SPECIAL zu Joseph Stiglitz

EINE ANDERE WELT IST MÖGLICH

"Die Chancen der Globalisierung" von Joseph Stiglitz

In seinem Bestseller "Die Schatten der Globalisierung" analysierte der Nobelpreisträger und Wirtschaftsprofessor Joseph Stiglitz 2002 die Fehlentwicklungen unseres zunehmend globalisierten Weltwirtschaftssystems. Die Globalisierung, so schrieb er damals, habe die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt: Sie habe nicht weltweit zu mehr Wohlstand geführt, sondern die Kluft zwischen Arm und Reich weiter verschärft. Nun zieht Joseph Stiglitz erneut Bilanz, und die fällt zwiespältig aus: Zwar sei das Bewusstsein für die Versäumnisse und Fehlentwicklungen der Globalisierung geschärft worden, doch habe sich allen politischen Lippenbekenntnissen zum Trotz die Situation weiter zugespitzt. Die Armut nehme weiter zu, und auch vordergründig erfolgreiche Länder machten die Erfahrung, dass die Bevölkerung vom steigenden BIP nicht profitiere.

Dass Stiglitz sich aber nicht auf eine Kritikerrolle beschränken will, macht schon der Titel seines neuen Buches, "Die Chancen der Globalisierung", deutlich. Es ist ein Plädoyer für eine andere, eine bessere Globalisierung, die den internationalen Markt durch Reformen zähmt, globale soziale Gerechtigkeit herstellt und der bedrohlichen Umweltzerstörung Einhalt gebietet. Welche Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele ergriffen werden müssen, legt der renommierte Wissenschaftler und ehemalige Chefökonom der Weltbank in "Die Chancen der Globalisierung" detailliert und anschaulich dar.

Der Washington Consensus - keine Erfolgsgeschichte
Seit dem Ende des Kalten Krieges treibt die Menschheit ein neues Schreckgespenst um. Die Globalisierung ist in aller Munde - eine als bedrohlich wahrgenommene Entwicklung, die das Leben fast der ganzen Weltbevölkerung beeinflusst, und das meist negativ.

Zu Beginn der 1990er Jahre klang Globalisierung noch fast wie ein Heilsversprechen: Verfechter einer uneingeschränkten Handelsliberalisierung vertraten die Überzeugung, dass durch die Liberalisierung der Kapitalmärkte, den Abbau von Handelsschranken, durch Deregulierung und Privatisierung in den Entwicklungsländern Wachstumsimpulse gegeben würden, die nach und nach auch zu den Bedürftigsten durchsickern (der sogenannte trickle down-Effekt) und so langfristig allen Wohlstand bescheren würden. Viele Länder folgten diesen im Washington Consensus festgelegten wirtschaftspolitischen Maßgaben - entweder aus Überzeugung oder unter dem Druck des IWF, der seine Kreditvergabe daran knüpfte.

Mittlerweile sind diese Leitlinien sowohl theoretisch als auch praktisch widerlegt worden: "Die Empfehlungen des Washington Consensus basieren auf einer Theorie der Marktwirtschaft, die von vollkommener Information, vollständigem Wettbewerb und vollkommenen Risikomärkten ausgeht - eine Idealisierung, die insbesondere für Entwicklungsländer weit von der Wirklichkeit entfernt und daher kaum relevant ist."

Welche Folgen eine am Washington Consensus ausgerichtete Wirtschaftspolitik haben kann, erlebten unter anderem die lateinamerikanischen Länder. Zunächst vom IWF als Musterbeispiel seiner Politik gehandelt, stürzte z.B. Argentinien Anfang des Jahrtausends in eine Schuldenkrise und erklärte im Januar 2002 seine Zahlungsunfähigkeit - mit tiefgreifenden sozialen Folgen für die Bevölkerung.

