Martin Cruz Smith

SPECIAL zu Martin Cruz Smith

Martin Cruz Smith und sein Held Arkadi Renko

Seit über 25 Jahren erzählt Martin Cruz Smith mit seinen Arkadi-Renko-Romanen vom Wandel der russischen Gesellschaft, »seine Romane sind das Beste, was überhaupt über die zerfallende Sowjetunion, den Alltag unter der Perestroika, unter Jelzin und Putin geschrieben wurde« (Tobias Gohlis). Dabei war es ursprünglich gar nicht so geplant: Martin Cruz Smith wollte, als er 1973 zum ersten Mal in Moskau war, zwar durchaus für einen Roman recherchieren. Der sollte aber von einem amerikanischen Cop handeln, der für Ermittlungen für einige Tage in die Sowjetunion geschickt wurde. Martin Cruz Smith hatte eine Pauschalreise von zwei Wochen gebucht. Moskau, Petersburg und Kiew waren die Stationen. Die Gruppe bestand glücklicherweise nur aus vier Personen, damit war sie zu klein, um einen Fremdenführer zu engagieren. Und so konnte er sich in der Sowjetunion frei bewegen.

»Es war schwer, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen«, erzählt Martin Cruz Smith in einem Interview mit der Sunday Times, »ich fand den Kontrast zwischen der seelenlosen Trostlosigkeit und der Intensität der Freundschaften faszinierend. Es war als ob die Russen zwei unterschiedliche Sprachen hatten: die offizielle und die menschliche. Es konnte sein, dass ein Mensch, der aus Stein schien, plötzlich so auftaute, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Ich hatte auch den Eindruck, dass die Sowjetunion nur für sich selbst eine Gefahr darstellte.«

Ein Thriller aus russischer Perspektive: »Gorki Park«

Martin Cruz Smith war von Moskau und der Atmosphäre so fasziniert, dass er beschloss, statt des Cops einen russischen Ermittler und die Sowjetunion ins Zentrum seines Romans zu stellen. Doch ein Roman mit einem russischen Held in den Zeiten des Kalten Krieges kam beim US-Verlag nicht gut an – »Gorki Park«wurde zunächst nicht veröffentlicht. Acht Jahre danach wurde »Gorki Park« bei seiner Veröffentlichung zum Weltbestseller. Sein russischer Held, der furchtlose russische Ermittler Arkadi Renko und Martin Cruz Smith waren damit auf einen Schlag berühmt. »Die Perspektive für ›Gorki Park‹ zu ändern war DER Einfall meines Lebens. Ich hatte begriffen, wie kleinmütig es war, einen Amerikaner zum Helden zu machen. Als ich 1973 dort war, dach te ich: dieser Ort wartet darauf, so beschrieben zu werden, wie er wirklich ist. So gesehen hat Russland mich gemacht. Es hat mich aufgerüttelt und gezwungen, die Dinge anders zu sehen als der Rest.«

Doch der Ruhm brachte auch Nachteile mit sich. Martin Cruz Smith bekam Einreiseverbot von den russischen Behörden. Im Ausland reisenden Russen wurde er vom KGB als Person genannt, mit der jeder Kontakt zu meiden war. Und seine Bücher durften auf Russisch nicht erscheinen, zirkulierten nur im Untergrund.

Da er nicht in die Sowjetunion hineinkam, aber unbedingt einen Eindruck von den neuen Verhältnissen bekommen wollte, schmuggelte sich Martin Cruz Smith 1985 auf ein sowjetisches Handelsschiff, das in Alaska ankerte. Er sprach zwei Tage lang mit den Menschen an Bord, und ehe es zu weiteren Schwierigkeiten für die Besatzung kam (der KGB war ihm schon auf den Spuren), war er wieder von Bord. Die Eindrücke verarbeitete er in »Polar Star«, dem zweiten Arkadi-Renko-Roman.

