hämmern den Ball zwischen den Left Fielder und den Center Fielder. Ihr Pitcher, der an der Ersten steht, erreicht mühelos die Home Plate und bringt den Spielstand auf 5:0. Sie schaffen es bis zur zweiten Base und haben damit einen Run Batted In (RBI) erzielt. Einem Hitter mit vielen RBIs ist eine lange, finanziell einträgliche Karriere beschert.

Der nächste Batter, der im Line-up Ihrer Mannschaft an zweiter Stelle steht, schlägt einen Pop Fly, der sich ins Foul Territory verirrt, wo er vom Third Baseman gefangen wird. Ein Out. Ein Fly Ball kann im Foul Territory gespielt werden, ein Ground Ball dagegen nicht.

Der nächste Batter kassiert einen Strikeout, was dazu führt, dass Sie auf der Base "verhungern", was man auch Left on Base (LOB) nennt. Da Ihre Hälfte des Innings jetzt vorbei ist, dürfen Sie im nächsten Inning nicht wieder an die zweite Base zurückkehren. Die gegnerische Mannschaft kann in der zweiten Hälfte des zweiten Innings nicht viel ausrichten. Sie schickt drei Batter an die Plate, die alle drei out gemacht werden. (Keine Angst ‑ ich werde Sie in dieser Einführung nicht durch ein ganzes Spiel mit neun Innings zerren.)

In der ersten Hälfte des dritten Innings kommt der Pitcher der gegnerischen Mannschaft immer mehr in die Bredouille. Er muss zwei Walks und einen Double abgeben. Langsam wird klar, dass er "kein gutes Repertoire" hat und aus dem Spiel genommen werden sollte. Es kommt selten vor, dass der Starting Pitcher ein Complete Game pitcht, also in allen neun Innings eines Spiels. Der Coach ist froh, wenn er sechs oder sieben Innings übersteht, bevor er gegen einen Relief Pitcher oder Reliever ausgewechselt wird. Ein Profikader besteht aus fünfundzwanzig Spielern, von denen zehn Pitcher sind. Von diesen zehn sind fünf Starting Pitcher und fünf Reliever.

Der Erfolg eines Pitchers wird in Wins und Losses gemessen. Bei jedem Spiel gibt es einen Winning Pitcher und einen Losing Pitcher. Eine andere Kennzahl für den Erfolg eines Pitchers ist der Earned Run Average (ERA). Im weitesten Sinn ist das die Anzahl der Runs, die ein Pitcher pro Spiel zulässt.

Baseball ist ein Spiel mit endlosen Statistiken, doch nur ein paar davon sind wirklich wichtig. Für einen Hitter sind das der Batting Average, also sein Schlagdurchschnitt, und die Runs Batted In (RBI), die Runs in einem Spiel, die durch einen Schlag des Batters erzielt werden. Für einen Pitcher sind das der Win-Loss-Record und der ERA.

Ein Baseballteam in einer Profiliga beschäftigt eine ganze Horde von Coaches, von denen jeder auf einen bestimmten Teil des Spiels spezialisiert ist, zum Beispiel Pitching, Hitting, Field-Coaches im Foul Territory bei der ersten und der dritten Base, Dugout-Coach, um nur die wichtigsten zu nennen. Der große Chef ist der Manager, ein kampferprobter Guru, der über den Dugout herrscht, die wichtigsten Entscheidungen trifft, Strategien ausheckt und als Erster gefeuert wird, wenn das Team anfängt zu verlieren. Aus irgendeinem Grund sind er und seine Coaches genauso angezogen wie die Spieler. Das sorgt häufig für eine gewisse Erheiterung auf dem Spielfeld, da dieser Versuch, in enger Polyesterkleidung fit und jugendlich auszusehen, von vorneherein zum Scheitern verurteilt ist. Nach jahrelanger Recherche habe ich immer noch keine schlüssige Erklärung dafür gefunden, warum Baseball-Coaches die gleiche Kleidung tragen wie ihre Spieler. Stellen Sie sich mal einen Basketballtrainer (mittleres Alter, klein, dicklich) vor, der in High-Tops, weiten Shorts und einem ärmellosen Spielertrikot an der Seitenlinie steht. Oder einen Football-Coach mit Schutzpolstern und Helm.

Aber ich schweife ab.

Zurück zu dem Pitcher, der in Schwierigkeiten steckt. Es ist Zeit für einen Pitcher-Wechsel, darum verlässt der Manager den Dugout, bittet um eine Unterbrechung des Spiels und geht langsam zum Wurfhügel. In der Zwischenzeit wärmen sich einige Reliever im Bullpen auf, einem abgeschlossenen Bereich jenseits der Outfield-Begrenzung, in dem die Relief-Pitcher darauf warten, dass sie ins Spiel gebracht werden. Da sich diese Pitcher in der Regel langweilen, stammen die meisten anzüglichen Baseballwitze aus dem Bullpen.

Der Manager winkt einem der Reliever, den er ins Spiel bringen will. Der Starting Pitcher verlässt den Wurfhügel und geht in den Dugout. Er wird an diesem Abend nicht mehr spielen, darf nicht mehr eingewechselt werden und wird drei oder vier Tage lang nicht mehr pitchen, weil er seinen müden Arm schonen muss. Der Reliever stellt sich auf den Wurfhügel, wirft ein paar Pitches zum Aufwärmen und ist dann bereit, es mit dem nächsten Batter aufzunehmen.

In der ersten Hälfte des dritten Innings führt Ihr Team mit 7:0, mit einem Runner auf der zweiten und keinen Outs. Der Starting Pitcher der gegnerischen Mannschaft wurde gerade "duschen geschickt" oder hat andere Demütigungen erfahren, die ich hier nicht näher beschreiben möchte. Bei einem derart großen Vorsprung müsste Ihr Team das Spiel gewinnen, und wenn es ab jetzt etwa sechzig Prozent seiner Spiele gewinnt, qualifiziert es sich damit für die Playoffs der verschiedenen US-Divisions und gewinnt vielleicht sogar die Meisterschaft seiner Liga. Damit hat es sich dann die Teilnahme an der World Series erkämpft, einer Best-of-Seven-Serie zwischen der jeweils besten Mannschaft der American League und der National League.

(Ja, wir wissen auch, dass der große Rest der "Welt" meist nichts mit Baseball am Hut hat. Außerdem weigern wir uns, uns mit anderen baseballspielenden Ländern in echten, weltweiten Playoffs zu messen. Das ist kompliziert, wie alles andere, was mit Baseball zu tun hat.)

So, nun habe ich Sie auf diesen wenigen Seiten von Ihrem ersten At Bat zur World Series gebracht. Hoffentlich können Sie sich jetzt ein Baseballspiel ansehen und die Grundregeln verstehen. Wenn Sie jede Minute und jeden komplizierten Aspekt dieses Spiels verstehen würden, hätten Sie keinen Spaß mehr daran. Überlassen Sie das den Spielern, Managern, Sportreportern und Romanautoren.