Stiglitz nimmt das Beispiel Argentinien ebenso wie die Finanzkrise in Ostasien 1997 und die durch wirtschaftsliberale "Schocktherapie" ausgelöste Hyperinflation und Verschuldung in Osteuropa zum Anlass, die wirtschaftspolitischen Leitlinien des IWF (und der Weltbank) und die Dynamik der Überschuldung miteinander in Bezug zu setzen. Er plädiert für ein internationales Insolvenzrecht, dass die Handlungsfähigkeit der betroffenen Länder stärkt und die sozialen Folgen für die Bevölkerung mildert. Es soll Gläubiger- und Schuldnerinteressen sachgerecht ausgleichen und damit auch der Tatsache Rechnung tragen, dass Kreditgeber oft wissentlich Kredite mit hohem Ausfallrisiko vergeben, bei der Schuldenrückzahlung ihre Ansprüche jedoch besser durchsetzen können als die Bürger des betroffenen Landes, denen "der Staat Rentenzahlungen sowie Gesundheits- und Bildungsleistungen schuldet." Ein Schuldenerlass für die hochverschuldeten armen Länder soll diese in die Lage versetzen, wieder Investitionen zu tätigen und sich durch wirtschaftliches Wachstum aus der Armut zu befreien.

Freier Markt, starker Staat
Stiglitz ist kein Kritiker des Marktes, sondern vertritt einen neokeynesianischen Standpunkt, der dem Staat eine aktiv gestaltende Rolle zugesteht. Märkte sind aus dieser Sicht unentbehrlich bei der Ressourcenverteilung und ihrer effektiven Nutzung. Ein starker Staat ist jedoch ebenso notwendig, um rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, den Wettbewerb, das Bankensystem und den Umweltschutz zu regulieren, Infrastruktur und Bildung sowie ein zumindest elementares Sicherungsnetz bereitzustellen: "Ohne sachgerechte staatliche Regulierung und Intervention führen Märkte nicht zu ökonomisch effizienten Ergebnissen."

Der Staat hat zur Aufgabe, Marktversagen zu korrigieren und Anreize für gewünschtes Verhalten zu setzen - und er hat für soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz, kulturelle Vielfalt, Verbraucherschutz und allgemeinen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu sorgen. Diese Betonung nicht-ökonomischer Werte unterscheidet Stiglitz' Argumentation grundlegend von rein marktliberalen Wirtschaftstheoretikern, die den sozialen Auswirkungen ihrer Konzepte im Vertrauen auf die Selbstregulierungskräfte des Marktes wenig Beachtung schenken.

Wege aus der Globalisierungsfalle
Wie die geeignete Mischung von Staat und Markt ein Entwicklungsland zum Erfolg führen kann, haben die ostasiatischen Länder eindrücklich bewiesen. Über 25 Jahre verzeichneten sie ein beispielloses Wachstum bei geringer sozialer Ungleichheit. Erst die Finanzkrise 1997, die durch eine übereilte Liberalisierung der Kapitalmärkte und Angriffe von Währungsspekulanten auf den thailändischen Baht ausgelöst wurde, setzte diesem Wachstum vorübergehend ein Ende.

Was aber war das Erfolgsrezept der ostasiatischen Länder? Sie öffneten Ihre Märkte nur schrittweise und nicht vollständig dem internationalen Markt, konzentrierten sich auf exportinduziertes Wachstum bei gleichzeitiger Importbeschränkung, investierten in Infrastruktur und Bildung und betrieben gezielte Wirtschaftsplanung und Technologieförderung. Die Entwicklung ausgewählter Wirtschaftssektoren wurde nicht dem Markt überlassen, sondern vom Staat gesteuert. Zugleich waren diese Länder aufgrund hoher inländischer Sparquoten nicht auf die Aufnahme von Auslandskrediten angewiesen.

Die Erfahrungen der ostasiatischen Länder hat unter anderem eine Diskussion um Schutzzölle in Gang gebracht, mit denen aufstrebende Industrien vorübergehend vom Wettbewerb abgeschirmt werden könnten bis sie selbst wettbewerbsfähig sind. Stiglitz plädiert hier für einen "Entwicklungszoll" auf alle Industriegüter, der Sonderinteressen Grenzen setzt und Entwicklungsländern dennoch dabei hilft, konkurrenzfähige Industrien zu entwickeln.

Dieser Vorschlag widerspricht natürlich den bestehenden Handelsabkommen, die insbesondere Zollsenkungen und Liberalisierung zum Gegenstand haben. Doch wie Stiglitz am Beispiel Agrarsubventionen und dem Instrument der "Anti-Dumpingzölle" zeigt, unterlaufen die Industrieländer in den Bereichen, in denen die Entwicklungsländer einen komparativen Vorteil hätten (Agrarprodukte, Textilien etc.), diese Regeln sehr geschickt. Der asymmetrische Abbau von Handelsschranken, der vorwiegend den Sonderinteressen einiger Gruppen Rechnung trägt, benachteiligt die Entwicklungsländer und fügt ihnen enormen Schaden zu. Strengere Schutzrechte an geistigem Eigentum (TRIPs-Abkommen) haben einen ähnlich dramatischen Effekt: Wie Stiglitz am Beispiel der Pharmaunternehmen darlegt, wird dadurch die ökonomische Effizienz verringert und das Innovationstempo gedrosselt. Und für die betroffenen Menschen bedeutet die Verweigerung von billigen Generika, z.B. von Aids-Medikamenten, unter Berufung auf geistige Eigentumsrechte das Todesurteil. Ein moralisches Armutszeugnis!