Russland nach der Perestroika – und unter Putin

Ende der Achtziger dann kam die Perestroika – Martin Cruz Smith durfte 1986 wieder einreisen. Nicht nur das: er war ein Ehrengast, durfte erstmals als Amerikaner auf das russische Militärgelände (das Arkadi Renko in den Romanen immer wie der aufsucht). Heute fährt er für jeden Roman zweimal nach Russland. Einige Russen beschimpfen ihn allerdings noch immer als »Realitätsfanatiker«.

Die Zeit der großen Hoffnung ist inzwischen vorbei, sagt Martin Cruz Smith, Arkadi Renkos Umgebung, das moderne Russland unter Putin, zunehmend trostlos. Bereits in »Treue Genossen« zeichnet Cruz Smith das Bild einer Gesellschaft, in der die Mafia und die so genannten neuen Russen das Sagen haben. Sie ist offener und zugänglicher als früher – und zugleich sehr viel schwerer zu verstehen: »Es war früher leichter«, sagt Martin Cruz Smith. »Jetzt ist wahnsinnig viel los. Es ist, als ob man zusieht, wie Piranhas einer Kuh das Fell abziehen – die Kuh ist in diesem Fall Russland. Es ist komplex, denn die Piranhas haben Ehrgeiz. Sie wollen so schnell wie möglich Störe werden.«

Das Russland Putins von heute, das er in »Stalins Geist« schildert, ist geprägt von Verrat, die Unterwelt ist das neue Establishment. »Es gibt gravierende politische Probleme, keine Chancengleichheit. Die Einzigen, denen es wirklich gut geht, sind die Kriminellen«, so Martin Cruz Smith im Interview. Hier wird heutzutage die Polizei angerufen, um einen Mord in Auftrag zu geben, nicht um den Mord aufzuklären. Und zugleich ist die Vergangenheit allgegenwärtig: Nachts, wenn es draußen bitterkalt und dunkel ist, erscheint in der Moskauer U-Bahn Stalin oder sein Geist als eine Art freundliche Messiasgestalt. Tatsächlich werten 50 Prozent der russischen Bevölkerung Stalin heute als positiv, sie erinnern sich an seine Ära als glückliche, stabile Zeit. »Stalin wird als der Mann gesehen, der die Sowjetunion zusammengehalten hat. Die Sowjetunion war Sieger eines Krieges – des Zweiten Weltkrieges – ein Sieger, der Hitler stoppte und die Welt rettete. Wir hier im Westen denken, dass die USA und D-Day den Krieg entschieden haben. Aber 65 Prozent aller Toten, der Alliierten und Deutschen mitgerechnet, waren Russen. Es ist also nicht nur Nostalgie. Die Russen fordern ihren Platz in der Geschichte ein.«

Faszination Russland

Die Faszination für Russland ist Martin Cruz Smith geblieben – und für die Russen: »Ich glaube, Arkadi hat was genuin Russisches an sich. Das habe ich nicht mir, sondern den Russen zu verdanken, die ich in all den Jahren kennengelernt habe und die meine Unternehmungen mit Wohlwollen verfolgen. Wenn man fragt: ›Iwan, was hältst du von meinem neuen Buch?‹, wird er antworten: ›Nicht schlecht für einen Amerikaner‹.
Und ihre Einschätzungen von Menschen sind so anders. Nehmen wir an, da ist ein gesetztes Abendessen und so ein mürrischer Typ kommt rein, in einem streng riechenden Pulli, mit schlechter Laune, er ist beleidigend oder sagt kein Wort. Wenn er am Ende des Essens dann geht, sagen Russen ›Was für ein Genie!‹, weil sie etwas in ihm erkennen, das ein höflicher Amerikaner oder Westeuropäer überhaupt nicht wahrnimmt. Russen ist Authenzität wahnsinnig wichtig. Arkadi, glaube ich, hat etwas davon.«