John Grisham


Berufung

Die Story

David ...
Jeannette Baker stammt aus ärmlichen Verhältnisse und lebt in einem Wohnwagen, einem Trailer. Ihre Nachbarn feiern sie wegen ihres Gangs vor Gericht wie eine Heldin. Jeannette Baker steht für viele Leidtragende, denn tatsächlich weist die Region im Vergleich zum Landesdurchschnitt eine fünfzehnfach erhöhte Krebsrate auf. Mehrere Hundert Krankheitsfälle sind in der Folge von Kranes Chemieeinleitungen aufgetreten, darunter diverse Todesfälle.

Die beiden Prozessanwälte Payton und Payton, kämpfen engagiert für Recht und Gerechtigkeit. Doch finanziell zahlt sich ihr Einsatz nicht aus. Ihre Vermögensverhältnisse sind desaströs. Ihre Kanzlei musste längst auf alles Repräsentative verzichten und auch privat haben sie schon deutlich besser gelebt. Dringend benötigen sie die ihnen zustehenden Prozente aus Kranes Schadenersatzleistung, denn durch einen laufenden Kredit steht ihnen das Wasser bis zum Hals.

... gegen Goliath
Laut Forbes-Liste gehört Carl Trudeau mit einem Reinvermögen von fast zwei Milliarden Dollar zu den 400 reichsten Amerikanern. An der Seite des 61-Jährigen steht Brianna, seine um dreißig Jahre jüngere „magersüchtige Vorzeigefrau“, die neben der Pflege ihres Aussehens und Körpers nur ein Hobby hat: das Geld ihres Mannes auszugeben.

Trudeau ist ein gewiefter Geschäftsmann, der die Mechanismen des Marktes nur zu genau kennt und für sich zu nutzen weiß. Durch die wirtschaftlichen Verflechtungen seiner Trudeau Group verfügt er über weitreichenden Einfluss. Das Urteil ärgert ihn, aber es bricht ihm keinesfalls das Genick. Beinahe stachelt es seinen Ehrgeiz an, denn er sucht nach Wegen, an dem Urteil „etwas zu drehen“. Das ist sein Plan für die auf anderthalb bis zwei Jahre geschätzte Dauer des Berufungsverfahrens.

Die Krane-Aktie fällt
Die Gelegenheit dazu, kommt in Gestalt von Barry Rinehart daher. „Er ist eine Art Berater, aber im Telefonbuch finden Sie ihn nicht. Seine Spezialität sind Wahlen.“ Mit diesen Worten legt Senator Grott Trudeau den Kontakt zu Rinehart nahe. Dankbar ergreift der Geschäftsmann die Chance und einigt sich bald mit Rinehart, auf die Zahlung einer größeren Summe, die jedoch unter den 41 Millionen für Jeanette Baker bleibt.

Im Gegenzug sagt Rinehart zu, die anstehenden Richterwahlen an dem für die Berufung zuständigen Gerichtshof, dem Mississippi Supreme Court, in Trudeaus Sinne günstig zu beeinflussen. Denn wie jener weiß, fehlt nur ein der Wirtschaft freundlich gesinnter Richter, um den Schadenersatz in der nächsten Instanz abzuschmettern.

Wie kauft man sich einen Richter?
Am Obersten Gerichtshof von Mississippi arbeitet Sheila McCarthy, eine engagierte und faire Richterin mit gutem Leumund. Sie tritt bei der kommenden Richterwahl für den südlichen Bezirk von Mississippi erneut an. Für sie unerwartet, hat sie es bald gleich mit zwei Gegenkandidaten zu tun. Da ist einmal Ron Fisk, ein „untadeliger Konservativer“ und unauffälliger Jurist, der mit Geld als Kandidat aufgebaut wird und andererseits der abgehalfterte Anwalt Clete Coley, „ein übergewichtiger, ungehobelter, trinkfester Einzelgänger, der in den Kasinos mehr Geld verdiente als mit seiner Kanzlei.“

Was Richterin McCarthy nicht ahnt ist, dass beide Konkurrenten zu derselben Strategie gehören, mit der Barry Rinehart ihren Sturz vorbereitet. Je positiver Ron Fisk hingestellt wird, desto mehr Schmähungen gegen sie werden laut. Sie sei eine liberale Emanze heißt es, mitverantwortlich für den Werteverfall und die verkommene Kultur. Doch Sheila McCarthy gibt sich nicht so leicht geschlagen und nimmt den Kampf auf, ohne die Macht ihres Gegners zu kennen. Denn dass im Hintergrund Carl Trudeau die Strippen zieht, davon ahnt sie nichts.

Die Show beginnt
Clete ist ein Strohmann; der „übergeschnappte Cowboy“ steht ideologisch rechts außen wäre durch seine polternde Art als Richter gar nicht tragbar. Aber Fisk entwickelt dank seiner vermögenden Gönner zu einer ernsthaften Konkurrenz. Als Diakon und Lehrer an der Sonntagsschule spricht der christliche Familienvater die gutbürgerliche weiße Mittelschicht an. Den Eintrichterungen seines von Rinehart bezahlten Wahlkampfmanagers folgend, wiederholt er gebetsmühlenartig die Schuldzuweisungen gegen Richterin McCarthy und positioniert sich auf ihre Kosten.

Während die Wirtschafts- und Versicherungslobby sowie Ärzte und Krankenhäuser hinter ihm stehen, hat die erfahrene Richterin die Prozessanwälte im Rücken. Dafür sorgt nicht zuletzt Nathaniel Lester, ein begabter und exzentrischer Strafverteidiger, den sie als Wahlkampfmanager gewinnt. Fisks agressive Kampagne verschlingt eine Million nach der anderen durch Direktmailings und Fernsehspots. McCarthy und Lester haben es sehr viel schwerer, Gelder für ihre Arbeit zu akquirieren. Zudem sind ihre Ansichten im Staat Mississippi nicht ganz so populär.

Amerikas „Heilige Kühe“
Die gemäßigte Richterin wird als glühende Liberale hingestellt und ihre Position verächtlich gemacht, weil sie nicht ins populistische Raster passt. McCarthy ist für die strengere Reglementierung des Waffenbesitzes und gegen die Todesstrafe. Der rechtskräftigen Ehe von Homosexuellen steht sie eher neutral gegenüber.

Doch ihre Gegner schlagen eine Brücke von liberal zu unmoralisch. Eine schmutzige Kampagne um zwei Homosexuelle, die in Mississippi heiraten wollen, trägt das Thema in den Wahlkampf. Wenn auch die Hintergründe dieses Komplotts aufgedeckt werden, die Umfragewerte für Ron Fisk sind kaum noch einzuholen.