Stiglitz plädiert daher für unterschiedliche Schutzregime für die am wenigsten entwickelten Länder, die Länder mit mittlerem Einkommen und die Industriestaaten. Er wendet sich gegen Biopiraterie und entwickelt Vorschläge für eine fondsgestützte pharmazeutische Grundlagenforschung, von der alle Länder profitieren könnten.

Auch in den Bereichen Rohstoffgewinnung und Umweltschutz hat sich die Globalisierung zu einem Albtraum entwickelt: In den Entwicklungsländern haben sich meist Privatfirmen dieses öffentliche Vermögen angeeignet und beuten die Erträge aus - ohne Rücksichtnahme auf Umweltschäden und ohne gesamtgesellschaftlichen Nutzen: "Die Strategie der Öl-, Gas- und Bergbaukonzerne läuft darauf hinaus, so wenig wie möglich an die Regierung abzugeben (…) Sie mögen ins Feld führen, dass die Entwicklung der Region von großem gesamtwirtschaftlichen Nutzen sei und daher gefördert werden sollte, indem man die Rohstoffvorkommen den Unternehmen unentgeltlich überlässt. In Wirklichkeit steht dem Staat durch das Verschenken von Ressourcen lediglich weniger Geld für Infrastruktur, Schulen und andere Einrichtungen zur Verfügung, deren Ausbau für Entwicklung tatsächlich unabdingbar ist." Dass Privatfirmen nun einmal effizienter als Staatsbetriebe arbeiteten, entlarvt Stiglitz als ideologisch verbrämtes Argument und weist auf die erheblichen Mindereinnahmen hin, die eine Privatisierung für den Staat mit sich bringt. Doch auch die "holländische Krankheit" kann den Rohstoffsegen zum Fluch werden lassen: Werden Rohstoffe entdeckt und verkauft, wird die Währung aufgewertet und dadurch die übrigen Exportsektoren geschwächt. Auch hier hat der ehemalige Weltbank-Chefökonom Lösungsvorschläge anzubieten: Sie reichen von Transparenz-Initiativen zur Korruptionsbekämpfung, bis hin zu Rohstoffzertifizierungen und einem internationalen Umweltregime, das die Verursacher für die Beseitigung von Umweltschäden zur Verantwortung zieht.

Fazit
Ob Umweltschutz, Weltwährungssystem oder faire Welthandelsordnung - Joseph Stiglitz sieht nicht nur die Fehlentwicklungen, sondern auch die Chancen, die in der Globalisierung der Weltwirtschaft liegen. Eine positive Neu- und Umgestaltung des Systems hält er für möglich, wenn die Politik die richtigen Anreize setzt. Welche Anreize das sein sollten, legt Stiglitz in "Die Chancen der Globalisierung" sehr konkret und nachvollziehbar dar. Der Katalog reicht von der Demokratisierung globaler Institutionen über "verhaltenslenkende Steuern" bis hin zu Vergütungen für ökonomische Dienstleistungen und einer Reform der Weltfinanzordnung. Was der Ökonom fordert, ist nichts Geringeres als ein neuer globaler Gesellschaftsvertrag - und er vertraut dabei auf die Macht und das Engagement aufgeklärter Bürger, die sich ihr moralisches Gewissen erhalten haben: "Wir können die Globalisierung zu einer Erfolgsgeschichte machen, nicht nur für die Reichen und Mächtigen, sondern für alle Menschen, auch diejenigen in den ärmsten Ländern."

Eine Pflichtlektüre für alle, die sich mit dem Thema Globalisierung auseinandersetzen - und ein call to arms mit konkreten Vorschlägen für eine gerechtere Welt von dem "zur Zeit bedeutendste[n], kreativste[n] und einflussreichste[n] Wirtschaftswissenschaftler" (Die ZEIT).

Maria Hinz
München, November 2006