Wie diese erbitterte Schlacht um Wählerstimmen ausgeht soll hier nicht verraten werden. Doch Saubermann Fisk, der strahlende Held der konservativen Wirtschaftselite, wird die Ereignisse nicht gänzlich unbeschadet überstehen. Als ihn dann auch noch ein persönlicher Schicksalsschlag trifft, muss er manche Überzeugung erneut auf den Prüfstand stellen. Ob und wie sich diese Ereignisse auf die Berufungsverhandlung von Jeanette Baker auswirken, enthüllt natürlich das letzte Kapitel.

Grisham charakterisiert seine Figuren ein wenig schematisch. Wer „die Guten“ sind und wer „die Bösen“ ist schnell klar. Charles Brauer folgt mit stimmlicher Kennzeichnung. Die unangenehmen Charaktere sind beispielsweise Bankier Kirkhead und natürlich Carl Trudeau, was man ihren Stimmen und ihrem Sprachduktus anmerkt. Hingegen gehören Wes und Mary Grace Payton und auch Sheila McCarthy zu den positiven Figuren, die aus edlen und idealistischen Motiven handeln. Doch jenseits dieses Schwarz-Weiß-Denkens ist Grisham erneut eine Geschichte gelungen, bei der man gebannt dem Ende entgegenfiebert. Und Charles Brauer trägt das Seine dazu bei.

Zum Schluss seien noch einige Anmerkungen des Autors zitiert.
„Ich sehe mich veranlasst, meinen Heimatstaat mit einer Vielzahl von Erklärungen zu verteidigen. Alle Personen in diesem Buch sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit wirklichen Personen wäre rein zufällig.
[...]
Bei dem Prozess habe ich mir Anleihen bei mehreren realen Verfahren erlaubt. In einem anderen Leben war ich Mitglied des Repräsentantenhauses von Mississippi und spielte in dieser Eigenschaft
bei der Gesetzgebung eine Rolle. In diesem Buch wurden einige dieser Gesetze ergänzt, geändert, ignoriert oder schlicht und einfach massakriert. Das ist manchmal erforderlich, wenn man Romane schreibt.
[...]
Nachdem ich mein Werk nun so heruntergemacht habe, muss ich sagen, dass viel Wahres an dieser Geschichte ist. Solange bei der Richterwahl private Gelder fließen dürfen, werden widerstreitende Interessengruppen um die Ämter kämpfen. Diese Probleme sind weitverbreitet. Die gegnerischen Parteien sind überwiegend zutreffend beschrieben. Die Taktiken sind nur allzu vertraut, die Ergebnisse nicht weit von der Realität entfernt.“

John Grisham, Oktober 2007
Rezension
„Berufung“ erfolgreich – so wird das Urteil der Leser auch über John Grishams aktuellen Roman ausfallen


Eine neue Perspektive
John Grisham, der Erfinder eines der mittlerweile weltweit erfolgreichsten Genres überhaupt, dem Justizthriller, ist auch mit seinem aktuellen Roman für eine Überraschung gut: Anders als seine bisherigen Gerichtsromane, wie etwa "Die Jury" oder "Das Urteil", beginnt "Berufung" nicht mit der Schilderung eines Prozesses und seiner Vorgeschichte, um sich dann zum üblichen spannungsgeladenen Höhepunkt, der Urteilsverkündung, zu entwickeln.

Nein, dieses Mal geht Grisham einen anderen, nicht minder spannungsträchtigen Weg. Er schildert zu Beginn der „Berufung“ lapidar nur das Ergebnis der nicht näher beschriebenen erstinstanzlichen Verhandlung: Die Jury eines Kleinstadtgerichts in Mississippi spricht nach viermonatiger Prozessdauer und fünftägiger Urteilsberatung der Klägerin, der kranken Jeanette Baker, fünfhunderttausend Dollar für den Tod ihres Kindes und zweieinhalb Millionen Dollar für den Tod ihres Mannes zu. Darüber hinaus wird das Unternehmen Krane Chemical zur Zahlung von sage und schreibe achtunddreißig Millionen Dollar Strafschadenersatz verurteilt, zu überweisen ebenfalls an Jeanette Baker. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass Krane Chemical für die Verseuchung des Trinkwassers der beiden Opfer und damit für deren beide Krebskrankheiten verantwortlich ist.

Ein grandioser und dem Leser trotz der spektakulären, in Deutschland völlig undenkbaren Summen eher beiläufig mitgeteilter Prozessausgang. Dieser Erfolg aber nützt nicht nur der Klägerin, sondern auch deren Anwälten, dem Ehepaar Wes und Mary Grace Payton von der Hinterhofkanzlei Payton&Payton, die den langen Prozess und seine teuren Sachverständigen, wie das in USA so üblich ist, auf eigene Kosten vorfinanziert haben und jetzt, kurz vor der Privatinsolvenz stehend, Anspruch auf einen hohen prozentualen Anteil an der Urteilssumme haben. Außerdem können sie sich auf eine Vielzahl von weiteren Klägern freuen, die ebenfalls durch Kranes Grundwasserverunreinigung Schäden davongetragen haben, und die nun mit Hilfe der schlagartig bekannten Kanzlei oder anderen auf solche Massenklagen spezialisierten Anwälten ebenfalls gegen Krane klagen oder zumindest einen lukrativen außergerichtlichen Vergleich suchen wollen.

Ein skrupelloser Plan
Das einzige Problem daran: Das Urteil ist noch gar nicht rechtskräftig. Zuvor muss noch das Berufungsverfahren durchgeführt werden, am bislang eher klägerfreundlichen lokalen Supreme Court. Angesichts dieser Situation will sich Krane nicht mehr nur auf rechtliche Argumente verlassen, sondern hat einen perfiden Plan ausgeheckt. Der ist wie stets bei Grisham, einem zunehmend zynischeren Kritiker der amerikanischen Gesellschaft im Allgemeinen und des Justizsystems im Besonderen, für Europäer oft kaum glaubhaft, gleichwohl in jedem Aspekt der Realität entlehnt:

Krane Chemical beauftragt ein dubioses politisches Beratungsunternehmen, einen Richter des Berufungsgerichts zu „kaufen“, der dann für eine dem Unternehmen günstige Berufungsentscheidung sorgen soll. In den USA nämlich werden Richter nicht vom Ministerium nach Eignung ausgesucht und auf Lebenszeit ernannt, sondern regelmäßig von der Bevölkerung, in deren Bezirk sie urteilen, gewählt.

Krane nutzt diesen Umstand, sucht sich über Mittelsmänner einen gutaussehenden, sympathischen Anwalt und perfekten Familienvater und macht ihm das Angebot, ihn zum Richter am Berufungsgericht wählen zu lassen. Ron Fisk, der Auserwählte, glaubt seinem Glück kaum trauen zu können, sagt aber trotzdem zu. Den sich anschließenden Wahlkampf gegen die bisherige Amtsinhaberin Sheila Mc Carthy gewinnt er haushoch, auch wegen schmutziger Wahlkampftricks und illegaler Millionenspenden von Krane Chemical und verschiedener Lobbyistengruppen, die sich für eine Beschränkung der juristischen Haftung von Unternehmen einsetzen und deren Ziele Fisk als Richter zu unterstützen verspricht.

Kaum gewählt, enttäuscht Fisk seine Finanziers zunächst einmal nicht: Kaum eine Klage, die in erster Instanz noch erfolgreich war, passiert dank seiner Voten innerhalb des Achterkollegiums der Berufungsrichter das Berufungsgericht. Ob Schadenersatzklagen wegen Industrieunfällen oder Ärztehaftpflichtfälle – immer wenn David gegen Goliath geklagt und in erster Instanz gewonnen hat, gehen die Kläger nun dank Fisk in der Berufung leer aus.

Als der Krane-Fall zur Entscheidung ansteht, zweifelt niemand, wie Fisks Urteilsempfehlung auch hier ausfallen wird: Im Zweifel für das beklagte Unternehmen und gegen die seiner Meinung nach exorbitanten Haftungssummen.

Kein Grund zum Umdenken
Dann aber verletzt sich Fisks Sohn beim Baseballspiel mit einem fehlerhaften Schläger und wird auch noch von einem Arzt grob fahrlässig falsch behandelt. Er schwebt in Lebensgefahr und behält bleibende Schäden zurück. Juristisch ein klarer Fall: Fisk könnte den Schlägerhersteller und den behandelnden Arzt verklagen und Behandlungskosten sowie Schmerzensgeld in Millionenhöhe einfordern. Wie aber sähe das aus, wenn er, ein stets klageabweisender, beklagtenfreundlicher Richter nun in eigener Sache anders agieren würde, als er sonst entscheidet? Fisk klagt also nicht, er will sich nicht zum Gespött der Kollegen machen.

Nach reiflicher Überlegung spricht er sich trotz Läuterung zugunsten eines für Krane positiven Urteils, also für eine Klageabweisung, aus. Die Klägerin und ihre Anwälte sind ruiniert. Der Börsenkurs des Unternehmens Krane geht durch die Decke und macht den fiesen Firmenchef zum Milliardär. Denn dieser hatte direkt nach dem für ihn negativen erstinstanzlichen Urteil Aktien des eigenen Unternehmens zum Niedrigstpreis gekauft, die er jetzt zum Höchststand verkaufen kann.

Von all den Hintergründen weiß Fisk nichts, als er etwas lahm und sehr inkonsequent auf dem Urteil anmerkt, dass sich das Gericht zunehmend blindlings für die Interessen derjenigen einsetzt, die Haftung für Schäden Dritter drastisch einschränken wollen. Seine einzige Reaktion ist, dass er einen Monat Urlaub nimmt, denn „zuhause werde ich gebraucht“.

Eine klare Botschaft und viel Realitätsnähe
Ein spannender und für den deutschen Leser sehr informativer Thriller über die Schattenseiten des US-Justizsystems geht hier etwas undramatisch und „unhappy“ zu Ende. Aber Grisham will sein Anliegen wohl nicht durch ein glücklicheres Ende verwässern. Vielmehr will er darauf hinweisen, dass das missbrauchsanfällige amerikanische Richterwahlrecht revidiert werden sollte, zugunsten einer Ernennung durch unabhängige Behörden. Ein Modell, das in Europa übrigens schon seit vielen Jahrzehnten bewährt ist, wie der europafreundliche Grisham sicher weiß.

Für den Leser ebenfalls sehr informativ ist die deutliche Kritik des Autors an den US-Anwälten und deren zunehmend skrupellosem Bestreben, auch im eigenen Gebühreninteresse hohe Schadenersatzzahlungen zu erstreiten. Hier war Grisham einmal mehr schneller als die Realität, wurden doch erst dieser Tage Strafurteile gegen renommierte US-Anwälte bekannt, die Richter bestachen und Kläger mit Geldzahlungen erst zur Klageeinreichung veranlassten, um dadurch höhere Urteilssummen zu erreichen, an denen sich ihre Erfolgsbeteiligung orientiert. Rekordhalter ist hier in vielen Belangen ein Anwalt, laut FAS übrigens ein guter Freund Grishams, der vor Jahren ein sensationelles Urteil in Höhe von 246 Mrd. Dollar gegen die Tabakindustrie erstritt, davon mehr als eine Mrd. an Erfolgsbeteiligung behalten durfte, aber nun wegen Richterbestechung in Höhe von 40.000 Dollar fünf Jahre ins Gefängnis muss.

Rainer Dresen
München, Juli 2008

Das Hörbuch

Die Jury hat gesprochen

„Es war vollbracht.“ Mit diesen Worten, die an die Passionsgeschichte Jesu erinnern, beginnt John Grishams neuer Roman „Berufung“. Hier ist gemeint, dass die zwölf Jurymitglieder, die dem Schadenersatzprozess der Witwe Baker gegen den Krane Chemical, einen der größten Chemiekonzerne der USA beiwohnten, nach mehr als vierzig Stunden Beratung zu einem Urteil gekommen sind. Es lautet „schuldig“ und sieht die Zahlung von einundvierzig Millionen Dollar Schadenersatz vor.

Jeannette Baker aus dem ländlichen Bowmore, vertreten durch das Anwaltspaar Wes und Mary Grace Payton, erlebt mit Genugtuung, dass nun endlich die Todesumstände ihres Mannes und ihres kleinen Sohnes anerkannt werden. Der Chemiegigant hatte durch Schadstoffeinleitungen Boden und Grundwasser ihrer Heimatstadt verseucht. Pete und Chad Baker waren beide an Krebs gestorben, ausgelöst durch das Onkogen BCL aus der Produktion von Krane Chemical.

Wenn auch der Verlust in keiner Weise wieder gut zu machen ist, so bedeutet die Entscheidung der Jury wenigstens eine finanzielle Entschädigung für ihre Leidensgeschichte und den Verlust des Ernährers – und für den Bundesstaat Mississippi die höchste Summe an Schadenersatz, die je von einem Gericht verhängt wurde.

Ein folgenschwerer Schwur
Die Nachricht verbreitet sich rasch. In New York erreicht sie Carl Trudeau, den Kopf des Geschäftsimperiums zu dem Krane Chemical gehört. Er sieht als Folge dieses Urteils eine Prozesslawine auf das Unternehmen zukommen. Daher beschließt er mit seinen Anwälten in Berufung zu gehen: »Und wenn ich die Firma pleitegehen lasse oder sie in fünfzehn Teile zerschlagen muss, ich schwöre beim Andenken meiner Mutter, dass kein Cent von Kranes Geld je einem dieser verblödeten Bauern in die Hände fallen wird.«

Damit sind die Fronten geklärt und der Rahmen für diesen packenden Gerichtsthriller abgesteckt. Grisham siedelt den spannenden Plot wieder in Mississippi an, wo er selbst über Jahre als Anwalt tätig war. Er wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen der amerikanischen Rechtsprechung und zeigt schonungslos den missbräuchlichen Einfluss von Geld und Macht.

Charles Brauer, Grishams „deutsche Stimme“, bewährt sich wieder einmal als nüchterner Erzähler, der die Figuren sparsam aber wirkungsvoll akzentuiert. Mit angenehmer Stimme bewältigt er die Grisham-typische Mischung von juristischen, psychologischen und gesellschaftskritischen Elementen, der man gebannt und gerne bis zur letzten Minute zuhört.
Video: Aufnahme des Hörbuchs im Studio

Der Sprecher

Charles Brauer liest nur, was ihm gefällt: „Es muss ein Stück Literatur sein, das ich mag“, sagte er unlängst in einem Interview der Zeitschrift hörBücher. Gut für Random House Audio, dass er, der zu Deutschlands beliebtesten Hörbuchsprechern zählt, ein Faible für John Grisham hat, dessen Werke Brauer alle auf CD gebannt hat - zuletzt „Touchdown“.

Neben Krimis und Abenteuerliteratur ist der vielseitige Vorleser jedoch auch für weitere Gattungen offen. Brauer brilliert als Lyrik-Interpret genauso wie als Sprecher von Kinder-Hörbüchern. So begleitet seine sonore Erzählstimme beispielsweise durch die Vorweihnachtszeit, denn für Kinder ab 5 Jahren hat er soeben „ELTERN - Das große Weihnachtsbuch“ aufgenommen.

Touchdown

Pitch-Out und Parmaschinken
Rezension von Rainer Dresen

Hin und wieder, wie zur Erholung von seinen legendären Justiz-Thrillern, schreibt John Grisham auch über ganz andere Themen: über die Geschichte einer Farmerfamilie im ländlichen Arkansas der fünfziger Jahre zum Beispiel („Die Farm“), darüber, welche Konsequenzen es haben kann, wenn man beschließt, Weihnachten ausfallen zu lassen („Das Fest“) oder über das launische Glück im Profisport („Der Coach“). In „Touchdown“, seinem vierten „untypischen“ Buch, verbindet Grisham nun seine Liebe zum Football mit seiner anhaltenden Begeisterung für Italien.

Die Liebe zu Bella Italia
Schon im 2005 erschienenen Thriller „Die Begnadigung“verlegte Grisham die Handlung nach Italien, was ihm Gelegenheit bot, sich eingehend über europäische Geschichte, Architektur und Esskultur auszulassen. Diesem Faible huldigt Grisham nun auch in seinem neuen Roman.

„Touchdown“ erzählt von den Ups and Downs im Leben des aufstrebenden Football-Möchte-gern-Stars Rick Dockery. Dockery ist zwar nur Vertreter des Ersatz-Quarterbacks der Cleveland Browns, wird aber im alles entscheidenden Endspiel seiner Mannschaft während des amerikanischen Super-Bowl zur tragischen Figur: Dockery, der das Spiel wie üblich von der Bank aus beobachtet, sieht seine große Stunde gekommen, als kurz vor Spielschluss beide Stamm-Quarterbacks wegen Verletzungen vom Feld gehen. Dockery wird eingewechselt und schafft das nahezu Unmögliche: Er beschert seiner Mannschaft, die bisher scheinbar uneinholbar führte, eine Niederlage. Dank dreier Fehlpässe gelingt es ihm in elf Minuten dem Spielverlauf eine völlig neue Wendung zu geben, und sein Team verliert einen schon sicher geglaubten historischen Sieg.

Nicht nur seine Mannschaft und die ganze Stadt sind wütend auf den Quarterback. Aufgebrachte Fans wollen sogar das Krankenhaus stürmen, in das Rick wegen einer Gehirnerschütterung gebracht wird, die er sich in der letzten Minute des Spiels zugezogen hat. Ganz Amerika amüsiert sich über seine spielentscheidende, genüsslich immer wieder im Sportfernsehen wiederholte Serie von Fehlpässen, die einmalig ist im US-Football.

Die zweite Chance
Nachdem er sich von seinen Verletzungen erholt hat, wird Dockery allmählich klar, dass er seine Karriere als Profi-Footballspieler in den USA vergessen kann. Da kommt es ihm gerade recht, dass er ein Angebot aus der italienischen Football-Liga erhält. Für wenig mehr als ein Taschengeld und kostenlose Unterkunft soll er der notorisch erfolglosen Mannschaft der „Parma Panthers“ erstmalig zu einem Erfolg in der nationalen Meisterschaft verhelfen.

Dockery gewöhnt sich schnell an die italienische Lebensart und kann sich gar nicht satt sehen an den Sehenswürdigkeiten seines Gastlandes, den Palazzi aus dem 15. Jahrhundert, den vierhundert Brücken Venedigs. Und unser Held kann nicht genug bekommen von den kulinarischen Köstlichkeiten der Region Parma, aus der, wie Grisham zu berichten weiß, jährlich 120.000 Tonnen Parmesan und 10 Millionen Parmaschinken in die ganze Welt exportiert werden - ein nicht geringer Teil davon wird in Grishams Buch verzehrt.

Andere Länder, andere Sitten
Probleme bereitet dem verhinderten Footballstar allerdings der Straßenverkehr in Parma, denn die Autos sind klein und haben Gangschaltung, und die Parkplätze sind knapp. Italienerinnen bewundert er, auch mangels Sprachkenntnissen, eher aus der Ferne, seine wechselnden Freundinnen sind Amerikanerinnen, die es nach US-Footballspieler gelüstet und italienischer Lebensart.

Natürlich hat Dockery auch motivatorische Eingewöhnungsschwierigkeiten: Er nimmt seine italienischen Mitspieler und die ganze Meisterschaft nicht richtig Ernst. Nach den ersten Niederlagen aber packt ihn die Ehre und er führt die „Parma Panthers“ von Erfolg zu Erfolg bis ins Meisterschaftsfinale, den italienischen Super Bowl. Dabei hat er Gelegenheit, zu zeigen, dass er sein Trauma aus dem US-Finale überwunden hat und Fehlpässe für ihn zukünftig nur noch eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten sind.

Geläutert und erfolgreich beendet Dockery also seine erste Saison, Rick träumt nicht mehr vom schnellen Reichtum in der US-Football-Liga, und auch seine US-Freundin will nicht mehr zurück in die USA. Er ist in nur einer Saison zu einem Parma Panther geworden und wird wohl auch die nächste Saison in Parma bleiben und Italien für ein Monatsgehalt von 2.500 Euro genießen.

Beste Unterhaltung
Dieser eher unspektakuläre, aber sehr flüssig geschriebene Roman enttäuscht die Lesererwartungen nicht und unterhält, auch wenn er voller Anglizismen steckt, was die Football-Fachsprache betrifft. Verlag und Übersetzer waren umsichtig genug, hier die Originalbegriffe zu belassen und in einem umfangreichen Glossar so zu erklären, so dass man auch als deutscher Fußballfan, dem das Treiben der amerikanischen Footballspieler bis dato eher ein ratloses Schulterzucken abnötigte, Beschreibungen wie die folgende zumindest ansatzweise nachvollziehen kann:

„Da Franco meistens den ersten Hand-Off des Spiels fallen ließ, sagte Rick ein Pitch-Out zu Giancarlo an, einem jungen Tailback, bekannt für seine Sweeps. Und „Karl der Däne“ nahm einen Fumble auf und eierte über 30 yards zum womöglich hässlichsten Touchdown in der Geschichte Italiens.“

Europäische Leser werden aber doch eher durch die wie stets meisterhaft erzählte Handlung ans Buch gefesselt werden als durch die Footballszenen in leeren Stadien voller Amateurspieler. Dass dabei meist nicht einmal Cheerleader-Girls auftreten, hat für amerikanische Leser sicher den Reiz des Kuriosen.

Als Nichtamerikaner wird man dafür mit Amerika-kritischen Schilderungen erfreut wie etwa der, dass Dockery seinen Trainer dafür bewundert, dass dieser – oh Wunder - eine Fremdsprache beherrscht und dem Umstand, dass Rick angesichts der Beobachtung einer lauten Touristengruppe aus den USA kein Heimweh verspürt. Auch werden amerikanische Vorurteile über Europa großzügig bedient: Alle Italiener sind sportlich-lässig-elegant gekleidet, haben geschmackvoll eingerichtete Wohnungen in alten Häusern, essen für ihr Leben gerne und ausgiebig und die Frauen am Strand dürfen das Bikini-Oberteil abnehmen.

Trotzdem freut man sich als Grisham-Fan alter Schule wieder auf einen Roman, in dem es neben dem gegnerischen Quarterback noch richtige Bösewichte gibt und wo mehr geschossen und ermittelt als gegessen wird.

Rainer Dresen
München, Januar 2008

Der Gefangene

Zu wissen: Das ist die Realität …
Rezension von Rainer Dresen

In den USA sitzen derzeit 1,2 Mio. Menschen in Gefängnissen, in Deutschland, im Vergleich dazu, nur 62.000. Damit kommen in den USA auf 100.000 Bürger 725 Strafgefangene, in Deutschland nur 98. Wer eine Ahnung davon bekommen will, was die Gründe dafür sein könnten, der sollte John Grishams neuestes Buch "Der Gefangene" lesen.

Bei Grishams 19. Buch in nur siebzehn Jahren handelt es sich, anders als man das erwarten könnte, um keinen weiteren, vom Erfinder des Justizthrillers routiniert nach bekanntem Muster geschriebenen Roman. Zum ersten Mal nämlich hat Grisham ein Sachbuch geschrieben, also ein Buch, bei dem - und das macht die Lektüre so ungemein packend und mitreißend - jede Tatsache, jeder Dialog der kaum für möglich gehaltenen Realität entnommen ist.

Sozialer Absturz
Im Mittelpunkt des engagierten Tatsachenberichts "Der Gefangene" steht Ron Williamson. Er war früher einmal ein hoffnungsvoller Baseballspieler aus dem kleinen Kaff Ada in Oklahoma. 1971 gelang ihm, wovon viele Jungs aus der Provinz träumen: Er bekam ein Angebot von einem Profiklub in der Großstadt Oakland. Von der Vertragsprämie von 50.000 Dollar kaufte er sich einen Sportwagen und seinen Eltern einen Farbfernseher. Den Rest verspielte er beim Poker.

Leider wurde es nichts mit der Karriere, Alkoholprobleme, Frauengeschichten und Verletzungen machten alle Hoffnungen zunichte. Er wollte sein Versagen in Ada geheim halten und verdingte sich deshalb als Versicherungsvertreter im nahe gelegenen Tulsa. Auch dort hatte er zahlreiche Frauenabenteuer und nachfolgend zwei Vergewaltigungsprozesse, die beide aber mit einem Freispruch endeten. Ansonsten zehrte er vom stetig verblassenden Ruhm und entwickelte schließlich manisch-depressive Züge.

Schließlich kehrte Williamson nach Ada zurück und unternahm keinen Versuch, ernsthaft Arbeit zu suchen. Seine Tage und Nächte verbrachte er, zunehmend von körperlichem und geistigem Verfall gezeichnet, dösend und fernsehend auf der Couch im Haus seiner Mutter. Nur gelegentlich durchbrach ein Barbesuch mit einem entfernten Bekannten, dem Lehrer Dennis Fritz, diesen Teufelskreis aus Lethargie und Hoffnungslosigkeit.

Verdachtsmomente
1982 erschütterte ein Mordfall das 16.000 Seelen-Dorf Ada. Die attraktive und beliebte Debbie Carter, Bedienung in einem Lokal, wurde erwürgt in ihrer Wohnung aufgefunden. Zimmer und Körper waren vom Täter mit Botschaften versehen worden, die auf einen Barbesitzer aus Ada hinweisen sollten. Dieser allerdings hatte ein Alibi für die Tatzeit und schied deshalb als Täter aus. Obwohl ein Mann namens Glen Gore der letzte war, mit dem Debbie Carter am Tatabend lebend gesehen wurde und sie ihren Freundinnen berichtet hatte, dass sie schon mehrmals von Gore bedroht worden sei, wurde dieser von der Polizei lange Jahre nicht ernsthaft der Tat verdächtigt. Wie sich später herausstellte auch deshalb, weil Gore zusammen mit ein paar Polizisten Drogen dealte.

Stattdessen konzentrierte sich die Polizei schon früh auf Ron Williamson. Man hielt ihm - trotz erfolgter Freisprüche - die früheren Vergewaltigungen vor. Zu seinem Pech wohnte er auch noch ganz in der Nähe des Tatorts und war wegen seiner psychischen Beeinträchtigung kaum in der Lage, sich sachgerecht zu artikulieren, geschweige denn zu verteidigen. Überdies sagte ein Knastspitzel, der ihn während eines kurzen gemeinsamen Zellenaufenthalts kennen gelernt hatte, aus, Williamson habe ihm gegenüber mit seiner Tatbeteiligung am Carter-Mord geprahlt.

Williamsons Mutter konnte nachweisen, dass sie in der Tatnacht zusammen mit ihrem Sohn bis zum Morgengrauen Videofilme angesehen hatte, Ron Williamson also die Tat nicht begangen haben konnte. Die Aussage der Mutter wurde zwar protokolliert, sie tauchte aber nie in den Akten auf.

Da man aufgrund der Brutalität des Mordes zwei Täter vermutete, kam man auf Williamsons Zechkumpan Dennis Fritz als weiteren Verdächtigen. Zwar passte auch auf ihn wie auf Williamson keine der DNA Spuren am Tatort, aber er hatte kein Alibi für die Tatnacht. Außerdem war er der einzige Kumpel des Hauptverdächtigen Williamson, der nach Überzeugung der Polizei die Tat nicht alleine verübt hatte.

Kurzer Prozess
Schließlich wurde beiden 1988 vor einem Geschworenengericht in Ada in getrennten Verhandlungen der Prozess gemacht - trotz der haarsträubend unzureichenden Beweislage. Die Angeklagten konnten sich keinen eigenen Anwalt leisten. Ihnen wurden deshalb Pflichtverteidiger bestellt, die wegen der geringen Bezahlung aus der Staatskasse keinen übermäßigen Ehrgeiz an den Tag legten, die ihnen Anvertrauten sachgerecht zu verteidigen. Erfahrungen mit Mordprozessen hatten beide nicht. Der Anwalt von Williamson war überdies blind.

So kam es wie es kommen musste: Beide Angeklagten wurden trotz erheblicher Verfahrensmängel und unzureichender Beweislage verurteilt: Fritz zu lebenslanger Haft. Williamson erhielt die Todesstrafe - vielleicht weil er irgendwie unsympathischer und gefährlicher wirkte, vielleicht auch nur, weil sein blinder Anwalt bei den Geschworenen einen inkompetenten Eindruck hinterließ. Die Kleinstadt Ada konnte endlich wieder zur Ruhe kommen, die Tat war endlich gesühnt, die Polizei hatte ihren Job getan.

Am 27. September 1994 sollte die Todesstrafe an Ron Williamson vollstreckt werden, nachdem zahllose Widersprüche gegen das Urteil erfolglos geblieben waren. Seine Anwälte legten ohne große Hoffnungen noch ein letztes Rechtsmittel beim Bezirksgericht ein. Und dort hatte Williamson dann zum ersten Mal Glück. Die damit befassten Richter interessierten sich sehr für die Unregelmäßigkeiten bei der Verhandlung und setzten den Hinrichtungstermin bis zu einer eingehenden Prüfung aus. Schließlich ordneten die Richter die Wiederaufnahme des Verfahrens an.

Glück im Unglück?
Nun kam den Angeklagten die Entwicklung der Gerichtsmedizin zu Hilfe: Anders als beim ersten Prozess konnte man mittlerweile sehr präzise DNA-Tests durchführen. Damit konnte zweifelsfrei festgestellt werden, dass die am Tatort aufgefundenen DNA-Spuren von einer dritten Person stammen mussten. Williamson und Fritz wurden 1999 freigesprochen. Die Spuren stammten zweifelsfrei von Glen Gore, der 2001 zum Tode verurteilt wurde. Gegen das Urteil wurde Revision eingelegt, die Strafe daraufhin zu lebenslanger Haft abgemildert.

Fritz und Williamson verklagten die Behörden daraufhin wegen unrechtmäßiger Ermittlungen auf Schadensersatz und erhielten 5 Millionen Dollar zugesprochen. Williamson hatte allerdings nicht mehr allzu viel davon. Er verstarb - nicht zuletzt aufgrund der während der Haft erlittenen Gesundheitsschäden kurze Zeit später.

Grisham gelingt es überzeugend aufzuzeigen, wie gering die Chancen nicht wohlhabender Angeklagter in den USA sind, einen fairen Prozess zu bekommen, sollten sie zufällig in die Mühlen der Justiz geraten. Wenn sich erst Polizisten, Staatsanwälte und Richter darin einig sind, dass ein Fall erfolgreich abgeschlossen und die Tat gesühnt werden muss, ist man auch gerne bereit, einen unschuldig Verdächtigen zum Sündenbock zu machen, auch wenn die Beweislage andere Schlüsse nahe legt. Geschworene, so das Fazit, können erschreckend leicht manipuliert werden. Ob einem als Angeklagter Gerechtigkeit widerfährt und ob man überlebt, ist dann nur noch eine Frage des Glücks.

Ein spannendes Buch, das einem den Atem verschlägt. Dafür sorgt nicht nur Grishams brillanter Erzählstil, sondern auch die Tatsache, dass man bei dieser Story mit dem wahren Leben konfrontiert wird. Und das kann härter sein als jede Fiktion.

Rainer Dresen
München, Dezember 2006

Die Begnadigung

"Ich liebe Stuttgart" oder: Grisham entdeckt Old Europe
Rezension von Rainer Dresen

Ein neuer Bestseller vom erfolgreichsten Schriftsteller unserer Tage

John Grisham wurde vor wenigen Wochen fünfzig. Für viele Autoren ist dieses Alter Anlass, auf das bis dahin Erreichte zurückzublicken. Falls Grisham das getan haben sollte, kann er durchaus stolz sein: In den letzten 15 Jahren seit Erscheinen seines ersten Buchs "Die Firma" hat Grisham, verlässlich wie ein Uhrwerk, jedes Jahr Bestseller um Bestseller abgeliefert. Mittlerweile hat er auf diese Weise 18 Bücher geschrieben.

Von Ausnahmen abgesehen wie "Der Coach" oder "Die Farm", die als biographisch inspirierte Romane aus dem Südstaatenumfeld zu verstehen sind, spielen seine Thriller im US-Juristenmilieu, das er auf diese Weise einem Millionenpublikum in aller Welt bekannt gemacht hat. Mittlerweile überschreiten die Verkaufszahlen seiner Bücher in mehr als zwei Dutzend Ländern weltweit längst die Hundert-Millionen-Grenze. Nicht zu Unrecht gilt Grisham deshalb als der international erfolgreichste Autor unserer Zeit. Traditionell erscheinen die neuen Grisham Titel jeweils Anfang des Jahres. In den USA werden sie immer im Januar veröffentlicht; dank eines erstaunlichen Übersetzerteams schafft es der Heyne Verlag regelmäßig, die deutsche Version schon Anfang März folgen zu lassen.

Ein Lobbyist im Kreuzfeuer
Der Originaltitel des aktuellen Werks heißt "The Broker". Der Protagonist Joel Backman, wie in fast allen Werken Grishams Jurist von Beruf, ist Inhaber einer Kanzlei mit mehr als 200 Anwälten. Ihren Sitz hat sie in Washington, der Stadt mit der weltweit höchsten Anwaltsdichte, von denen die wenigsten aber je einen Gerichtssaal von innen gesehen haben, da sie sich mit Lobbyismus beschäftigen und lukrative Deals zwischen Interessengruppen und Politikern vermitteln (deshalb der Originaltitel "The Broker", der Vermittler).

Backman ist der Star-Lobbyist, Anfang 50, desillusioniert, schwerreich und auf dem Gipfel seiner Macht, als er von drei jungen Pakistani um Vermittlungsdienste gebeten wird. Die Informatiker hatten durch Zufall entdeckt, dass die Chinesen ein weltumspannendes Netz von Spionagesatelliten installiert hatten, dessen hochauflösende Qualität es mit den besten Systemen der Amerikaner aufnehmen konnte. Die drei programmierten das System um und konnten so mit Hilfe ihrer eigenen Software nach Belieben brisante Ziele wie terroristische Ausbildungslager in Afghanistan und Politikerlimousinen in China beobachten. Es gelang ihnen, die Satelliten vollständig in ihre Gewalt zu bringen und selbst die Chinesen von der Steuerung ihrer eigenen Satelliten auszuschließen sowie den Betrieb fremder Aufklärungssatelliten zu stören.

Schnell erkannten die Pakistani, dass mit ihrer Entdeckung viel Geld zu verdienen ist. Sie beauftragten Backman, das System am Markt anzubieten. Er verhandelte mit der CIA, den Russen, den Saudis, den Koreanern, Syrern, Israelis sowie Drogenkartellen. Als die CIA erkannte, dass Backmans Klienten an die Meistbietenden und keineswegs um jeden Preis an die CIA verkaufen wollten, kamen die drei Pakistani unter mysteriösen Umständen ums Leben und Backman wegen unrechtmäßigen Besitzes militärischer Dokumente für zwanzig Jahre hinter Gitter. Das Strafmaß war so hoch, weil Backman sich weigerte, weitere Auftraggeber oder Hintermänner zu nennen oder die Disketten des Softwaresystems an die US-Regierung zu übergeben.

Ein Bauernopfer
Nach sechs Jahren, die Backman im Gefängnis verbringt, ergibt sich eine Gelegenheit für die CIA, zu erfahren, mit wem Backman damals über den Ankauf der Disketten verhandelt hatte. Dem scheidenden US-Präsidenten, der wie jeder seiner Vorgänger das Recht zur willkürlichen Begnadigung von Straftätern hat, wird dringend empfohlen, Backman vorzeitig aus der Haft zu entlassen. Kaum in Freiheit, so die Erwartung der Berater des Präsidenten, würden die Geheimdienste, die - letztlich vergeblich - mit Backman verhandelt hatten, diesen wieder kontaktieren und aller Wahrscheinlichkeit nach umbringen, um zu verhindern, dass die konkurrierenden Dienste mit ihm ins Geschäft kommen. Die CIA müsste Backman nur überwachen und dokumentieren, wer ihn getötet hat, um zu erfahren, wer genau Interesse am System hat.

Um diesen perfiden Plan möglichst leicht umzusetzen, wird Backman in eine für ihn völlig fremde Umgebung gebracht: nach Italien. Dort muss er die Sprache lernen und erhält eine neue Identität. Diese schützt ihn nicht lange, denn die CIA informiert die Geheimdienste der beteiligten Länder über Namen, Aussehen und Aufenthaltsort von Backman, und es beginnt eine spannende Jagd unter versteckter Aufsicht der CIA. Backman erkennt schnell, dass er der Einsatz in einem mörderischen Spiel ist und versucht, sein Leben zu retten, indem er der CIA doch noch einen Deal in Aussicht stellt.

Ob das letztlich gelingt, soll hier nicht verraten werden. Der weitere Plot gewinnt seinen Reiz aber vor allem dadurch, dass Grisham zum ersten Mal nicht die USA oder die Cayman-Inseln als Schauplatz wählt, sondern "das alte Europa". Dessen Sprache, Esskultur und Architektur übten offensichtlich bei der Recherche so große Reize auf den Autor aus, dass er den Leser seitenlang an den Fortschritten des Joel Backman beim Italienischunterricht teilhaben lässt. Da dessen Flucht den Leser über die Landesgrenzen Italiens hinaus in die Schweiz, in einen Zug nach Stuttgart und sogar auf den Münchner Flughafen führt, enthält der aktuelle Grisham überraschend viele lokale Bezüge für deutsche Leser, so das kaum für möglich gehaltene, immerhin ironisch gemeinte Bekenntnis von Joel Backman "Ich liebe Stuttgart", bzw. die bis dato nie in einem Grisham-Roman vermutete Frage "Wie lange braucht man mit dem Auto von Zürich nach München?"

Das gute, alte Europa
Die in "Die Begnadigung" auf fast jeder Seite spürbare, nicht nur räumliche Distanz zu den USA führt zu bei Grisham bislang seltenen, Amerika-kritischen Erkenntnissen wie die über den selbstredend fiktiven US-Präsidenten: "Nur in Amerika schafft es so ein Idiot ganz an die Spitze". Auch zum American Way of Life ist Grisham-untypische Distanz zu vermelden: "Geld, Geld und noch mehr Geld zu verdienen? Was war die Belohnung, wenn man rastlos dem großen amerikanischen Traum hinterher jagte?" Grisham geht sogar soweit, dass er sich für seine Landsleute im Ausland schämt und deshalb Tipps gibt, um zu vermeiden, wie ein Amerikaner im Ausland auszusehen: "Keine Shorts, keine schwarzen Socken zu weißen Turnschuhen, keine Polyesterhosen, keine Polohemden. Und werden sie bloß nicht fett." Daneben stellt Grisham tiefschürfende Betrachtungen über die Italiener an: "Was war das für ein sonderbares Volk, das zweieinhalb Stunden lang gemütlich beim Essen sitzen konnte, um dann ins Auto zu steigen und in halsbrecherischem Tempo durch die ganze Stadt zu rasen?" Vollends begeistert ist Grisham(s Protagonist) schließlich, als er entdeckt, wie klein doch Europa ist: "Stuttgart, Rom, Florenz, Madrid, Paris, Berlin, Genf. Ganz Europa zum Greifen nah, innerhalb weniger Stunden erreichbar." Seine so entwickelte pro-europäische Einstellung macht nicht einmal vor der deutschen Grenze halt: "Lufthansa. Dank der berühmten deutschen Tüchtigkeit ging die Abfertigung ziemlich schnell."

Kein Wunder, dass Grisham nur widerwillig den Rest der Handlung wieder in die USA zurückverlegt. Die Ankunft von Backman zu den finalen Verhandlungen mit der CIA in den USA fällt ernüchternd aus: "Ein junger Uniformierter mit Stiernacken, der nur aus der Bronx stammen konnte, brüllte die Leute an, sie sollten sich ja nicht am falschen Schalter anstellen und sich gefälligst beeilen. Willkommen in Amerika. Es gab Dinge, die er absolut nicht vermisst hatte."

Der Leser hingegen hatte, wenn man ehrlich ist, neue und überraschende Aspekte in den letzten Grisham-Bestellern mitunter vermisst. Hier nun sind sie fast im Überfluss vorhanden: Die in "Die Begnadigung" gezeigte Kombination aus routinierter Spannungslektüre und dem Blick eines Amerikaners auf Europa bietet beste Unterhaltung mit überraschender Selbstkritik eines bislang vermeintlich typischen Amerikaners.

Rainer Dresen
München, Mai 2005